Ausgabe 
3.1.1928
 
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fielen. Und nun trete ich auf die Schwelle, da stürzt ein verhüllter Mensch aus dem Hause, das blanke Stilett in der Faust, und rennt mich um und um das Haus ist offen, die Schlüssel stecken im Schlosse sagt, was hat das alles zu bedeuten?

Die Martiniere, von ihrer Todesangst befreit, erzählte, wie sich alles begeben. Beide, sie und Baptiste, gingen in den Hausflur, sie fanden den Leuchter auf dem Boden, wo der fremde Mensch ihn im Entfliehen hin- geworfen.Es ist nur zu gewiß," sprach Baptiste,daß unser Fräulein beraubt und wohl gar ermordet werden sollte. Der Mensch wußte, wie Ihr erzählt, daß Ihr allein wäret mit dem Fräulein, ja sogar, daß sie noch wachte bei ihren Schriften; gewiß war es einer von den verfluchten Gaunern und Spitzbuben, die bis ins Innere der Häuser dringen, alles listig auskundschaftend, was ihnen zur Ausführung ihrer teuflischen An- schlüge dienlich. Und das kleine Kästchen, Frau Martiniöre, das, denk' ich, werfen wir in die Seine, wo sie am tiefsten ist. Wer steht uns dafür, daß nicht irgendein verruchter Unhold unferm guten Fräulein nach dem Leben trachtet, daß sie, das Kästchen öffnend, nicht tot niedersinkt, wie der alte Marquis von Turnay, als er den Brief aufmachte, den er von un­bekannter Hand erhalten!" Lange ratschlagend beschlossen die Getreuen endlich, dem Fräulein am andern Morgen alles zu erzählen und ihr auch das geheimnisvolle Kästchen einzuhändigen, das ja mit gehöriger Vor­sicht geöffnet werden könne. Beide erwägten sie genau jeden Umstand der Erscheinung des verdächtigen Fremden, meinten, daß wohl ein beson­deres Geheimnis im Spiele fein könne, über das sie eigenmächtig nicht schalten dürften, sondern die Enthüllung ihrer Herrschaft überlassen müßten.

Baptistes Besorgnisse hatten ihren guten Grund. Gerade zu der Zeit war Paris der Schauplatz der verruchtesten Greueltaten, gerade zu der Zeit bot die teuflischste Ersindung der Hölle die leichtesten Mittel dazu dar.

Glaser, ein deutscher Apotheker, der beste Chemiker seiner Zeit, be­schäftigte sich, wie es bei Leuten von seiner Wissenschaft wohl zu ge­schehen pflegt, mit alchimistischen Versuchen. Er hatte es darauf abge­sehen, den Stein der Weisen zu finden. Ihm gesellte sich ein Italiener zu, namens Exili. Diesem diente aber die Eoldmacherkunst nur zum Vor­wande. Nur das Mischen, Kochen, Sublimieren der Giftstoffe, in denen Glaser sein Heil zu sinden hoffte, wollte er erlernen, und es gelang ihm endlich, jenes feine Gift zu bereiten, das ohne Geruch, ohne Geschmack, entweder auf der Stelle ober langsam tötend, durchaus keine Spur im menschlichen Körper zurückläßt, und alle Kunst, alle Wissenschaft der Aerzte täuscht, die den Giftmord nicht ahnend, den Tod einer natürlichen Ursache zuschreiben müssen. So vorsichtig Exili auch zu Werke ging, so kam er doch in den Verdacht des Giftverkaufs, und wurde nach der Ba­stille gebracht. In dasselbe Zimmer sperrte man bald darauf den Haupt­mann Godin de Sainte Croix ein. Dieser hatte mit der Marquise de Brinvillier lange Zeit in einem Verhältnisse gelebt, welches Schande über die ganze Familie brachte, und endlich, da der Marquis unempfind­lich blieb für die Verbrechen feiner Gemahlin, ihren Vater Dreux d'Aubray, Zivilleutnant zu Paris, nötigte, das verbrecherische Paar durch einen Verhaftungsbefehl zu trennen, den er wider den Hauptmann aus­wirkte. Leidenschaftlich, ohne Charakter, Frömmigkeit heuchelnd und zu Lastern aller Art geneigt von Jugend auf, eifersüchtig, rachsüchtig bis zur Wut, konnte dem Hauptmann nichts willkommener sein als Exilis teuf­lisches Geheimnis, das ihm die Macht gab, alle feine Feinde zu ver­nichten. Er wurde Exilis eifriger Schüler, und tat es bald feinem Mei­ster gleich, so daß er aus der Bastille entlassen, allein fortzuarbeiten im­stande war.

Die Brinvillier war ein entartetes Weib, durch Sainte Croix wurde S! zum Ungeheuer. Er vermochte sie nach und nach, erst ihren eignen ater, bei dem sie sich befand, ihn mit verruchter Heuchelei im Alter pflegend, dann ihre beiden Brüder, und endlich ihre Schwester zu ver­giften; den Vater aus Rache, die andern der reichen Erbschaft wegen. Die Geschichte mehrerer Giftmörder gibt das entsetzliche Beispiel, daß Verbrechen der Art zur unwiderstehlichen Leidenschaft werden. Ohne weiteren Zweck, aus reiner Lust daran, wie der Chemiker Experimente macht zu seinem Vergnügen, haben oft Giftmörder Personen gemordet, deren Leben ober Tob ihnen völlig gleich sein konnte. Das plötzliche Hin­sterben mehrerer Armen im Hotel Dieu erregte später den Verdacht, daß die Brote, welche die Brinvillier dort wöchentlich auszuteilen pflegte, um als Muster der Frömmigkeit und des Wohltuns zu gelten, vergiftet waren. Gewiß ist es aber, daß sie Taubenpasteten vergiftete, und sie den Gästen, die sie geladen, vorsetzte. Der Chevalier du Guet und mehrere andere Personen fielen als Opfer dieser höllischen Mahlzeiten. Sainte Croix, sein Gehilfe la Chaussee, die Brinvillier wußten lange Zeit ihre gräßlichen Untaten in undurchdringliche Schleier zu hüllen; doch welche verruchte List verworfener Menschen vermag zu bestehen, hat die ewige Macht des Himmels beschlossen, schon hier auf Erden die Frevler zu richten. Die Gifte, die Sainte Croix bereitete, waren so fein, daß, lag das Pulver (poudre de succession nannten es die Pariser) bei der Be­reitung offen, ein einziger Atemzug hinreichte, sich augenblicklich den Tod zu geben. Sainte Croix trug deshalb bei seinen Operationen eine Maske von seinem Glase. Diese fiel eines Tages, als er eben ein fertiges Gist- pulver in eine Phiole schütten wollte, herab, und er sank, den feinen Staub des Giftes einatmenb, augenblicklich tot nieder. Da er ohne Erben verstorben, eilten die Gerichte herbei, um den Nachlaß unter Siegel zu nehmen. Da fand sich in einer Kiste verschlossen das ganze höllische Ar­senal des Giftmordes, bas dem verruchten Sainte Croix zu Gebote ge­standen, aber auch die Briefe der Brinvillier wurden aufgefunben, die über ihre Untaten keinen Zweifel ließen. Sie floh nach Lüttich in ein Kloster. Desarais, ein Beamter der MarechauffLe, wurde ihr nachge­sendet. Als Geistlicher verkleidet, erschien er in dem Kloster, wo sie sich verborgen. Es gelang ihm, mit dem entsetzlichen Weibe einen Liebes- handel anzuknüpfen, und sie zu einer heimlichen Zusammenkunft in einem einsamen Garten vor der Stabt zu verlocken. Kaum dort ange­

kommen, wurde fte aber von Desgrals* Häschern umringt, der geistliche Liebhaber verwandelte sich plötzlich in den Beamten der Marechaussse, und nötigte sie in den Wagen zu steigen, der vor dem Garten bereit stand, und von den Häschern umringt geradewegs nach Paris abfuhr. La Chaussee war schon früher enthauptet worden, die Brinvillier litt denselben Tod, ihr Körper wurde nach der Hinrichtung verbrannt und die Asche in die Lüste zerstreut.

Die Pariser atmeten auf, als das Ungeheuer von der Welt war, das die heimliche mörderische Wasfe ungestraft richten konnte gegen den Feind und Freund. Doch bald tat es sich kund, daß des verruchten La Croix entsetzliche Kunst sich sortvererdt hatte. Wie ein unsichtbares tücki­sches Gespenst schlich der Mord sich ein in die engsten Kreise, wie sie Verwandtschaft Liebe Freundschaft nur bilden können, und erfaßte sicher und schnell die unglücklichen Opfer. Der, den man heute in blühen­der Gesundheit gesehen, wankte morgen krank und siech umher, und keine Kunst der Aerzte konnte ihn vor dem Tode retten. Reichtum ein ein­trägliches Amt ein schönes, vielleicht zu jugendliches Weib bas genügte zur Verfolgung auf den Tob. Das grausamste Mißtrauen trennte bie heiligsten Banbe. Der Gatte zitterte vor ber Gattin der Vater vor dem Sohn bie Schwester vor bem Bruder. Unberührt blieben die Speisen, blieb ber Wein bet dem Mahl, bas der Freund den Freunden gab, und wo sonst Lust und Scherz gewaltet, spähten ver­wilderte Blicke nach dem verkappten Mörder. Man sah Familienväter ängstlich in entfernten Gegenden Lebensrnittel Ankäufen, und in dieser, jener schmutzigen Garküche selbst bereiten, in ihrem eigenen Hause teuf­lischen Verrat sürchtend. Und doch war manchmal die größte, bedachteste Vorsicht vergebens.

Der König, dem Unwesen, das immermehr überhand nahm, zu steuern, ernannte einen eigenen Gerichtshof, dem er ausschließlich die Untersuchung und Bestrafung dieser heimlichen Verbrechen übertrug. Das war die sog. Chambre Ardente, die ihre Sitzungen unfern der Bastille hielt, und welcher la Negnie als Präsident Vorstand. Mehrere Zeit hin­durch blieben Regnies Bemühungen, so eifrig sie auch sein mochten, fruchtlos, bem verschlagenen Sesgrais war es Vorbehalten, den geheim­sten Schlupfwinkel des Verbrechens zu entdecken. In ber Vorstabt Saint Germain wohnte ein altes Weib, la Voifin geheißen, die sich mit Wahrsagen und Geisterbeschwören abgab, und mit Hilfe ihrer Spießge- sellen, le Sage und le Vigoureux, auch selbst Personen, die eben nicht schwach und leichtgläubig zu nennen, in Furcht und Erstaunen zu setzen wußte. Aber sie tat mehr als dieses. Exilis Schülerin wie la Croix, be­reitete sie wie dieser, das feine, spurlose Gift, und half auf diese Weise ruchlosen Söhnen zur frühen Erbschaft, entarteten Weibern zum andern jüngere Gemahl. Desgrais drang in ihr Geheimnis ein, sie gestand alles, die Chambre Siebente verurteilte sie zum Feuertobe, ben sie auf dem Gröveplatze erlitt. Man fand bei ihr eine Lifte aller Personen, bie sich ihre Hilfe bedient hatten; und so kam es, daß nicht allein Hinrichtung auf Hinrichtung folgte, sondern auch schwerer Verdacht selbst auf Per- fonen von hohem Änsehen lastete. So glaubte man, daß der Kardinal Vonzy bei der la Voisin das Mittel gefunden, alle Personen, denen er als Erzbischof von Starbonne Pensionen bezahlen muhte, in kurzer Zeit hin- sterben zu lassen. So wurde die Herzogin von Bouillon, die Gräfin von Soissons, deren Namen man auf der Liste gesunden, der Verbindung mit bem teuflischen Weibe angeklagt, und selbst Francois Henri de Mont- morenci, Boudebelle, Herzog von Luxemburg, Pair und Marschall des Reichs, blieb nicht verschont. Auch ihn versolgte bie furchtbare Chambre Arbente. Er stellte sich selbst zum Gefängnis in ber Bastille, wo ihn Louvois und la Regnies Haß in ein sechs Fuß langes Loch einsperren ließ. Monate vergingen, ehe es sich vollkommen ausmittelte, bah des Herzogs Verbrechen keine Rüge verdienen konnte Er hatte sich einmal von le Sage das Horoskop stellen lassen.

Gewiß ist es, daß blinder Eifer ben Präsibenten la Negnie zu Ge­waltstreichen und Grausamkeiten verleitete. Das Tribunal nahm ganz den Charakter ber Inquisition an, ber geringfügigste Verdacht reichte hin zu strenger Einkerkerung, und oft war es dem Zufall überlassen, die Unschuld des auf den Tod Angeklagten barzutun. Dabei war Regnie von garstigem Ansehen und heimtückischen Wesen, so daß er bald den Haß derer auf sich lud, deren Rächer ober Schützer zu fein er berufen wurde. Die Herzogin von Bouillon, von ihm im Verhöre gefragt, ob sie den Teufel gesehen? erwiderte: Mich dünkt, ich sehe ihn diesen Augenblick!

(Fortsetzung folgt.)

Gerhart Hauptmann undHamlet".

Von Hugo Wilhelm Setule von Siradonitz.

Des tragischen Dichters Ausgabe und Tun ist nichts anderes als: ein psychologisch-sittliches Phänomen, in einem faßlichen Experiment dargestellt, in der Vergangenheit nachzuweisen." Dieses Goethe-Wort klang auch einmal irgendwo, irgendwann in den vergangenen Jahr­zehnten, als Gerhart Hauptmann, wie so oft, von Hamlet sprach und, seine Hand auf dessen geläufige Ausgabe legend, das Haupt schüttelte und sie alsFragment" bezeichnete.

In langen Jahren leidenschaftlicher Vertiefung ist dann Haupt­manns Bühnenbearbeitung des Hamlet herangereift, die vor kurzem in Dresden zuerst herauskam. Während um ihn gehäuft lag, was wir Hamletquellen nennen, und er erfüllt war von dem Er­leben der Dheaterproben, entwickelten sich die Gespräche, zusammen­gefaßt zu der nachfolgenden Darlegung, die zu veröffentlichen ber Dichter dem Schreiber dieser Zeilen erlaubte.

...Die schon im zwölften Jahrhundert von Saxo Grammaticus, später auch von Bellsorest ausgezeichnete Hamlet-Sage ist schon zu Ende des 16. Jahrhunderts dramatisch in einem Ur-Hamlet behandelt, der ver­loren gegangen ist, und den wohl Shakespeare kannte und nach von ihm gern geübtem Brauch, auf vorhandene Fabeln zurückzugreifen, bei seiner Bearbeitung der Hamletsage verwendete. Da Shakespeare seinen Komö­dianten nur Rollen-Blätter zu geben pflegte, ist einManuskript" nicht vorhanden.