Der Kaufmann im härenen Kutschermantel stieg auf den Bock, der Kutscher im pelzgefütterten Kaufmannsmantel schickte sich an, auf dem Sih im Wagen Platz zu nehmen. .
Als der neue Kutscher oben saß und Leine samt Peitsche in seinen fänden hielt blickte er — wie er es oft an feinem Vorgänger gesehen hatte — prüfend nach rückwärts; und da er gewahrte, daß der neue Herr zum Einsteigen bereit sei, fragte er — wie er es unzählige Mate von seinem Vorgänger in solchem Augenblick gehört hatte —: „Wohin.
Nach Leipzig!" antwortete der Kutscherkaufmann, und dann bedeutet« er dem zustimmend Nickenden: Er sei kein Unmensch. Werde, wofern der Kaufmannskutscher schwiege, ihm kein Leid antun. Nichts begehre er sur sich, als den Wagen und seinen Inhalt. Samt den Kleidern uni) dem Mantel natürlich, die er anhabe. Wagen und Ware werde er als fein Eigentum verkaufen und mit Hilfe des Erlöses irgendwo e,n ehrbares Leben im bäuerischen Stande anfangen. Wenn er aus Leipzig verschwunden sei, könne der Ueberrumpelte sich seinetwegen in das zuruckverwan- deln, was er ehedem gewesen sei: in einen Kaufmann. Der kleine Harz- Aderlaß werde ihn daran nicht hindern. Bis zu dem Tage seines Verschwindens aus Leipzig jedoch, habe er als Kutscher ihm zu dienen. Wehe, wenn er den Mund aufmache, um zu verraten, wie es in Wahrheit mit ihnen stände! Noch ehe er den ersten Satz beendet hätte, sei er niedergeknallt. Er solle nicht vergessen, daß vier geladen« Pistolen mt Wagen lägen. Uebrigens werde niemand ihm feine Worte glauben. Denn daß das Entscheidende für das Schicksal eines Menschen einzig die Kleider seien, habe er inzwischen hoffentlich eingesehen.
Der Kaufmann, dem sein Leben als das einzige Gut galt, welches er nicht, wenn es verloren gegangen war, gleich allem übrigen für Gerd wiederkaufen konnte, hieb — statt der Kleiderfrage eine Antwort zu geben — auf di« Rosse ein und fuhr seinen Kutscher nach Leipzig. Dabei hatte der Kutscher geringere Mühe, für einen Kaufmann zu gelten, als der Kaufmann, seine Kutscherfähigkeiten glaubhaft zu erweisen.
Der Kutscher im Pelzmantel, der seinen früheren Herrn auch innerlich überwunden glaubte, träumte sich schon als , Besitzer von unabsehbaren Hufen, von Pferden und Kühen, von Kälbern und Schweinen, von Hühnern, von Enten und Gänsen, der Knechte und Mägde nicht zu gedenken. In dem Augenblick aber, da der , Wagen von der Leipziger Torwache angehalten wurde, sprang der Kaufmann mit einem Satz vom Bock herunter und rettete sich, noch ehe der Kutscher eine der vier -Pistolen anschlagen konnte, hinter Gewehre und Hellebarden.
Was es gäbe? fragte es lässig aus dem Innern des Wagens. Der Kmünann svrudelte hervor, was im Harz geschehen fei. Der Kutscher
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; ■ ™ Hrfl' fpiher und dem Zaudernden zu beweisen, daß er
feien. Und um sio) Wer ui» verlorenen Urzweck der Beine
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ftom^rnabaeftieqene m* >edoch nicht die geringste Miene, sich im Wled/raebrauck Becher Zeine zu üben. Er stand wie erstarrt vor dem Pelzmantel seines Hen». Verschlang ihn mit seinen Blicken; streichelte ihn. Vlötckicki rß die lstö kosende Rechte sich von dem weichen Innern des Herr enge wände s vs. Fuhr verächtlich über das härene Knechtsgewand bin das außen und innen von der gleichen rauhen Harte man Und: Herunter denÄuischermantel - über den Weggraben dem Unsichtbaren nackückleudAck - Hineinschlüpfen in den Herrenmantel — lächelnd feststellen dal «r wie angegossen sietzt - wieder auszichen - ,n das innere xs Wagens werfen - di« Kleider vom Leib herunterreihen — rie hi«er dem Kutschermantel herschleudern — die Pistolen auf dem Bock packen ihre Hähne spannen — sie schußbereit in dl« ausgestreckte
und Linke drücken — di« Wagenlür hinter sich mit dem Fuß zu- Aßen — sich breitbeinig vor das verlassene Gefährt stellen: Alles das Werk von Sekunden. „
Als der Kaufmann zwischen den Baumstämmen wieder sichtbar wurde, schrie der Kutscher ihn an: Keinen Schritt weiter, ehe er ihm seinen Willen kundgetan habe! Zwischen Totfein oder Kutschersein b.abe er zu wählen. Kleider herunter! Ihm zuwerfen! Endlich, endlich habe sich das Spiel gedreht. Er, der Kaufmann, habe Kutscherkleiber und Kutschermantel jenseits des Grabens anzuziehen und hinfort den Wagen zu fahren- er der Kutscher, werde Kausmannskleider und Kaufmannsmantel diesseits des Grabens anziehen und hinfort sich fahren lassen. Keinen Schritt' Kein Wort! Keinen Laut! Kutschersein oder Totsein! In einer Minute- Kleider herunter oder nicht! Davon hinge sein Schicksal ab. Was di« Pistolen, deren Güt« er ja kenne, ihm wohl hinreichend bestätigten. Bis drei habe er für die Entscheidung Zeit. Eins—! Zwei—!
Ehe der waffenbewehrte Kutscher Drei! sagen konnte^ begann der waffenlos« Kaufmann zu knöpfen. Nachdem er sich fernes Oberzeugs ent- tebiqt und es Stück für Stück über den Graben geworfen hatte, zog der ein« die Kleider des anderen an. Und sie saßen den beiden, neuen Besitzern als ob sie bei einem geschickten Schneider für ihr« fetzigen Träger bestellt feien. Denn Kutscher und Kaufmann waren van gleicher
zuckte verächtlich die Mundwinkel. Man solle, ließ er zu sagen sich bann doch herab, nur einmal ihn und seinen ungetreuen Diener aufmerksam anschen, so werde man wissen, wie es in Wahrheit stände. Em Windbeutel sei der leichtfertig« Ankläger, ein Betrüger, der hinterlistig an sich bringen wolle, was ihm gehöre! Daß der arme Schlucker in solche Versuchung geraten sei, könne niemand besser verstehen als er, der wisse, was er im Wagen mit sich führe. Run aber sei es genug, übergenug mit der Erklärung. Marsch! Wieder auf den angestammten Bock! ,
Der Kaufmann beteuerte: Er sei der Besitzer des Wagens und seiner Schätze- jener aber, der ihm Mantel und Kleider gestohlen und mit Hilfe jjer Pistolen die KnechtsNeider auf ben Leib gezwungen hatte, sei der
^^Me^Soldaten wußten nicht: Wem glauben? Sie sagten, also ju dem Mann in der Kutsche: Der Schein spräche allerdings für ihn Aber es sei nicht ihres Amtes, Streitigkeiten dieser Art zu, schlichten. So leid es ifynen täte — er müsse aussteigen und ihnen mit dem Ankläger zum ^^er ^Rsthler fragte, forschte, sah die Kleider, die Mäntel, sah die Männer am horchte hinter ihre Worte, suchte durch chre Gesichter Km bis zu ihren Herzen hinabzublicken. Aber wenn auch schließlich fern G aube den Kutscher Kutscher, den Kaufmann Kaufmann nannte - Gewißheit, tzuß der vergeblich« Kaufmann Kutscher, der gegenwarttge Kutscher Kaufmann fei, erhielt er durch fein Verhör nicht. _ „
Der Kaufmann in Kutscherkleidern schlug dem Richter am, Zeugen aus Hamburg kommen zu lassen, die ihn trotz ^r Verschandelung durch die Dienergewandung erkennen würden. Der Kutscher in Kaustnanns- tleibern unterstützte diesen Vorschlag. Bekannte, aus Hamburg. Sehr wohl. Er habe di« Gegenüberstellung nicht zu furchen.
Der Richter aber lehnt« ab: Zeugen? Mit deren Hilfe tonne l«dermann Richter sein. Entscheiden, was — auf der flachen Hand liegend — einer Entscheidung nicht mehr bedürfe? Wo in solchem Fall die Kunst seines Standes bleibe? Ohne Zeugen - deren Herbeisthaffung den Austrag des Handels viele Wochen lang hinausschiebe — die Wahrheit durch innere Kräfte erkennen, Verworrenes mit Sicherheit.durch unfehlbaren Spruch entwirren — das erst mache einen Richter, der solchen Ehrennamen verdiene, aus. Man solle die Streckenden nach draußen fuhren. Er wolle mit sich allein die Sache einige Minuten lang überdenken. Dann werde er die Wahrheit wissen und, wenn die Abgefuhrten wieder eingetreten wären, den Richtigen einsperren, den Richtigen zu seinem Wagen ^^D?/^au^mann zitterte. Der Kutscher rädelte.JBeibe ber ,uon Um aewißhett Zitternde, der vor Gewißheit Lächelnde, mußten indes gehorchen und das Gerichtszimmer verlassen. Als sie der Tur nahe waren, rief der Richter plötzlich hinter ihnen: „He, Kutscher!
Da stand der von den beiden Fortgehnden, welcher zu> Unrecht die Kaufmannskleider trug, still, wandte mit einem, Ruck den Kopf nach ruck- wärts und fragte, wie er es jahrelang bei diesem Anruf getan hatte. „Wohin (ge«jngnis!" lautete der donnernde Fahrtbesehl des Richters. Denn nun war fein Glaube Gewißheit geworden. Dem. ertappten Kutscher blieb nichts, als die Wahrheit zu bekennen und sich in lener grauen (Bemanbung, die er nun Jahr und Tag statt der Kaufmannskleiber tragen mußt« einzugestehen: daß zwar Kleider Leute machen; daß aber ein Suticberinantel ebenso wenig unfehlbare Kutscherhaftigkeck e^wingt, wie cin Pelzmantel noch nicht unter allen Umständen vor Kutschermanieren fchützt. _________________
Sommertage am SogneUord.
Von Fritz Löwe.
Balholm, im Juli.
Auf ausgezeichneter Straß« sanft mein Auio von Voß nach Stahlheim In lustigen Sprüngen jagt der Elf zur ©eite Auf den Festen am Ufer wimmelt es von Anglern. Bildhübsche Madels m farbigen Nationaltrachten winken lachend aus allen Fenstern. Aus A^senen Felsen schäumt der Tvindefall. In wildem Durcheinander ttegen 'M Fluß- bett die riesigen granitenen Felsenblöcke. Dupch dicht nebeneinander stehende Steine ist die Straß« gut geschützt. Ein blonder klemer Jung« fährt mit, um die vielen Tore der Gatter zu offnen. Auf S^rücher Bruck überfliegen wir den schäumenden Elf. Blutig roi^ohen ans Hellem Gnin die Ebereschen. Jäh stürzen die Felswand« zu .Tal. Vor mir blitzt der Spiegel des Opheim-Sees. Weih schäumen seine Wogen. An seinen grünen Ufern fliegen wir dahin. Gerade auf, eine riesige vor uns auf- ragende Felswand zu. In scharfer Biegung wird sie umfahren.
Da taucht Plötzlich das Hotel Stahlheim dicht vor mir auf. Bald fite id) auf 'der weltberühmten Felsenterrafse. Die Aussicht von dort ist sicher eine der schönsten in der ganzen Welt. Im Garten duften Rosen und in der Tiefe liegt das wilde Narodal. Deutlich kann ich den Weg von Gudvangen zwifchen den pittoresken Felsenkolosten t e • folgen. Zur Linken erhebt sich der eigenartig geformte un^e Bergriese. „Jordalsnut". Einsam klimme ich auf steilen, Felsenwegen immer: hoh.r hinauf In grausiger Tiefe braust unter Mir der stiluh. Zur Rechten stürzt die Felsenwand senkrecht ab. Wie ein Spielzeug liegt Man tief unter mir tes Hotel Stahlheim Aus zerrissenen Felsen stürzt wM®“1* belnber Höhe krachend und tobend der Fall. Weithin duftet das x>eu ^XiefTs&n ringsum, lieber Geröll geht es°ufE^K überhole ein Kariol. Ruhig und sicher freitet bas ttane einen kleinen Fslsenweg herab, dann über eine schmale, gelartwnoi Brücke wo selbst einem Menschen schwindlig werben konnte. Der Baue lotet mich in sein altes Holzhaus zu Saft. 200 SW«
Väter inmitten der Gefahren des-Gebirges hier gehau -Es sicht säst n^ genau so aus wie vor zwei Jahrhunderten. Ein uraltcr st prasselnden Ketten über dem auf Felsen inmitten des Hauses ernteten pst Feuer. Der anbrechende Abend laßt mich, den Rückweg antrete •
: s sitze ich wieder auf der Felsenterrasse. >e Sonn« g b 'in einem - i runden Gebirgskegel ziehen rosige Wolken. Das Hotel e s 9


