Ausgabe 
19.7.1927
 
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oh( auch ausgeführt. 3. f). Campe Zusammentreffen mit Meerwein

in

Verantwortlich: Dr. Hans Lhhriot. Druck und Verlag: Brühl'fche Univerfitäts-Duch- und Stetndruckerei, V. Lange, Gießen.

Prsmere de? FlugkNNst.

Von Graf Earl von- Kl i n ck o w st r ö -m.

Die in den testen Sommern bei Segelflugwettbsrverben^an der Rhöi und anderwärts erziesien erstaunlichen Leistungen, die an die Anfänge der modernen Flugrunst zurückführen, ja, unmittelbar wieder bei dem einsetzen, was Otto L i l i e n t h a l als Ziel vorschwebte, rechtfertigen einen Rückblick auf das, was frühere Zeiten auf diesem Gebiet erstrebt und geleistet haben.

Dreißig Jahre sind es etwa her, daß der Ingenieur Otto Lilienthal seine Flugversuche mit dem Leben bezahlen mußte. In mehr als tausend Gleitflügen hat er als erster den Beweis erbracht, daß der Segelslug möglich ist, und auf ihm haben jene kühnen Männer aufgebaut, die, zunächst ganz den Spuren des Meisters folgend, später dann mit, Motor­antrieb, die Begründer der modernen Flugtechnik geworden sind: die Gebrüder Wright.

Lilienthal hatte schon von Jugend auf zusammen mit seinem Bruder Gustav Vogelflugstudien getrieben und verschiedentlich Versuch mit Flug- zeugmodellen und Drachen angestellt. Um 1886 begann er systematische Untersuchungen über den Luftwiderstand der Tragflächen. Seine nach langen Vorstudien 1894 begonnenen praktischen Flugversuchs mit Drachen, deren Flächen vogelflugartig gewölbt waren, führten zu dem Erfolg, daß es ihm gelang, Strecken bis zu 350 Meter in wellenförmigem Gleitflug zurückzulegen und dabei Höhen zu erreichen, die erheblich über dem Ab­flugspunkt einem künstlichen Hügel in den Rhinowbergen bei Pots­dam lagen. Derartige Leistungen wurden erst zehn Jahre später von den Brüdern Wright wieder erreicht.

Was Lilienthal aus der großen Schar derer heraushebt, die im Laufe der Jahrhunderts Flugversuchs anstellten, ist der Umstand, daß er als erster grundlegende Erfolge zu verzeichnen hall«, ohne in den ihm zur Verfügung stehenden technischen Hilfsmitteln seinen Vorgängern gegen­über wesentlich im Vorteil zu sein. Vor ihm sind schon mannigfache Ver­suche wesentlich int Vorteil zu sein. Vor ihm sind schon mannigfache Ver- Beherrschern der Lüfte, gleichzutun.

Das Fliegen ist ein alter Traum der Menschheit, der schon in uralten Sagen und Mythen zum Ausdruck gelangt. Aus der ersten Hälfte des dritten Jahrtausends vor Christi stammt ein babylonischer Ziegelzylinder, der außer dem Keilschrifttext eine bildliche Darstellung des tnythischen Helden Etana enthält, wie dieser mit Hilfe eines Adlers zum Sonnengott emporfährt. Die Sagen von D a e d a l ti s und Ikarus, von Wie -

beerdigt. Sie hatten ihnen die Haupt- und Nebengötter in die Gräber gestellt, den Großen hatten sie Weihrauchschalen, Jadeschmuck, Porträt­figuren und steinerne Symbole mitgegeben, ihren stmplen Volksgenossen Gegenstände des Tages, Oellämpchen und auch Zehrung und Trank in steinernen Gefäßen für den weiten Weg ins indianische Jenseits.

Ein katholischer Priester, der in den Bergen predigte, und der wie viele Volkspriester die vergangene unb gegenwärtige Seele seiner Ge­meinde heftiger liebte als jene Ueberladenheiten, hatte vierzig Jahre lang alles aus allen Gräbern gesammelt, die er entdecken konnte. Leicht war diese Arbeit nicht, denn "die Indios der Bergs und Täler von Oaxaca haben ihre Hriedhofspolizei, dis jeden beargwöhnt, der dort nach steinernen, bronzenen oder tönernen Vergangenheiten sucht. Die Samm­lung ging dann in den Besitz des Herrn B e l l o n über, der die Scher­ben zusammensetzen ließ, so "daß jetzt alles an seinem Platze und voll­ständig ist, und daß eine der folgerichtigsten Uebersichten entstand, wie sie kauni ein europäisches Museum besitzt.

Ich will nur wenig von den unsagbar herrlichen Ornamentierungen sprechen, den indianischen Mäanderbändern, den Schalen, in denen das Herzblut geopferter Feinde mit Gruß der Sonne dargeboten wurde, nur wenig von den unglaubhaftechten" Tierskulpturen, den weißen Stein­messern, mit denen die Brust des Geopferten geöffnet und das noch zuckende Herz herausgeschnitten wurde. Kaum etwas von einem Stein­kopf, der schön ist, wie ein Apoll, und ebenso klassisch griechisch. Oder von der atmenden Tonfigttr eines buddhaähnlichen Gottes, oder von einem wahrhaftigen Buddha mit Schlitzaugen, lächelndem Bauch und der ewigen Stille im Gesicht. Oder von einem Blinden, dessen leere Augen aus dem Stein Mitleid erflehen, oder von dem Kopf einer Alten, deren eines Auges eingedrückt ist. Oder von Hunderten von Kleinfiguren, den tönernen Ohrgehängen, den Händen, geformt wie von einem Michelangelo des Voraltsrtutns. Oder von den Versteinerungen und Vertönerungen des Schmerzes, der Mutterschaft, der ewigen Freude.

Viel überraschender, überrutnpelnder waren mir di« rätselaufgeben­den, klärenden, wundersamen Rasseverschiedenheiten in dieser Samm­lung. Mohren mit Turbanen, gefunden in den Gräbern eines abseitigen Bergstammes, Tatarengesichter, Mongolentypen, Negerwttlstigkeiten, grie­chische Edelzüge, ägyptisch sanfte Schwingungen, eine plastische Rassen­karte, ein Nebeneinander und Hintereinander fast aller Hauptvölker der Erde. Ist es richtig, was die Wanderungs- und Herkunftstheoretiker be­haupten, daß dis Bevölkerung Amerikas über die Behringstrahe und über das fabelhafte Atlantis-Festland hinweg nach diesem Kontinent ge­wandert sei, sich Niedergelassen habe, geflohen, besiegt, vermischt worden sei oder weitergezogen, um neue Nahrungsplätze zu suchen? Hier ist eins der schwierigsten und lockendsten ethnologischen Probleme. Oder ist es richtig, daß dis Stämme Amerikas in Amerika selbst wuchsen, und daß es niemals ein erstes Bevölkerungszentrum gegeben hat? Gewiß, die Aehnlichkeiien, die die Sammlung V e l l o n zeigt, sind unbestreitbar. Aber es ist ebenso unbestreitbar, daß überall Pflanzen dieselben Grund­formen haben, daß die,Flüsse bei Oaxaca sich geschnitten winden wie der Mäander, daß überall die Menschen ihr Fühlen und ihr Denken mit anderen Lauten aber mit denselben Tendenzen aussprachen. Daß es keine Grundunterschiede der Linien und der Klänge gibt, und daß besonders der eine Mensch dem andern gleicht, wie nur eine Grundkraft der andern gleichen kann.

l ä n d dem Schmied usw. sind bekannt genug. Sogar ein Negerstamm unweit des Viktoriasees besitzt eine Flugsage: die von dem geflügelten Helden Ktbago, der für feinen Herrn, den König der Waganda Nakivingi Kriegstaten vollführt, bis er einem Pfeilschuß aus dem Hinterhalt zum Opfer fällt.

Der erste wirkliche Flugversuch dürfte im Herbst des Jahres 67 n. Chr. stattgefunden haben: der Flug und Absturz des Simon Magus unter den Augen Neros. Dieses von zahlreichen alten Kirchenschriftstellern er- wähnte Ereignis ist wohl in seinem Kern nicht als bloße Legende auf. zufassen. Legendenhafte Zutat ist freilich, wenn berichtet wird, der Apostel Petrus habe durch sein Gebet den fliegenden Magier als Verhöhner und Nachahmer der Himmelfahrt Christi zu Boden stürzen lassen. Suter auch Sueton in seiner Lebensbeschreibung Neros unb andere antike Profan­schriftsteller kennen den Vorfall. In der mittelalterlichen Magusfage finden wir Simon wieder fliegend, und auch der Zauberer, F a t! st, dessen Er­zählung sich auf der Magusfage aufbaut, fliegt.

Der Gedanke, daß es möglich sein müßte, mit nachgeahmten Vogel- flügeln sich in die Luft zu schwingen, hat seither manchem Wagehals das Leben gekostet oder ihn: mindestens Arm- und Beinbrüche zngezogen. So versuchte um 875 ein Araber namens Abül Quäfim den FinLs, genannt der Weife von Andalusien, mit künstlichen Flügeln zu fliegen, verunglückte jedoch dabei. Ferner flog nach einem aus dem 14. Jahrhun­dert stammenden Bericht des englischen Chronisten Henri Knighton im Jahre 1085 der Mönch Oliver aus dem Kloster Malmesburyauf der zusammengedrängten Luft von der höchsten Spitze eines Turmes über den Raum eines Stadiums (125 Schritt) und noch mehr dahin, aber ängstlich geworden durch die Wucht des wirbelnden Windes, vielleicht auch in der Erkenntnis seiner Waghalsigkeit, stürzte er schließlich, wodurch seine Schenkel für immer verkrüppelt wurden". Ein ganz ähnlicher Fall trug sich rund 100 Jahre später, 1158 oder 1159, in Konstantinopel zu, als ein Sarazene von einem Turm des Hyppodroms aus in Gegenwa't des Kaisers Komnenos und einer gewaltigen Menschenmenge herabzufliegen sich anschickte, wobei sein weites weißes Gewand, dessen Aermel durch Weidenstäbe versteift waren, als Flugapparat dienen sollte. Nach längerem Zögern und durch Zuntfe ermuntert, wagte er endlich den Absprung und stürzte sich zu Tode.

Erstaunlich klingt, was von einem gewissen Giovanni Battista Danti aus Perugia berichtet wird. Dieser soll dort im Jahre 1496 bei Gelegenheit der Hochzeitsfeier des Feldherrn Bartolomeo d'Alviane vor versammel­tem Volk einen erfolgreichen Flugversuch ausgeführt haben, ja, er soll diese Leistung mehrfach vollbracht und einmal sogar über den Trasimeni- schen See geflogen sein. Das klingt freilich so unglaublich, daß man dem italienischen Historiker der Luftschiffahrt, Giuseppe Boffito, Recht geben muß, wenn er diesen Bericht anzweiselt. Denn er ta'ucht erst 1648 auf, während die Schriftsteller des 16. Jahrhunderts davon schweigen.

In diese Zeit fallen auch Leonardo da Vincis Studien über das Flugproblem. Er hat uns einen ganzen Traktat darüber handschrift­lich hinterlassen, der uns zeigt, weiche Mühe er darauf verwandt hat. Leonardo ist der erste, der dieses Problem als Techniker, Physiker und Mathematiker in Angriff genommen hat. Zweifellos hat er es nicht mit theoretischen Untersuchungen bewenden lassen. Ob er jedoch seine Absicht, vom Schwanenhügel bei Florenz einen Flugversuch zu unternehmen, aus- geführt hat und mit welchem Erfolge, wissen wir nicht. Aber er berechnete und entwarf auf Grund sorgfältiger Studien des Vogelfluges Hunderte Arten von Flugmaschinen. Die Flügel wollte er nicht den gefiederten Vögeln, sondern der Fledermaus nachbilden. *

Mehr theoretisch haben sich der englische Physiker Robert H o o k e (um 1658) und Emanuel Swedenborg mit dem Flugproblem beschäftigt (1714). Ersterer fertigte wenigstens bas Modell einer Flugmaschine an, bei dem er ein Windrad verwendete, bas eine Schraube ohne Ende an­trieb, die ihrerseits die Flügel des Apparates in Bewegung setzen sollte. Zehn Jahre vor ihm hatte auch der Italiener Tito Livio B u r a 1t i n 1 zu Wmsthan bereits ein derartiges Modell aus Stroh und Bast her- gestellt, das angeblich sogar eine Katze zu tragen vermochte. Aber natur- gemäß mußte ihm die Uebertragung ins Große, falls er sie überhaupt versucht hat, mißglücken. Von ihm scheint Cyrano de Bergerac für seinen phantastischen Sonnenroman eine Anregung gewonnen zu haben.

©mebenborg' hat an einem Gleitslugapparat mit leicht gewölbten Tragflächen und einem Pendelstabilisator gedacht, den der Führer durch Verlegung des Körpergewichts und unter Ausnutzung des Windes lenken sollte. Die starren Flügel sollten nicht der Vorwärtsbewegung, sondent

dem Austrieb dienen.

Von späteren Flugkünstlern des 18. Jahrhunderts feien nur noch Jean Pierre Blanchard, der aber nach Erfindung des. Ballons schnell die bessere Konjunktur auszunutzen verstand, und der badische Baumeister Karl Friedrich M e e r w e i n genannt, die ziemlich gleichzeitig, um 1782 bis 1783, Versuche mit großen Flugmaschinen unternahmen. Meerwem Hai u. a. in einer Tabelle die Gewichte und die Flügelflächen der verschie­densten Vögel zusammengestellt und danach Berechnungen über die Große der Tragflächen einer Flugmaschine angestellt. Er kam zu dem Ergebnis, daß. die Größe der Tragflächen 12 Quadratmeter betragen müsse, uns danach hat er seinen Eindecker wohl auch ausgeführt. J.H. Campe be­richtet gelegentlich von seinem Zusammentreffen mit Meerwein M Gießen (1783). Er hielt es jedoch, wie er meldet, nach Besichtigung bet Mckschine nicht für nötig, einige Tage länger zu verweilen, um einem Flugversuch des Baumeisters beizuwohiien.

Aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts sind als Flugkünstler bekannt der Wiener Uhrmacher Jakob Degen unb Ludwig Albrecht Verb- linger, den Max Eyth zum Helden seines RomanesDer Schneider von Ulm" gemacht hat. Sehr viel beachtenswerter sind jedoch aus diese Zeit die Ideen des in Vergessenheit geratenen George C a y l e y (isuu-, j der mit klarem Blick das Wesentliche in der Konstruktion und Verwena- j barfeit der Aeroplane übersah und darlegte. Freilich oergrimen nom i viele Jahrzehnte, bis man zu greifbaren und fruchtbaren Resultate ' gelangte. _____________

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