Ausgabe 
2.10.1928
 
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Msser steigt empor, trübes Wasser. Und kleine Bläschen irren an der Oberfläche unstet umher, bis sie zuckend vergehen. Seltsam klingt das leise Wispern aus schwarzer, unbekannter Tiefe. Wie ein Bedauern klingt's, daß das Moor/sein Opfer verfehlt hat. Es war eine der düsteren, inattglänzenden Stellen, in welchen sich das Moor am tückisch­sten zeigt.

Aber da da hat schon einer vor uns Erfahrungen gesammelt. Ein Mensch? Bewahre! Ein zweibeiniges Lebewesen, sofern es nicht Flügel hat, bleibt diesem trügerischen Moor fern. Was da den schwarzen ftumpfglänzenden Morast genarbt hat, ist ein Stück Wild gewesen. Aber seine Fährte ist nicht zu bestimmen. Tief sind die Schalen eingesunken, und ein ansehnlich Stück von den Läufen folgte hinterher.

Das kleine Intermezzo ist vergessen. Aufwärts geht der Blick: ein Echreiadlerpaar zieht seine Kreise. Kein Flügelschlag ist sichtbar. Ein majestätisches Bild! Aber einen Ruf haben die beiden da oben für uns übrig. Laute sind es, die sich etnprägen und doch schwer zu bestimmen, durch unsere Sprache kaum auszudrücken sind. Etwas Helles, Froh­lockendes liegt in dem Stimmenklang der stolzen Segler da oben. Rufen St uns ihren Gruß zu? Sie hätten am wenigsten Veranlassung, den tenschen, der dem stolzen und obendrein nützlichen Vogel so böse mit« gespielt hat, zu grüßen. Nur noch wenige Horste bewohnt er in deutschen Landen. Und hätte er in wackeren Jägern nicht aufrichtige Freunde, er wäre längst aus der Fauna gestrichen. Gelöscht, wie so viele. Höher steigen die kühnen Flieger, schrauben sich hinaus zu den weißen Wölk­chen, die da vereinzelt am mattblauen Himmel stehen, bis sie in lichter Höhe als kleine Punkte erscheinen.

Vor uns, wo die helle Mittagssonne in Moos und Forst Farben hervorzaubert und die heiße Lust flimmernd über hochgewölbten Moos- volstern tanzt, regt sich etwas. Aber das Auge müht sich vergebens. Nur die schmutzig-weißen Blüten des Wollgrases zucken unter den Stößen des Windes. Da ist eine Gruppe von Kiefern, die sich hier zu- sammengetan haben, zu gemeinsamem Kampf gegen die Tücken des Moors. Zwerghaft find sie im Wuchs und Aussehen. Gewunden sind ihre Stämmchen, vielfach verschlungen ist das knotige Gezweig, an dem hie gelblich-grünen Nadeln verdrossen hängen. Und doch haben sie ein hohes Alter, diese Kiefern- sind Greise, Moorgreise. Und wie die Sonne verschwindet und einen fahlen Streifen über die weite Fläche des Moors zieht, da treten plötzlich neue Farben hervor aus dem stumpfen (Brün und dem krankhaften Gelb der Bodenbewachsung. Zwischen den müden Greisen der Krüppelkiefern stehen kraftvolle Bewohner des Moors, oufgeftört aus wohliger Mittagsruhe. Elche ... verhoffend. Ihre Lau­scher sind nach vorn gerichtet, die Lichter Hannen in Staunen an dem Besuch, ist doch der Mensch hier Mitten im Moor fast Unbekannt. Da kommt Bewegung in die starren Tiergestalten. Weiß leuchtet es in dem Grau und Grauschwarz der Decken, und in federndem Trott ziehen die Elche über das Moor. Zwei vier fünf. Wie sie die Läufe mit den harten Schalen setzen! Das Fahlgelb der Bodenbewachsung, das Stifter des unbekleideten Moors, das jedem Lebewesen, das es nicht achtet, seine Tucke zeigt ihnen bedeutet das alles kein Hindernis: Heimatboden ...

Verschwunden sind die fünf zwischen zwerghaften Birken und Krüp- Pelkiefern. Und nur noch die kleine Unordnung im Gekräusel des Moores zeigt ihren Weg.

An den Blänken. Eingebettet in Binseir, umgeben von dem er­habenen Schweigen dieser Mooreinsamkeit, liegen die Wasserbecken, die die Natur hier vor undenklichen Zeiten geschaffen hat. Und das unbe­wegte Wasser ruht und träumt von dem ewigen Einerlei der Jahr­tausende. Aber auf einmal sind sie wieder da, die klangvollen Töne. Und bas Auge hängt an den Lustwanderern. Kraniche über den Blän­ken ... in stolzem ruhigen Flug. Bald steigen sie, bald fallen sie, dann brechen sie ab. Und überall herrscht Ordnung, und Sicherheit verrät die Haltung und jede Bewegung. Die können die Reise, die sie über ferne Länder und Meere bringen soll, wohl überstehen. Aber da nebenan der Flug da hapert's noch mit der Sicherheit. Verschieden ist die Kopf­haltung, hier und dort pendeln die Stander, als müßten sie Mithelfen. Und die Alten wissen, was der Brut noch fehlt: sie sind mit den Lei- [tungen nicht zufrieden. Darum wird die Uebung fortgesetzt. Wieder eine Schwenkung, und noch eine, und dann kommt ein Abbrechen. Kurz - abgerissen und doch sich ins Ganze geschickt einfügend. Und jeder tritt bei diesem Flugmanöver aus dem großen Lustexerzierplatz deutlich hervor. Und jedes einzelne Glied zeigt seine Bedeutung, jede Feder, so bedeutungslos sie sich im Gefieder auch ausnehmen mag, erweist sich als heiser, erfüllt ihren Zweck.

Ja, in einigen Tagen seid auch ihr soweit, daß ihr die weite Reise ^treten könnt. Dann wird bas Moor einsam und verlassen daliegen, bis euer klingender Ruf es in strahlender Frühlingssonne wieder zu neuem Leben erweckt.

Kostspielige Tafe^freuden ...

Eine gastronomische Plauderei.

Von Carl Georg v. Maaßen.

Es gibt weit mehr Leute, als man anzunehmen geneigt ist, die den «bert aller Dinge nach den Kosten bemessen, die ihr Erwerb verursacht hat Ein Gegenstand, der ihnen anfangs, wenn nicht gerade mißfiel, so M mindestens gleichgültig war, erweckt plötzlich ihr Wohlgefallen, fo= ??.! sie vernommen haben, daß er bei eventuellem Verkauf ein hübsches ournrndjen einbringen würde. Aus diesem Gesichtswinkel heraus finden ynbers Bilder und Teppiche ihre Bewunderer. Mir persönlich geht es allerdings umgekehrt. Der Besitz eines seltenen Buches macht mir nur die vis 8rcu&e, wenn ich den vollen Marktwert dafür bezahlen muß. k?1 "faser sonst so geliebte Gegenstand wird nach seiner Einordnung in .. öomnUung in der ersten Zeit nur mit halben, ja geradezu miß- bm Wicken gestreift, und ich bin ihm beinahe böse, daß er so hoch ttin rr. worden war. Ebenso machen Sammlungen anderer Leute nen Eindruck auf mich, wenn ihr Zustandekommen ausschließliches

Berdienst eines wohlgefüllien Geldbeutels ist. Mt unendlichem Wohl­gefallen hingegen betrachte ich die oft imaginären Schätze jener kleinen, bescheidenen Sammler, die jedes Stück unter Hintansetzung ihrer drin­gendsten persönlichen Bedürfnisse erworben haben. Da strahlt sozusagen selbst bas unscheinbarste Stück einen Glanz aus, den ihm die Siebe feines Besitzers verliehen, der aber von Leuten, welche alles nach dem Preise taxieren, unmöglich wahrgenommen werden kann.

Für diese Spezies Mensch scheinen mir nun auch gewisse historische Anekdoten aufbewahrt worden zu sein, die man vielleicht unter dem TitelMärchenbuch für offene und verkappte Materialisten" einmal zu- fammenfaffen könnte. Für anders Geartete sind sie fast unverständlich, die nicht begreifen, warum man sie der Nachwelt überliefert. Ich ser­viere ein paar Proben, die ich der Historia gastronomica entnehme, da ich augenblicklich gerade auf diesem Felde pflüge. Wir zitieren natürlich zuerst den weltberühmten Schwelger L u c u l l u s, dessen einziges wirk­liches Verdienst darin bestand, daß er die Kirschen nach Europa ver­pflanzte (und auch dies wird noch ernstlich in Zweifel gezogen). Er hatte in feinem Palast zwölf Speifefäle, deren jeder den Namen einer Gott­heit trug, und die Nennung eines dieser Namen genügte dem Koch, zu wissen, wie hoch die Ausgaben für das dort zu veranstaltende Din« fein mußten. Eines Tages wurde Lucullus durch den Besuch sein» Freunde Cicero und Pompejus überrascht. Er gebot im Saale des Apollo auftragen zu lassen. Und das hieß, einen Betrag von nicht mehr und nicht weniger als dreißigtaufend Mark auf die Rechnung zu fetze«.

Vom Kaiser C a l i g u l a erzählt uns Seneca, daß er einmal, um alle Genießer Roms gründlich zu beschämen, ein Gastmahl veranstal­tete, das ihm zweiundeinhalb Tonnen Goldes kostete. Der Kaiser Vitel­lins, der in wenigen Monaten 66 Millionen Mark durch die Kehl« hatte verschwinden lassen, ließ eine Schüssel anfertigen, die unter der Be­zeichnungSchild der Minerva" als achtes Weltwunder gezeigt wurde. Ihr Inhalt war noch kostbarer als sie selbst, denn sie war mit Leckereie» gefüllt, deren Wert fick auf eine halbe Million Goldmark belief. erus, der Mitregent des Antonius, gab einmal ein Herrenessen, da» nach Julius Capitolinus auf 40 000 Mark geschätzt wurde. Silberne und goldene mit Edelsteinen überjäte Pokale wurden dabei an die vierzehn Tifchgenossen verschenkt. Die Mahlzeiten Hellogabals bestanden aus zweiundzwanzig Schüsseln. Seine Lieblingsgerichte waren Psauen- und Nachtigallenzungen und das Gehirn von Papageien und Fasane». Jede seiner gewöhnlichen Mahlzeiten kostete 30 000 Mark. Der Schlem­mer und Erfinder köstlicher Torten, A p i c i u s, der öffentlichen Unte*

richt in der Schwelgerei erteilte, gab im Lause von fünf Jahren siebe« und eine halbe Million Mark aus. Als fein Vermögen auf etwa drei­viertel Millionen zufammengefchmolzen war, tötete er sich mit Gift, da er fürchtete, Hungers sterben zu müssen. Der römische Schauspiel« Claudius A esopus, bei dem Cicero Unterricht in der Vortrags­kunst genommen hatte, gab feinem Kollegen Roscius ein Geburtstags­diner mit einer Schüssel voll Nachtigallenzungen, die nach Plinius fast dreitausend Mark gekostet hatte.

Diese zahlengespickten Anekdoten mögen den obenerwähnten Spezies rechtschmissig" (mir wird übel, wenn ich dieses Wort lese) vorkomme», wie jedoch ein mit gesunden Sinnen begabter Mensch sich bei solchen Zahlen irgendeine bestimmte Vorstellung von der Art dieser altrömische« Tafelfreuden machen kann, ist mir ein Rätsel. Aber es soll ja Leute geben, deren Empfindungen erst durch das Gewicht von Zahlen, sei es nun in Verbindung mit Mark oder Meter ober Kilo ausgelöst werden können. Da wo sich noch ein humoristisches Moment einmischt, will ich derartige Histörchen gelten lassen. Dazu rechne ich das Gastmahl der Königin Cleopatra, das sie zu Ehren des siegreichen Antonius gab, und wobei sie eine ihrer größten Perlen aus dem Ohrgehänge nahm, sie in Weinessig auflöste und bann die Lösung auf das Wohl ihres Gastes trank. Dieser Schluck repräsentierte einen Wert von zehn Millionen Sesterzien. Noch merkwürdiger ist allerdings, daß dies heroische Beispiel Nachahmer fand. Denn das Gleiche tat bei einem Festessen zu Ehren Heinrichs V. Sir Richard Whi11ington auf das Wohl seines Königs, und anno 1569 wiederholte sich dies seltsame Manöver zum drittenmal. Da hatte ein Uorker Handelsmann der Königin Elisabeth von England eine Perle von ungewöhnlicher Schönheit für 20 000 Pfund Sterling an- geboten. Sie war ihr zu teuer. Ein Londoner Kaufmann, Thomas G r o s h a m, kaufte sie, zerstampfte sie in einem Mörser, schüttete das Pulver in ein Glas Rheinwein und trank damit auf das Wohl sein« jungfräulichen Königin.

Wollte ich in dieser Weise mein Garn weiterspinnen, so würde ich jetzt in das Mittealter tauchen und ein Füllhorn von Zahlen herausholen, die ich dann über den geneigten Sefer ausschütten könnte. Das einzig Bemerkenswerte an diesen ehrwürdigen Gastereien sind nämlich die schwindelnd hohen Zahlen der Unkosten und der Teilnehmer. Ein paar hundert Köche für ein paar tausend Gäste bedeuten noch gar nichts. Es geht ins Aschgraue, was man damals an Ochsen, Kälbern, Schweinen, Hammeln, Gänsen und Hühnern verzehrt hat. Alle Geschichtchen, die man sich von solchen Schmausereien erzählte, ehen aber einander so ähnlich wie ein Ei dem andern. Was sagt es chließlich dem Leser, wenn er erfährt, baß Richard II. in der Westm nfterabtei ein Fest gab, wobei zweitausend Köche für zehntausend Gäste zu sorgen hatten, ober daß der Erzbischof Albrecht von Bremen einmal in Hamburg fünfhundert Personen bewirtete, von denen eine jede bei jedem einzelnen Gange drei Gerichte vorgesetzt erhiett, also alles in allem sechzig Gerichte. Uns bleibt nur die traurige Erkenntnis, daß wir Nachfahren von heute so armselige kleine Mägen herangezüchtet Haden, die sich bereits um die eigene Achse zu drehen beginnen, wenn ihr Besitzer von derartigen gargontuesten Fressereien was zu lesen kriegt.

Doch dem Himmel fei es gedankt, es gibt kostspielige Tafelfreuden auch nach unserem Geschmack. Allein, häufig genug sind fie so kost­spielig, daß sie nur denen zugänglich sind, die zwar die physischen Mittel haben, sie zu erwerben, nicht aber die psychischen fie zu genießen. Das ist ein Kapitel jür sich. Für uns arme Jnflationsopfer bleiben sie ab« eine Fata morgana aus Schlaraffenland, wir füttern nur unsere