Ausgabe 
19.7.1927
 
Einzelbild herunterladen

fBleer von Licht. Im großen Saale bedienen beim Abendbrot junge Mädchen in Harbcmg erstacht. Perlen blitzen auf ihren bunten Miedern. g|0{, tragen sie ihre goldblonden Kronen. Der Kaffee wird im Rauch- . -alm fervieri. Draußen braust der Bergwind. Große Tropfen fallen. ' Uhrr wir sitzen geschützt am lodernden Feuer des Kamins. Alle Sprachen der Welt schwirren durcheinander; international die Gesellschaft. Kein Mißton stört die prächtige Stimmung. .

Mn frühen Morgen fährt ein Kanol mein Gepäck die stelle Ser- ventine herab. Noch einmal umfaßt mein Blick all diese Schönheit. Dann trete ich die 'Wanderung ins Närodal an. Diese romantische Berg­straße die bereits im Jahre 1840 erbaut wurde, ist einer der eigen­artigsten Wegebauten in Norwegen. In kühnen Windungen führt sie vom Hotel Stahlheim immer an den brausenden Wasserfällen, dem Stahl- heimssoß und dem Sivlefoß Mitteng ins Tal. Ringsum donnern Fälle, Mr«n fchäumends Wasser von den Felsen. Noch einmal schimmert aus der Ferne, hinter Wolken austauchend, das Zauberschloß Stahlheim herüber Ein Sommernachtstraum, eine unvergeßliche Erinnerung.

An der Brücke im Tale wartet das Auto. Das Gepäck ist bereits verstaut. In scharfer Fahrt geht es bergab, lieber viele Brücken führt der Weg. Cs gibt ein Wettrennen zwischen dem Auto und dem schäu­menden Elf. Bald ist die Farbe des Flusses tiefgrün, dann wieder stahl­blau oder kristallhell. Bon allen Seiten umgibt mich das wilde Felsen­labyrinth. Eisgrau und kahl ragen die 56000 Fuß hohen, oft senk­rechten Felswände, empor. Zahlreiche Wasserfälle decken die Felsen, wie mit weißem Spinnengewebe. Oft wallen in der Tiefe die Nebel, während in der Höhe die Sonne die schneefunkelnden Bergspitzen vergoldet und die eigenartigsten Lichtreslexe hervorzaubert. An schroffen Felsenvorsprün- gen zerschellend, breiten sich die Fälle wie zarte Spitzenschleier aus, um langsam in die Tiefe zu sinken und dort in Milliarden schimmernder Wassertropfen zu zerflattern. Immer neue sprühende Märchengebilde wälzen sich brausend durch die zerrissenen Klüfte. Milchweiße Wirbel tanzen um zerrissene Steinblöcke. Unvergeßliche Stunden köstlichen Er­lebens inmitten der Wunder der rauschenden Wasser.

Funkelnde Silberbänder gleiten in die Tiefe. In wilden Schluchten hängt ein in flüssiges.Gold getauchtes Spitzengeriefel herab. Eine Phan­tasie schimmernder Perlen, Brillanten und Rubinen ergießt sich über die schroffen Abstürze. In vollen Akkorden erklingt das Rauschen der Fälle und schwillt zu leidenschaftlich aufpeitschender Symphonie an. In den Schlünden braust der Bergwind die Begleitung. Die Felsenmauern rücken so nahe zusammen und steigen so mächtig empor, daß man hier mehrere Monate im Winter hindurch die Sonne nicht zu Gesicht bekommt.

Die ersten Häuser von Gudvangen tauchen auf. Wir durchbrausen den Ort. Da leuchtet plötzlich vor mir der Närofjord. An der Brücke liegt der schmucke Dampfer derFylkesbaatane"-Gesellscha-st Bergen, die den Ver­kehr auf bem Sognefjord vermittelt, bereit zur Abfahrt. Nun beginnt die Fahrt durch den sagenumwobenen engen Närofjord. Ruhig und sicher steuert der Dampfer durch das Felseulabyrinth. Weiß leuchtet der Schnee von den Zinnen der Bergesriesen. Von allen Seiten stürzen Fälle in den Fjord. Zurückblickend zerbricht man sich den Kopf, wie das Schiff in diesem Felfengewirr überhaupt den Weg finden kann. Möven um­fliegen es kreischend. Oft ist der Fjord so eng, daß ich van Deck aus mit dem Stock bequem die Felsenwand berühren kann. Dann aber weitet er sich. Wir gleiten hinaus auf den sonnenübergossenen Sognefjord.

Die Fahrt auf dem Fjord, dem größten unter -en Fjorden des Landes, gehört zu den schönsten und lohnendsten. Das Märchenland des 180 Kilo­meter langen Fjords, feine steilen, zerrissenen Berge, seine Wasserfälle, feine malerischen Landschaften und gewaltigen Hochgebirgsweiten, seine schneebedeckten Gipfel und glitzernden Eisgletscher muß man mit eigenen Stegen gesehen haben, um einen Begriff von dieser einzigartigen Schön­heit zu erhalten. Di« Natur ist bald lieblich und heiter, bald düster und von tiefer Melancholie erfüllt. Nirgends sind die Abwechslungen in der Natur reicher wie hier. Die Felswände heben sich vom Fjord bis zu einer Höhe von 1500 Meter, während seine größte Tiefe 1244 Meter betragt. Auf der Nordfeite liegt der riesige Jostedalsgletscher, das größte nor­wegische Firnfeld. Zahlreiche Gletscher strecken ihre blauen Zungen über die Felsabstürze zum Fjord hinab. Es gibt keine matte, eintönige Wieder­holung derselben Szenerie. Wohin man kommt, bieten sich immer neue Ueberraschungen. Paradiesische Schönheit und reinste See-, Wald- und Eebstgstest erfrischen Herz und Gemüt. Hier wird man verjüngt an Leib und Seele. , , ,

In der Ferne taucht Balholm auf, das vornehmste Zentrum des west­lichen Touristenverkehrs. Am Strande von Balholm lag einst der Palast Ingeborgs, der blonden Königstochter. Gegenüber auf der Spitze Vang- näs, Frithjofs-Hof, Framnäs, in dessen Nähe ein Hügel als Grab des Helden bezeichnet wird. Auf dem Balkon meines Zimmers in Quicknes- Hotel halte ich erfrischende Rast. Weithin funkelt der Fjord. Unter mir im Garten duften die Rosen. In weitem Bogen umschlingen die Berge bas herrliche Panorama. Am gegenüberliegenden Strand erhebt sich das Frithjof-Denkmal. Aus dem Fjord heben sich phantastische Kuppeln, Burgen, Zinnen. Von der Sonne durchleuchtete Wolken umflattern die Bergeskuppen. Lautlos gleiten Ruderboote vorbei. Aus dem Bade dringt fröhliches Lachen. .

Balholm ist ein Paradies. Ein einzigschöner Weg zicht sich am 91 erbe entlang. Die Fruchtbäume in den Gärten hängen voll buntfarbiger Früchte. Die Rosen duften weithin. Durch das Gewirr grüner Blätter und goldgelber Blumen sieht man immer wieder den leuchtenden Fjord. Rechts auf dem Hügel steht das Standbild Köng Beles. Sein Blick schweift über den Fjord. Auf seinem Schoße ruht das bloße Schwert. . . Die Zäune sind von farbenprächtigen Wicken umschlungen. Wie im Märchen schreite ich durch eine Allee, deren Bäume ein dichtes, grünes Dach bilden. Aus lachenden Rosengärten lugen weiße Villen. Wildzerrissene Kuppen heben sich von allen Seiten. 2(us lichten Höhen leuchten die Gletscher. In Kas­kaden stürzen funkelnde Fälle herab. Mit weißen Kämmen rollen die Wogen des Fjord auf den steinigen Strand.

Am Quai wartet der Dampfer zur Gletscherfahrt nach Fjaerland. Ruhig zieht das schlanke Schiff durch ben dunkelgrünen Fjord. Wir be- sinden uns unmittelbar im Bannkreis der Gebirgswslt und in nächster

Nähe des gewaltigen Joftedalsbrae, des größten Gletschers in Europa. Seine grünlichen Eismassen leuchten weithin über die blauen Fluten des Fjords. Am westlichen Ufer des Fjordes liegt im Schutze hoher Berge das Dorf Mundal mit feinen malerischen Holzhäusern. Inmitten des Dorfes das schmucke Hotel Mundal, das zur Reisesaison von Sommer­frischlern und Touristen nie leer wird. Man kann sich in der Tat kaum einen reizvolleren Ort zum Ausruhen und Träumen denken, als dies freundliche Gasthaus. Beherrschend sind in dieser Gegend di« gewaltigen Eismassen des Gletschers. In Fjärland wird noch Hand­weberei betrieben, deren farbenprächtige Erzeugnisse, Decken und Tep­piche, hier nach eigenartigen alten Mustern, welche sich seit Jahrhunderten vererbt haben, gewebt werden. .

Der Weg zum Böjum- und Suphelle-Gletscher führt auf guter Straße durch das reizende Böjum-Tal. Biegung folgt auf Biegung. Der Chauf­feur hat das Auto tadellos in der Hand. Scharf zieht die Bremse an. Steil geht es bergab. Dann wieder bergauf. Immer enger wird das Tal. Das Auto wird verlassen. Zu Fuß geht es weiter über Geröll. Von allen Seiten tönt das Rauschen der Bäche und Fälle. Dicht vor mir ragt in btaugrüner Pracht der funkelnde Gletscher auf. Eiskalter Hauch strömt mir entgegen. Eigenartige Formationen steigen aus diesem Eislabynnch. Krachend bricht hoch über mir ein haushohes Stück Gletscher ab, stürzt über die Felsen in die hochaufschäumende Flut.

Das Auto führt mich zum Quai, zurück. Bald schwimmt der Dampfer wieder mitten auf dem Fjorde. Der Abend bricht.an. Schon liegt Däm­merung auf den Fluten. Lichterketten blinken auf. Balholm ist in Sicht. Am Strande Hotel Quicknes mit seinen vielen Lichtern. Nach dem Abendbrot wiegt sich alles im Tanz. Und wie diese norwegi­schen Mädels tanzen können. Sie verkörpern die norwegische Natur. Ihr Lachm klingt wie Glockenläuten, ihre Sprache wie Musik. Thre blauen Augen haben die Farbe der Gletscher.

Einmal aber heißt es doch Abschied nehmen von dem Paradies Bal­holm. Laut schallt das Signal des zur Abfahrt bereithegenben Dampfers durch den Ort. Dann geht es hinaus auf den sonnenubergoffenen Mrd. Bald fahren wir wieder inmitten der Gebirgswelt. Noch einmal genieße ich vom Promenadendeck aus, im bequemen Liegestuhl hmgestreckt, das schöne Bild. Wasserfall auf Wasserfall hüllt die Berge m duftige Schleier. Nie wird das Stege müde, die zarten weichen Linien und sanften klaren Farben zu bewundern. Auf schwindelnden Höhen liegen Bauernhöfe. Umbraust vorn Stiem des unendlichen Meeres zicht das schlanke Schiff durch bas Klippenreich. Die Lust ist weich und warm. Der Himmel von ite^icb am nächsten Morgen erwachte, fällt mein Blick auf die Häuser der alten Hansestadt. Kurze Zeit darauf macht der Dampfer am Quai von Bergen fest. Die Fahrt durch den Sognef,ord ist zu Ende. Aber -die^Er­innerung bleibt. In grauen Wintertagen wird sie mir all das Schone vor die Seele zaubern.

Die Sammlung Bsllon.

Ein mexikanisches Indio-Museum.

Von Professor Dr. Alfons Goldschmidt.

Nicht weit von der mexikanischen Landenge, dem Isthmus von Tehuantepee liegt die Stadt O a x a c a , Hauptstadt des Staates gleichen Namens. In der Sprache der Zapoteken die heute noch einen wesentlichen Bestandteil der Bevölkerung bilden, h^ßt die Stadt Huaxyacac", was erheblich voller klingt als die spanische Verzerrung. Die Spanier haben in Mexiko Hunderte von Ortsnamen, die sie nicht aussprechen konnten, ihrem Idiomangepaßt, wodurch sie allerdings den Charakter der Stämme nicht derart verzerren konnten wie den Wohllaut der Namen. Cs entstand so in der Amtchprache dieselbe scheuß­liche Mischung, die der spanische Kolonialstil in Mexiko verbrach, indem er bas schon wahrhaftig genügenb verschrobene Barock des ^unattenbes der Sonne Mexikos unb bem Indio des Landes nähern wollte Man nennt dasplatersk" unbchurrigueresk" Bezeichnungen dre ebenso mit Konsonanten überladen sind wie die entsprechenden Stile mit Verschro­benheiten. Diese Mihformen kosteten den Schweiß der Indios, ihre Ruhe und Millionen über Millionen Pesos. Ein geradezu grandioses Beispiel dieser Stilvernichtung ist die Kirche von St. Domingo in Oaxaca, die wie ein Triumph der Schnörkelei wirkt. Sie ist im schlimmsten Sinne des Wortesprachtvoll", das heißt, die Innenwände sind mehr als voll von qoldstrotzenden Schnörkeleien, Serien von Helligenskulpturen, un­wahrscheinlichen Renaissancekassettierungen, von ubersußlichen steinernen Verzücktheiten, von einer Stimmung, die nichts mehr nut der Religion, dafür aber alles mit der kirchlichen Propaganda zu tun hat. Hundert Jahre wurde an diesen Ueberladenheiten gearbeitet, von 1875 bis 1675, und zwölf Millionen Pesos, die der Spanier dem Indw abgequetscht hatte wurden in diese Kirche hineingefälscht. Ein Gluck, bah wenigstens die Verschalung einfach ist, so daß der Anblick der Kirche mit ihren Klostergebäuden nicht niederdrückt.

Man muß nach einem Ausflug in die wundervollen toltekrschen Grie­chentempel bei Mitte in der Nähe Oaxacas diesen Gegensatz empfunden haben, um zu wissen, was dieBekämpferin der Sunden an den Stämmen des heiligen Tales von Oaxaca selbst gesündigt hat. Und man muß bann, wie ich, kurze Zeit nur in, bet Sammteng indianischer Klein- skulpturen bes Herrn Bellon geweilt haben, um bie entsetzliche Ver- barockisierung, bie ganze furchtbare Enteinfachung des Lebens und der

Bäte nach der Eroberung Tenochtitlans, der Hauptstadt des Slzteken- reiches, führte Hernan Cortez Krieg gegen die Stämme bes Tales von Oaxaca, die Mixteken unb Zapoteken. Nachdem einige ferner sogenannten Caballeros bie tapferen Männer, die sich nur mit Stein- unb Rohkupfer- Waffen wehren konnten, bezwungen hatten, gingen bie Spanier mit ihrem grausamen Fanatismus an die Zerstörung ber alten Kulturboku- mente. Iahrhunberte, vielleicht Jahrtausenbe schon, hatten bie Volker bie es Tales ihre Toten, besonbers ihre Priester unb Könige, mit einer wahrhaft künstlerischen Sympathie auf den Hügeln unb in ben Talern