Selbstbewußtsein, dem kein Zweifel beikommen kann; und der Blick ist königlich ernst. So könnte er den Christ vor den Schristgclehrten gemalt haben, so mit lässiger Hand den Mantel haltend und so mit überlegenem Ernst ihren listigen Fragen begegnend. Auch wenn das Bild in einem besserem Zustand wäre, würde nicht die Malerei selber seine feierliche Wirkung ausmachen können; es ist die Auffassung, die Steigerung seines Menschenbildes zur „christusgemähen" Höhe, die es nicht nur von den übrigen Bildnissen Dürers unterscheidet, die etwas anderes als nur ein Bildnis daraus gemacht hat, fo daß die Beziehung zu dem Christus- kopf auf dem Schweißtuch der Veronika gar nicht soweit hergeholt scheint.
Er hat dieses berühmte Blatt im Jahre 1513 gestochen, also mit zweiundvierzig Jahren; und wenn ihn seine Gläubigkeit gewiß gehindert haben würde, den Heiland nach seinem Spiegelbild zu stechen: wir brauchen den Augen des Münchener Bildes nur die schmerzliche Erfahrung zu geben, die uns aus dem Gesicht des Schweißtuches anblickt, und die Beziehung ist unabweisbar da. Aus der königlichen Ruhe des Bildes könnte die göttliche Schmerzüberwindung des Stiches geworden (ein, weil auch darin schon die Ahnung des Menschensohnes war.
Wäre hier ein Grund zu finden, daß wir kein Altarbild von Dürer besitzen, der doch gegen das Ende seines Lebens so viele Bildnisse machte? Es kann nicht Zufall, es muß schon eine Hemmung in ihm selber gewesen fein, daß er die Reibe seiner Selbstdarstellungen so früh abbrach; und die Steigerung darin weist selber darauf hin. Könnte nicht schon der Knabe auf der ersten Silberstiftzeichnung so im Tempel sitzen? Ist in den Augen der Erlanger Zeichnung nicht etwas von der Frage zu spüren, die in den Augen auf dem Schweihtuch beantwortet wird? Sollte es nur Eitelkeit gewesen sein, die seine eigene Erscheinung in allen Bildnissen so sichtbar überhöhte?
Oder hätte die vielbemerkte Medaille des Bildhauers Hans Schwarz recht, die uns dennoch den alten Dürer drastisch genug mit den Spuren seiner magyarischen Herkunft zeigt? Hat er mit achtundvierzig Jahren wirklich fo ausgesehen, wie die Platte von 1519 sagt? Dann käme die Erlanger Zeichnung mit gewissen Derbheiten vor den gemalten Bildnissen zur Geltung: dann wären diese auf Kosten der Aehnlichkeit idealisiert gewesen, auch darin, daß seine Erscheinung nicht nur rassiger, sondern auch lebhafter gewirkt Hobe, als er sich selber sah oder sehen wollte.
In den Briesen an P i r k h e i m e r aus Venedig stehen Dinge genug, die danach klingen; und die leidenschaftliche Klage um Luther in seinem Tagebuch der niederländischen Reife ist auch der Art. Die Augen, die auf dem Münchener Bild so königlich blicken, müssen dann gesprüht haben und die geschürzten Lippen gelacht. Das Christusgemäße hätte sich also ein Mensch abgerungen, dem es nicht in die Wiege gelegt war. Dann aber wären jene Augen, die auf dem Schweißtuch der Veronika so aus der Tiefe der Kreatur blicken, erst recht seine Auge» und also die einer großen und über das Menschliche hinaus greifenden Zucht gewesen.
GedenkbLatt für Dürer.
Von Walther Petry.
Den wir hier meinen, Albrecht Dürer, und zum Gedächtnis wollen porträtieren, ist eine der größten Gestalten seines Volkes, nach innen gekehrt, unermüdlich aber zum Aeuheren ringend, der Meister eines Werkes, das feine unsterbliche Darstellung gibt, das kaum Grenzen hat, dessen Tugenden auch den stumpfen Augen nicht können verborgen bleiben, denn sie reden mit allgemeiner aufschliehender Sprache. Ist er ein Wanderer und Sucher wie viele, so doch ein Finder und Gründer wie wenige, schaffend am unverweslichen Besitz, der noch spätere Zeiten, weichere und lästigere, kernen und salzen wird mit dem himmlischen Salze, davon niemals zuviel sein kann. Sein Lob zu singen, bin ich nicht bestellt und was verschlägt meine Stimme in dem Chor, der mächtiger wird durch die Jahrhunderte? und so niemand mehr die Stimme der Jünger und der Geschichte hört, aber noch Augen in der Welt sind und unverletztes Empfinden von Schönheit, werden die Werke eines zum andern singen den Lobgesang ihres innigen Meisters.
Albrecht wurde am 20. Mai 1471 in Nürnberg geboren und es wird berichtet, wie die Wehfrau, ihn tragend durch die Werkstatt feines Vaters, der ein Goldschmied war, und der Neugeborene eine goldene Kette, die der Vater hielt, greifen wollte, prophezeite einen prächtigen und erhabenen Wandel; dies ist eingetroffen, wiewohl anders, als der Worte Sinn war. Albrecht, in der Lehre seines Vaters, wurde Goldschmied, bewies auch früh eine große Künstlichkeit im Schmieden und Knüpfen, entwarf auch die Geschmeide, ehe er sie bildete so fein auf Papier, daß der Meister Wohlgemut, der Maler, es bewunderte und ihn fünfzehnjährig in die eigene Werkstatt nahm. Albrecht war hochgewachsen, feingliedrig, mit blondem zierlich in Locken gehaltenem Haar, gewandten und tüchtigen Leibes, guter Gemütsart, aber einem Hang zu tiefem verlorenen Sinnen, daraus er wie verwandelt erwachte. Innig in der Arbeit, sanken ihm plötzlich die Hände und er horchte, als kämen Stimmen aus der Ferne, ober bildeten sich Gesichte in der leeren Luft. Dies wurde zur Unruhe, zur Verdüsterung, es zehrte an ihm, wiewohl ungestalt, eine Sehnsucht; auch schienen ihm die Stadtmauern «mengend, die Gassen düster und man sand ihn oft, wie er vom Südhang hinunter ins Weite suchte, hingegeben dem Gang der Wolken und Vögelflug. Begann die Wanderschaft, die ihn immer wieder von Nürnberg ausführte, immer wieder ihn aber rück- kehren ließ in die vieltürmige, hügelaufgelagerte Stadt seiner Geburt. Dies ist der Jüngling, wie er durch Kalmar und Basel kam, und sein erstes Selbstbildnis ihn zeigt: reich, doch nicht üppig gewandet, im verbrämten Uebcrrourf, in der Hand, es bedeutsam vorweisend, die blaublühende Blume Mannestreue genannt, mit mädchenhaft reinem, frei herblickendem Antlitz, ernst und gehalten, mit natürlich fallenden Locken und purpurnem Mützchen; die Jahreszahl ist 1493; die Inschrift, mit feinen Lettern im Hintergrund gemalt „Mein Sach die Geht, wie es oben steht". Heiratet nach der Rückkehr Agnes Frey; eröffnet eine eigene Werkstatt, malt Altarwerke und Gedächtnistafeln, dazwischen immer wieder mit
Lust die Natur, wie sie sich darstellt, die Drahtziehmühle, eine offene starke Landschaft mit weitem Hinblick. Sticht auch in Kupfer und schneidet in Holz, so die Bebilderungen des heiligen Buck)es, das ihn vor allem er. griff: die Offenbarung Johannis, weil aus ihr gleichzeitig sprach die tiefe Wahrheit der Verkündung und gestaltenreich die entführende reiche Pham tafie. Er ist Mann geworden, Hausvater und Sorger für eine große Familie, fest gegründet im Leben, dem er sich unablässig schaffend gegen- über stellt; ob träumend oder wachend immer zur Figur gewendet, zum klaren Umriß, zum deutlich Gestaithasten. Geht 1505 wieder davon, über die Schweiz nach Italien hinein nach Venedig, wo fein Genie, abwerfend jede Fessel, sich reich ergänzend am Neuen groß sich öffnet; er malt und geht herum und spricht mit den Meistern, sieht und empfängt, bewahrt und wendet es an, kommt zu Bellini, der schon alt ist, und zieht, da er dieserart des Neuen froh wird, sehr erstarkt im Können und Fühlen des Schönen, weiter nach Padua, weiter nach Bologna und lernt hier die Dinge in ihrem Aufriß zu geben, was man Perspektive nennt, darin er bald unübertroffen ist, und wendet dann wieder nach der Heimat. Jetzt in der Mitte des Lebens und der Kunst, geehrt, Ratsherr, mit vielen Großen in Verbindung, aus vollem inneren Vorrat schaffend, ist er erft jetzt, als den wir ihn nannten, Albrecht Dürer, der deutsche Meister geworden. Er ist in Freundschaft mit Rasfael, und arbeitet für Kaiser Maximilian, der ihn zum Hofmaler ernennt, sein größtes Holzschnittwerk: Kaiser Maximilians Ehrenpforte, ein heilig treues Denkmal, und schmückt auch dessen Gebetbuch mit Ornament und Figur. Man kann Malwerke und die gestochenen und geschnittenen Werke, darin schon Geschlechter blätterten und weiterblättern werden, nicht mit Worten veranschaulichen, wie denn auch dieser Versuch nicht anderes als die ehrwürdige große Gestalt des Künstlers meinen kann, eine Gestalt, die nun in seltener Fülle, was nur deutsch ist, vereint zum lebendigen beispielhaften Bestände, da alles, was zeitlich daran war, die Zeit längst tilgte und nur das Dauernde blieb, das Anrührende über alle Entfernung weg, das Sinnbild in der Figur, das rein gesprochene gelebte Wort Gottes. Dieserart empfinden wir das Selbstbildnis von 1500, bekannt und gerühmt, wie er da, gerade zum Beschauer gewendet, streng im Aufbau des Bildes, im milden gleich, müßigen Licht das Antlitz eines Menschen zeigt, der schön gebildet, mit sinnenhaftem Mund, in den Augen aber den Blick des sinnenden Geistes, der ihn aus allem diesseitigen Wandel immer wieder verweist auf die Spur des Ewigen, und er folgt und wandelt in feinen Fuhstapfen! Solche-art ist er ein Bürger der Erde, reich und auskömmlich im Be- fitz, in Pelz und edler Haltung, der Meister der Gemälde des vater- städtischen Rathauses, bestätigt mit hoher Ehrung bei der ftoifertrönung in Aachen von Karl V. als Hofmaler, der Freund Melanchthons, Hans Sachfens, und wiederum mehr als dies alles — obwohl es viel ist und kaum je in einem Sieben zu erreichen — der Stecher der großen symbolischen Figuren: des Glücks, und Ritter, Tod und Teufel und der Me- lancholeia, ein Erfinder von Phantasiereichen, ein treuer Bildner von Visionen, ein Gedankenvoller, Sinnender, tief im Fluß der Mythologien und auftauchend mit Schatzstücken in den Händen, von denen niemand mehr wußte. So arbeitet er fort und stellt eines der Werke neben die andern, mehrend der Welt unverlierbares Gut, in vielen Stunden wie fein Hieronymus im Gehäuse niedergebückt auf seine Aufgabe, nur das wenige Werkzeug in der Hand und nur von der Treue des Gefühls geleitet, wohl nicht, daß feine Schwelle von einem Löwen bewacht wurde, so doch von dem unsichtbaren Engel, der hütet die reine Hingebung; die Unschuld des Zeugen, die Treue und die Wahrhaftigkeit.
Eine Anekdote, der man am ehesten zutrauen könnte, daß sie „wahr' fei, berichtet folgendes Begebnis:
In Albrecht Dürers Haus faßen Nürnberger Künstler beifammen und lauschten Herrn Willibald P i r k h e i m e r, der lustige Stücklein erzählte. Eines davon berichtete von dem Meister Gio11o, zu dem der Papst einen Häsling gesandt hatte, er möge ihm eine Probe feiner Kunst geben, ob er würdig sei, die damals neuerbmite Peterskirche mit Fresken zu schmücken. Der Höfling war schon bei manchem Maler gewesen, und jeder hatte ihm gar Kunstreiches mit auf den Weg gegeben. Giotto aber nahm einen Bogen und tauchte den Pinsel in die Farbe. Ohne auch nur gbzu- setzen, beschrieb er dann aus freier Hand einen fehlerlosen Kreis. Der Höfling erklärte, dies fei keine hinreichende Probe von Mottos Kunst, Der aber erklärte: „Keiner der Meister, die Euch Proben ihres Könnens gaben, kann dies!" Der Höfling nahm daraufhin das Blatt mit und legte es neben anderen Werken dem Papste vor. Der war Kenner und ent- schied, Giotto sei der geschickteste Maler und sei berufen, die Peterskirche auszumalen. — Manche der Künstler meinten nun, wenn der Papst den Kreis mit dem Zirkel nachaemessen hätte, er hätte manche Abweichung gesunden. Dürer sagte kein Wort, stand auf, nahm aus dem Kamin eine Kohle und beschrieb aus freier Hand auf einem Bogen Papier einen Kreis. „Nun holt den Zirkel! Kein Fehler wird dran sein!" Und tatsächlich, der Kreis wurde beim Nachmesfen als vollkommen einwandsrei befunden Willibald Pirkheimer bat den Freund, er möge ihm das Blatt zum Am gedenken schenken, und er schrieb darunter den Vers
„Albrechts fehlerloser Kreis, wenn auch nur mit Kohle gezeichnet, Norifche Jungfrau^), erglänzt dir an den Fingern als Reif."
Albrecht Dürer starb 1528. Auf dem Johanniskirchhof in Nürnberg findest du [eine Grabstätte. Ueberall aber ist zu seinem eigentlichen Leven der Zugang. Wir wollen wohl nicht loben, müssen aber danken. 2MI war ein Genius, nicht furchtbar schweifend wie andere, nicht aus den stan-n des Mantels Dämonen und Larven schüttelnd, sondern, wo er die maw fand — und sie verbarg sich ihm keinen Augenblick — ihr gehorchend, einen ehrsürchtigen Platz in seinem Werk bereitend, das darum tz/em innig und stärkend nährt, das immer auf gegründetem Boden wag» > seine Wurzeln hat wie seine reiche ausbreitenbe Krone, darunter v>° Landschaften hingehen, viel Gestalten und alle Kreatur und keines emzei vielmehr in einigem Verband, das Irdische und das Himmlische, der , Halm und der Flügel der toten Blaurake wie die Madonna, der Herr > der Schimmer des Strahlenkranzes um ihre Häupter.
*) Im Nürnberger Wappen die Jungfrau.


