GehenekZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1928
Vienstag, den 2. Gitsber
Nummer 19
Herr von RibbeÄ auf Ribbeck.
Von Theodor Fontane.
Ribbeck auf Ribbeck im HavMand, ton Birnbaum in seinem Tarten stand. Und kam die gvidne Herbsteszeit.
Und die Birnen leuchteten weit und breit Da stopfte, wenn's Mittag vom Turms scholl Der von Mbbeck sich beide Taschen voll. Und kam in Pantinen ein Jung« daher. So rief er: „Junge, wist 'ne Beer?" Und kam ein Mädel, so rief er: „Lütt Dirn, Kumm man röwer, ik hew 'ne Birn." So ging es viel Jahre, bis lobeiam, Mbbeck auf Ribbeck M sterben kam.
Er stchits sein Ende, 's war Herbsteszeist Wieder lachten die Birnen weit und breit. Da sagt von Ribbeck: ,Jch scheide nun ab, -Legt mir eine Birne mit ins Grab."
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachbaus, Trugen von Ribbeck sie hinaus. Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht Sangen: „Jesus, meine Zuversicht", Und die Kmder klagten, das Herze schwer, „He is dod nn. Wer giwt uns nu 'ne Beer?" So klagten di« Kinder. Das war nicht recht, Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht, Der neue freilich, der knausert und spart, Halt Park und Birnbaum strenge verwahrt; Aber der alte, vorahnend schon. Und voll Mißtrauen gegen den eigenen Sohn, Der wußte genau, was damals er tat, Als um eine Birne ins Grab er bat, Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.
Und die Jahre gehen wohl auf und ab, Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab, Und in der goldenen Herbsteszeit Leuchtet's wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung übern Kirchhof her, So flüstert's im Baume: „Wiste ’ne Beer?" Und kommt ein Mädel, so flüstert's: „Lütt Dirn, Kumm man röwer, ik gew di 'ne Birn." So spendet Segen noch immer die Hand Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.
irein!"
Die Wasserkur
Bon Alfred Bock.
„Mo rjen, Frau Rätin!"
„Morsen, Herr Doktor!"
»Ast Amandus zu Hause?"
’k er ist auf der Bibliothek. Treten Sie doch näher."
,..~°'tor' der die Tür nur ein wenig geöffnet hatte, schob seine ^i'erfulle behutsam durch den Spalt und steuerte auf den Plast zu, den 'N die Statut anwies.
»Am Vertrauen gesagt, Frau Rätin —*
»Nun, Herr Doktor?"
»Amandus war bei mir."
"W° doch! Wann war er bei Ihnen?"
„Gestern, in der Sprechstunde."
bestätigt sich meine Vermutung, er muß sich sehr elend fühlen."
"^oeaiis schließen Sie das, Frau Rätin?"
„Es smd noch keine acht Tage her, da schwur er, auf dieser Welt werde Arzt mehr befragen
»weil ihm doch keiner helfen könne."
„aa, das waren seine eigenen Worte."
"w dürfen das nicht so tragisch nehmen, Frau Rätin." '
„was halten Sie von seinem Zustand?"
»amandus ist Neurastheniker. Alle Symptome deuten darauf hin."
-Das,st sehr traurig." -
beik^ V-r. er9ie besitzt und jetzt gleich etwas für sich tut, bürge ich
»ich" "'"Ligen körperlichen Verfassung dafür, daß er wieder gesund
dem Arzt hat man kein Geheimnis. Ich muß Ihnen kummervoll hier im Hause geht das mit Amandus nicht mehr so weiter.
,Er
fuhr, im Grunde war
über klar zu sein, welchen Beruf er“ en gewähren. Den „Einjährigen" in der. Söhne in Frankfurt a. M. ein, die Handlung zi faßte ssch mit dem Vertrieb ätherischer Oele und hatte an mehrer« paischen Handelszentren Zweigniederlassungen. Der hoffnungsvolle junge Kaufmann schien da vortrefflich untergebracht. Nach einem halben Jahre erschien Finkhoff senior selbst bei der Rätin. Sie sah den langen,
Tillr und ich gebrauchen die größten Rücksichten gegen ihn. An seinem ^beitsZlMmer schleichen wir nur auf de» Zehen vorüber. Das geringste Geräusch macht ihn wütend. Wir verpflegen ihn mit aller Sorgfalt, allein t £aufi-9t°rl' £QVr bei Tisch keinen Bissen berühr"
Da sitzt man dabei und weint sich die Augen aus dem Kopf. Und nun diese
Cb-be srem Estchere Sie, man muß jedes Wort bei
ihm ai.fb.e Waagschale legen. Wir zittern vor ihm, wir sind förmlich angcjtcat —
„Vergessen
Aufgabe, mit
gessen Sie nicht, Frau Rätin, er ist krank, und es ist eine schwere :, mti solchen Patienten auszukommen."
, .. dauert mich furchtbar." Aber fragt man ihn teilnahmooll: „Was
fehlt dir? so antwortete er höchst aufgebracht: „Nichts, gar nichts" h» ra§ln Sie ihm bei der ersten Gelegenheit, Imandus,
du stehst blühend, du stehst prächtig aus', ich bin sicher, er wird den Spieß umkehren und Ihnen hundert Krankheiten aufzählen, die ihn peinigen?
„Gott weiß, was das geben soll. Und an dem ganzen Unglück ist memer Ansicht nach nur diese verhängnisvolle Geschichte der Rutschen Romans im achtzehnten Jahrhundert schuld."
„Wie lange arbeitet er an dem Buch?"
Jahre und. denken Sie, Tag für Tag vier bis fünf Stunden." "®as bann allerdings einen Riesen herunterbringen."
„Was haben Sie ihm verordnet, Herr Doktor?"
„Sechs Wochen Wilhelmsbad."
„Asso kaltes Wasser —"
"Rm bcfLÜte' Frstu Rätin tone leichte, vernünftige Wasserkur."
„Will er denn wirklich reifen?"
„Er hat mir's versprochen."
„Na, ich glaube noch nicht daran, er ist so entschlußlos."
"Ä ihm in aller Ruhe und Freundschaft den Standpun» klar« herausmuß »Wei i baB er unbedingt aus dem gewohnten Gleis«
„Ich bin Ihnen jedenfalls sehr dankbar, Herr Doktor "
„Ich gebe Amandus einen Brief mit an den dirigierenden Arzt. Sorgen «ie nur dafür, daß er keine Bücher mitnimmt."
„Das überwacht Tilli."
, t »Unö verraten Sie mit keiner Silbe, daß ich hier war. Er vermutet sofort em Komplott, macht uns einen Strich durch die Rechnung und bleibt am Ende hier!"
„Ich werde schweigen, Herr Doktor."
, -He brauchen gar nicht so schwarz zu sehen, Frau Rätin. Ihr Sohn A'A. d<e Krankheit des zwanzigsten Jahrhunderts, und er teilt dieses Schmial mit vielen Taufenden. Uebrigens wirkt bei Neurasthenikern eine Sßafferfur oft ffiunöer, und ich bin fest überzeugt, daß Amandus als ganz anderer Mensch zuruckkehrt."
„Wollte Gott, Sie behielten recht, Herr Doktor."
„Leden Sie wohl, Frau Rätin!" „Auf Wiedersehen, Herr Doktor!"
Die Rätin begab sich wieder an ihre Arbeit, die der Besuch des Doktors unterbrochen hatte, und stäubte die Möbel, di« Bilder und Nippsachen im Wohnzimmer ab. Dabei kam sie an ihr Schreibtischchen, auf dem in zierlichem Nahmen die Kabinettphotographie ihres Sohnes stand. Sie nahm das Bild zur Hand, das vor langen Jahren ausgenommen worden war, ukid ihre Augen füllten sich mit Tränen. Wie hatte er sich verändert, der gute Amandus! Die braune Lockenfülle war stark gelichtet, auf der weihen, schön gewölbten Stirn hatten sich allerlei Falten eingenistet und der keck-frohliche Ausdruck im Gesicht des Jünglings, der das Mutterherz so oft erquickt, war von einem düsteren Ernst verdrängt worden. Wie alt war er deniy der gute Amandus? Just sechsunddreißig! Und schlich wie em lebensmüder Greis dahin. Wenn er doch in keiner festen Haut steckte? War nicht sein Vater auch so jäh dahingegangen? Mitten in einer Schoffengerichtssttzung hatte den Amtsgerichtsrat der Schlag gerührt. Aber das war kein Kopfhänger, der Selige, im Gegenteil, ein Lebemann. Der hielt auf einen guten Tisch und in seinem Keller fanden die Edel- sprossen vom Rhein und von der Mosel liebevolle Behandlung. Eigentlich jubilierte man in den Tag hinein. „Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht", mar das Leiblied des Seligen. Als er gestorben war freilich bet Amtsgerichtsrats Schmalhans Küchenmeister. „Weißt du, sagte damals der Obersekundaner Amandus zu der trübselig drein- schauenden Mutter, „ich will Kaufmann werden und ein steinreicher Mann dazu." Das war so eine Idee, die dem Jungen durch den Kopf n Grunde war er noch viel zu unreif und unfertig, um sich bar« m ' ’rgreifen solle. Die Mutter ließ ihn Tasche, trat Amandus bei Finkhoff 1« erlernen. Das Haus be- hatte an mehreren eure«


