Ausgabe 
2.10.1928
 
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Märleinbuch für anaehen.de außerordentlich sorgfältige Durchbildung des Signalwesens den Begrisi

Phantasie damit und sammeln sie für da

ein.

Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Buch» und Steinbruckerei, R. Lange, Gieße

ran.'wortlich: vr. Hans Thhriot.

Das schwere Unglück vor dem Münchener Hauptbahnhof mit seinem ' ist unbegreiflichen Versagen des Signalwesens hat seinerzeit ein sehr unliebsames Aufsehen erregt und dürfte Anlaß geben, das gänzlich ver­altete Signalsystem im Münchener Hauptbahnhof umzugestalten. Daß ein solcher Versager gerade im Eisenbahnbetriebe möglich ist, der durch seine

Verriegelungen in der Technik Narrensichere" Schutzmaßnahmen.

Von Dipl.-Jng. vr. A. Hamm.

der Verriegelung in der Technik erst eingeführt und eine sehr weitgehende Ausbildung solcher Vorrichtungen veranlaßt hat, ist eigentlich merkwürdig. An und für sich darf bei der Eisenbahn für einen Streckenabschnitt, den sog. Block, das Einfahrtsignal erst dann gezogen werden, wenn das Aus­fahrtsignal sich hinter einem ausfahrenden Zuge geschloffen hat, damit nie gleichzeitig zwei Züge auf einem Block sein können. Um das zu erzwingen sind Einfahrt- und Ausfahrtsignale miteinander verriegelt, d. h. es ist unmöglich, beide gleichzeitig aus freie Fahrt zu stellen. Das wird dadurch erreicht, daß im Stellwerk die Hebel, die beide Signale bedienen, j0 angeordnet sind und solche Vorsprünge oder Aasen tragen, daß sie sich gegenseitig in der Bewegung hindern und nur die zugelassene Bewegung überhaupt möglich ist. Der menschlichen Nachlässigkeit und Unvollkommen­heit ist damit die Möglichkeit genommen, Unheil anzurichten. Daß solche Verriegelungen im Stellwerk des Münchener Hauptbahnhofs noch fehlten, erscheint kaum glaublich, da sie sonst im Eisenbahnbetriebe durchgängig

Aber nicht nur im Eisenbahnsignalwesen, sondern in der ganzen Technik spielen Verriegelungen ähnlicher Art eine große Rolle. Alle unsere mo­dernen technischen Anlagen sind derartig kompliziert, daß der einzelne z» leicht die Uebersicht verliert und, sei es aus Leichtfertigkeit, sei es aus verzeihlichem Mangel an Ueberblick, irgendeinen Fehlgriff tun kann. Die Kenntnis dieser Sicherheitsvorkehrungen ist noch wenig verbreitet. Bor wenigen Jahren erschien im Feuilleton einer der größten deutschen Zei- hingen eine Novelle, in der geschildert wurde, wie der verliebte Schalt- tafelwärter eines Elektrizitätswerkes in seinem Liebeskummer einen Schall­hebel verkehrt herum einlegte und den Starkstrom in eine Kolonne von Arbeitern jagte, die draußen auf der Strecke arbeiteten. So etwas ist in Wirklichkeit unmöglich. Zunächst einmal sind alle Schaller in den Hoch­spannungsanlagen doppelt ausgeführt. Die Hauptschalter liegen unter Oeh und da man ihre Lage nicht unmittelbar erkennen kann, wenngleich sie Einstellmarken tragen, jo hat man noch zur besonderen Sicherheit die sog. Trennschalter eingeführt. Das find einfache Schaltmesser, die nicht unter Del, sondern in der Luft liegen und daher deutlich gesehen werden können. Wenn an einer Leitung gearbeitete werden muh, so wird diese Stelle durch den Oelschalter ausgeschaltet, und dann werden die Trennschalter gezogen. Mann sieht dann deutlich, daß die Leitung abgetrennt ist. Um sie wieder einzuschalten, bedarf es nicht eines, sondern mehrerer Handgriffe. Dazu kommt noch, daß vorschriftsmäßig eine Leitung, an der gearbeitet wird, kurzgeschlossen und mit der Erde verbunden wird, so daß es auch nichts schadet, wenn durch irgendwelchen Zufall Strom hineingerät. Der Kurz- schluß hätte zur Folge, daß der automatische Schalter der Leitung sie un­mittelbar wieder ausschaltet.; also auch der verliebteste Schaltwärter könnte kein Unheil anrichten. Eine weitere Sicherung bietet auch noch die Verriegelung zwischen Oelschalter und Trennschalter. Mit dem Trenn­schalter kann man eine solche Leitung nämlich nicht ausscholten, weil sich in der Lust ein riesiger Lichtbogen bildet und möglicherweise das ganze Schalthaus zerstören würde. Um auch ein versehentliches Ziehen des Trennschalters bei eingeschalteter Leitung zu verhindern, ist er mit dem Oelschalter jo verriegelt, daß er nur geöffnet werden kann, wenn der Oel­schalter zunächst geöffnet ist. Andererseits kann er nur wieder einge­schaltet werden, wenn der Oelschalter noch offen ist, so daß die Leitung endgültig durch den Oelschalter wieder eingeschaltet werden muß. Das ist eingutes und einfaches Beispiel für Verriegelungen.

Aber auch in den Schaltanlagen selbst sind Verriegelungen üblich und in großem Maße eingeführt. Hierin gehen namentlich die Amerikaner jehr weit, die von jeder Anlage fordern, daß siefool-proof" fei,narren­sicher", daß aljo auch der Dümmste kein Unheil anrichten kann. Ein Un­heil, wie es in elektrischen Schaltanlagen nicht ganz selten ist, besieht darin, daß jemand in die Hochspannungs-Schaltanlage mit einer seiner Gliedmaßen hineingerät. Um das zu verhindern, ist die Anlage nach dem Gang zu durch Gitter ober Türen abgeschlossen. Run müsien sich solche Gitter und Türen aber aufschließen lassen, beim man hat boch auch ein­mal in der Anlage zu tun. Dazu soll sie aber erst spannungslos gemacht b. h. ausgeschaltet werden. Ob das immer geschieht, kann man sugbch bezweifeln, da gerade diejenigen Leute, die am meisten mit der Gefahr zu tun haben, am leichtfertigsten damit umgehen. Deshalb werden in neueren amerikanischen Schaltanlagen die Schlüssel zu diesen Türen in einem bejonderen Schränkchen aufbewahrt, das mit der Schaltanlage derartig verriegelt ist, daß es überhaupt nur geöffnet werden kann, wenn die Schalter offen, also ausgeschaltet sind. In geschlossener Schaltersm- (ung liegt vor der Schranktür einfach eine mit dem Schalter verbmioene aber isolierte Stange, die die Tür zuhält. Nun könnte man ja die Schlussel gar nicht wieder in das Schränkchen tun und so die Verriegelung um­gehen. Auch dagegen ist eine Sicherung vorhanden. Die Schlussel werden nämlich nicht aufgehängt, sondern eingesteckt und herumgedreht. Ul* wenn sie herumgedreht sind, läßt sich die Tür des Schränkchens wiese- schließen und damit auch die Hochspannungsschalter. So ist es nach menscy- lichem Ermessen verhindert, daß jemand in Gefahr kommt.

Auch auf anderen Gebieten der Technik findet man ähnlicye langen. Zahlreiche Maschinen, die dem Bedienenden Gefahr bringen, pn mit Schutzvorrichtungen versehen, die aber von den Arbeitern, die sie der Arbeit hindern, sehr gerne entfernt werden. Deshalb sind diese Vorrichtungen häufig mit dem Antrieb der Maschine derartig verneg , daß es nicht möglich ist, sie in Gang zu setzen, ehe nicht die «.W,,,. Achtung an ihrem richtigen Platze ist. Gleicher Art ist d>e Vernege ,8- die jeder von den Personenaufzügen her kennt. Solange nicht alle n, geschlossen sind, können sie nicht anfahren, was einfach dadurch err > wird, baß jede Tür beim Einfchnappen einen Kontakt schließ um Strom für ben Fahrstuhlmotor über sämtliche Kontakte fließen muss. allgemeinen haben sich berartige Verriegelungen vorzüglich benMin überall eingeführt. Ihnen steht in ber Technik noch ein weites bungsgebiet offen, je komplizierter und schwerer zu übersehen richtungen werden.

Al- ich einmal infolge von Verarbeitung mit meinen Nerven am Ende war und meinem Körper eine Auffrischung gönnen wollte, enk- i«nn ich mich, in Brlllat-SavarinsPhysiologie des Geschmacks das Rezept einer Kraftfuppe gelesen zu haben, die Tote wieder lebendig machen müßte. Im Vorgejchmack des zu erwartenden Genusses zog ich den betreffenden Band aus dem Regal. Ich las also:

Man nehme einen Kalbfuß im Gewichte von mindestens zwei Pfund, spotte ihn ber Länge nach in vier Teile und brate diese bis zum Braun - werden unter Hinzusetzung von vier zerkleinerten Zwiebeln und einer Handvoll Brunnenkreffe. Kurz vor dem Garwerden setze man drei Flaschen Wasser hinzu und lasse das Ganze zwei Stunden lang kochen, wobei man darauf achten muß, daß das verdampfte stets durch die gleiche Menge frischen Wassers ersetzt wird. Auf diese Weise erhält man eine gute Kalbjleifchbrühe, die man nur noch mäßig zu salzen und zu pfeffern hraud)t.*

Na, bas wär' ja kein Kunststück. Aber o weh, da las ich mit einem stillen Entsetzen:Gesondert hiervon zerstoße man in einem Mörser drei alte Tauben und 25 (fünfundzwanzig!) lebende Krebse und ver­binde und röste dieses Gemisch. Sobald man sieht, baß bie Mischung gut durchgebraten ist, füge man die Kalbsbouiüon hinzu und unterhalte das Feuer noch eine Stunde lang. Die nun um so kräftiger gewordene Brühe seihe man durch und nehme nun morgens und abends zwei Stun­den vor dem Frühstück und Abendessen, einen Teller davon. Es ist dies eine geradezu köstliche Suppe!"

Jo das mußte sie fein! Sie möchte einen Lahmen wieder gehend machen! Aber fünfundzwanzig Krebse und noch dazu im November. Ich resignierte. Eine ähnliche Suppe erforderte neben unzähligen (feinen Zutaten einen alten Hahn, ober an feiner Stelle vier Reb­hühner ebenfalls im Mörser zerstoßen zwei Pfund Rindfleisch u. a. r>azu eine Portion Ambra. Ich las in der Geschwindigkeit 20 Gramm und eilte in bie Apotheke, sie zu kaufen. Ich wurde blaß, als ich er­fuhr, was ein Gramm Ambra kostet. Ich ließ ben Plan einer Kraftfuppe fallen, zu meinem Heile, denn später stellte ich fest, daß ich mich ver­lesen hatte: Nicht zwanzig Gramm, sonbern zwanzig Gran Ambra waren erforderlich gewesen. Und da bas alte Pariser Gran etwa 83 Milli­gramm beträgt, so kann man sich vorstellen, rote die Suppe mit 20 Gramm Ambra geschmeckt und gewirkt haben würde.

Es stimmt heute nicht mehr, was Brillat-Savarin von ben reichen Leuten seiner Zeit sagt, nämlich, daß sie unausweichlich genötigt find, Feinjchmecker zu werden. Keiner würde heute mehr, wie die französischen Keneralpächter es taten, für bie erste Schüssel grüner Erbsen 800 Fran- ion bezahlen. Wenigstens ist es mir nie zu Ohren gekommen. Eher glaube ich, daß es in Paris heute noch eine ganze Reihe Leute geben wird, bie im Februar für ein Bündel Spargel vierzig Franken bezahlen. gn Gold natürlich. Wer wird nicht für eine ersehnte Rarität viel Geld ausgeben, wenn er es kann!

Es gibt eine hübsche Geschichte vom Prinzen von «oubrse, demselben, ber durch bie noch ihm benannte Soße unsterblich geworden ist Dieser beabsichtigte einmal ein Abendessen zu veranstalten und ver­langte den Küchenzettel. DerChes" überbrachte ihn selbst mit einem UeberMag. Der erste Posten, auf ben der Blick des Prinzen fiel, waren fünfzig Schinken,Sind Sie von Sinnen, Bertrand!" rief er er­schrocken,wollen Sie mein ganzes Regiment bewirten?"O, nein, Monseigneur, es wirb nur ein einziger Schinken auf ber Tafel er­scheinen, die übrigen neunundvierzig gebrauche ich zu meinen Espagnolles, meinen Monds, meinen Garnituren und"Du machst mich zum Bettler," unterbrach ihn der Prinz,bie Schinken müssen gestrichen wer- ben." --Herr," sagte ber tiefgeträntte Künstler,Sie kennen nicht die Hilfsmittel ber Küche. Diese fünfzig Schinken, bie Sie erschrecken, bringe ich in eine Phiole, bie nicht.dicker ist, als mein Daumen." Der Prinz nickte nachdenklich und gab nach.

Wer kennt beute noch einen Braten ä Fimperatrice? Unsere spar­same Zeit hat ihn lange von ber Liste gestrichen. Das Rezept selbst ist lehr einfach: Man nehme aus einer Olive ben Kern heraus und stecke statt dessen eine Sardelle hinein. Diese so gefüllte Olive wird in eine Leip­ziger Lerche eingefügt und die wieder in eine Wachtel. Die Wachtel wird einem Rebhuhn einverleibt und dies wieder einem Kapaun, der dann in einen Fasan gesteckt wird, wie weiterhin der Fasan in einen Trut­hahn. Dieser verschwindet in ein Schwein, das nun einem lebhaften Küchenftüer ausgesetzt wird. Dadurch vereinigt sich Saft und Kraft aller diejer edlen Geschöpfe, bis der Augenblick des höchsten Genusses heran- aht. Welcher Barbar naht sich mit dem Messer, um die verschiedenen Stücke zu kosten? Steinl Fort mit dem Schwein, dem Truthahn, dem Fasan, dem Kapaun mit allem hinaus aus dem Fenster mit allem bis auf die Sardelle, welche die Quintessenz ihrer sämtlichen Umhül­lungen enthält. Diese Sardelle zu kosten ist ber höchste Genuß,- dessen ein Sterblicher teilhaftig werden kann. Und ich glaube, daß es eine kost- fpielerige Tafelfreude nicht gibt, wenigstens nicht für einen bloßen Gour­mand, einen Sielefler, dessen Herz meinen wird, weil er auf all bie mas­siven Genüsse verzichten muß, nur um mit Anstand einen wahrhaften Gastrojophen heucheln zu können.