Vor uns im Norden erscheinen wieder Süßgräser und junge Palmen. Vis dorthin rückt bei Hochwasser die große Sumpflagune vor, deren Wasser trinkbar ift, wenn es auch jauchig nach Faulschlamm schmeckt. S>e ist der Feind im Rücken des südwärts dringenden Salitrals. Es wogt hier ein stiller, wechselnder Kampf, ein Kampf ohne Haß und Wut, aber mit der glatten, selbstverständlichen Unerbittlichkeit aller Naturvorgänge.
Wir traben jetzt still dort hinüber, wo der gelbrote Saum des trockenen Sch.Iss sich kilometerbreit um die unsichtbare, fast ausgetrockuete Süßwasserlagune legt. Dort müssen die klobigen Sumpfhirsche leben, denn solche Landschaft ist ihr rechtes Reich.
Am Schilfrand reiten wir entlang auf grünem Rasen. Links beginnt ein stattlicher Palmar, rechts breitet sich das gelbrote Ried. Ein schwarzer Adler kreist über uns und schreit. Versteckte Wasserhühner gluckten leise im Schilf. Weit, weit im Nordwesten steht eine dunkle Rauchwand. Vielleicht sind dort Indianer auf der Jagd und treiben mit Feuer das Wild.
Die Mosquitos fingen, fingen ihr böses Lied zu Hunderten, zu Tausenden.
Man tötet sie dutzendweise im Nacken, im Gesicht und auf den Händen, ohnmächtig gegen sie, wie in einer blödsinnigen Psychose. Man haßt sie, obgleich sie doch nur ihrem Naturtrieb folgen, und der Hatz findet keine Lösung, keine Entspannung. Ruhig, ruhig, es nützt ja nichts!
Ein roter Fleck steht im grünen Grafe. Mitten zwischen Palmwald und Sumpf. „Ciervo!" zischt einer von uns, und alle parieren ihre Mukas. Dann reiten wir langsam näher; der Wind ist gut. Ein Schmal- lier vom Su.mpfhirsch äst sich dort, fast so groß, wie ein jähriges Kreolenrind. Zweihundert Meter davor stiegen wir ab. Einer führt die drei Maultiere zwischen die Palmen. Dann pirschen T. und ich uns auf fünfzig Meter heran. Es wäre leicht, wenn die Mücken nicht wären. Die schwitzende Haut zieht sie an, und die langsame Bewegung macht ihnen den'Angriff leicht. „Sie sind wütend auf uns, weil wir das schöne Schmaltier töten wollen", geht es mir durch den Kopf. „Sie sind eins mit dem Schmaltier, und wir sind Fremde, wir sind hergelaufene Kerle. Alle helfen zusammen gegen uns. Sie haben recht, aber wir dürfen es nicht zugeben, müssen weitermachen, als wüßten wir nicht, daß sie recht haben."
Drüben sehe ich T. seinen Winchester hochnehmen. Er hat den ersten Schuß. Das Schmaltier wirft auf; es äugt herüber und spreizt weit seine meißgesütterten Lauscher. Dann wechselt es dem Röhricht zu. Da gellt der Schuß. Bauchschuß, spitz von hinten. Es wendet sich uns zu, unfähig zu entscheiden, wo der Feind steht, macht ein paar plumpe, lange Fluchten, wie sie den Sumpfhirfchen eigen sind, und stürzt mit tödlichem Halsschutz aus meinem kleinkalibrigen Mannlicher. Es war eine leichte Jagd auf ein vertrauensseliges Tier. Ich schäme mich. Es ist eine Art Katerstimmung, wie ich sie schon des öfteren hatte in ähnlichen Fällen.
Vom Schmaltier nehmen wir nur Kopf, Decke und Keulen mit. Der Rest bleibt den Füchsen oder dem Jaguar und den Geiern. Die Beute ist zu schwer, als daß wir sie ganz mirnehmen können. Bei der hastigen Arbeit hüllen uns die Mosquitos in eine singende Wolke. Immer wieder fährt die blutige Hand übers Gesicht, um sie wenigstens von den Augen zu vertreiben. Zehn Minuten später entkommt uns ein starker Hirsch in der Dämmerung zwischen den Palmen. Ob er sich freut? Ich fürchte, nein. Er ist in Sicherheit und denkt nicht weiter nach. Schade, daß ihm das i echte Verständnis sehlt, und daß er sich nicht freuen kann.
Schon hält der Mond dem sinkenden Tag die Waage. Wir wenden die Tiere zum nächtlichen Heimritt. Die Reiher schnarren an der Lagune. Die Mosquitos fingen und saugen schlimmer als je. Auch die Maultiere werden ausgeregt, schütteln heftig mit schlappen Ohrels die Köpfe als wollten sie die Zaumzeuge von sich schleudern, und das Spiel ihrer Schweife kommt keinen Augenblick zur Ruhe.
Der leichte Abendwind hat aufgehört. Kühles Mondlicht stießt über die schwüle Landschaft. Kein Hälmchen regt sich, kein Palmblatt raschelt. Nur um die Füße der Mulas rauscht das Gras, und die hurtigen Hufe klopfen dumpf und leise den Boden. Wir durchreiten das trockene Bett eines Flußlaufes, finden eine Lücke im Galeriewald und schwenken trabend »ach^ Süden. Nachtschwalben gaukeln, ein Flug Nimmersatte schreckt vom Schlafbaum, und auf einem einsamen Palmstamm, dem die Krone fehlt, steht die Silhouette eines Rabengeiers. Die dunklen Schatten find wie gähnende Löcher. Ab und zu ertönt ein halblauter Fluch über die Stechmücken, oder ein Zündholz flammt auf, wenn einer feine Pfeife ansteckt.
So reiten wir heimwärts. Heimwärts? Sie Heimat ist weit.
Wälder, Prärien und Meere, und dahinter irgendwo Deutschland.
„Es waren zwei KönigsMndsr".
Novelle von Theodor Storm.
(Fortsetzung.)
2n fein Notizbuch, das er mir eines Tages aus geschlagen in die Hand drückte, Hütte er das alles deutsch und französisch durcheinander hingeschrieben: ,Sa robe flottante rösonna comme une liarpe eolienne1)! Und wie ich den fchöir geformten Arm an meinem Herzen fühlte! Es zitterte mir ins Gehirn hinaus, und alles Denken wurde ausgelöscht. Wenn ich nur wüßte, ob sie gleicherweis empfunden hat!"
Es stand noch mehr in diesem Büchleins Am 2. Mai. Ich habe sie geküßt! Es ist zwar nicht zu glauben; aber es ist dennoch wahr.
»Wie kannst mi nur so lieb habe?" sagte sie.
»Weshalb nicht? Bist du nicht das süßeste Geschöpf zum Lieb- Haben?"
»Ach, i weih ja, i bin ja gar net schön!"
»Da nahm ich das liebe Wesen und hielt es ein wenig von mir und sah sie an; ich hatte selbst noch nicht daran gedacht: Nein, Linele — ihre Augen schienen von meinen Lippen lesen zu wollen —
1 »Ihr wallendes Kleid tönte wider wie eine Aevlsharfe."
schön bist du wohl nicht; aber weißt du, was hübsch ist? Ich glaub', Linele, du bist wunderhübsch!"
„Sie blickte mich ganz verworren an: ,Was sagst, Adolf? Des verstand i net."'
„And das Gesichiel sah so reizend dabei aus."
„Wenn ich es nur versteh', herztausiger Schatz!" rief ich fröhlich und küßte sie zunr zweitenmal.
„Ja freiti, Adolf; aber jetzt sei brav; gelt?"
„Wo ist das Ende? Je ne pourrai jamais la laisser2!“
Ader Dieie Liebe lieh ihn seine PsUcyt niemaie versäumen; wie eine Madonna erfüllte das Linele die Phantasie des Liebenden; sie war ihm Antrieb und Wächterin für alles Gute. So konnte denn auch der Handel den nächsten Freunden nicht verborgen bleiben; wenn wir auf sein Zimmer zur Versammlung kämen, unterließ wohl keiner, einen Blick aus dem Fenster zu werfen, ob sich nicht etwa drüben der unschuldige Mädchenkopf bei der Gardine vorbeuge.
— — Es war Mitte Mai, und die Dämmerung war eben angebrochen, als ich mit Franz und Walter zu Marx ins Zimmer trat; er stand vor seiner offenen Schatulle und kramte in einem Pappkasten, in dem er allerlei Zierlichkeiten und Schnurrpfeifereien zu bewahren pflegte; durch das offene Fenster sahen wir drüben die weihe Gardine sich bewegen.
„Was machst du, Marx?" fragte einer.
„Ditte, tretet ein wenig leiser!" sagte er, „ihr sollt mir singen Helsen!" Dann nahm er drei kleine, mit Rosen bemalte Wachskerzen aus seinem Schatzkasten, zündete sie an und klebte sie vor dem offenen Fenster auf die Fensterbank, wo sie bei der Stille der Luft ruhig weiter brannten.
„Was sind das siir Anstalten?" frug Walter. „Was sollen wir denn fingen? Ein Ave Maria?"
Marx hob beschwichtigend seine Hand: „Setz' dich ans Klavier, Walter; ihr anderen stellt euch neben mich! — Es waren!" raunte er dann zu Walter hinüber.
Wir mußten Bescheid; wir hatten seit unserer Sängerfahrt anher den „Tropfen von Sau“ noch andere Lieder gesungen und brauchten keine Noten. Bald standen wir an Marx' Seite vor dem Fenster, und in gedämpftem Tone klang das alte Lied in den Maien- abend hinaus: ~
Es waren zwei Königskinder,-
Die hatten einander so lieb,
Sie konnten beisammen nicht kommen, Das Wasser war viel zu tief.
Ach, Liebster, kannst du schwimmen, So schwimm doch herüber zu mir; Drei Kerzchen will ich anzünden, Die sollen leuchten dir!
Anferem Marx standen die dicken Tränen in den Augen, er war völlig „Oerturnt“3, wie wir zu sagen pflegten; er drückte uns allen krampfhaft die Hand und warf sich dann in eine Sofaecke; drüben aber halte die Gardine sich nicht , mehr geregt.
Seit jenem Abenp Wurde „Es mären zwei Königskinder" für uns vier zum Signal; mir fangen oder pfiffen es, fei es, daß einer den anderen von der Gaffe aus zum Spaziergang herabrufen oder ihnen sonst nur von dort etwas nach feinem hohen Kämmerlein hinauf zu melden hatte.
So gingen mehrere Monate hin; Marx mar von höchstem Fleiße und gewann eine Innerlichkeit des Vortrags, die ich ihm zuvor nicht zugetraut hatte. Zwar im technischen Klavierspiel hatte er, vielleicht infolge jener verfrühten Hebungen, mich schon lange überholt; er hatte begonnen, wenn wir allein waren, mir schmierige Sachen ohne Anstoß vorzuspielen; aber es mar mir mitunter schwer erträglich geworden, denn ich meinte zu fühlen, daß ihm etwas fehle, das mit dem Kern und Urquell aller Musik zufammenhing, was ich selber in mir trug, aber derzeit wegen mangelnder Technik nicht zum vollen Ausdruck bringen konnte. Bei der Reizbarkeit des Freundes wagte ich lange kein Wort darüber gegen ihn zu äußern; als ich mich später dennoch dazu überwand, gab er es freundlich zu; nur einmal Jagte er traurig: „Mais — cela restera, mon ami."
Jetzt aber wurde alles anders; namentlich mit Chopin ging er in den tiefsten Abgrund. Wie oft faß ich ihm nun zur Seile am Klavier, nur bittend, daß er es noch einmal und noch zum drittenmal spiele; endlich aber, wenn von der Gasse herauf der Wächterruf dazwischen klang, sprang er plötzlich auf, raffte seine Noten zusammen, und mich umarmend, rief er: „Genug, lieb Herze; da ist der Zuberklaus! Wie freut's mich, daß du beut zufrieden warft!" Und ehe ich mich besonnen haste, mar er schon zur Tür hinaus; aber ich stieg doch langsam hintennach, um unten für ihn aufzufchließen. „Es waren zwei Königskinder!" hörte ich ihn dann noch einmal im Fortgehen auf der Gaffe pfeifen.
Auch das wurde wieder anders, ober vielmehr es ging zurück; dieser glückliche Zustand, den ich in Gedanken „Linele" überschrieb, hörte auf. Wenn ich ihn bat, mir vorzuspieten, so hatte er immer einen anderen Grund, es abzulehnen, und wenn es einmal geschah, so war es nur das Spiel von früher. Seins Stunden und Sorte fangen besuchte er zwar, aber er tat alles ohne innere Teilnahme; in der „Drehorgel", wo er in den letzten Monaten am lebhaftesten die Register angezogen hakte, satz er jetzt schweigend mit gestütztem Kopf vor feinem Seidel. Ich sah das eine Zeit mit an; dann faßte ich einmal seine Hand: „Was ist dir, Marx? Du ipielft fett einiger Zeit wieder so seelenlos, so mie ein Automat — ja so, als hättest du dein Linele verloren!"
Da fiel er mir um den Hals: „Ich hab' sie auch verloren!" Und nun erfuhr ich’5 denn; seit einigen Wochen hatte das Mädchen ben Fenstersitz vermieden; war sie einmal dagewesen, dann hatte sie feine ihr fo wohl verständlichen Aufforderungen zu neuen Zusammenkünften mit traurigem Kopfschütteln abgelehnt; in der letzten Woche war sie völlig unsichtbar geblieben.
2 „Ich werbe niemals von ihr lassen können."
.5 Fassungslos.


