Als di« Glocken zur Frühmesse läuteten, legte er den Pinsel fort v.nb drehte den Rahmen gegen die Wand.
Im Purpurleuchten der Morgensonne stand er am Fenster und sah über Venedigs Dächer zum blauen Streifen der Adria hinüber und atmete in vollen Zügen die frische Lust ein, die auch die letzte Spannung von ihm nahm.
Raffaela hatte ihn mit dem eitlen Lassen, dem jungen Patrizier betrogen, pah ... Was kümmerte ihn das noch? Giorgione hatte recht, der Künstler soll nur eine Liebe haben, die Liebe zur Kunst, die himmlische Liebe. Und bietet sich ihm die irdische Liebe, so soll er sie dankbar annehmen, aber nicht sein Herz an sie hängen.
So dachte der junge Tiziano, und als Giorgione zu ihm hinauskam, nahm er ihn bei der Hand, stellte die Leinwand vor ihm ans und lächelte froh: „Da seht, Meister, ob Ihr mit der Komposition zufrieden seid. Die himmlische und die irdische Liebe soll das Werk heißen. Ich denke, in einem Jahre werde ich damit fertig sein/'
Erlebnis und Erinnerung.
Von Rudolf Großmann.
Wenn ich mit Pinsel oder Stift ein Erlebnis schildere, dann ist die Landschaft, der Mensch oder was ich erlebe, was von mir „erlöst" fein will, meist gegenwärtig, oft mir so eindringlich nah, daß es Mühe machtz Distanz zu gewinnen, Abstand zur Versachlichung, zur Ver„bild"lichung. Wenn ich aus der Erinnerung mit Worten schildere, umreiße, dann steht das Erlebte um so lebendiger, saftiger, farbiger vor meinem Jnnenblick, je verstaubter es war, je ferner es zurückliegt.
Es ist wie mit dem Altwerden. Dies käme als solches von sich aus gar nicht zum Bewußtsein, denn es hat ja trotz allem Verfall (auch dies ist ja schon ein bloßer Vergleich mit früheren muskulöseren Tatbeständen), trotz allem „Wenigerwerden" seine eigene Gesundheit, Wirklichkeit, gewissermaßen seine nur ihm eigentümliche Blüte, ist ein eigengesetzlicher Seinszustand. Nur die vergleichende, abschätzende, Gegensatz schaffende Erinnerung an die Jugend läßt es als Mindersein, als „Un- jugend" erscheinen. Und diese Erinnerung können wir bannen, vor allem kann dies der Schaffende. Bei ihm ist das Erlebnis in jedem Alter, jeder Seinsrunde ein Urphänomen, ganz isoliert, ganz erstmalig, frei von allen Zusammenhängen, Analogien, Erinnerungckschlacken, ein stetes Neusehen, Neukreißen. Er ist stets von neuem, bleibt Anfang, ewig Kind, Märchenfinder oder -erfinber.
Doch haben die einzelnen Lederns- und Erlebnisphasen ihre besondere Lust- und Unlustbetonung, Bewertung nach Intensität und Qualität. Die Erinnerung färbt und gestaltet sie alsdann nach Maßgabe der wechselnden Wunschbildungen weiter um. Ain stärksten, reinsten, wirklichsten bleiben die Eindrücke der ersten Lebensphase, des ersten Kindseins.
Alle Erstphasen, Kindheiten, sind, weil faktisch und unumgedeutet, von mythischer, metaphysischer Banalität, darum auch heute noch trotz allem „es gibt keine Kinder mehr" einander erschütternd gleich, lächerlich und rührend einfach. Dabei dem Erwachsenen, Entkindeten unbegreiflich, für ihn das unbekannteste, unentdeckteste, verschlossenste aller Seinsgebiete. Von diesem dunklen Land, in das kein Ahnen zurückglänzt, dieser versunkenen Welt, die wir nicht wissen, von dieser Kindheit — o wie beschämend für alles Hochgefühl der Erwachsenen, der erst Jun- gen, dann Reifen, bann Weisen — bestreiten wir unser vorgeblich so bedeutsames, so wichtiges, so einzigartiges Leben. Hier und dort blitzt ein engumriffenes Erinnerungsbild auf, ein Geschehnis, ein Gefühl von damals, ein Angstschrei oder eine Wonne von Eh meldet sich mit ganz anderer pochender Echtheit als alles, was wir seitdem durchkosteten und durchtobten. '
Manchmal würgt es mich doch, bas in Scheue angebetete Angsterlebnis meiner Kindheit, sein Gott-Teufel. Es war der erwachsene, der „große" Lausbub mit den Hosenträgern, ohne Wams, die Hemdsärmel offen. Der stand für mich an jeder dunklen Ecke, Tags und Abends, draußen und drinnen, ein immerwährendes Drohen, das Schreckbild der schweren Träume und täglich betete ich zu ihm. Er war einfach da; ehe man sich's versah, spürte man ihn wieder wie den Gestalt gewordenen bösen Zufall unausweichlich. Und so lernte ich früh die typische Unberechenbar- keit unseres Lebens, so wurde ich Fatalist.
Und sonst was weiß ich — und nicht nur ich — vom ersten Jung sein, frühen Daseinsdurchpatschen anderes noch als den chronischen Durchfall mit „das darfst du nicht essen", Masern mit „bleib schön unter der Decke" und Schulschwänzendürsen als Gnadengeschenk? Daneben schmatzen wir freilich an dem süßen Schwindel von allerlei Goldigkeiten, die sich die Mutter gemerkt hat und die wir hochstaplerisch nachträglich fürs eigene Bewußtsein annektieren.
Als verlorener Posten ober zufällig angespültes Stranbgut steht inmitten biefer dumpfen ober gestohlenen Masse zwischenbrin bas und jenes Uebriggebüebene, selbständig Erlebte, wirklich (Eingegrabene. Durch die klirrende demantene Schürfe der Kontur hebt es sich heraus, beweist es sich, unheimlich in seiner Vereinzelung, sonderbar stark, bildhaft und stets lustbetont strahlt es in einer Art von verschollener paradiesischer unwiederbringlicher Entrücktheit!
Ein schattiger Waldabhang. Die Mutter führte mich zum Spielen hin, mich und die Schwester. — Noch sehe ich jeden Strauch vor mir, jede Blume — die kleinen grünlichen Käfer, die ich so gern hatte. Wo er eigentlich lag, wie wir dahinkamen, das weiß ich alles nicht mehr, ist unergründlich unauffindbar unter die Erinnerung getaucht, aber bas Bild jelbft ist gerabe durch diese Isoliertheit um so brennender ihr einguprägt. Sann steht mir noch deutlich norm Auge bas kleine Häuschen meines Großvaters, der Weinberg, bie Weinlese und jodelnde Tanten.
-Damals stieg ich, auch bas weiß ich noch, einmal auf den kleinen Berg der Stabt und plötzlich sah ich zum ersten Male wie ein Wunber mit bem Staunen her Erstmaligkeit, dem schöpferischen Staunen, wie winzig die Leute unten waren, wie kribbelnd und komisch, und ich zeichnete zu House u:efe Wellenlinie als Berg, und viel später in meinen frühesten .Aanerungen kam es wieder, dies Gewusel von Pygmäen, und ich stopfte
sie in kleine Häuschen hinein, in eine Art Laubenkolonie. Dem kleinen Jungen werden die Gegenstände, wird jeder Stuhl, jede Lampe, jeder Säbel zu kleinen, lieb-bösen Fetischen, und die leben bann mit ihm, erwecken Furcht ober Zuneigung, sind so unbegreiflich wie die großen Leute ober nett nah und verständlich wie andere Kinder, sie springen mit herum, gehen mit schlafen, überhaupt: machen mit. Dabei haben diese Eindrücke, diese Erfahrungen des Wachbewuhtseins oft die gleiche Stärke, Wucht, grausige Wirklichkeit, wie die NachtfräUine von Kindsmügden mit langen, wackllgen Hälsen und noch längeren, nach uns greifenden Armen, schwarzen Vögeln, die ins Zimmer fliegen, jetzt nur einer, ein ganz grausiger, dann viele, viele, viele, man kann schon kaum mehr atmen, ober ben furchtbaren Irrgarten, wo jeder Weg, jede Wendung tiefer hineinführt, wo das Kind sich hilflos verliert und weiß, es findet nicht mehr heraus.
Ich kannte als Kind mir verständlich und doch weiblich, nah und umworben nur das Schwesterchen. (Die großen Frauen von der Mutter an waren ganz was anderes, kamen hier nicht in Betracht.) Als Jüngling ringt man dann voll pathetischen Erglühens im keuschen Schweiß der ersten Siebe um „bas" Weib — später bröckelten bann die Postamente, und der Liebesheld der parzifalischen Pubertät erzieht ober erkühlt sich immer mehr zum skeptisch gleichgültigen Beobachter. Die Weltanschauung, die man fertig unbedenklich und fleckenlos von zu Haus im Segeltuch- köfferchen mitbrachte, reicht nicht mehr, sie wird zu eng, bekommt Risse und Schrunden. Der himmelerstürmende, ewigkeitssüchtige Ferndrang wird nun alsbald als ein recht erdnaher, Verwirklichung heischender Trieb erkannt, als eine Unvermeidlichkeit nicht recht bequem, aber vorhanden und fordernd, eine Art Geburtsfehler, dem man Rechnung tragen muß in feiner Unersättlichkeit nach Erhöhung um bas Ich.
Und so geht es weiter auf der Erlebnisschaukel, ein ganzes singendes, ringendes — und mißlingendes Leben hindurch: Im Grunde ist es dieselbe Schaukel wie bie, die uns in der Kindheit himmelhoch jauchzen und zu Tode betrübt sein ließ.
Aber irgend etwas in alledem feuert uns an, treibt uns weiter, ftehi als Geißel über, schwebt als Fatamorgcma vor uns, etwas, bas zur Gestaltung drängt, bas ben Erlebnissen ihren besonderen Schimmer und Schauer gibt, sie zwingt, aus uns herauszutreten, Form zu werben, das die mannigfaltig flatternden und schwingenden Reflexe des Lebens von der Schaukel aus wie in einem Spiegel zu fangen weiß und sie so stabilisiert, verfelbftänbigt, daß sie uns nicht mehr erregen, bedrücken oder bedrängen, daß man sie vergessen kann.
Zrvr chen Sumpf und Valmar.
Ein Bild aus dem Gran Lhasa.
Bon Hans Krieg.
Vorsichtig treten die Maultiere über die abgefallenen Palmblätter, die an ihren Stielen böse Dornen haben, steigen geschickt über bie Paim- stämme, die kaum sichtbar im hohen Grase liegen, schrecken hie und da ein wenig vor dem Schatten eines Termitenhügels, spielen mit den Ohren und schütteln die Köpfe, wenn die Mosquitos es gar zu bunt treiben.
Eintönig ist der Palmar. Die Goldhalsspechte interessieren uns nicht mehr, bie familienweise von Palme zu Palme fliegen, wippend, lockend und lachend. Die Amazonenpapageien langweilen uns mit ihrem Geschrei und kaum beachten mir bie stacheligen Echsen, bie an den Stämmen in der Sonne sitzen.
Es ist ein schwüler Sommernachmittag. Nur selten raschelt ein leiser Windhauch in den Kronen der Wachspalmen. Die Stechmücken sind h.'uie wie verrückt, die winzigen Polvorinas, die Mosquitos und d-ie großen Sancudos mit ihren schwarzweiß geringelten Beinen.
Man denkt an kühle deutsche WäDer mit plätschernden Bächen.
Es ist ganz schön hier, gewiß, und äußerst interessant. Aber es ist fremd und auf die Dauer nicht recht gemütlich. Man merkt in der Fremde am besten, wie sehr man ein Teil feiner Heimat ist. Ja, ganz schön ist cs hier, ganz schön; Palmen und Sonne und Papageien. Aber es ist eine Hitze von über vierzig Grad, und. die Stechmücken verderben einem die ganze Freude. Sie sind wie ein Albdruck, fesseln und peitschen zugleich.
Der letzte Regen ist schuld. Es fing an, als wir vom Jndianerlager Atschilai wegritten. Damals beneidete ich die Indianer um die stoische Ruhe, mit welcher sie die Mücken auf ihren nackten Leibern totklatschten.
Der große Palmbestanid wird allmählich offener, die einzelnen Palmen machen einen dürftigen, kranken Eindruck. Daran merkt man die Nähe des Salzsumpfes. Immer mcljr f Stämme stehen da, denen die Krone fehlt. Noch hundert Meter weiter — und man meint, zwischen Gruppen sinnlos hingestellter Telegraphenstairgen zu reiten; ein trostlos- lächerliches Bild. Statt der saft,g-grünen Halme bedecken derbe ’ grasgrüne Büsche von Stachelgras den Boden. Hier rückt der Salzsumpf vor und erwürgt wie eine unerbitklickx Seuche die alte Vegetation. Und mit ihm kommen die unansehnlichen Pflanzen, welche ben salzgeschwännerien Boden lieben, und bedecken in fleckigen Rasen und niederen Ranken dos vergiftete Erdreich.
Vor uns breitet sich, flach wie ein Teller, die weite Ebene des Sali- trals. Zur Zeit liegt sie trocken, doch zeigen bie sonngebleichten Gehäuse einiger in der Salzlake degenerierter Ampullariaschnecken, daß zeitweise hier Wasser steht. Manche Stellen sind ganz ohne Vegetation und nm einem feinem weißlichen Salzhauch bedeckt, wie mit Rauhreif. Dazwischen stehen Platten von Stachelgras, und weite Strecken sind» bedeckt mit einer genügsamen Sekkulente, die man bas Jndianersalz nennt, weilen Tobas bie zerstoßenen Blätter zum Salzen ihrer Suppen verwenden. Kaut man ein Stück biefer Pflanze, so ist es, als hätte man reines Saiz im Munbe.
Rechts brüben steht ber hübsche Galeriewald am Horizont. Don haben wir schon Mazarnahirsche gejagt. Von ihm aus ziehen in Schlüte" unb Zacken Streifen von gelblichgrünem Buschwerk in ben Balitral >M ein, ein bichtes Gestrüpp aus salzliebenden Sträuchern. Dazwischen stehen tote Bäume, von weißgrünen Flechten bedeckt, die in traurigen Fetzen von den starren Steffen hängen.


