Samstag, -en 5. März
Hummer 18
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SieheimKmilienblättek
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Die GoliK.
Von Karl I m m e r ni a n n.
Es geht ein Fächeln
Auflösend über das Erdenrund;
Mit süßem, frischem, mildem Lächeln Beschwören sie den neuen Bund.
Die alten Jubelklänge dehnen Läch aus in feierliche Weisen;
Die Steine selbst ergreift ein Sehnen, Zum Hammel leicht emporzureisen.
Die Pforte reckt sich auf als Bogengang, Um droben zu vernehnien hold Gerüchte;
Die kurze Säule wächst zum Pfeiler schlank Und trägt, ein Baum, granitne Blum' und Früchte.
Dis himmlische und die irdische Liebe.
Bon Else A r n h e m.
Am Fondcico de Tedeschi ragte ein hohes Gerüst in den blauen Himmel Aenedigs, und jeder Tag, der die Königin der Adria übersonnte, sand zwei Männer auf den schmalen Laufbrettern, einen alten und einen jungen, die mit Farbeimern und Pinseln sich an der Fassade des steinernen Baus zu schaffen machten uni> die graue Flüche in blühendes Farbl.rnd verwandelte!!, mit Figuren und Arabesken schmückten, als wäre das nur ein Kinderspiel, so leicht und sicher ging ihnen die Arbeit von der Hand. Und dennoch brauchte es Monate, ehe sie ihr „fertig" darunter setzen niochten, und wenn auch der Alt« schon mehr als einmal mahnte, „las; es genug sein, Tiziano," so hatte doch der Jüngere immer noch etwas zu bessern. Fast hätte man meinen können, er wäre der Lleliere und Bedäch- ligere, malte er doch langsamer als sein Meister, und oftmals kletterte er behende von dem hohen Gerüst auf die Straße hinab, um sich die Wirkung seiner Farben aus der Ferne anzusehen. Die Farbe, das war es, was ihn gepackt hatte. Nicht genug wollt« sie leuchten, und am 'Abend in der Werkstatt saß er oft stundenlang, rieb und mischte die Farben, suchte noch Bindomitteln, di« den Glanz erhöht«», und war überglücklich, wenn ihm eine neue Zusammenstellung gelang, die er auf Stein und Leinwand mit breitem Pinselstrich ausprobierte.
Tiziano Vecellio kannte kein Genug, ehe nicht das erreicht war, was ihm vorschwebte, und das war immer nur Schönheit und Harmonie; mochten sich ihm di« Ding« noch so widerhaarig entgegenstellen/ er bog sie um, verwandelte sie und schuf sie schöil und gut.
Wenn dann der Meister Giorgione den Kopf schüttelt« und sagte: „Wie kannst du sie so malen, sie sind doch nicht so", antwortete er fröhlich: „So könnten sie aber sein." Und wenn die Farben sinnenfreudig auf- blühien unter den Händen bes Jungen, stand wieder der Alte dabei uni) wunderte sich: „Du schwelgst in Schwüle, Tiziano, man könnte Furcht haben vor dem Zauber deiner Farben, und wenn du zum End« kommst, leuchtet alles wie verklärt."
Tiziano wußte nicht, wie er das machte, es kam alles von selbst, er brauchte ja nur hinzstsehen, und die 'Natur war ihm verklärt und die Menschen und auch die Gestalten, die sein« Phantasie schauten. Als er, fast noch ein Knabe, zu Giorgione gekommen war, hatte er schon Werke geschaffen, wie den Zinsgroschen, das Altarbild in Sairta Maria della Salute und die schönen Madonnen. Noch war er kein Eigener, der Einfluß des Meisters gestaltete das Vorbild und die Komposition, aber in der Wiedergabe der Farbe wuchs er schon über Giorgione hinaus, er fühlte das, und es feuerte ihn an, selbständiger zu werden.
So kam zuweilen etwas Eigenwilliges Über ihn, und Meister Giorgione hatte das gerade bei der gemeinsamen Arbeit am Fondaco de Tedeschi sehr ost spüren und tadeln müssen.
„Morgen wird bas Gerüst abgebrochen", sagte er zu dem jungen Gehilfen und stieg die Leiter hinab.
Tiziano murrte, aber der Alte ließ seine Einwendungen nicht gelten. „Unser Werk ist gelungen, komm herab, Tiziano, jeder weitere Strich verdirbt es."
Aber der junge, kräftige Mensch auf dem Gerüst achtete nicht auf den Mit, und nun gab es einen heftigen Wortwechsel. Lachend blieben die Leute stehen, und ein junger Patriziersohn, der den Meister Giorgione kannte, meinte spöttelnd: „Mir scheint, Euer Tiziano hat ben Gehorsam gegen das 'Alter noch nicht gelernt. Das kommt davon, wenn Ihr ihm zuviel Freiheit laßt, Meister."
„Holla, lieber Herr, die Freiheit ist des Künstlers gutes Vorrecht", tief Tiziano von seiner luftigen Höhe herab und spritzt« einen dicken, vollgefüllten Pinsel über dem Kopf des Sprechers aus, mit einer Betvegung, die fast unbeabsichtigt schien und doch so wohl gezielt war, daß ein paar feuerrote Bäche über das Seidenwams des Herrensöhnchens rannen, der puterrot vor Zorn au lies und gleich nach dem Degen griff.
Das gemeine Volk, das gaffend umherstand und gern laut gelacht hätte, verhielt den Atem bei dieser ritterlichen Gest«, die stets imponierte. Der Degen, das Vorrecht des Hochgeborenen, verschaffte Respekt, aber Tiziano, der Unbekümmerte, war weit davon entfernt, Achtung vor einem Ding aus Stahl und Gold zu haben, das in der Hand dieses schmächtigen Menschleins in Samt und Seide ein Nichts wog.
Mit seinen Farbeimern und Pinseln stieg er die Leiter hinab und stellte sich breit vor den Zornigen, der mit seinem Degen bedrohlich fuchtelte, ohne einen Angriff zu wagen.
„Steckt ihn ruhig in die Scheide", sagte Tiziano, „ober wollt Ihr, daß ich mit meinem längsten Pinsel sekundiere? Das ist wahrlich keine schlechte Waffe, Herr, und es wird einmal eine Zeit kommen, da Tizians Pinsel' Weltruf hat." Spruchs, und wollte seinem Meistet folgen, der Händel nicht liebend, vorangsgangen war. Aoer da rief ihn ein Diener an und flüsterte ihm etwas ins Ohr, und diese Meldung setzte Tiziano so in Verlegenheit, daß er nicht gleich antworten tonnte? ,,3d) soll ... Diomio ... Das ist nicht möglich! Signora Raffaela wünscht mich zu sprechen, sagst du? Du siehst selbst, lieber Freund, daß ich nicht von der Arbeit zu einer Dame gehen kann, aber sage deiner Herrin, Tiziano würde in einer Stunde bei ihr fein."
Der Diener ging, und sofort sprang der junge Patrizier dem enteilenden Maler nach. „Das war Signora Raffaelas Diener", zischte er böse, „was wollte er?"
„Nichts, das Euch ein Recht gibt, mich danach auszuforschen," erwiderte Tiziano stolz und schritt eilig davon.
Der andere blieb zurück mit gefurchte!» Gesicht. „Verwünschter Farbenkleckser", fluchte er, ,/bu sollst noch an mich erinnert werden."
In später Abendstunde kam Tiziano heim. Giorgione, bei dem er wohnt«, hört« ihn in seiner Kammer fingen und rumoren und wunderte sich. Glücklich war der Junge, was wußte der Alte von diesem Glück? Raffaela, die schöne Raffaela, zu deren Balkon er von seinem Gerüst so viel hinübergeschaut, die er im stillen anbetete, hatte ihm ihre Gunst geschenkt. Nun mochte man das Gerüst abbrechen, er hatte es nicht mehr nötig, di« Tür des Palazzos stand ihm offen.
Sage vergingen und Wochen, und der junge Tiziano blühte auf, wurde fast männlich in seinem Gehaben und reifte sichtlich in seiner Kunst. Meister Giorgione staunt« und schwieg. Der Erfahrene glaubte zu ahnen, durch welchs Erlebnis fein Schüler ging, und hütete sich, in sein Geheimnis mit Fragen einzudringen. Aber als man es ihm zutrug, wo Tiziano feine Abende berbrachte, erschrak er. Raffaela? Er kannte die wtolze und Wankelmütige, sie würde eines Tages des jungen Tiziano überdrüssig sein und ihn entlassen, wie einen Diener. Seitdem zitterte der ulke Giorgione vor diesem Augenblick.
Und er tarn, früher als der Meister geglaubt hatte. Still und totenblaß kehrte sein Lieblingsschüler eines Abends heim und ging gleich hinauf in sein« Kammer. Dort blieb alles stumm, wie ausgestorben, und wie der Alte auch lauscht« und fast sehnsüchtig auf ein Geräusch, auf einen heftigen Ausbruch des jungen, getäuschten Menschen wartete, nichts geschah. Da ging er selbst hinauf, öffnete leise die Tür und trat ein. In einem Stuhl in der dunkelsten Ecke des Raumes saß Tiziano, den ver- wühlten, blonden Kopf in den Händen vergraben, reglos, kaum, bah er atmete.
„Tiziano!"
Keine Antwort. — „Tiziano — hörst du mich?"
„Ja, Meister, was wünscht Ihr?" fragte eine tonlose Stimme ans dem Dunkel.
„Mir ist eben ein Gedanke für ein neues Bild gekommen", antwortete Giorgione, „aber du musst mir dabei helfen, der Gedanke ist mir noch nicht ganz klar. Hörst du zu, Tiziano?"
„Ja, ich höre Meister."
„Eine Allegorie soll es werden, die Liebe des Künstlers zur Kunst, di« einzige Liebe, die den Künstler glücklich machen kann, verstehst du mich?"
Der andere schwieg. Ader seine Gestalt hatte sich aufgereckt. So saß er lange, und der Krampf in feinem Gesicht und in feinen Händen löste sich. Giorgione fühlte es mehr, als daß er es sah. „Ueberbenfe es dir heute Nacht," sagte er, „vielleicht kannst du mir schon morgen deine Vorschläge sagen." Und leis« verließ der Alte die Kammer.
In dieser Nacht schlief Tiziano nicht mehr. Bei einer Kerze arbeitete er bis zuist Morgengrauen. Ein großer, mit Leinwand bespannter Rahmen stand vor ihm und bedeckte sich unter seinem Pinsel, der so groß war wie ein Birkenbesen, mit einer festen Farbunterlage. Sie trocknete rasch, und nun strich er mit einem schwer mit Farbe beladenen Pinsel in resoluten Strichen darüber hin und gab die Umrisse zweier Gestalten an, die auf einem Brunnenrande saßen. Mit roter Pozzudierde wischte er die Halbtöne hinein, setzt« mit Weiß die Lichter ein und modellierte die Körper mit einem Pinsel, den er abwechselnd in Rot, Schwarz und Gelb tauchte.


