Lilli steckte den Blondkopf zur Tür hinein und ihre Augen spähten zenslust und Uebermut. „Frau Tante, zu Tisch! Der Amandus biegt
Lebenslust
'sehen, die der gewissenlose Vater zwin- des reichen Getreidehändlers Dimitri
um die Ecke.
Die Rätin erhob such schwerfällig.
„Der Doktor war da."
„Ich weih es, liebe Tante."
„Hast du ihn gesprochen?" „
„Nein, Tante, ich habe gelauscht.
„Und damit brüstest du dich noch? „
Es war meine Pflicht in dieser kritischen Lage.
bU Slmandus nahm seuszend Platz und sagte lässig: „Jch'habe gar keinen
Der Graf lachte höhnisch auf.
„Ihr seid wohl schon einig, mein Täubchen?"
Du kennst deine Tochter schlecht. Bis zu dieser Stunde ahnt er
mich/' bl« RAkn. „Innin du sichst beul« «u|.
’““'b«WiW »b“«;?- ich-l. b.« „nie «m-nbn- unb.nnb» bn n0(bene Brille ab, ein untrügliches Zeichen, daß alles bet ihm in Garung war. „Seid ihr denn mit Blindheit geschlagen? Sehtihr denn nicht, daß icr> dem Grave zuwanke? Habt ihr etwa einen Begriff von Platzfurcht, Schwindel, Kopfdruck, Augenflimmern, Lähmungserschernungen und ob- Ater Schlaflosigkeit? Das find so ein paar Kleinigkeiten, die sich bei mir in ^UnbTr "ijat runs1 feinen 'Ton feiner Leidenslitanei worgcfungen, (iebe Tante," sagte Tilli; „das nenne ich Heroismus. (Fortsetzung solgt.)
„Warte, du Schalk! T
„Willst.du ihn denn allein reisen lassen, Tank.? ,
©nmm mir ieiit nur nicht mit Quertreibereien, du Tollkops. _ "iS beiseite! Ich habe so ’ne Ahnung daß unserem Peter vchle- midl feine Unbeholfenheit wieder einen Streich spielt.
^Das sind Hirngespinste. Ich bin noch gar nicht sicher, ob er überhaupt gehen wird —"
Still Tante, er kommt! _
Gleichzeitig mit dem Dienstmädchen, das die Suppe au,trug, trat
ffchLin' ^ erheben. °Er Var ekn der Amandus Auf der
langen Rückfahrt grübelte er darüber nach, womit er sich die Gunst des Grafen verscherzt haben könne, und kam endlich zu dem Ergebnis, datz er das Opfer einer Intrige geworden fein muffe. In der Heimat fand Amandus feine Mutter in gehobener Stimmung. Die Ratm hatte in der Landeslotterie einen ansehnlichen Treffer gemacht, und nut den Banknoten, die der Kollekteur auszahlte, kehrte w,e zu Lebzeiten des Amts- gerichtsrats die forglofe Behaglichkeit ms Haus zurück Amandus lock e die akademische Tätigkeit. Ev habilitierte hch an der Universität und hatt^ von ^vornherein die Genugtuung, sein Kolleg über deutsche LiLeraturge- schichte des achtzehnten Jahrhunderts gut besucht zu sehen. Man eröffnete ihm vertraulich, sobald er sein groß angelegtes Werk, die Geschichte des deutschen Romans im achtzehnten Jahrhundert abgeschlossen, werde die Professur nicht mehr lange auf sich warten lassen. Em empsindlicher Mangel an vernunftgemäßer Lebensführung und Zeiteinteilung verleitete ihn, sich über Hals und Kopf in die Arbeit ZU stürzen. Aber sein Nervenapparat ließ sich nicht ungestrast so schnöde mißbrauchen und kun- diate seinem Herrn und Gebieter den Dienst. Dieser sah sich nach drei Jahren anstrengenden gelehrten Schaffens aufs neue von all den beunruhigenden Erscheinungen gequält, die dem Examenskandidaten schon die Freude am Dasein vergällt hatten. Es war hohe Zelt, daß er dem ermatteten Körper Ruhe gönnte und im nahen Gebirge die Heilkraft des
Die Rätin tiefe sich erschöpft auf ihren Sorgensessel nieder, der, wie unwillig" über die Last, die ihm aufgebürdet wurde, in allen Fügen knisterte und knarrte Alte halblaut vor sich hin und ein Lächeln umlpielte ihren Mund. „Ein lustiger Zeisig und ganzmeiner seligen Schwester Ebenbild. Immer fidel, das Madel, und hat doch auch !chon seine fünfundzwanzig hinter sich. Na, es »st ihr freier Wille. .tret regel« rechte Körbe hat sie ausgeteilt und paßt ihr immer noch keiner, «o lang sck lebe kann sie wohl auftrumpsen. Aber wenn ich die Augen Zumache, steht sie' mutterseelenallein in der Welt. Und der Schwager hat mir aus dem Sterbebett den Wildfang auf die Seele gebunden. An dem Aman- I das wird sie gar keinen Halt haben. Das macht mir auch Kopf-
Waffers erprobte.
Unter schweren Gedanken hatte die Rätin die Wohnstube in Ordnung gebracht. In warmen Wellen drang die linde Spätsommerluft durch die weit geöffneten Fenster herein. Ein Sonnenstrahl huschte neckisch über der Greisin welkes Gesicht, das in seiner edlen Form noch unverkemibar die Spuren einstiger Schönheit trug. Bom Eßzimmer her klang Tillis heller Sopran.
„Tante, spürst du nicht eine sanfte Regung?"
„Nein, Kind."
„Es ist Mittag."
„Ich hör's läuten."
„Tante, ich habe einen Mordshunger. Jelf könnte einem gebratenen Ochsen in meinem Magen Quartier geben."
„Hast du weiter keine Sorgen?"
„Ich werde den Tisch decken."
„Tu das, mein Kind."
Ohr hört. . ,
Allein in der Wüste des Hochmoors ... ~ ., , ., .
Nor uns dehnt sch eine weite, fast baumlose Flache, gleich einem riesigen tebto(en Körper. Rot, grün und gelb sind die «« Warben Für sich allein genommen wirken sie eintönig, aber me tooi weiß etwas aus ihnen zu machen Wenn sie das Slot bcs und den Sonnentau mit ihrem Glanz umgib und das ihr ßicht taucht, dann geht ein Leuchten weit über das -"ioor. -toeiy und rote Blüten werden sichtbar, und Glöckchen von zartem R f bewert der letzte Wind. Bann ist das Sodjmoor fern toter Schläfer, Beben zeigt es überall, in allen Gründen und Schlünden.
Aus unbestimmter Ferne tönt ein Ruf in die Stille dieser Moor- einsamkeit hinein, und noch einer. Klangvolle Summen ft d 5, dem Kranich gehören. Darum weiter, trotz aller HiNbeimge,, u« fahlgelben Gräben hier bilden, trotz Sonnenbrand und W ff Weiter dem lockenden Ruf nach! , . yn-
Den Kranich in seiner ureigenen Heimat zu sehen, ist M n strengunq zu groß, kein Weg zu weit. Der Blick geht nach unten Moos ist niedergedrückt: ein Wildwechsel — und daneben noch Das sacht den Mut an: kommt das Wild durch, o kann man wagen. Und es geht auch ganz gut durch alle die gelben und gAvS Stellen. Die Sicherheit kommt mit der Dauer der Wandern Länge des Wegs im Moor. Also weiter, nur weiter' dem Tromp des Kranichs nach! Die Jungbirke in der Hand.dieser M°°rst«keng über gelbe und schwarze Stellen, und erweist sich als brauchbare jn Und der Blick geht über der Kruppelkiesern niederen Wuchs Y w
i weite Ferne, bis er an einer Stelle im Sonnenglast haften i« dort tarn wohl der Ruf der stolzen Bogel. Da sinkt der K rp cr< lich. Es ist, als zogen ihn kräftige Arme hinab. Bon gch aus
tönt ein leises Gurgeln: wie die Sprache der Moorgei ter le ge, ihr Opfer freuen ...Und der Blick, der nach unten geht, 3*8 w
ringen Abstand vom Auge bis zur schwarzen Decke des jko 6en schon ergreifen die Hände die bargebotene Stange, -öejr oeffnungl
I Fangarmen des Moors! Allmählich schließt sich die klaff
spindeldürren Herrn, der sich wie schadenfroh unaufhörlich die ungeheuren Hände rieb, noch vor sich stehen.
Verehrteste Frau Rätin," näselte er, „nehmen Sie mir um Gottes mitten den Amandus wieder ab. Der Junge ärgert mir sie Schwindsucht 7n den Hals Hat man so etwas schon erlebt? An einer lumpigen Faktura schreibt der Amandus einen halben Bormittag. Beim elnfachsten Geschäftsbrief aber schlägt er sich mit soviel Bedenken herum, daß er schließlich ganz den Faden verliert. Es ist um aus der Haut ju fahren. 2Birb sein Lebtag fein Kaufmann, der Amandus, der Silbenstecher. In dem steckt der leibhaftige Schulmeister oder sonst eine Große. Tut mir sebr leid aber ich kann ihn nicht gebrauchen, den Amandus. Einige Tage pater kehrte Amandus, der ein steinreicher Mann werden wolltesuruck . ^mer$en und streckte die Füße unter der Mutter Tisch. Die Ratm hatte nun mit > steckte dem Gmnnasialdireftor eine lange Konferenz. Die Folge davon roat, daß Amandus wieder auf der Schulbank Platz nahm um das Reifezeugnis i für die Universität zu erlangen. Ein rastloser Eifer tpeb ityn oorroarts. Nach zwei Schuljahren wurde er als ötubent ber Philologie und aW ©tipenbiat auf ber Landesuniversität immatrikuliert. Die Voraussage des Herrn Finkhoff senior war vollkommen richtig. Amandus bewahrte sich als tüchtiger Philologe, der seine Staatsprüfung „summa cum laude be= »and Die Rätin ließ sich mit mütterlichem Stolze zu den Erfolgen ihres Sohnes Glück wünschen, aber eine schwere Sorge bedruckte ihr Gemüt, j Die fieberhafte Hast, mit der Amandus seine Studien betrieben, batten feine Gesundheit erschüttert und alle Lebenskraft schien aus dem bleichen Lfuicbterncn Gesellen entwichen. Aufrichtige Freunde drangen daraus, Ut lang den Überreizten Kopfnerven Ruhe gönne und in der weiten Welt unter veränderten Lebensbedingungen sein Heil suche. Durch VermitUung des Rektors der Universität kam ihm der erwünschte Antrag, im Hause des Grasen Orlowski in Odessa eine Houofehrerstelle
I Ihn «i Mil komischem P.ch°- >«.,
Literatur 'zu halten. Graf Orlowski lebte in Saus und Braus, und man | » ein lukullisches Mahl. Höre und staune! Tomatensuppe, chuhn mit
wußte, bah er stark verschuldet war. Ueber kurz oder lang I Reis und zum Schluß eine delikate Zitronenspeise! Herz, was willst
Wellen über ihm zusammenschlagen, nur ein „Coup konnte ihn retten. -
Dazu war Komtesse Sonja auserfehen, die der gewissenlose Vater zwingen w7lltt,d7n Bewerbungen des 'reichen Setreidehändlers Dimitri Niwanoff Gehör zu schenken. ,
Cher papa," sagte die schöne Sonja, indem sie mit ihrer Reitgerte bie’ßuft peitschte, „ich bewundere Ihre Liberalität. Sie wollen Ihre Grasenfrone auf die Getreidesäcke des Herrn Niwanosf heften. Ich erkläre Ihnen jedoch, baß ich biesen scheußlichen Dimitri hasse wie die Sunde. „vv.„ .. Der einzige Mann, an dem ich bis jetzt Gefallen gefunden habe, ist unser | hem Gral Hauslehrer, Doktor Amandus Kittelmann!" 1 6
^Unb Sonja wandte sich verächtlich von ihrem Vater ab. Der Graf
gab unmittelbar darauf {einem Hauslehrer bett Laufpaß. Da ftanb ber I Hsr^sl ttlt HochM005.
gute Amandus zitternd und frierend im Getriebe des Hafens ”0’} ^beff | Bon Edmund Scharrein.
LhsVer Lanberung das Geleit gegeben hatte an uns oorbet Sann tauckt er zwischen Erlen unb Birken unter. Stille umfangt uns. vk Sprache des Wassers, diese geheimnisvolle Sprache ist alles, was das


