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empfand.
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"Hück und Berlag: BrÄhk'fche LrntverfitSts.Duch- und Tteindruckerei. R. Lange,
verantwortlich: Dr. Hans Thyrtot.
Ewigen erhoben hatte. . -
Dieses Erlebnis war die Krönung jenes Herbsttages Pir j Dürer, bitterer vielleicht, als er sie erwartet hatte, aber auch! ne,er fruchtbarer. Trotz aller Ungerechtigkeit gegen ,em Leben und> «qan mit dem es ihn im Augenblick der Erschütterung tauschte, wa» «L als er sich wie natürlich am nächsten Tage wieder ganz aus s«" ‘
gesammelt hatte, zum dauernden Besitz. Es führte ihn, inhem। e»g^ das Vergängliche noch tiefer lieben, ja ersehnen lehrte, zur hocht seiner Klinst, zu>n Unvergänglichsten, das er geschaffen.
Innig umarmte er den alten Jugendgenossen, als der um i nacht das Haus verlies, unten am Tor. Und es ist mcht 3“ I’« U von den beiden in diesem Augenblick mehr Demut vor dem
gefühlte Schmeichele! seiner unschuldigen, kindlichen, verborgenen Kiinij. lereitelkeii und schien ihm — weil das andere. Greifbarere, was der Tz, gebracht, ja audj noch da war — eine Zeitlang wirklich als die abendiiK, Krönung alles Guten, was gekommen. Aber dann erwuchs ihm aus di,, fem VeMche noch ein ganz anderes, neues und seltsames Erlebnis, da« ihn lange nachher beschäftigte und aus seinem späteren Lebensgefühl nie mehr wich.
Wie Dürer ben halb vergessenen und jetzt stark gealterten, der Weit in der er, der Meister, lebte, ganz unbekannten einstigen Jiigend- und Kunstaenossen, der zu ihm sprach, ansah, da flog es mit einem Gefühl von Dankbarkeit, nicht von Ueberhebung, aber von freudigem Stoty, durch seinen Sinn, wie anders sein eigenes Leben aufwärts gegangen sei, wie er selber ein großer Maler und jein Name berühmt geworden, und wie er nach seinem Tode unvergessen und geehrt bleiben werde, und bii Arbeiten -einer Hand noch nach Jahrhunderten begehrt und berounbetl __all das, was der Hemmerle unbeholfen und stockend gesagt, was ab« nun nachträglich erst ganz zu seinem Bewußtsein kam, als er den ander« auch um sein Leben fragte, das still ins Alltägliche eingegangen mar. Soviel wußte er schon aus den Worten des Würzburger Gastwirts: bas konnte ja auch nicht anders sein, da er sonst von ihm gehört und et, fahren haben würde.
Da erzählte nun der Hemmerle einen bescheidenen, stillen, alltäglich« Lebenslauf, 'be mes, trotz des einen großen Verzichts auf die Kunst, doch nicht an Glück gefehlt hatte, in dem eine geliebte Frau und liebe Kinder roaren und manches durchwanderte Land, Flüsse, Seen, Gebirge unter dem ewigen Himmel mit Sonn« und Wolken; der auch von Leid heim, gesucht war, von Krankheit und Todesfällen, sich aber nach jeder Rieder, beugung immer wieder durch freudige Arbeit und Tätigkeit ausrichtete: der ganz erfüllt und beseelt war von dem, was alle erleben, der z« beicheidenem, auskömmlichem Wohlstand inmitten guter Freunde und Nachbarn geführt hatte und nun für die letzte Dauer dieses Erdenjeim eingemündet war in ein behagliches, altes Haus und einen kleinen Gart« am strömenden Main und in den stillen Altersfrieden des nicht mehr ringenden Üeberwundenhabens.
Während dieser lebhaft vorgebrachten Erzählung, die viel wenim stockend' vonstatten ging als die wohleinstudierte Lobrede und das Ee ftändnis der verjährten Jugendliebe und -Verehrung, ward es Tür« immer zumute, als fei er, 6er reiche, große, berühmte Meister, er, der Un> sterbliche, viel ärmer und von den wahren Gütern des Lebens »tel ck getrennter als dieser schlichte Mann, mit dem all sein Erleben, Denk« und Tun zu Grabe gehen, an den mit innerlicher Nähe vielleicht noch eto paar Jahre eine alternde, einsame Witwe denken würde, und besten fimbir nach rasch überwundenem Schmerz vielleicht erst dann seiner mit Rch ntnn sich erinnern würden, wenn sie, selbst alt geworden, plötzlich len gealtertes Auge im Herzen wiedersehen müßten. Eine stille Demut siq in Dürer auf vor diesem Manne, den er dem Wesen alles Srbiidw der Vergänglichkeit, soviel näher fühlte als. sich selber. Ruhm und Ehk toienen ihm so nichtig neben diesem einen, das der andere hatte: freubigi Vergänglichkeit. Das' Schaffen wohl, das schien ihm auch jetzt, das |<: ein Glück und «ine Gnade — obwohl es ihn mehr als die Hälfte je« Lebens vom Dasein abgezogen hatte, daß er in ihm das kostbare W die Zeit, nicht tnehr batte verfließen fühlen und sie hatte unangeM hinschminden lassen, die nun unwiederbringlich vorüber war. Aber M ibn das Schaffen nicht in Abhängigkeit von den Mensthen gebracht, dem Lob er brauchte, nach deren Sinn und Aufträgen er schaffen mußte, dem kleinliche Mängel und Schwächen er kannte, die er als Menge veracht« und die doch gerade als die ruhmschaffende, ruhmtragende Menge sm Herren waren? Aber das war es nicht jo sehr! Das andere war es,» immer wieder hochkam: daß er mehr als die Hälfte seines Lebens M elbst gelebt, sondern daraus ein Leben für die anderen geschaften Mitt, das nach ihm sein würde, wenn er keinen Teil mehr hätte daran, Ms er fid> und der Vergänglichkeit entzogen, ertötet, ausgeloscht, m stumm Bilder und Zeichenblätter verwandelt hatte, statt es ganz nur m sich!« trinken als Leben und Wirklichkeit. Melancholia sah ihn an imt tret« Auge. Er beneidete fast den anderen um den Verzicht auf die Kunst, ° den der Gedanke ihn gerade im Gegensatz zu dem einstigen MrtgeM erst so stolz und froh seines Werkes bewußt gemacht hatte. Er verg ganz, daß auch er ein volles Leben mit Gluck, Leid, Liebe und Arbe gelebt und genossen hatte, daß auch mit ihm di« Unendlichkeit, die I-« Brust er rillte, ins Grab gehen und vergessen werden mürbe, datz « er vergänglich sei wie ber andere, trotz aller erhofften und ertrauimt Unsterblichkeit. Er beneidete den anderen um bie nähere neuere -x gänqlichkeit wie um das höchste irdische und menschliche Gut, das . ohne seinen Wert zu ahnen, früh in seinem Ehrgeiz als unnutz voni i geworfen hatte, und das er nun, da sein alterndes ticbeit anfing. P danach zu sehnen, und er es als bie tiefste Versöhnung mit de alles Menschlichen recht empfinden und in sein Herz ziehen wollte. den Händen des anderen sehen mußte und selbst nicht mehr erlan« konnte, weil er sich in seiner Torheit über die Grenzen des MtatM-
Hierouumus im Gehäus, und das Gesicht dieses Mattes mag damals - in ihm enHtantifcu fein wenn er es ciitd) ÄnHke »päicr cutsführte. \
>i(P Biofem Sonntag war ber Meister bald nach dem einfachen Mittags- mahl'mm der Tür feines stattlichen Hauses getreten, hatte nut behag^ i - cbom Stolz. wie er die Straße zum Tiergartnertor hinauf,chntk — das ,
Biugbefestiqungei: und dann über eine Graben brücke wea ms tote S) bhuutoArt sich noch einmal UN,gewandt und fern Haus nom runden Eckpfeiler unten bis zu dem Walmdach und dem gegabelten Dacherker oben stehenbleibend betrachtet, war dann in den {onn^itten, warn-en Herbstnachmiltag geschritten, abseits von den lonntagluy ge- vutzten Menschen, zwischen Gärten mit den hohen ounten, gelben. btauen, rohn Keuernblmnen, die er lange liebevoll ansay, zwischen j®,xieiLtt(h beladenen Obstbäumen, bis er an den sich schon wicht verfärbenden Wald kam. Dort hatte er aus einem Stein gerastet und nach der Stadt ouru«f- geichaut. die in Sepkemberfonn« und Herbstdust dalag, ließ sich dann von Gedanken an seine Erfolge und neue Arbeiten, von lieolrchen ^andschaiis- qefichlen und inneren Gesichten, die ganz ungerufen kamen, am Wald hin jia Stück Weges weiterführen; und wahrend er es lange mied, aus der lobten Jahres- und Tageshelle in das Wakddumel einzutreten, hatte ihn endlich ein stiller, fast schwarzer Tannendom doch in fern ..rirchen- . dunkel hineingelockt, und andächtig hatte Dürer eine Zeitlang zwischen , Baumsäulen gestanden und darüber nachgedacht, wie hier das Sckop- tm'gsmodell der hohen gotischen Dome vor ihm.stand Er sah m dem ichrvarzarünen Hallenraum in das Gewölbe der Wipfel hinaus und be- nwnberte die maßstablose Kunst des ewigen Baumeisters.
Erft als der Schatten seines Waldes schon langhin über die abge- ernteten Stoppeläcker und bie Wiesen sich breitete, nur fern drüben noch matte» Licht der tiefen Sonne lag und hocq über dem herbstnchen Nebel- diMst. der die Erde einzuhülien begann, oben, »enn er den Blick am Waldrand htnaufjandte, schon bie blaue Klarheit des beginnenden .laciids fland, war er umgekehrt, so daß ihm das Vesperlauten aus halbem ^^M^er^eder"in"seine Haustüre trat, sagte ihm die Vlagd, daß em Besuch auf ihn warte. Diese Nachricht freute ihn, obschon er noch nicht ^äßte wen er oben finden würde. Aber ber Tag hatte ihm, von außen und innen, soviel Gutes gebracht, daß es ihn fast dunkle, er wurde sich nun noch durch etwas Besonderes krönen. Auch war feine ursprüngliche Absicht an diesem Abend noch etwas über bie Proportionen des mensch- lichen Körpers auszuschreiben, was er schon lange im exmne trug, mchi aar so fest, »nehr um ber nötigen Beschäftigung willen bagewesen, daß er üe nicht leichtlich und gerne um ein Glas Wein, mit einem guten Gesellen getrunken, ausgegeben hätte.
Ec fand einen biederen untersetzten Mann etwa seines eigenen "lj»ers, den er nicht kannte und der sich ihm erst als einstigen Mitschüler istder Werkstatt des Meisters Michael Wolgemut nennen mußte, ehe,n Dürer die verblaßte Erinnerung erwachte und allmählich Farbe gewann. Das war nicht verwunderlich, denn er hatte von dem guten Wend,l,n Hemmerle, seit ber, etwas früher als Dürer, bie Werkstatt des Meisters Wolgemut verließ unb auf die Wanderung ging, me wieder etwas gehört auch seiner nicht weiter gedacht, da der Hemmerle damals fern be- iontieres Talent zu sein schien, and) nicht als Mensch und Mitgeselle zu dem etwas älteren Dürer in nähere Beziehung getreten war. Bei dem bescheidenen, zurückhaltenden Wesen des Hemmerle hatte es Durer damals auch nicht bemerken können und gewiß keinen Augenblick gedacht, daß ber stille Mitgeselle zu ihm mit einer Art von avgott.scher Liebe unb Verehrung ausschaute und Dürers Bild, das anmutige, lockenumrahmte, längliche und ein klein wenig eitle Gesicht, bie Erinnerung an ihn und di« feltenen Worte, die sie gewechselt, wie einen unzerstörbaren Besitz fürs Leben mitnahm. ,, , , .' ,,
üyie es aber so geht, daß Menschen, die ihr Leben lang eine Ler- ebrun« und Liebe tragen, die sie nie dem Abgott ihres Herzens auch nur ansubeulen gewagt, als es noch Zeit war, seine Gegenliebe zu gewinnen, schließlich, wenn ihr Dasein seinen Weg beendet hat und gewisiermaßen nur nach nachslieht und sich still wiederholt, plötzlich das Bedürfnis fühlen das Geheimnis ihrer Seele nachträglich einmal auszusprechen unb wie eine Erinnerung lebendig werben zu lassen, so »vor es auch mit dem Wendelin Hemmerle geschehen. Als er langst die Malerei aufgegeben und durck die Heirat mit einer Gastwiristochter selbst als Gastwirr zu Würzburg seßhaft geworden war, hatte ihn ber immer wachsende Ruhm, jeines einstigen Aiitgejellen schließlich nicht mehr ruhen lugen, baß er sich eines schönen Tages aufmachte unb nach Nürnberg fuhr, um ihm zu innen, wie er ihn von jenen frühen Tagen her geliebt unb verehrt, wie er alle Nachrichten von ihm, die in die Welt drangen, mit Begierde gehört, auch, was er nur immer an Werken seiner Hand, Gemälden und fliegen* ber Blättern unb Bilderfolgen, habe erreichen können, so recht innig betrachtet und ttch zu eiqenqemocht: und wie er nun als ein alter Spieß* bürgor, dessen Leben längst in bescheidene Unberühmtheit versunken und in feinen Hafen eingelaufen sei, in Hoffnung freundlicher Verzeihung ftir seine Anmaßung unb in Erinnerung an alte Gesellschaft es gewagt habe, den hochberühmten Meister aufzufuchen.
Er kam auch dazu, dies alles — wiewohl stockend und von dem innerlich bewegten Dürer des öfteren sanft an der Hand gefaßt und ab zu großer Worte freundlich getadelt — vorzubringen, wobei ihm war, als sei dies der schönste Tag seines Lebens und ihm von, Schicksal rechr weise auf die letzte Zeit aufgespart, wo dir Genüsse des Daseins nur noch spärlich und kärglich stießen. Und er war überglücklich, daß seine Worte üchtlich das Gemüt des Meisters rührten und dieser freudig errötete, ihm herzlich die Hand brückte, ihm sagte, bies Wiedersehen und was er da erzählt, mache ihm mehr Freude als alle die Ehrungen der gefronten Häupter unb städtischen großen Herren, die ihm, Dürer, widerfahren, und nun schon lange mit Dürer beim Weine saß.
Dürer war auch erst, wie es ber Wendelin Hemmerle richtig empfand, all dies Lob und diese Verehrung eine rechte stolze Freude unb eine wohl-


