enthufiastmiert über sie urteilte.
Ein Mann erhob sich, ging zu einem Marmorblock, der an einen, metallischen Ständer ausgehängt war und sagte: „Meine Damen und Herrn die Ausführung der Oper Tannhäuser ist beendet. Aus Wiederhören in drei Minuten bei den neuesten Tagesnachrichten."
Unter den wenigen Personen, die im Ausnahmerauin den ganzen Abend über als Zuhörer anwesend waren, befand sich ein Funkkritiker. Er ging jetzt auf den Dirigenten zu und schüttelte ihm die Hand. Er ging zu den Sängern und unterhielt sich lebhaft mit ihnen. Als er dann später allein auf dem Nachhauseweg war, dachte er sich: Hunderttausende haben zugehört, «sie sind stumm. Einige von ihnen werden vielleicht an die Leitung der Sendestelle Briefe schreiben, und mitteilen, daß ihnen dies _ober das gefallen oder mißfallen habe. Die meisten aber werden in Schweigen verharren.
Ich aber kann, ich muh mich über diefe Aufführung öffentlich äußern. Wahrlich, cs ist ein verantwortungsvolles Amt, zu dem ich da berufen bin. Ist es nicht, als ob ich mit wenigen meiner Kollegen die Meinung
nÄ ist neu und voller Erwartungen und bisher ungekannter Möglichkeiten. All dies erfordert geistige Auseinandersetzung nut dem zu dem ich sprechen darf, mit meinem Leser, mindestens m den. gleichen Maße, zuweilen aber, wie mir scheint, in noch höherem, als >ede an Jrt£Her beendete der Rundfunkkririker seinen Monolog, gerade als er vor seinem Hause stand. Und ging rasch heraus, um noch ganzunkn y zu hören, was ihm die nächtliche Stunde aus dem tonenden Europa der Rundfunkwelt zutrug.
Neues vom Averner See rrnd von der Grotte der Sibylle. Bon Professor Dr. Walter Bomb e.
Ein kreisrundes, tiefes Wasser, das nur selten vom benW wird, von düster feierlicher Wirkung, das ist der2löerner va V den die Alten zum Mittelpunkt fast aller Sagen vom Schat em.«8, macht und mit einem unheimlich-poetischen Nimbus umgebe l> Die gespenstische Hekate die fernhin wirkende Go tim der die Spukgestalten aus der Tiefe emporschickte und nachts mit oen der Verstorbenen an den Kreuzwegen ihren grausigen Neige t- Hekate, die Stammutter der Circe, der Medea und der 5 ^äuiet rinnen des Altertums, die in stillen Mondnächten verzaub rr $r im Gebirge aufsuchten, Hekate hatte hier am User des . .“ „-en aus,
Heiligtum und ihren Geheimkult. Von hier sandte ste die 1 P । 6ur^ nächtliche, Menschen schreckende Gespenster, und die Lain> , allerlei Blendwerk Kinder und Jünglinge an sich lockten unv - Blut aussaugten. Hier hausten die unglücklichen Kimm 6jc schausonnenlosen Höhlen, hier flössen der Styx und der . Lr tapfere rigen Ströme der Unterwelt, und hier hat nach Vir g> «ngc- Aeneas, von der Sibylle geführt, seinen Gang in die » ewiger treten. Aber dicht daneben lagen die elysäischen «’cp -
von Hunderttausenden repräsentieren soll? Käme ich jetzt aus einer ricbtiaen Over, io wäre den ganzen Abend über der Kontakt zwischen Bühne und Zuhörern hcrgestellt; das vielköpfige Geschöpf „Publikum" hätte mit vielen Aeußerungen mehr oder minder deutlich m ,edem Augen, blick gezeigt, wie es reagiert. So aber bin ich einer der wenigen, dessen Meinung über diese Aufführung den Künstlern bekannt wird. Wahrlich, ein verantwortungsvolles Amt.
Meistens ziehe ich es ja vor, monologisierte er weiter, die Hebet. traaunq zu hören, an meinem Apparat und in meinen Zimmern, und nicht das Original. Und dennoch ist cs gut und notwendig, ab und zu einmal Aufführungen im Aufnahmeraum zu besuchen, schon deswegen, weil dann die Eigentümlichkeit der Funktion, die ich übernommen habe, mir besonders deutlich wird. . . .
Ich weiß noch, wie es war, als ich meine Tätigkeit ^gann, jetzt vor fast drei Jahren. Damals staunten alle über das technische Wunder; aber fo fragten sie verwundert, als ich von vornherein alles, was durch den Rundfunk gesagt wurde, mit größtem Ernst unter die Lupe nahm — was hat dies mit Kunst, was mit Wissenschaft, was mit wahren geistigen Werten zu tun! Gewiß, man könne sich über große Entfernungen hin verständlich machen, jetzt ohne Draht, noch vor kurzem mit Draht, aber der ganze Rundfunk sei doch gar nichts weiter als ein verbessertes Telephon! Diese und viele Einwände ähnlicher Art wurden damals gemacht; aber ich beharrte auf meiner Ansicht, daß es unmöglich für die Entscheidung über den Wert einer Kunstdarbietung, für die Einschätzung geistiger Mitteilungen überhaupt von so großer Bedeutung sein könne, auf welche Weise sie vermittelt wird; ob ich ste unmittelbar höre, im Konzertsaal oder in der Oper, im Vortragsraum, in einer festlichen Versammlung — oder ob sie durch die Erfindung des Drucks und nun durch die noch weit revolutionierendere des Rundfunks an mich weiter- ''^Technßchc Mängel. Run, sie werden durch die Entwicklung selbst behoben. Wie anders war es, als ich vor drei Jahren zum erstenmal am Kopfhörer eine Aufführung des Tannhäuser horte! Und wie staunte mancher von meinen Kollegen, als ich ihnen prophezeite, daß man chon nach wenigen Jahren Musik und Sprache ohne wesentliche Einbuße
i Ich erinnere mich, es gab erbitterte ästhetische Fehden damals, als ich behauptete, daß zum mindesten absolute Musik und das reine gesprochene Wort der lyrischen Dichtung und des Vorttags (im Drama ist s anders)
I des sichtbaren Eindrucks der Künstler nicht bedurften; daß der Rundfunk somit durchaus nicht in allen Fällen nur Surrogate liefere, sondern Eigenstes und Lebendigstes, das kritisch zu betrachten, um so, mehr ro - wendig wäre, als es sich hier nicht um esoterische Genüße einzelner Bevorzugter, sondern um die geistige Nahrung für l-dermann handelt Sah ich doch in manchen Konzertsälen bet moderner Musik Zuweilen im I ganzen dreißig bis vierzig Zuhörer und davon.waren die Halste Kri-
I Ernst der Kritik vonnöten, wenn dies Konzert, fei cs auch seiest mit I einigen Übrigens durchaus nicht wesentlichen Minderungen von Tausende»'gehört werden tonn?! Und gilt nicht das Gleiche von allem, was | der Rundfunk bringt — von Rezitationen, Dramenaustuhrunzco, von I Theaterkritikers und Vortragsreferenten birgt — ww viel spezifisches und Besonderes bringt sie außerdem mit sich! Muy ich doch meine Leser über all die neuen phonetischen Probleme aufklären und en scheiden, b die Technik in der geschicktesten und zweckmäßigsten We.se e ngeiefit ist, muß ich doch alle die Irrtümer derer widerlegen, d,e glauben, Der Künstler, der Vortragende brauche vor dem Mikrophon bloß zu Weder- I Hosen was er an anderer Stelle m der gleichen Weise geboten M
Nein, es gibt ja eine eigene Kunst des Rundfunks, zumal für den Spre- cher und für alle Gebiete der Dichtung; und das Horfpie wülfichmmr mehr zu einer eigenen Gattung entwickeln und erfordert ganz bcmitoere
war — Dutzende von Augen hatten es festgeftellt — unverletzt gewesen! Da erinnerte man sich, daß es in der Menge, als der Jüngste sich weigerte, an die Urne zu treten, „Zieh»!!!" gerufen hatte. Aus wessen Mund kam diese Stimme? Die Ruferin — denn aus einem tfnwenmunö mar sie hervorgegangen — konnte das Rätsel losen, sie allein. Wer I
So'stand bäld hernach dem jüngsten der Verschwörer Angeklagte | und Verteidigerin zugleich — Daraja auf der Tribüne und bekannte. I während des Schreibens habe ihr Vater sie plötzlich gefragt, wieviel I Blätter schon in der Urne lägen. Drei wären es gewesen. Sie habe jedoch „Zwei!" antworten müssen. Vor einer Woche hatte ste nicht gewußt, warum sie gegen ihren Willen handle. Seit ihrem schrei übet I die Köpfe der Menge hin aber wisse sie um den geheimen Sinn ihres I Tuns Richt Tod fei der Sinn des Lebens, sondern Leben, Leben. I Als ihr Vater, wie sie nun erkenne, vor Erschöpfung, nicht, wie sie in I der Rächt geglaubt habe, vor Müdigkeit eingeschlafen fei, habe ste Zeines der fünf Blätter, das, auf welchem von der .Hand des Balers „-tob! I gestanden hätte, aus der Urne genommen und vernichtet. Der Himmel I fei mit ihr im Bunde gewesen. Am Morgen vor der Versiegelung habe j der Vater nur gezählt: Vier! Ohne die Blätter zu entfalten. Darum habe I sie, als der Jüngste unter den Vieren gezaudert hätte, .ein Los aus der I Urne zu nehmen, rufen müßen: „Ziehn!!!" Denn sie glaube und alle I dort unten — hoffe sie — würden mit ihr glauben: nicht auf eigenes I Geheiß, nicht aus Vermessenheit habe sie gehandelt, sondern als gehör- I same Dienerin ewigen Willens. s I
Trotz dieses Anrufes bezeigten die Richter nicht übel Lust, nun, da der letzte Wille des ermordeten Präsidenten, das Verbrechen an ihm I durch oen Tod zu sühnen, nicht in der bestimmten F o r m ausgefnhrt werden konnte, zur Durchführung der einwandfrei nngeordneten sache I alle vier Verschwörer an die Wand zu stellen und niederknallen zu I lösten. Doch sobald das Volk aufsckjäumte wie sturmgepeitschtes Meer und ie gewahrten, daß mit den Verschwörern sie selber verloren seien, be- I stätigten sie den Spruch der Urne: alle vier durch handschrijtliche Aner- I kenntnis des verewigten Präsidenten P. begnadigt!
Als dieie Worte vorn Jubel des Volkes zerfetzt waren, ging Earrlazzo auf Daraja zu, nahm iie bei der Hand und schritt mit ihr durch die I Menge hi». Die tat fich' vor ihnen auf, die schloß sich hinter ihnen, wie sie sich überall vor, hinter ungemeinem Geschick geöffnet und gesa)lo,seii hat.
Da man, einen Monat später, in gedachter südamerikanischer Republik die Vorbereitung der Wahl des neuen Präsidenten begann, riefen viele: Carriazzo! Earriazzo!!" Aber alles Rufen war umsonst. Earriazzo wußte nicht mehr um Präsident und Republik, um Verrottung und Verwaltung, um öffentliches und nichtöffentliches Wohl, um Unterdrückung und Aufstand, um Unrecht und Selbsthilfe. Sein Leben hatte nur noch einen Sinn: Leben!
Von unsichtbaren Künstlern, Kritikern und Ähnlichem.
Von.Frank Warschauer.
Die Oper war zu Ende. Der Dirigent erhob sich von feinem Pult. In feinen Augen glühte noch die Erregung, in die er sich im Laufe des Abends hineingesteigert hatte. Deutlich genug sah man ihm auch die körperliche Anstrengung an. Sein Kragen hing schlaff herunter, die Weste war in' Unordnung geraten. Es war ein sehr berühmter Dirigent. Suchend blickte er umher.
Die Musiker des Orchesters waren alle ein wenig aus einem Traum erwacht. Sie zögerten noch eine Welle, ehe sie die Instrumente smt- legten und sie sorgfältig in die mitgebrachten Futterale verpackten. Sie sahen ihrerseits den Dirigenten an, sie blickten im Raum umher, als suchten sie etwas. , n.
Und in der Tat: sie suchten etwas. Dann waren da noch eine An- zobl Sänger und Sängerinnen, die jetzt verlegen umherstanden, und denen ebenfalls anzumerken war, daß ihnen etwas fehlte. Es fehlte ihnen — das Publikum.
Das Publikum dieser Opernaufführung war in der «tobt, wo diese stattfand, weit verstreut. Es saß in unzähligen Zimmern, es horchte aus Krankenhäusern, es lag in Betten, hier faß eine Gruppe von einigen Personen um einen Tisch versammelt; es hörte von Dörfern und einsamen Häusern rings um die Stadt herum; manche Hörer waren hunderte von Kilometer entfernt, einige sogar in Ländern, in denen man eim ganz andere Sprache redete. Es waren Tausende, Hunderttausende, und viele von ihnen waren von der Aufführung begeistert. Aber dort, wo sich die Künstler befanden, in dem plötzlich still gewordenen Aufnahmeraum, war von Beifall nichts zu merken. Diejenige!,, für die all dies geschah, deren innerstes Wesen anzurühren hier eine Anzahl Künstler ihr Bestes gegeben hatten — sie mußten schweigen.
Und alle, der Dirigent, die Orchesterleute, die Sänger Hetzen ihre Gedanken in die Ferne schweifen, dorthin, wo man jetzt kühl oder


