fahren wollte, um i zu übernehmen, schlug so unglücklich gegen Di
Linden" wiederspiegelte.
Und doch sollten die „Linden" im Mai und Juni des Jahres 1878 j der Schauplatz zweier die ganz« gesittete Welt erregender Ereignisse roei> den — der beiden Attentate aus.den damals schon im f “ °"1"' stehenden unvergeßlichen Kaiser Wilhelm I. "
Die Anschläge auf Kaiser Wilhelm I.
Persönliche Erinnerungen ;um 2. Juni.
Von Felix Baumann.
Die deutsche Reichshauptstadt vor fünfzig Jahren — als Berlin noch Berlin war, das markige Bild des friderizianischen Berlin vom Denkmal Friedrichs des Großen bis zum Schloß noch nicht die späteren Veränderungen aufwies, der Dom in seiner urspünglichen Gestalt stand, die neue Königliche Bibliothek an Stelle der alten Akademie noch nicht errichtet war, keine elektrische Straßenbahn durch die Straßen sauste, keine Automobile und Untergrundbahnen oder Motorräder das Leben zur Hast antrieben und keine „Wolkenkavallerie" alias Flugzeuge über den Köpfen surrten, und die Blicke nach oben zogen. Kurz und gut, das friedliche Berlin einer lieben, guten, alten Zeit, ein Bild, das sich auch „Unter den
ä s WWE?
FLnfzigmarklchein heraus. Ben er mit einer hastig gemurmelten Ent- -VA chu ™tT«S*« hast- diele. End-
noch immer nicht in seinen Gedankenkreis einbegriffen und nahm den Nrn im Pelz mit neuer Erstaunung wahr - daß der -m wemg ärgerlich noch einen Fünszigmarkschein zulegte und mit unsicherer Verbeugung nach seinem Wagen zurückging.
Er war ein Maler und darum nur von außen an den Erschei- nunaen interessiert, nach dem Problem von ihrer Form und Farbe im Licht, und also auch hierin das Gegenteil von diesem Dichter der überall nur Hüllen um das Geheimnis der Seele sah; was für em schöner Altmännerkops, fast ein Prophet, doch keiner von der derben Petrusfigur mehr ein Johannes, der alternde Johannes dachte er, >n- dem er ®bie Maschine ankurbelte, und als er danach seine Lederhand, sckube am Messinqsteuer sah: was sind das doch sur Hande gewesen, init denen er die Scheine nicht nehmen wollte! Wie auf Eko nstchen Bildern die der Heiligen sind, nur voch viel feiner in ihrer Wirklichkeit.
Er schämte sich, daß er auf unzarte Weise Geld in diese Hände ge- leat batte und fuhr mit der Verstimmung weiter, selber abhängig vom Reichtum'zu sein mit all der scheinbaren "Selbstherrlichkeit seiner Kunst.
Der andere stand noch immer mit seinen Geldscheinen bei bem toten Hund, weil er nicht fähig war, die äußeren Zusammenhange dieser Ding- zu begreifen. Wenn ich nur mutzte, wem der Hund gehört! Er sagte es zwar leise, doch mit den Lippen, und sah sich um, ob nicht der Eigentümer Herkommen würde, und wartete eine 3eitl«ng wirklich daraus Doch wehte nur vom Rhein herauf der nässende Schnee und hatte chon um seine Füße zwei weiße Rillen quer in den Schlamm gezogen Er suhlte kein Mitleid mit dem Tier, obwohl er niemals wissentlich auf eine Ameise ober ein abgewehtes Blatt trat, denn es war tot, er bachte nur in einer Ahnung des eigenen halbzerstörten Körpers, daß der auch einmal im Blute daliegen könnte.
Doch rührte ihn auch das nicht an, weil er das ungelöfte Nätscl des neuen Papiergeldes noch in den Händen hielt. Es wurde 'hm zu kalt, in durchweichten Schuhen dazustehen; so legte er dem toten Hund die Scheine unter den zottigen Kops, der ganz geblieben war und ihn mit halbverschneiten Augen für das Geschenk noch anzublinzeln schien. Für einen Augenblick verwirrte das Ereignis seinen Sinn der hungrig war und noch nicht wußte, ob ihm der Abend etwas zu essen gab — die Scheine wurden ihm zum lächerlichen Sinnbild, und er gab sie nun ins Geheimnis der Welt zurück, aus dem sie versehen! ich in {eine Hände gekommen waren. Dann mußte er mit heiterer Milde sich selbst belächeln was für Scherze aus einem menschlichen Gehirn zu blühen vermöckten; er schlug die Hände in den Mantel und ging, von dem Erlebnis und dem Hund wie von dem Gelds befreit, durch Dreck und Nässe und wehenden Schnee in seinen Segelluchschuhen die dunkle Straße weiter. .... ...»
Er wurde aber die Sache so schnell nicht los, weil ihn nun eine neue Kette von Gedanken übersiel: wie seltsam es doch wäre, daß ein bedrucktes Papier die Antwartschaft auf Essen, Trinken, Lesen und andere Genüsse der Welt zu geben vermöchte, weil auch das Feinste irgendwie mit der Bezahlung zusammenhinge. So eingenommen war er von dieser Menschensache, daß es ihn fast traurig machte, wie er am Bahnübergang die dunklen Umrisse der Vorstadthäuser und die grellen Lichter der Fabriken als die Zeugen dieser menschlichen Geldwirtschast sah. Dann aber stieg eine große Heiterkeit in ihm auf, weil er sich selber durch das Geheimnis seiner Bedürfnislosigkeit von bem Zwang der Bezahlung frei fühlte. . ,
Unb so kam es, daß die listige Weisheit des Dichters ganz um enücirtct auch einen Äustveg aus ben inneren flöten in ben Bereich des Göttlichen zurücksand; denn wie er mit den Siebenmeilenstiefeln dieser Freiheit auch die anderen Grenzen seiner menschlichen Gebundenheit ablies, fand er die Lösung, als ob sie auf ihn wartend im Kohlenschlamm der Straße gelegen hätte: daß die Seele nicht unlöslich an ihr menschliches Bewußtsein gebunden wäre, daß sie für Augenblicke alle Gedankenketten von Tag und Welt und Gott samt ihrer fremden Gefühlslast abftreifen unb irgendwie doch in das Unbedachte zurück- fchlüpfen könnte, um ihren eigenen Nöten fremd wie dieser Hund unb also außer sich endlich bei Gott zu sein.
Als der greife Monarch, in Begleitung seiner Tochter, ber Groß. Herzogin von Baden, auf einer Spazierfahrt begriffen, am 11. Mai nach, mittags gegen 3.30 Uhr das Haus der Russ'schenBotchaft passierte, feuerte vom Mittelweg ber „Linden", hinter einer dort haltenden Droscht« hervor ber 19jährige Klempnergeselle Max Hobel aus Leipzig zwei Revolverschiiste auf ihn ab. Der Mordbube verfehlte glücklicherweise sein Ziel und konnte von dem ihm nacheilenden Leibiager des Kaisers ergriffen werden. Schon nach kurzer Zeit hatten sich die friedlichen „Linden in ein wogendes entrüstetes Menschenmeer verwandelt, das dem Palais zu. strebte, um bem von ben Kugeln des verkommenen Burschen bewahrt gebliebenen Herrscher begeisterte Ovationen darzubringen.
Am nächsten Morgen, einem Sonntage, sah ich den Kaiser in feinem historischen Eckfenster und später beim Gottesdienst im Dom, wo er bei der Verlesung der Bibelworte seitens des Oberhofpredtgers Soge l „Tut Ehre jedermann. Habt die Brüder lieb. Fürchtet Gott, g^ret benJftonig bas Taschentuch gegen die Augen drückte und das Haupt hinter der Säule der Hofloge barg. Waren bem Kaiser schon auf ber Fahrt nach und von dem Dom stürmische Huldigungen zuteil geworden so erreichten die e ihren Höhepunkt als er sich gegen 1 Uhr mittags vom Palais zu einem Besuche des meiningschen Erbprinzenpaares in Potsdam naaj bem Jßotsbamw Bahnhof begab. Für den kaiserlichen Wagen — ber Monarch hielt ein großes Maiblumenbukett in ben Händen — konnte nur aus ber Sud- feite ber „Linden" eine schmale Gasse freigehalten werden, die Fahck " Der Mo rntt^Mai "chll!e^>uchi ohne ein zweites die Welt erregendes Ereignis vergehen. Am 31. Mai stießen in der Nahe von Folkestone bie deutschen Panzerschiffe „König Wilhelm" unb „Großer Kurfurft zusann men, wobei der letztere unterging unb 274 Mann der Besatzung den Tod in den Wellen fanben. Es war ein harter Schlag sur die damals noch junge deutsche Marine, und ganz Deutschland stanb >m Zeichen der Traun Dock diese auf einen unglücklichen Zufall zuruckzusuhrende . .ataftrophe wurde kurz darauf, am 2. Juni einem strahlenden Sommertage durch das die aanxe °!ffielt mit Abscheu erfüllende, zweite Attentat auf Kaiser Wilhelm in den Hintergrund gedrängt.'Äder auch diesmal entging d» Sliühriae Monarch bem Tobe, obwohl es dem Attentäter gelang, ihn durch zw« Schrotschüsse schwer, wenn auch nicht lebensgesährlich, zu verwun en Der Verbrecher,ber am 10. April 1848 in Kolno bei Birnbaum (Posen, aeborene Dr phil. und Landwirt Karl Eduard Rod iking, der sruher als Hilsarbeiter im König!. Statistischen Amt m Dre5ben be!d)afttgt war unb einer höchst achtbaren Familie entstammte, feuerte kurz nach 2. Ufji aus dem Fenster feines in ber zweiten Etage des Hauses Unter den Linden 18 gelegenen Zimmers aus einer Schrotstinte zwei Schuhe ans den im offenen Wagen vorüberfahrenden Monarchen ab, wodurch dieser durch etwa 30 Schrotkörner an beiden Wangen, Armen unb lw Rucken verwundet wurde. Da mein Bruder unb ich unmittelbar nach dem Attentat aus dem Schauplatz des Verbrechens anlangten, so wurden Mi Zeugen der 'Vorgänge, die sich nach der Tat abspielten. Und obwohl d°> tnals erst 10 Jahre alt und seitdem 50 A-ihre verstoßen sind, habe ich alle Einzelheiten doch genau in Der Erinnerung behalten.
Wir hatten, wie öfters, an jenem Sonntage mit Kameraden m Tiergarten Trapper und Indianer" gespielt und befanden uns aus da Heimwege nach unserer in der Luisenstraße befindlichen Wohnung, als wir kurz nach dem Einbiegen von ben „Linden in die Neue Wilhe - straße durch zwei aufeinanderfolgende laute: Detonationen erschreckt w - ben Beim Umblicken gewahrten wir die Leute die „Linden herunter laufen. Wir nach, und als wir die Neustädtische Kirchstraße erre ch er, kam uns von ber Südseite der „Linden" in langsamer Fahrt ber t* liche Wagen entgegen, in besten Fond ber im Gesicht blutende Kai mit halb geschlossenen Augen an der Schulter bes neben ihm W> ben, ihn mit den Armen umfastenden Le>b,agers lehnte. Als der W g in die Nordseite ber „Linden" embog um nach dem Palais zuruW kehren drängte uns ein berittener Schutzmann zur Seite. Der Wag fuhr bis zur Friedrichstraße und auf der Südseite ber „Linden " Menge versuchte bas Haus Nr. 18 zu sturmen, um sich des zu bemächtigen. Doch ein Ulanenoff.zier und mehrere ^wüsten M die Leute von dem Eindringen in den Hausflur zurück. Plotzl.ch -R ein am Kinn und Hals stark blutender Herr am Hause.ngange, be. » Anblick die Menge in dem Glauben, den Verbrecher vor sich 3U V , wie besessen schrke: „Haut den Hund tot!" Der Betreffende war jA der Besitzer des dem Hause gegenüber gelegenen „Lindenhotels, J) feuer, der Augenzeuge der Tat gewesen, über die Straß tn Haus geeilt war, die verriegelte Tur zu dem Zirner Nobümgs gedrückt hatte und von diesem durch einen Revolverschuh schwe.^ wundet worben war, woraus der Attentäter sich'selbst «neKugtt Kopf jagte. Holtfeuer wurde schleunigst in den sich >m Hause I Schasferschen Laden gebracht, wo man ihn verband. . w
Das Erscheinen eines Offiziers (Premierleutnan v W>ly°.^ vom 83. Inf.-Reg.), ber als erster den Verbrecher unschädlich g , hatte, am Fenster des Nobilinaschen Zimmers von wo « »
stehenden die Flinte und den Revolver des Attentäters zeigte,Jen Aufmerksamkeit von Holtfeuer ab. Und da inzwischen ein st n«^ gebot von Schutzleuten zu Pferde und zu Fuß «ngetross etwas Ordnung ein, die jedoch beim Erscheinen bes „ _ erre# wieder aus ben Fugen ging. Denn bte letzt auf das ”u¥ r' Menge drängte von neuem nach vorne unb erging sich m o Verwünschungen gegen den Attentäter. Die Lage begann rtW? »([5 w ben. Da dämpfte ein trauriger Zwischenfall bte allgemeine Aw „Grüne Wagen" mit ben unruhig gewordenen Ißferöen in
im Hof zu wenden und den verwundeten lug der Kutscher auf feinem hohen Sitz nu ° so unglücklich gegen Das oben an der Einfahrt angebr) Ereignisse wer- i sich im Hause befindenden Landvogtschen Restaurants^ datz nQ(f) »t» biblischen Alter | nach hinten sank und mit einer chweren Schadelverletz ng W | Augustahospital geschafft werden mußte. Pferde und Wag-'


