Die Quellen des uns geläufige« Hamlet-Dramas find Me „Quartos* von 1602 und 1604, die schon untereinander wesenüiche Abweichung«! aufweisen und denen, wieder mit erheblichen Abweichungen, di« Folio- ausgabe von 1623 — nach Shakespeares Tode — folgte, deren Herausgeber einleitend gestehen müssen, daß sie den Text oft aus fast unleser- Üchen Papierfetzen schöpfen mußten.
Wir wisien, daß die Quarto-Ausgabe eine „Raub-Ausgabe" war, deren Text von gierigen Spekulanten ohne des Dichters Wunsch noch Willen bei den Aufführungen mitgeschrieben wuvde.
Kaum mögen die Mitschreiber dem gesprochenen Wort mit der ungelenken Feder ihrer Zeit haben folgen können, und wenn sie di« heim- gebrachten Zettel nach ihrem Gutdünken ordneten und den lückenhaften Text den Akteuren des Schauspiels zuteilten, so mag ein wirres Durcheinander entstanden sein. Und selbst was die Mitschreiber hörten und fichen, wind oft der Fassung des Meisters Shakespeare nicht entsprochen haben; damals wie heut« brachte die Bühnendarstellung Abweichungen vom eigentlichen Text, seien es „Strichs" des Dichters oder Spielleiters, fiten es Auslassungen oder Wiederholungen, seien cs unbewußte oder bewußte Improvisationen der Schauspieler und Wegnahmen der Worte des einen durch den anderen. Das mit solchen Fehlerquellen ausgezeichnete Werk wurde dann gar zur Ausfüllung von Lücken von unerfahrener Hand nach Erinnerungen aus der Volkssage ergänzt, was als weitere zerstörende Macht zu der Verstümmelung beitrug, in der das Werk auf uns gekommen ist.
Den unsterblichen Torso der Shakespea reschen Bearbeitung der Hamletsage so wiederherzustellen, so zu ergänzen, daß sie in ihrer Vollständigkeit und Vollkommenheit wiederum sichtbar wird, ist «in Ding der Unmöglichkeit. Doch ein neuer Versuch zu ordnender Gestaltung und nachschaffender Bearbeitung der vorhandenen Reste ist ein pietätvolles Handeln der Verehrung.
Goethe hat in „Wilhelm Meisters Lehrjahren" umfassende Anregungen zu einer Hamlet-Bearbeitung gegeben, ohne aber das dort
gegebene Versprechen der Durchführung einzulösen. Er sagt, daß zwar dfi großen inneren Verhältnisse und Wirkungen, die aus den Charakteren der Hauptfiguren entstehen, durch keine Art der Behandlung zerstört, ja kaum verunstaltet werden können, und diese sind es, di« sich nef in die Seele eindrücken; aber die äußeren Verhältnisse — wie sie die überkormnene Hamletfassung enthält — zeigten sich als dünne Fäden, die, oft gar unter Weglassungen, nur los« durch das Stück gehen. Er sieht darin fehlerhafte, flüchtige Stützen des Ausbaues und schlägt vor, die äußeren zerstreuten und zerstreuenden Motive durch ein einziges zu ersetzen, als welch' wesentliches die norwegischen Unruhen erscheinen.
Hamlet, dem der König Usurpator Claudius seinen Vater ermordet, seine Mutter geschändet und „zwischen die Erwählung und sein« Hoffnungen sich eindrängt", Hamlet, dem nach des Usurpators eigenem Wort das Volk anhängt und der „von Hölls und Himmel zur Rache ange= e" ist, Hamlet ist aus der Dynamik des Stückes der natürliche r der Aufstanidsbewegung, durch die er Rache und dazu den Gewinn des vorenthaltenen Thrones erwarten kann.
In dieser Richtung setzt die neue Bühnenbearbeitung wesentlich ein. So wird denn Hamlet, dem ja auch Horatio den Rat gibt, nach Norwegen zu gehen, sich der Armee zu versichern und mit bewaffneter Hand zurückzukehren, die Einfädelung des Aufstandes zugswiesen, zu dem er sich mit Fortinbras verbündet, der „altes Recht hat am Reiche Dänemark, das anzusprechen ihn sein Vorteil heißt."
Unverständlich ist es, wie Laertes ein Aufrührer sein soll, der bevorzugte Sohn des Königs-Günstlings Polonius, der den väterlichen Rat erteilt: „gib keinem ungebührlichen Gedanken die Tat".
So widersinnig Laertes, so folgerichtig erscheint Hamlet als der Gegenspieler des Königs in den Szenen des vierten Aktes, rvenn Claudius, dem gegenüber Hamlet mir das Mordzeugnis des Geistes des Vaters hat und dem durch die Schauspieler-Szen« in gegenseitiger Entlarvung das Wissen des übergegangenen Thronerben klar wurde, diesem vom Volke zum König Ausgerufenen vorschlägt:
„Wählt die Verständigsten von Euren Freunden, Und laßt sie richten zwischen Euch und mir.
Wenn sie zunächst uns oder mittelbar
Dabei betroffen finden, wollen wir
Reich, Krone, Leben, was mir unser heißt, Euch zur Vergütung geben ..."
Aus dieser Erfassung der wesentlichen äußeren Grundlage entwickelt sich dann die neue Bühnenbearbeitung, die mit überzeugter Achtung vor dein liebgewordenen Wortlaut durchgeführt ist.
In ihr wandelt sich dann Hamlet, den schon das Volksbuch des Saxo Gvammaticus als erfüllt von Kraft und Weichest schildert, trotz des Wankelmuts feiner inneren Charakterisierung zu einer heldischen Erscheinung.
Wie in der neuen Bühnenbearbeitung nach diesem Plane ausgchoben und eingeschoben, getrennt und verbunden, geändert und wiederhergestellt ist, so drängt sich auch manche andere Umformung hinzu.
Die Gestalt der Ophelia, di« in der überkommenen Hamletfassung fast episodenhaft wirkt, ist näher an Hamlet herangerückt — und es mag wohl unter dem verlorenen Gute eine Szene vorhanden gewesen sein, ädnlich der Balkonszene in Romeo und Julia, zu deren Wiederherstellung die überlieferten Trümmer sich nicht fügen mögen.
Zu den Stellen, in denen Handlung und Wort denjenigen Personen zugeteilt wird, denen es aus der Entwicklung zukommt, gehört beispielsweise auch die Kirchhofszen«, in der nicht Laertes, sondern Hamlet zuerst in das Grab der Ophelia springt, aus dessen Tiefe er sich dem fragenden Laertes zu erkennen gibt: „dies bin ich, Hamlet, der Däne ..." Soweit die Worte Gerhart Hauptmanns.
Der Raum gestattet nicht, mchr aus der Fülle gestaltender Folgerungen heute hier anzudeuten, die er in feiner Bäh men bea rb ei hing des Hamlet gezogen hat. Das neue Werk, das aus der Kraft und dem Recht künstlerischer Intuition nachgeschaffen ist, stellt sich in freimütiger Ruhe dem Streit der Meinungen.
Und dessen Zuschauer feien an die kleine Geschichte erinnert, He einmal Viktor von Scheffel erzählt. Die Geschichte der drei Freunde, die in der römischen Campagna wandernd die Trümmer eines Mosaikgrabmals entdecken. Derweil der eine, ein Archäologe, die Marmorstückchen prüft nach Art und Farbe, und der zweite, der sich mit Geschichtsforschung plagte, gar gelehrt über Grabdenkmale der Alten sprach, hatte sich der dritte hingesetzt und gezeichnet; er hatte die Fragmente des alten Bildes erschaut: da stand das Ganze klar vor feiner Seele und er warfs mit kecken Strichen hin, dieweil die andern in Worten kramten. Dieser Dritte war der echte Künstler, dessen schöpferisch wiederherstellende Phantasie sich ihr Recht nicht verkümmern ließ.
„Die Kunst kann niemand fördern als der Meister."
Können Tiere zählen?
Von Dr. Hanns Meyer.
Auch der Mensch ist nicht als Rechenkünstler geboren worden. Bei Naturvölkern ist es keineswegs eine Schande, nicht bis 4 zählen zu können. Bis 5 zählen ist bei manchen Stämmen schon eine erstaunliche Leistung. Was über 5 hinausgeht, heißt einfach „viel", ähnlich wie bei unseren noch nicht in Rechendressur genommenen Kindern. Die mangelhafte Entwicklung der Zahlenbegriffe besagt eben noch nichts gegen das Vorhandensein eines Zahlensinnes überhaupt. Kein Wunder also, daß tiergläubige Pädagogen mit großen Hoffnungen an den Unterricht der verschiedensten Vierbeiner herangegangen sind.
Aber es ist merkwürdig still geworden um jene Tierwunder, die buchstabierend, lesend und rechnend von sich reden machten. Die Schulställe, in denen die gelehrten Pferde Quadrat- und Kubikwurzeln zogen, stehen leer; die heutigen Pferde scheinen von allen Klopfgeistern verlassen zu sein. Der im Morsealphabet redende und dichtende Airedale-Terrier Rolf der grau Dr. Möckel hat sich ins Privathundeleben zurückgezogen, und Senta, der Wunderhund von Fehmarn, hat auffallend schnell aufgehört, ein Wunder zu {ein. Dafür mühen jetzt die Tierlehrer akademischer Profession, die wissenschaftlichen Tierpsychologen, ihre Zöglinge mit sehr viel bescheideneren Zahlenexperimenten, und sie sind sich nicht einmal sicher, ob sie nicht schon beim Zählen von 1 bis 3 über die Köpfe ihrer tierischen Schüler Hinwegdozieren.
Besonders Hühner hat man in gründliche Rechendressur genommen. So legte man einem Huhn ein Futterbrett vor, auf dem Weizenkörner in einer langen Reihe angeordnet waren. Nur hatte es eine Bewandtnis mit diesem abgezirkelten Frühstück. Die Körnerordnung war so, daß abwechselnd ein Korn auf der Unterlage festgeklebt war und eins lose lag. Natürlich pickte das Huhn zuerst wild nach jedem Korn, aber es lernte unterscheiden und pickte bald nur jedes zweite lose, auch wenn dieses in unregelmäßigem Abstand auf das feftgeflebte folgte. Als man dann immer zwei Körner nebeneinander festheftete und erst jedes dritte lose ließ, lernte das Huhn nach einiger Zeit auch, nur dieses aufzunehmen und die beiden nächstfolgenden unbeachtet zu lassen. Doch bei dem Versuch, es dahin zu bringen, jedes vierte Korn zwischen je drei festgeklebten zu picken, versagte es. Ob aber diese Dressurergenbisse zu der Behauptung berechtigen das Huhn vermöge wohl bis 2, doch nicht bis, 3 zu zählen, ist sehr fraglich.
Ebenso fraglich wie das Ergebnis einer Prüfung, die ein Teichrohrsänger erfolgreich bestand. Man hatte dem Vogel in feine schwankende Nestwiege zu den fünf eigenen Eiern in einem unbewachten Augenblick ein sechstes aus einem fremden Gelege stammendes Ei von gleichem Aussehen geschmuggelt. Der zurückgekehrte Rohrsänger bemerkte sofort den fragwürdigen Zuwachs und entfernte ihn mit heftigem Bemühen. Die Schlußforderung aber, es fei damit gezeigt (bekanntlich nehmen keineswegs alle Vögel eine Aenderung der Eierzahl Übel), daß der Rohrsänger zählen könne, sogar bis 6, wird kaum aufrecht zu erhalten sein. Sicher bewiesen ist nur, daß der Vogel den Unterschied einer Gruppe von fünf Eiern von einem Haufen von sechs Eiern bemerkt, daß er befähigt ist, schon eine geringere Aenderung eines Gesamtbildes festzustellen, aber es ist nicht erwiesen, daß er die Zahlenreihe 1 bis 6 durchzählen kann. Auch das Huhnexperiment beweistt nur, daß das Huhn eine Gruppe von zwei Körnern zu einer Einheit zufammenzufassen vermag, daß ihm dies aber bei Gruppen von 3 Körnern nicht gelingt. Es ist also ein Unterschied zwischen einer sinnlichen Gestalt- und Mengenanschauung und dem eigentlichen Zählen, d. h. der Bildung von Zahlenbegriffen.
Nun gehören Vögel im allgemeinen nicht zum Jntelligenzadel der Tiere. Sind denn wenigstens jene „höheren" Vierfüßler: Affen, Hunde, Pferde, wenn auch nicht zu algebraischen Einsichten, so doch zum primitiven Zahlenverständnis zu erziehen? Man sollte vermuten, daß besonders den Menschenaffen am ehesten das Zählen beizubringen sei. Aber alle Rechenleistungen dieser Tiere erwiesen sich bei näherer Prüfung als Scheinleistungen. Die Schimpansin S a 11 y des Londoner Zoo, die Herrn R o m a n e s eine gewünschte Anzahl von Strohhalmen aus dem Käfig reichte, und die Schimpansin Basso des Frankfurter Zoo, die im Zahlenbereich 1 bis 100 Kopfrechnen übte, haben ihren Lehrern nur ein wenig vorgemogelt, wenn man unbewußt und ohne böse Absichten. Basio z. B. waren die Zahlen sehr gleichgültig, sie richtete sich allein nach den geringfügigen und unbeabsichtigten Bewegungen des Wärters, der unwillkürlich seinen Kops nach der Tafel mit der gewünschten Zahl drehte. Diese unbewußte Dressur durch unbewußte Zeichengebung zeugt lediglich von einer erstaunlichen Beobachtungsgabe der Tiere, aber nicht von einem Zahlensinn. Dasselbe Ergebnis hatten ja auch die experimentellen Nachprüfungen der rechnenden Pferde und Hunde ergeben. Es bleibt immer noch die Frage, ob eine einwandfreiere Unterrichtsmethode nicht doch ein gewisses Verständnis für Zahlbegriffe bei Tieren bartun wird. Schließlich sind ja Tiere in ihren Gebaren Schulkindern nicht unähnlich, die sich auch nicht gern geistig anstrengen, wenn sie auf bequemere Weise durch Abgucken ober Vorsagenlassen zum Ziele gelangen können.
Durch eine recht verzwickte Dersuchsordnung hat E o l s versucht, die möglichen Fehlerquellen auszuschalten und den Zahlensinn eines Waschbären zu prüfen. Er bemühte sich, den Bären dahin zu dressieren,


