Ausgabe 
3.3.1928
 
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Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche UnibersitätS-Vuch« und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.

, einem Tische Platz nahm. Aber ich hatte das Bedürfnis, eine Weile mit normalen Atenschen zu verkehren, und bald auch waren wir in der leb­haftesten Unterhaltung über das letzte Konzert, über den Chorgesang, über die Modulationslehre, die hier ein halbes Jahr in Anspruch nahm. Ich muß gestehen, ich dachte nicht an Marx: da, während ich eben für Wagner eine Lanze brach, klopfte ein vorübergehender Bekannter mich leise aus die Schulter:Du, mochtest du nicht mal nach Marx sehen?"

Ich war aufgesprungen und fand ihn noch auf seinem Platze: er saß mit verglasten Augen vor seinem halbgeleerten Seidel, das er eine Handbreit in die Hohe hob, dann aber wieder, ohne es berührt zu haben, Nledersetzte; ich suchte vergebens mit ihm zu reden. Um Hilfe zu holen, ging ich wieder zu den Freunden, fand aber nur noch Walter; und uns gelang es, den fast Sinnlosen aufzurichten und den Weg nach Hause mit ihm einzuschlagen. Als wir bei der Stiftskirche vorbeikamen, entriß er sich uns plötzlich und warf sich auf die steinernen Stufen zum Haupt­eingange:So müde, ich bin so müde," lallte er;laßt mich, hier ist gut schlafen!" Damit streckte er sich und legte den Kopf auf seinen Arm. Da wir ihn vergebens aufzuziehen suchten, bat ich Walter:Laß nur, ich will dich erst nach Haus begleiten; ich bringe ihn nachher schon fort!"

Walter, der wegen seines Tantenquartiers nicht gerne spät nach Hause kam, nahm meinen Vorschlag an. Als ich nach einer Viertel­stunde zurückkehrte, lag Marx noch ebenso; er schien in festen Schlaf versunken. Ich strich ihm das dunkle Haar aus dem Gesicht und neigte mich zu ihm.Komm!" rief ich ihm ins Ohr;du sollst in deinem Bett jetzt weiterschlafen, und wenn du willst, so bleib' ich bei dir!" Liber er schien es nicht zu hören; erst als ich ihn schüttelte, warf er sich herum und riß seine Schulter aus meiner Hand.Laß mich, verfluchter Deut­scher!'' schrie er.

Marx, Marx!" rief ich,erkenne mich doch! Ich bin es ja, dein Freund, dein lieb Herze, dein nordischer Siebenschläfer!"

Aber er stieß mit seinem Fuß nach mir, und als ich aussah, war die Schildwache, die in der Nähe vor einem öffentlichen Gebäude stand, herangetreten:Se dürfet do koin so Lärm mache!" sagte der Soldat.

Das Gesicht des Trunkenen verzog sich, als ob er etwa ein rostiges Pistol zu spannen habe:Prussien!" schrie er die über ihm stehende i Wache- an:dummer deutscher Söldling!"

i Ich erschrak und hielt den Mann zurück, der ihn ergreifen wollte, i Von diesem französischen Feuer hatte ich nimmer etwas bei unserem i Freunde brennen sehen; noch in den letzten Ferien hatte er mir aus : Metz geschrieben:Spazierengehen ist nicht viel: ich fürchte immer, von den Franzosen überfallen zu werden." Aber jetzt aus dem Berauschten redete die Nationalität der Mutter; er sprach Französisch und fluchte aus die Deutschen.

Ich bitte, lassen Sie ihn!" sagte ich zu dem Soldaten.Sie sehen, er weiß nicht, was er spricht; ich will einen Freund holen, dann bringen ' wir ihn nach Haus!"

Der stieß mit dem Gewehrkolben auf das Pflaster:So machet Se i tapfer, denn sottiche Sache derfet mer net dulde."

Ich lief mehr, als ich ging; gleichwohl mochte über eine Viertelstunde vergangen sein, bis ich mit Franz zurückkam. Aber Marx war nicht i mehr da; es war alles still, nur die Schildwache wandelte wieder, hundert ;

Schritte davon, an ihrem alten Platze auf und ab. Als wir zu ihr gingen, sah ich, daß es nicht mehr dieselbe war; doch soviel erfuhren wir: Marx war arretiert. Als wir zu dem entfernten Wachthause kamen, war er von dort schon auf die Polizei geschasst; auch dorthin gingen wir, aber wir standen vor einem dunklen und verschlossenen Hause. So blieb uns nur, das eigene Bett zu suchen.

i Am anderen Morgen, es mochte etwa acht Uhr sein, erschien - ein Polizist in meiner Stuve und überreichte mir ein Schlüsselbund: er habe zu grüßen von Herrn Marx, ich möchte ihm doch Kleidung und reine Wäsche aus seiner Wohnung besorgen, er sei in der Nacht von der Wache auf die Polizei gebracht worden. Ich versprach das, aber der alte Graubart stand noch und schüttelte mißbilligend seinen Stopf.B Soldate send wüescht mit em umgange, nu--Sie roerbets selber fea.'

Nachdem ich darauf Franz in seiner Wohnung abgeholt hatte, gingen wir nach Marx' Zimmer, und wir beide suchten aus dessen Kommode das Nötigste zusammen: dann beluden wir einen Knaben mit den Klei­dern und begaben uns nach dem Rathause. Auf Befragen kam ein Mann mit schwerem Schlüsselbund, der uns durch mehrere Gänge in ein großes Gemach führte, wo viele Schreiber arbeitend an großen Tischen saßen. Hier schloß er seitwärts eine Tür auf, und wir traten in einen engen, scheinbar leeren Raum; nur in einer Ecke lag ein Haufen Heu und Stroh; daneben stand ein gefüllter hölzerner Napf mit ebensolchem Löffel, aus den, eine warme Flüssigkeit dampfte. Aus dem Streuhaufen erhob sich eine schwarze Gestalt, in der wir mit Mühe unseren Freund erkannten. Schwarz auch im Gesicht und an den Händen, wie vor Frost zitternd, streckte er seine Arme uns entgegen; wir sahen bald, daß er von oben bis unten mit Kienruß eingerieben war.Du bist krank," sagte ich; nimm doch einen Löffel von der warmen Suppe da!"

Das soll ich frefsen!" rief er grimmig und schüttelte sich schaudernd, Gefangenenkost, nein, nein; ich ertrag das nicht, es gibt noch Wege aus der Welt heraus." .

Wir kannten diese Reden und achteten nicht darauf, obgleich er |ic ein paarmal wiederholte und dabei wie mitleidig auf feine seinen Hände sah. Franz war fortgegangen und kam nun zurück.Du bist frei, sagte er,du kannst nach Hause gehen, wann du willst; aber erst muM wir aufs Bureau und wegen der an dir verübten Niedertracht eine An­zeige zu Protokoll geben!" .

Marx wollte nicht in seinem jetzigen Zustande; aber izranz beftarw darauf, das gehöre mit dazu; überhaupt, hier könne er nicht gereinigt werden. ....

Als wir in hellere Räume traten, sahen wir erst, wie er zugericym war.Ich bin geschändet, mein Leib ist ganz geschändet!" murmelte er.

(Schluß folgt»

Und wo", frag ich halb neckend,hatte sie denn ihre Hand, als sie so hübsch ihr blondes Köpfchen schüttelte?"

Seine Augen leuchteten auf, als habe er was Verlorenes gefunden. Ihre Hand? Ja, die drückte sie auf die Brust."

, Siehst du", sagte ich,das Herz ist noch dasselbe; das andere sind mir' tiiebesirrroege; du mußt ihr wieder auf den rechten Weg helfen!"

Aber er wollte es nicht zugeben.Nein, Freund, es ist wie in uriferm alten Liede: ,

Das hört ein falsches Nönnchen, Die tat, als wenn sie schlief; Sie tat die Kerzen auslöschen, Der Jüngling ertrank so tief." Und er starrte düster vor sich hin.

Marx!" rief ich,ich fürchte nur, du selber bist das Nönnchen!" Denn er Utt wie an prickelndem Ehrgeiz, so auch an einem gese!stchaftuck)en Hochmut; fein Baler war in den bestell Familien ein geschätzter Mann und stand in freundlichem Verkehr mit ihnen; der Sohn hatte oft nicht ohne Gewicht zu mir davon gesprochen. Und jetzt liebte er eine Hand- werkstochter mit der ganzen Heftigkeit seines Wesens; ein !o?sttadelloses Mädchen, aber sie sprach nicht ganz richtig Deutsch, sie jchwabelte ein n>eniq, was zwar von den jungen Lippen lieblich klang; von Französisch aar war ihr Gewissen völlig frei. Schon aus seinem -rageouch hat e ich es herausgelesen, daß diese Gegensätze ihn gequält hatten. Wie leicht, bei dem lebhaften Menschen, konnte in ihrer Gegenwart ein Wort dar­über ihm entschlüpft [ein und eine kühlere Ueberlegung in dem Mädchen wachgerufen haben. .... ,

Ich sagte ihm dies alles, aber er wollte nur nichts zu geben.

Am zweiten Tage danach ich wußte, er hatte thr noch einmal ' geschrieben hörte ich unter meinem Fenster dieKomgskinver pfeifen. Als ich öffnete, stand. Marx auf der Gaffe und nickte heiter zu "'^Guten Morgen!" rief ich hinab.Du siehst ja gewaltig fröhlich aus!"

Er nickte:Sehr!" rief er hinauf. Dann hielt er die hohle Handan feinen Mund:Ich soll" und er schrieb mit dem Finger ein großes L in die Lustheut abend sehen!" .

Gratuliere!" rief ich; und er nickte wieder und eilte frohen Schuttes

Es war schon gegen Oktober, an einem Mittwochabend; ich hatte mich eben für dieDrehorgel" angezogen, hatte den Hut schon auf dem Kopf und bürstete nur noch einige Fäserchen von den Kleidern, da stürmte es die Treppe hinauf; meine Tür wurde aufgerissen, und Marx stand vor mir, totenblaß, sagte aber nichts, sondern begann in meinem geräumigen Zimmer aus und ab zu schreiten, knirschte mit den Zahnen, und ich sah, wie seine Finger heftig in der Luft spielten.

feas ist nun wieder?" rief ich,hast du sie neulich abends nicht ge-

was ist?" sagte er, indem er stehenblieb.Als ich in den Lauer- schen Garten tarn, wohin sie mich bestellt hatte, lief ich lang unb tonnte ie nicht finden. Aber ich fand sie doch; in einem wüsten, vernachlaisigren Winkel stand sie neben einer verfallenen Laube und riß wie in Gedanken die gelben Blätter von den Zweigen. O, mon ami, sähest du je die -rauer in Augen von sechzehn Jahren? ,J hab' dirwas z sagen, Adost; des- weqe bin i komme', hob sie zitternd an, aber sie kam nicht weiter, sie brach in bitterliche Tränen aus und sagte dann: ,'s druckt mir s Herz ab, aber i muß, i muß!' Sie schwieg; ich wartete umsonst; aber dann plötz­lich schlug sie die Arme um meinen Nacken und küßte mich, als ob sie mich ersticken wollte. ,O, Adolf, guck, z'Tod macht' i di drucke und nu fclb^r mif! .

Marx begann wieder auf und ab zu gehen.Wie ich auch in sie drang" sägte"er,ich bekam an jenem Abend nichts zu roiffen.I kann nit, unb wenn i sterbe inüeßt!" rief sie. Sie hatte mich in die Laube gezogen unb den Kopf an meine Brust gelegt:Laß mi bei dir fein!" sprach sie leise,morgen will i dir alles schreibe! Das war das Ende. Aber heute abend, eben lies! Das hab' ich mit der Post be­kommen!" Und er griff in die Tasche und warf ein offenes Schreiben vor mir auf den Tisch. .... s

Ich nahm es auf unb las; es war von fchulmaßiger Mabchenhand geschrieben:Ich hab' gestern Abschieb von Dir nommen, Adolf: Du bift mein Einziges auf der Welt; aber es ging doch so nit meh; Dein Vater ist ein fürnehmer Gelehrter, und ich bin nur ein Meistertochter, das paßt nit z'fammen. Ich schick' Dir auch Dein liebes Bild wieder, das Du mir geschenkt hast; ich barfs nit anfdjaun mehr. Aber behalt' Du meines, ihr Männer habt ja stärkere Natur. O mei Schatz, mei lieber Schatz, und so b'hüt Di Gott vieltausendmal!"

Es war nicht so gar leicht zu lesen, denn statt manchen Wortes war nur eine Tränenspur.Unb um bies liebe Blatt verzweifelst bu?" frug ich.Du siehst nun, baß bu selbst dein Nönnchen warst!"

Was hilft's!" rief er;sie ist fort, Gott weiß, wohin; zu einer Tante ober Muhme, irgenbwohin in der weiten Welt!" Er hatte sich auf einen Stuhl geworfen; nun sprang er roieber auf:Komm, wir wollen zurDrehorgel": es soll einen Rausch geben, einen Rausch, der mich die Weiber vergessen läßt, die uns bas Herz aus ber Brust nehmen und bann am Wege liegen lassen!"

Du solltest lieber zu Bett gehen, als bir einen Rausch trinken! sagte ich; denn er sah gottsjämmerlich aus.

Zu Bett?" wieberholte er und knirschte mit den Zähnen.Ja, in das letzte, um nicht wieder aufzustehen."

Ich suchte es ihm ausjureben; ich wollte mit ihm allein ins Freie gehen, aber er stampfte mit bem Fuße, als ich den entgegengesetzten Weg einzuschlagen suchte.

So gingen wir denn in dieDrehorgel", die diesmal vollzählig ver­sammelt war. Ich fand Franz und Walter und muß mir den Vorwurf machen, daß ich mich zu ihnen setzte, denn ich wurde fo von Marx ge­trennt, der an ihnen vorbei in eine leere Ecke ging unb dort allein an