Ausgabe 
1.9.1928
 
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»Pfui!" sagte der Pfarrer.Hoffentlich doch nicht wahrend der Predigt?"

Wenn wir ihnen doch nur helfen könnten!" fuhr sie fort.Ja, wir wollen zusammen hingehen. Die L-ache erfordert große Vorsicht."

Du!" rief der Pfarrer aus.Das würde dich gewiß überanstrengen. Du kannst ja nicht halb so weit gehen."

Sie blickte zu ihin hinüber und dachte nach.

Doch, ich kann es," sagte sie.Ja, ich kann es. Der Nachmittag ist so schön. Laß uns gehen."

Wenige Minuten später brachen sie auf. Die zarte, kleine Dame hielt sich tapfer auf der schnurgeraden Landstraße.

Die Witwe war beim Schweinefüttern. Ohne irgendwie aus der Fassung zu geraten, bat sie ihre Gäste, Platz zu nehmen, während sie hinausging, um sich die Hände zu waschen.

Du bist sicherlich schon ganz erschöpft", sagte der Pfarrer zu seiner Schwester, die er ängstlich beobachtete.

Nein, nein", erwiderte sie mit schwacher Stimme.Wie still es hier ist. Ueberall Frieden sogar im Gesicht der Frau."

Ja, sie muß sehr einsam sein. Da kommt sie. Frau Quint, ich habe eine wichtige Sache mit Ihnen zu besprechen. Sie haben gewiß schon von demBlauen Band" gehört."

Rein, Herr Pfarrer," entgegnete die Witwe,aber heute gibt es ja so viele Anzeigen."

Dies ist keine Anzeige. Es ist eine Vereinigung."

Zum Geburtstag der Königin?" fragte die Witwe.

Durchaus nicht", entgegnete der Pfarrer mit einiger Schärfe.

Ich bitte um Verzeihung", sagte die Witwe demütig.Ich hatte irgend etwas von einem Fest am Geburtstag der Königin gehört. Dann muß es wohl etwas anderes sein."

Allerdings", erwiderte der Pfarrer.DasBlaue Band" ist eine Vereinigung zur Unterdrückung der Trunksucht. Aber ich vergaß Sie wissen ja nichts von den liebeln, die durch Unmäßigkeit verursacht werden."

Ich glaube doch", versetzte die Witwe leise, denn plötzlich stand jener Wintermorgen vor ihrer Seele, an -dem man ihren Mann tot nach Hause gebracht hatte.

Hm!" Fräulein Petronella warf ihrem Bruder einen Blick zu.

O ja, natürlich. Das tun wir alle. Der Alkoholteufel ist ja der Fluch unseres Landes. Sehr wahr, Frau Quint. Es freut mich/daß Sie dis Sache so verständig auffassen. Sie wissen wohl, was man unter der Unterzeichnung des Gelübdes versteht?"

Das Versprechen, nie im Leben einen Tropfen Alkohol anzurühren." Die Witwe unterdrückte ein Gähnen.

Ganz recht", meinte der Pfarrer befriedigt.Es ist eine Sache, bei der wir alle mithelfen können. S i e müssen das Gelübde unter­zeichnen, Frau Quint."

Ich?" rief die Witwe entrüstet aus.

Ja. Ebenso wie ich es getan habe."

ich weih gar nicht, was Sie

.Blauen

Der,Pfarrer war unruhig auf seinem Stuhl hin und her gerückt.

0tbt tnt ßebeit Augenblicke, Petronella," begann er,in denen man suhlt, daß Schwelgen ein Teilhaben an Schuld bedeuten würde. Mag es mich oder andere kosten, was es will, als Pfarrer dieser Gemeinde

Sie? Na, Herr Pfarrer, das hätte ich nie von Ihnen gedacht. Aber ich denke mir, es wird auf der Universität angefangen haben. Mein Vetter in Utrecht sagt, es wäre fürchterlich, wie auf der Universität ge­trunken würde. Aber was mich angeht ich weiß gar nicht, was Sie sich denken, Herr Pfarrer! Ich habe in meinem ganzen Leben keinen Tropfen Alkohol angerührt!"

Sie stand auf. Ihre braunen Augen flammten.

Das sind gerade die, mit denen wir anfangen", sagte der Pfarrer freundlich, ohne die Anspielung auf ihn selbst zu begreifen.Neun Zehntel unserer Mitglieder sind hochgestellte, junge Damen, die nicht imstande sein würden, Madeira von Genever zu unterscheiden. Das sind gerade die Leute, die wir brauchen, Frau Quint, um um ein Beispiel zu geben. Da ist z. B. Ihr Sohn Sie müssen Ihren ganzen Einfluß aufwenden, um Isaak zum Anlegen de Bandes" zu bewegen."

Niemals", sagte die Witwe und setzte sich wieder.

Der Pfarrer, der nach einem Beifallszeichen seiner Schwester für seine Diplomatie ausgeschaut hatte, fuhr mit einem Ruck herum.

Was soll das heißen, Herr Pfarrer? Ich kann mir gar nicht vor­stellen, was Sie damit meinen? Ich weiß nicht, ob irgend jemand Isaak vielleicht verleumdet hat. Die Lüge würde ich ihm ins Gesicht werfen!"

Mit einemmal wurde sie wieder ruhig.Ich bitte um Entschuldi­gung", sagte sie.Es muß irgendein Mißverständnis sein. Der Junge ist ein anständiger Mensch, daß weiß niemand besser als ich. Und nie­mand kann behaupten, daß er trinkt. Isaak!"

Sie können doch wenigstens nicht behaupten wollen, daß Ihr Sohu Temperenzler ist", wandte der Pfarrer fast höhnisch ein.

»Nein, Herr Pfarrer. Ist irgend jemand das? Ich habe nie jemand gesehen, der es ist. Er trinkt gelegentlich einen Schnaps, wie alle Männer, und bei den Mahlzeiten Bier, ebenso wie ich. Herrgott, der Gedanke, ich sollte meinen Isaak so beleidigen, ihm zu sagen, er sollte das Gelübde ablegen!"

»Aber liebe Frau Quint, ich bin nie betrunken," warf die Schwester des Pfarrers milde ein,und doch bin ich in den Bund eingetreten. Wir tun das, um gegen die Gewohnheit des Trinkens zu protestieren."

Dann muß das so eine Idee von Damen und Herren sein, Fräulein, und ich habe nie vorgegeben, etwas von ihnen zu verstehen. Ich weiß nichts weiter, als daß der Pfarrer von mir verlangt, ich soll Isaak und den Ngchbarn sagen, daß ich ihn für einen Trunkenbold halte. Isaak! Ich! Herrgott! Herr Pfarrer, lassen tote uns bitte von etwas anderem sprechen. Möchten Sie vielleicht mein kleines braunes Schwein sehen, Fraulem?" ' ' '

bin ich verpflichtet, höchstes Interesse an der Wohlfahrt der Leute n, nehmen" 011

»Ja, ja, ganz recht!" rief Petronella sehr erregt.Und deshalb lab uns das kleine braune Schwein besehen."

Schwein? Es gibt keine ärgeren Schweine als die Menschen. Fra» Quint, hören Sie mich an. Was ich Ihnen zu sagen habe, wird Ihnen großen Schmerz bereiten. Meine gute Frau, ich appelliere an Ih^ Mut und Ihre christliche Ergebung. Ihr Sohn hat zweifellos viele vor­treffliche Eigenschaften. Aber er hat auch seine Fehler."

In diesem Augenblick hielt der Pfarrer inne und nahm, um seine Erregung zu verhehlen, eine Prise. Hätte er das nicht getan, so wäre das Schicksal der Witwe besiegelt gewesen. Aber die Unterbrechuna flößte ihr Mut ein. 9

Fräulein, darf ich etwas sagen?" begann sie schüchtern, indem sie die Hand aus ihr pochendes Herz drückte.Ich weiß, daß Isaak nicht voll­kommen ist. Fragen Sie ihn, ob ich ihn nicht in seiner Kindheit be­straft habe, wenn er sich nicht gut aufführte. Ich könnte jetzt über seine Fehler sprechen, ober wär' das recht von seiner Mutter? Ist es nötig daß andere mich auf seine wirklichen ober eingebildeten Laster auf­merksam machen?" Wieder erhob sie sich, mit einer edeln, zugleich ge­bieterischen und bittenden Gebärde.

Kommen Sie," sagte sie ruhig,lassen Sie uns hingehen und das kleine braune Schwein besehen."

Schon gut", schrie die Elster, die während der ganzen Unterhaltung aufmerksam zugehört hatte.

.Ja, lassen Sie uns gehen", stimmte die alte Jungfer ihr mit leiser Stimme bei.James, sie hat recht: Laß uns sie und ihren Sohn der Gnade Gottes überlassen."

-Es kommt mir zuweilen vor, als ob du dich für klüger als mich hieltest, Petronella", versetzte der Pfarrer gereizt.

Nein, gewiß nicht, lieber Bruder, ganz gewiß nicht. Für viel wenia-r weise! Ader"

Aber was? Nun, dann laß uns in Gottes Namen gehen, laß uns gehen! Wir haben keine Zeit für Besichtigungen. Du wirst ohnehin elend werden, Petronella. Ich hätte es nie zugeben dürfen. Aber du bringst mich dazu, dir immer den Willen zu tun."

Sobald die Witwe allein war, lief sie hinaus, um Luft zu schöpfen Ihr war zum Ersticken zumute, das Herz schlug gegen ihre Rippen.

Sie war weiter als sie wußte die Landstraße entlang gegangen, als sie Christine Brodel erblickte, die in einem kleinen abgelegenen Obst­garten mit Aepfelabnehmen beschäftigt war. Sie rief sie an und lies am Waldsaume entlang zu ihr hin.

In ihrer Empörung schüttete sie ihr Herz über den Besuch des Pfarrers aus und appellierte eifrig an das Mitgefühl des schweigsamen Mädchens.

Aber Christine, du bist ja ebenso wortkarg, wie die Leute es von mir behaupten. Mädchen, was hättest du getan, wenn der Pfarrer dir gesagt hätte, Isaak betränke sich."

Die Bauerntochter befühlte die Aepfel in ihrer Schürze.Ich würde den Beweis verlangt haben", erwiderte sie zögernd.Aber das hat der Pfarrer doch auch nicht gesagt, nicht wahr, Frau Quint?"

Nein, natürlich nicht", lautete die Antwort.Na, ich bin vielleicht, zu empfindlich! Aber wenn man das denkt lieber Gott, wenn man sich so etwas vorstellt! Mir wurde ganz schlecht."

Das junge Mädchen guckte ihr ins Gesicht.Sie sind nicht wohl", sagte Christine mit einer Wärme, in der all ihr unterdrücktes Mitgefühl Überquoll.Sie sollten zum Doktor gehen. Sie wissen, daß Sie nicht wohl sind, Frau Quint."

Oh, ich bin ganz gesund, nur mein Herz ist nicht mehr so kräftig wie früher, und dann komme ich leicht hinter den Atem. Ich wollte, Isaak wäre erst verheiratet. Mädchen, wenn er spät abends im Walde ist, guckt er nach deinem Fenster der dumme Junge!"

Hat er Ihnen das gesagt?" rief Christine.

Gesagt? Nein. 'Aber eine Mutter weiß Bescheid, das kannst du mir glauben. Guten Abend!"

Aber das Mädchen hielt sie zurück.Mutter Quint," sagte sie ein- dnnglkch'!Sie nennen unsere Namen doch nicht zusammen, nicht wahr.

Irgend etwas in Christinens Gesicht schlug in der Brust der Witwe Alarm.Was meinst du damit?" fragte sie ungestüm.Ist etwas nicht in Ordnung?"

Nein", erwiderte Christine leise.Das bilden Sie sich nur so ein. Nichts- ist in Unordnung und nichts in Ordnung."

,:Ach was, du verstehst nichts von Liebschaft. Um so besser! Ich weiß, daß Isaak verliebt ist. Aber vielleicht ist er's nicht in dich, Kind. Warum sollte er's auch? B'hüt dich Gott!" Und die beiden Frauen küßten sich.

Die allein bei ihren Aepfeln zurückgebliebene Christine trug den letzten Hausen mit müden Schritten und traurigen Augen zusammen. Aus dem Heimweg traten ihr ein paar unerwünschte Tränen aus den Augen. Sie hatte gerade eine abgeschüttelt, als ihr an einer Wegkrum- mung Tom Bunsing begegnete.

Ich hab' hier auf dich gewartet", sagte Tom.Ich sah, wie du ine alte Mutter Quint küßtest. Na, mach' nur kein erschrockenes Gesicht! tagen ja zwei Felder zwischen uns. Sag' mal, du hältst es doch wohl nicht noch immer mit diesem Hund von Isaak?"

Nein. Wie kannst du dich unterstehen, so mit mir zu sprechen? Laß mich vorbei!"

Sei nicht albern, Christine. Es gibt ebenso gute Fische in der See, wie je zuviel braus getrunken haben. Du weißt ebensogut wie ich, datz mein Vater froh fein würde, wenn ich mich auf dem Hof iiiederließe. Gönn' mir doch, daß ich mein Heil bei dir versuche!"

Laß mich vorbei!" rief sie, außer sich vor Zorn.Du du ^uo- dieb, du!" (Schluß folgt-)

Verantwortlich: Qr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.