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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
3 rhrgang |928 Dienstag, den 3. Januar Kummer (
Das goldene Sonett.
Von Edmund Finke.
Nun reiche mir die lieben Hände und horche in den Strom der Zeit, in seinen Fluten rauscht das Ende von aller Lust, von allem Leid ...
Die wir an seinen Ufern stehen, sind in den kleinen Traum geträumt, der zwischen Werden und Vergehen den schmalen Weg zu Gott umsäumt. Ich ging ihn und hab' dich gefunden, dich, Liebste, die du mein Gebet bist, das den Ablauf meiner Stunden in das Geheimnisvolle weht, das in den wunderbaren Wunden der Hände des Erlösers steht ...
Das Fräulein von Seubert
Von E. T. A. H o f fm a n n.
3n der Straße St. Honors war das kleine Haus gelegen, das Magdalena von Scuderi, bekannt durch ihre anmutigen Verse, durch die Gunst Ludwigs XIV. und der Maintenon bewohnte.
Spät um Mitternacht — es mochte im Herbst des Jahres 1680 fein — wurde an dieses Haus hart und heftig angeschlagen, daß es im ganzen Flur laut widerhallte. — Baptiste, der in des Fräuleins kleinem Haushalt Koch, Bedienter und Tiirfteher zugleich vorstellte, war mit Erlaubnis seiner Herrschaft über Land gegangen zur Hochzeit seiner Schwester, und so kam es, daß die Martiniere, des Fräuleins Kammerfrau, allein im Hause noch wachte. Sie hörte die wiederholten Schläge, es fiel ihr ein, daß Baptiste fortgegangen, und sie mit dem Fräulein ohne weiteren Schuß im Hau e geblieben (ei; aller Frevel von Einbruch, Diebstahl und Mord, rote er jemals in Paris verübt worden, kam ihr in den Sinn, es wurde ihr gewiß, daß irgendein Haufen Meuter, von der Einsamkeit dieses Hauses unterrichtet, da draußen tobe, und eingelassen ein böses Vorhaben gegen die Herrschaft ausführen wolle, und so blieb sie in ihrem Zimmer zitternd und zagend, und den Baptiste verwünschend samt seiner Schwester Hochzeit. Unterdessen donnerten die Schläge immerfort, und es war ihr, als rufe eine Stimme dazwischen: So macht doch nur auf um Christus willen, so macht doch nur auf! Endlich in steigender Angst ergriff die Martiniere schnell den Leuchter mit der brennenden Kerze, und rannte hinaus auf den Flur; da vernahm sie ganz deutlich die Stimme des Anpochenden: Um Christus willen, so macht doch nur auf! In der Tat, dachte die Martiniere, so spricht doch wohl kein Räuber; wer weiß, ob nicht gar ein Verfolgter Zuflucht sucht bei meiner Herrschaft, die ja geneigt ist zu jeder Wohltat. Aber laßt uns vorsichtig fein! Sie öffnete ein Fenster und rief hinab, wer denn da unten in später Nacht fo an der Haustür tobe, und alles aus dem Schlafe wecke, indem sie ihrer Hefen Stimme fo viel Männliches zu geben sich bemühte, als nur mög- lich. In dem Schimmer der Mondesstrahlen, die eben durch die finsteren Wolken brachen, gewahrte sie eine lange, in einen hellgrauen Mantel gewickelte Gestalt, die den breiten Hut tief in die Augen gedrückt hatte. Sie rief nun mit lauter Stimme, so, daß es der unten vernehmen konnte: Baptiste, Claude, Pierre, sieht auf, und seht einmal zu, welcher Taugenichts uns das Haus einschlagen will! Da sprach es aber mit sanfter, beinahe klagender Stimme von unten herauf: Ach, la Martiniere, ich weiß ja, daß Ihr es seid, liebe Frau, so sehr Ihr Eure Stimme zu verstellen trachtet, ich weiß ja, daß Baptiste über Land gegangen ist, und Ihr mit Eurer Herrschaft allein im Hause seid. Macht mir nur getrost auf, befürchtet nichts. Ich muß durchaus mit Eurem Fräulein sprechen, noch in dieser Minute. — Wo denkt Ihr hin, erwiderte die Martiniere, mein Fräulein wollt Ihr sprechen mitten in der Nacht? Wißt Ihr denn nicht, daß sie längst schläft, und daß ich sie um keinen Preis wecken werde aus dem ersten süßesten Schlummer, dessen sie in ihren Jahren wohl bedarf! — Ich weiß, sprach der Untenstehende, ich weih, daß Euer Fräulein soeben das Manuskript ihres Romans, Cielia geheißen, an dem sie rastlos arbeitet, beiseite gelegt hat, und jetzt noch einige Verse aufschreibt, die sie morgen bei der Marquise de Maintenon vorzulesen gedenkt. Ich beschwöre Euch, Frau Martiniere, habt die Barmherzigkeit, und öffnet mir die Tür. W ßt, daß es darauf ankommt, einen Unglücklichen vom Verderben zu retten, wißt, daß Ehre, Freiheit, ja das Leben eines Menschen abhängt von diesem Augenblick, in dem ich Euer Fräulein sprechen muß. Bedenkt, daß Eurer Gebieterin Zorn ewig auf Euch lasten würde, wenn sie erführe, daß Ihr es wäret, die den Unglücklichen, der kam, ihre ; Hilfe zu erstehn, hartherzig von der Tür wieset.'— Aber warum sprecht i
3f;r denn meines Fräuleins Mitleid an in dieser ungewöhnlichen Stunde, kommt morgen zu guter Zeit wieder, so sprach die Martiniere herab; da erwiderte der unten: Kehrt sich denn das Schicksal, wenn es verderbend roie der tötende Blitz einschlägt, an Zeit und Stunde? Darf, wenn nur ein Augenblick Rettung noch möglich ist, die Hilfe aufgeschoben werden? Deffnet mir die Ture, fürchtet doch nur nichts von einem Elenden, der schutzlos, ^krlassen von aller Welt, verfolgt, bedrängt von einem ungeheuren ©e« !d)ict (iuer Fräulein um Rettung anflehen will aus drohender Gefahr! I)ie Martiniere vernahm, wie der Untenstehende bei diesen Worten vor trofem Schmerz stöhnte und schluchzte; dabei war der Ton von seiner Ss'mme der eines Jünglings, sanft und eindringend tief in die Brust, tote suhlte sich >m Innersten bewegt, ohne sich weiter lange zu besinnen, holte sie die Schlussel herbei.
. , Sowie sie die Tür kaum geöffnet, drängte sich ungestüm die im Man- tel gehüllte Gestalt hinein und rief, der Martiniere vorbeischreitend in öen tfutr, mit wilder Stimme: Führet mich zu Eurem Fräulein! Er- schrocken hob die Martiniere den Leuchter in die Hohe, und der Kerzen- <5)lmn^er *n Ein todbleiches, furchtbar entstelltes Jünglingsantlitz. Vor Schrecken hätte die Martiniere zu Boden sinken mögen, als nun der Mensch den Mantel auseinanderfchlug, und der blanke Griff eines Ski- tetts aus dem Brustlatz hervorragte. Es blitzte der Mensch sie an mit funkelnden Augen und rief noch wilder als zuvor: Führt mich zu Eurem Fräulein sage ich Euch! Nun sah die Martikstere ihr Fräulein in der dringendsten Gefahr, alle Liebe zu der teuren Herrschaft, in der sie zu» gleich die fromme, treue Mutter ehrte, flammte stärker auf im Innern, und erzeugte einen Mut, dessen sie wohl selbst sich nicht fähig geglaubt hatte, eie warf die Tür ihres Gemaches, die sie offen gelassen, schnell zu trat vor dieselbe und sprach stark und fest: In der Tat, Euer tolles Be- träges hier im Hause paßt schlecht zu Euern kläglichen Worten da brau, mn, die, wie ich nun wohl merke, mein Mitteiden sehr zu unrechter Zeit -erweckt haben. Mein Fräulein sollt und werdet Ihr jetzt nicht sprechen. Habt Ihr nichts Böses im Sinn, dürst Ihr den Tag nicht scheuen, o kommt morgen wieder, und bringt Eure Sache an! Jetzt schert Euch aus öeni y>au(e! Der Mensch stieß einen dumpfen Seufzer aus, blickte die Martiniere starr an mit entsetzlichem Blick, und griff nach dem Stilett Die Martiniere befahl im stillen ihre Seele dem Herrn, doch blieb sie standhaft, und sah dem Menschen keck ins Auge, indem sie sich fester an bie Tur des Gemachs drückte, durch das der Mensch gehen mußte, um zu dem Fraulein zu gelangen. — Laßt mich zu Euerm Fräulein, sage ich Euch! rief der Mensch nochmals. — Tut, was Ihr wollt, erwiderte die Martiniere, ich weiche nicht von diesem Platz, vollendet nur die böse Tat, die Ihr begonnen, auch Ihr werdet den schmachvollen Tod finden auf dem Greveplatz, wie Eure verruchten Spießgesellen. — Ha, schrie der Mensch auf, Ihr habt recht, la Martiniere! Ich sehe aus, ich bin be- roaffnet wie ein verruchter Räuber und Mörder, aber meine Spießge- sellen sind nicht gerichtet, find nicht gerichtet! Und damit zog er, giftige Blicke schießend auf die zum Tode geängstete Frau, das Stilett heraus. — Jesus! rief sie, den Todesstoß erwartend, aber in dem Augenblick lieft sich auf der Straße das Geklirr von Waffen, der Huftritt von Pferden hören. Die MarechaussSe — die Marechaussse. Hilfe, Hilfe! schrie die SJlartiniere. — Entsetzliches Weib, du willst mein Verderben — nun ist alles aus, alles aus! Nimm — nimm; gib das dem Fräulein heute noch — morgen wenn du willst. Dies leise murmelnd hatte der Mensch der Martiniere den Leuchter roeggeriffen, die Kerzen verlöscht und ihr ein Kästchen in die Hände gedrückt. Um deiner Seligkeit willen, gib bas Köst- ajen dem Fräulein, rief der Mensch und sprang zum Hause hinaus. Die Martiniere war zu Boden gesunken, mit Mühe sind sie auf, und tappte sich tu der Finsternis zurück in ihr Gemach, wo sie ganz erschöpft, leines lautes mächtig, in den Lehnstuhl sank. Nun härte sie die Schlüssel klirren, °,e sie >m Schloß der Haustüre hatte stecken lassen. Das Haus wurde zugeschlossen und leise unsichere Tritte nahten sich dem Gemach. Festge» damit, ohne Kraft sich zu regen, erwartete sie das Gräßliche; doch wie geschah ihr, als die Tür aufging und sie bei dem Scheine der Nachtlampe auf den ersten Blick den ehrlichen Baptiste erkannte; der sah leichenblaß aus und ganz verstört. — Um aller Heiligen willen, fing er an, um aller Heiligen willen, sagt mir Frau Martiniere, was ist geschehen? Ach die Angst, die Angst! Ich weiß nicht was es war, aber fortgetrieben hat es mich von der Hochzeit gestern abend mit Gewalt! Und nun komme ich in die Straße. Frau Martiniere, denk' ich, hat einen leisen Schlaf, die wird'« wohl hären, wenn ich leise und säuberlich anpoche an bie Haustüre, und mich hineinlassen. Da kommt mir eine starke Patrouille entgegen, Reiter, Fußvolk bis an die Zähne bewaffnet, und hält mich an und will mich nicht fortlassen. Ader zum Glück ist Desgrais dabei, der Marechaussee- Leutnant, der mich recht gut kennt; der spricht, als sie mir die Laterne unter die Nase halten: Ei, Baptiste, wo kommst du her des Wegs in der Nacht? Du mußt fein im Haufe bleiben und es hüten. Hier ist es nicht geheuer, wir denken noch in dieser Nacht einen guten Fang zu machen. Ihr glaubt gar nicht, Frau Martiniere, wie mir diese Worte aufs Herz


