Frühling herrschte und ein kühlender Zephyr vom Okeanos herüber- ivchte. Dort wohnte der blonde Rhadamanthys, und dorthin gelangten, ohne den Tod zu schauen, auch die Seelen derer, denen die Götter wohlgesinnt waren.
Die dumpfen Schreckbilder zu besiegen, war dem Kaiser A u g u st u s Vorbehalten. Er lichtete das geheimnisvolle Dunkel, ließ den dichten Wald um den See abholzen und die schauerliche Gegend in anmutige Kulturanlagen verwandeln. Er verband den Averner nut dem Lukriner See und weiterhin mit dem Meere und legte einen Kriegshafen, den Partus Julius an, dessen Bau er seinem großen Feldherrn und Ingenieur Agrippa übertrug. Horaz und Virgil preisen diesen Hafen als ein technisches Wunderwerk. Er versandete jedoch schnell und muhte dann durch den großartigen Hafen bei Miseum ersetzt werden. Ein gewaltiger vulkanischer Ausbruch schuf am 30. September 1538 den setzt erloschenen Krater des Monte Nuovo, zerstörte die noch vorhandenen Anlagen und füllte den Lukriner See zur Hälfte aus. Für den Geologen ist der Averner, der Lukrinersee und der Monte Nuovo weiter nichts als eine Reihe zusammengehöriger Vulkane, und was die Alten fabelten von der unergründlichen Tiefe des Averner Sees und von seinen giftigen Ausdünstungen, die vorüberfliegende Vögel töteten, entbehrt der Begründung. Nur sind die Ufer mit ihren Wein- rind Orangengärten der Malaria unterworfen.
Jetzt herrscht an dem vielbesungenen, geheimnisvollen See ein reges Leben. Die Archäologen haben sich seiner beinächtigt und veranstalten dort Ausgrabungen. Die Grotten und Gänge der großartigen Tunnel- anlagen des Portus Julius werden untersucht. Ich betrete einen dunklen, feuchten, in den Tuffsstein gehauenen altrömischcn Tunnel von mehr als hundert Meter Länge. Ein stickiger, feuchter Dunst steigt aus der Tiefe empor, und eine Fledermaus streift mit ihren Flügeln mein Gesicht, daß ich unwillkürlich zusammenzucke. Einige senkrechte Luftlöcher lassen hin und wieder spärliche Lichtstrahlen in die Grotte. Ein enger Gang führt seitwärts zu zwei kleinen Kammern. Der Boden der einen ist etwa einen Fuß hoch mit lauem Wasser bedeckt, das aus einer Quelle in der Nähe entspringt. Das Volk nennt den unheimlichen Ort das Tor der Unterwelt oder das Bad der Sibylle. Aber die berühmte Höhle der goiierfüllten Seherin mit den hundert Zugängen und Ausgängen ist es nicht. Die liegt am Burgselsen des benachbarten Kumä, unter dem Tempel des Apollo auf der unteren Burgterrasse.
Auch dort sind Ausgrabungen im Gange. Zur Zweitnusendjahrseier des Geburtstages Virgils am 5. Oktober 1930 wird geplant, die Orakelgrotte, die der Dichter so anschaulich in seiner Aeneis beschrieben, auszugraben und freizulegen. Wenn bis vor kurzem der Besucher den halb unter Gestrüpp versteckten Eingang und die Lage der Höhle nur ahnen konnte, so ergab die Ausgrabung, die Amedeo M a j u r i, der Oberintendant der Kunstdenkmäler Kampaniens, leitet, ein klares Bild der ganzen Anlage.. Die Aufräumungsarbeiten waren außerordentlich schwierig wegen der notwendigen Befestigung und Sicherung des Hangenden und wegen der ungeheueren Menge von Abbruchsmaterial, das zum Teil vom Apollotempcl, zum größeren Teil aber aus den Weingärten stammt, die auf den Abhängen des Burghügels von Kumä angelegt sind. Soweit sich bis jetzt die Ausräumung übersehen läßt, hat sich herausgcstellt, daß die grandiose Vision Virgils im sechsten Buche der Aeneis sich auf eine genaue Kenntnis der Oertlichkeit stützt. Nachdem mehr als dreitausend Kubikmeter Schutt weggeschasft waren, kam hinter einem 27 Meter langen, 4 Meter breiten und 5 Meter hohen in den lebendigen Tuffstein gehauenen Tunnel, dessen Wände mit großem Tuff- retikulat ausgemauert waren, eine gewaltige rechteckige Vorhalle von 15 Meter Höhe und 27 Meter Länge zum Vorschein. Nach Wegschaffen des in vielen Jahrhunderten seit der Aufgabe des Heiligtums ange- häusten Schuttes ergab sich das deutliche Bild dieser künstlich erweiterten Naturhähle. Die Seitenwände sind mit römischem Tuffziegelwerk (opus latericium) verkleidet. Auf der linken Seite sind noch vier Halbrunds Nischen, aus Tusfretikulat aufgemauert, sichtbar. Die gegenüberliegende Seite verdeckte eine Mauer, die man in späterer Zeit als Stütze einer vermutlich gleichen Rischenwand eingezogen hat. Mehrere Lichtschächte an der Decke, die verstopft waren und jetzt freigelegt sind, erhöhen den mystischen Eindruck dieser dämmerigen Halle. Sie sollten den Ratsuchenden aus das völlige Dunkel der nun folgenden Gänge vorbereiten, aus denen eben so viele Stimmen tönten, Antworten der Seherin: „Deus, ecce Deus".
Trotz der grausamen Zerstörungen unter N a r s e s, der hier die Koten belagerte, sind die Formen noch deutlich erkennbar. Auch als liugustus um 37 vor Christus die Grotte wiederherstellen lieh, hat kr die ursprüngliche Gestalt der Höhle beibehalten und sich damit be- Snügt, seine Ausbauten dem Naturcharakter anzupassen und dem Heilig- tum seine Weihe miederzugeben. Virgil selbst, der von 37 bis 30 in Neapel weilte, wo er seine „Georgien" schrieb, hat ohne Zweifel die ganze O»rtlichkeit genau studiert, um sie dann in seiner großartigen epijdjen Erzählung zu schildern. Und wie der sog. Pseudo-Justinus, ein christlicher Chronist des vierten Jahrhunderts, die Grotte beschreibt, als eine Art gewaltiger unterirdischer Basilika, so erscheint dieser Raum hoch heute. Dagegen können die kleinen Höhlen am Averner See, die vielfach bis in die neueste Zeit als die Stätte des berühmten Orakels angesehen wurden, sich auch nicht entfernt mit diesem großartigen, die Phantasie gesangennehmenden Raum messen. Auch die eingehende Beschreibung, die Agathias von den Einzelheiten der Belagerung der auf °sM Burgfelsen von Kumä verschanzten Goten im sechsten Jahrhundert Wt, wird durch die bisherigen Ergebnisse der Ausgrabungen bestätigt.
mn9Qn9 zur Orakelhöhle, dem verwundbarsten Teil des Burgfelsens, M Narses die große Bresche geschlagen, die ihm den Zugang zu der veste offnen follte.
- ,,^ar Leiter der Ausgrabungen datiert die Architektur der Grottenvor- Me in die Zeit nach den Bürgerkriegen, als Augustus durch und Coccejus jene großartigen Tunnel- und Hafen- ausführen ließ, deren bedeutendste der Durchbruch des Posilipo o oie Anlagen am Averner See sind. Noch sind die Arbeiten nicht ab-
> geschlossen, aber schon jetzt hat sich herausgestellt, daß sich hier ein Stollen öffnet, der auf totujen zu der Terrasse des Apollotempels oben auf der Burg hinaufführt. Auch dieser Tempel ist freigelegt, schon seit längerer Zeit. An der Ausgrabung der eigentlichen Orakelhöhle wird noch gearbeitet. Die Einzelfunde, von denen eine Kopie des Diome - des mit Künstlerinfchrift aus der Zeit Kaiser Hadrians, mehrere gute Bildnisköpfe, darunter ein ausgezeichnetes Porträt des Claudius, des Gemahls der Kölner Agrippina und zahlreiche Inschriften zu nennen sind, stammen aus dem Schutt des Apollotempels. Aber auch Geräte und Waffen der Steinzeit sind entdeckt worden. Das ganze unterirdische Heiligtum mit seinen zahlreichen Gängen und Lichtschächten entspricht genau der Schilderung Virgils, zu dessen zweitausendstem Geburtstage die Freilegungsarbeiten bestimmt abgeschlossen sein werden.
Die Mutter.
Novelle von Maarten M a a r t e n s.
(Fortsetzung.)
Als sie damit fertig war, stimmte er in ihr Gelächter ein.
„Haha! Sehr komisch!" sagte er.
Sie guckte über ihre Brillengläser weg zu ihm hin. Eine Sekunde lang stand ihm das Herz still. „Ja," sagte sie, „und ich sage, es geschieht ihm recht." ,
Mit einem Takt, wie er nur aus grenzenloser Zärtlichkeit erwächst, war er immerfort bestrebt, zu vermeiden, sich s e l b st zu verraten. Wie es oft bei Leuten der Fall ist, deren Trunksucht eine Krankheit ist, verlangte und entwickelte sein Körper nicht leicht Trunkenheit. Niemals — es sei denn zu später Nachtzeit — kam er berauscht nach Hause, und betrunken im landläufigen Sinn des Wortes war er nie. Obwohl er beständig Tabak kaute, bemerkte seine Mutter natürlich dann und roanife daß er Schnaps getrunken hatte. Ihr war niemals ein Mann vorge- kommen, der das nicht tat.
Als die Wochen verstrichen, und die Stürme sich legten, ohne den Hügelgipfel erreicht zu haben, zog wieder etwas wie Ruhe in Isaaks Brust ein. Es war doch schließlich eine alte Erfahrung, daß döse Gerüchte nur selten zu den beteiligten Personen durchdringen. Niemand, mit Ausnahme des Politikers, hat auch nur eine Ahnung davon, was Feinde und Freunde über ihn sagen. Wenn der Vorfall im Wirtshaus nicht gewesen wäre, würde Isaak wohl selbst an der Sache gezweifelt haben. Sein Herr hatte sie nie erwähnt. Nur der Oberförster hatte ihm einmal höhnisch gesagt, er möchte sich vorsehen.
So ging die Witwe denn Sonntag für Sonntag in ihren steifen Gewändern am Arm ihres Sohnes zur Kirche. Sie bemerkte zwar, daß die Leute stehen blieben und ihnen nachsahen, aber das hatten sie — ganz besonders die Frauen — von jeher getan. Sie lächelte vor sich hin. Wenn sie einem jungen Mann wie Isaak begegnet wäre, würde sie auch stillgestanden sein, um ihm nachzustarren.
Jan Bolt hatte die Wahrheit gesprochen, als er sagte, daß die Nachbarn ihre Achtbarkeit ehrten. Um ihr ein grausames und überflüssiges Leid zuzufllgen, hätte es starker Aufreizung bedurft. Der Mann, der ihre Schonung am höchsten anerkannte, verabscheute sich selbst, weil er sie nötig hatte. Noch nie hatte er so gegen den ererbten Fluch angekämpft, wie er cs während dieser Wochen tat, in denen ihn die ganze Welt verhöhnte. Jetzt mußte er ihn besiegen. Denn wenn die Wahrheit über sie hereinbrach, wie sie es eines Tages fraglos tun würde, und sie sich mit gebrochenem Herzen erheben würde, um ihm Vorwürfe zu machen, dann mußte er ihr antworten können, daß seine Schuld, wenn auch nicht seine Schande, der Vergangenheit angehörte. Er mußte siegen! Mele Wochen hindurch kämpfte er mit der Energie der Verzweiflung — um verzweifelt zu erliegen.
Da örach auch die letzte, schwache Hoffnung zusammen, und er ließ sich sinken. Es lag kein Grund mehr vor, sein Geheimnis vor irgend jemand anders, als feiner Mutter zu verhehlen. Er ging offenkundig ins Dorf, um sich Alkohol zu kaufen, und blieb da, um ihn auszutrinken. Es war angenehin, in Gesellschaft zu trinken und das Grauen in seinem Herzen zu vergessen — viel besser, als an regnerischen Winterabenden im Wald umherzuwanderii. Und einige von den jungen Leuten im Krug waren gar nicht so übel, wenn man sie näher kennenlernte. Die Lebensverhältnisse seiner Mutter hatten sie zu ungesellig gemacht. Was nützte es denn, den einsamen Hügel nie zu verlassen und wie ein Wiesel oder eine Eule zu leben? Tom Bunsing wußte treffliche Geschichten — wenn er wilddiebte, tat er es aus reiner Liebe zur Gefahr, eine Empfindung, die der Unterförster nachzufühlen vermochte. Isaak hatte ihm seinen Streich nie nachgetragen. Als Tom grinsend auf ihn zukam und sagte: „Komm, ich bin dir einen Schnaps schuldig, Quint!" da nahm der arme Kerl das Anerbieten mit einem scheinbar fröhlichen Lachen an.
Nun der Skandal seiner heimlichen Unmäßigkeit zu einer unbestrittenen Tatsache geworden war, hörte man in der Gegend allmählich auf, darüber zu reden. Doch eines Sonntags, als er von der Kanzel auf Mutter und Sohn herabsah, faßte der Pfarrer mit einemmal den Entschluß, „Maßnahmen zu ergreifen". Der Pfarrer war jetzt alt geworden und hielt sich noch immer für einen weisen Mann.
„Petronella," sagte er am Montag beim Mittagessen zu feiner unverheirateten Schwester, die bei ihm lebte, „Jfaak Quint muh das „Blaue Band" nehmen. Ich werde nachher hingehen und es feiner Mutter sagen."
„Seiner Mutter?" Die Schwester blickte auf. „Seiner Mutter? Aber James, bedenke doch, daß feine Mutter es nicht w e i ß!"
„Erstaunlich!" sagte der Pfarrer. „Ja, natürlich, das ist mir bekannt. Sie muß sehr blind fein."
„Liebe ist blind," sagte die kleine alte Dame und schüttelte ihre Pfropfenzieherlocken, „wenigstens bei ihr. Und bei ihm ist sie vorsorglich. Wie lieb mutz er sie haben! Ich kann es nicht lassen, sie in der Kirche zu beobachten."


