Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger
Jahrgang M7 Dienstag, den ^9. Juli ' Nummer 57
Natur und Kunst.
Bon I. .W. v. Goethe.
Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen und haben sich, eh' man es denkt, gefunden; der Widerwille ist auch mir verschwunden, und beide scheinen gleich mich anzuztehen.
Es gilt wohl nur ein redliches Bemühen!
Und wenn wir erst in abgemess'nen Stunden mit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden, mag frei Natur im Herzen wieder glühen!
So ist's mit aller Bildung auch beschaffen: Vergebens werden ungebundene Geister nach der Vollendung reiner Höhe streben.
Wer Großes will, muß sich zusammenraffen; in der Beschränkung zeigt sich erst der Meister, und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.
Max Liebermann.
Zum 80. Geburtstag des Malers.
Von Rudolf Großmann.
Einer der festesten Punkte in der Ebbe und Mut des Berliner Kunstgeschehens ist Max Liebermann.
„Talent bedeutet nichts, Charakter alles", — sagt Liebermann. Er selbst ist das, was man einen Charakter zu nennen pflegt. Dieser nur ihm eigene Sinn steckt in seinem ganzen Wesen, in feiner Arbeitsweise, in seinem Pinsel, in seinem Malmitte!, setzt sich der Familie gegenüber durch, der gegenüber er trotz aller Liebe manchmal tyrannisch wirkt. Oft ist es für den Außenstehenden wie ein Seilziehen nach verschiedenen Seiten.
Er hat mit diesem Charakter in der Kunst eine Ausnahmestellung bezogen, steht wie ein Weiser zwischen und über den Generationen; ihre immer wechselnden künstlerischen Ausdrucksformen persifliert er oft in witziger Weife, wie ein Compere in der Revue. In der individualistischen Zeit ganz verankert, hat sein Kopf noch was Ueberbetontes, was Uebercharakterifiertes, das in der heutigen Zeit wie eine Legende anmutet. In einer Zeitepoche, in der das Individuell« wieder mal ins Kollektivistische hinüberlaviert.
Man hat Liebermann deshalb versucht, in die Historie zu verweisen, aber er springt aus ihr oft unvermutet zeitgemäß, immer angriffsbereit und gar nicht verstaubt heraus, das Heute und fein künstlerisches Gebot; reu bald mit lebensweifen Ansichten, bald mit Bon mots treffend und blitzschnell charakterisierend. Er hat seine Lieblingsthemen, die er immer wieder neu abhandelt, wie die malerische Phantasie, das Natur- abmalen. Sentimentales und Naives in der Kunst, äußere und innere Aehnlichkeit von Bildnissen („bet Porträt ist ähnlicher wie Sie selbst" versetzte er einmal einem unzufriedenen Bestller). Seine, auch von Kritikern oft zitierten Aussprüche sind geflügelte Worte geworden. Er . verteidigt sich und sein Kunstschauen im Grunde damit immer selbst, auch ohne angegriffen zu sein. Das hält ihn immer wieder in frischer Spannung. Er hatte einmal vor. alles festzulegen für den künstlerischen Nachwuchs, ein Vademekum für Künstler herauszugeben, begeistert sich oft innerlich bewegt an diesen seinen eigenen, durch intensive Lebensarbeit gefundenen Einsichten, denkt barem, das Malen zu lassen, um all dies niederzuschreiben, kommt aber dann zur Ansicht, es sei doch nur „pro domo“, nimmt den Pinsel wieder in die Hand und entläßt seine literarische Muse etwas ungnädig und plötzlich.
Während er mir zu meiner Bildniszeichnnng sitzt, ist alles an ihm Uebergcmg, stets gespannt und ganz spontan; in Ruhe, die sein Gesicht nicht zu kennen scheint, die ich aber für meine Zeichnung erhaschen will, nickt er so in sich hinein, mit dem Kopse leise pendelnd, als ob er sich damit selbst bejahe.
Trotz mancher Gegensätze zwischen Privatmann und Künstler — eine selten einheitlich organisch gewachsene Natur. Durch Schicksal — er war von Haus aus reich und seine Familie war dagegen, daß er Maler werde — in eine fast bürgerliche Gebundenheit gesetzt, ist alles Bohemehafte, Exzentrische ihm zuwider. Er ist teilt Künstler, wie etwa van Gogh oder Cezanne, seine 8(rt ist eher kühl und er weiß jederzeit Distanz zu legen zwischen sich, die Menschen und die Dinge, und was ihm nicht adäquat ist, rücksichtslos ausznschließen.
Dieses Distanznehmen ist seiner elastischen Herrennatur durchaus angemessen, vielleicht auch für sein Schaffen aus dem bürgerlich alltäglichen Bereich heraus durchaus notwendig. Als ich ihn eintreten sah, war er da und doch wieder fern, stand einen Augenblick in wunschlos verlorener Beschaulichkeit, im nächsten wieder wach, von eindringlichstem Haften an
dem, was ihn interessierte, dann wieder seiner Energie ablösend, ins Leere verflüchtend. Ein Schauspieler könnt« von ihm Auftritt und Ab- gang lernen. Seine Ateliers am Wannsee mch Pariser Platz sind nüchterne helle Arbeitsräume, nichts vom vorlautem Repräfentationsprunk berühmter Meister. An den Wänden hängen Bmxtrecs und Manets, zum Teil Kopien nach letzterem von ihm selbst. PräpaNerte Malbretter stehen herum, wenn nur ein Strich da drauf ist, der nicht sitzt, muß er das Brett bei seiner reizsamsten Empfindsamkeit für die Fläche wegwerfen und ein neues beginn«. Besonders beim Porträtieren.' Die Aehnlichkeit bestehe in der Nuance, deshalb sei es auch so schwer, «inen gern Uten Kopf, der in Zustand der Unähnlichkeit gekommen sei, roie^r ähnlich zu machen. „Mit der Aehnlichkeit ist's so eine Sache, der Laie sicht meistens nur einen Zug, ein Detail, irgend eine Stellung, an der er >>en Dar- gestellten erkennt, der Künstler das Wesen, für ihn besteht die A>hnUch- teit im ganzen, selbst das Biologische muß in einem guten Portes $u spüren sein. Es muß Großvater, Mutter, Vater, Tochter mit drin soh." Einen Besucher, der in der Wohnung nebenan fand, daß die verfch>- densten Stile und Möbel von Kunstwerken, wie sie dort aufgestellt waren, — es gab Empire, Oestliches und Renaissance — ganz gut zusammen paßten, erwiderte Liebermann ärgerlich: „Kunst ist Kunst und ein gutes Kunstwerk paßt immer zum andern!" Obwohl Kenner von sensibelstem Geschmack, will er im Kunstwerk nur den lebendigen Ursprung, nur das aus der Natur gewordene Werk sehen, nicht den modisch-geschmäckleri- schen Stil seiner Zeit.
„Bei Ihren Bildern muß ich oft an platonische Ideen denken!" „Entelechien, Wirklichkeit!" korrigierte er; denn Aristoteles liegt ihm als praktisch ordnende Natur mehr wie der schwärmerische mystische Plato. Diesen Drang, das Wesen, den Kern der Erscheinung zu fassen, hat er fein ganzes Leben gefolgt. Noch heute, in späten Jahren, soll er Kant lesen, und das, was er für sich herausliest, streicht er rot an. Er ist nicht intellektuell, wie manche glauben, sondern hat sich nur einen außerordentlichen bonsens für das Leben bewahrt, ist berlinerifch schlagfertig und wirkt mit feinen achtzig Jahren frisch und lebenbejahend, weiß immer zu überraschen und zu fesseln. So sieht er nicht etwa saturiert und geruhsam, sondern immer aktiv und kampfbereit mit einem fast grausamen Lächeln über die Dinge dieser Welt. „Die zu gutmütigen Menschen bringen’s zu nichts", meint er. Als ich mal den alten Thoma im Rollstuhl besuchte, sagte dieser: „Ich habe mich vom Lebe immer so trage lasse." Das kann Liebermann nicht sagen. -Er hat die Dinge nach seinem Willen geformt, seine Kunst ist ganz männlich. Nach schöner Materie, nach der Oberfläche, nach dem stofflich sinnlich Greifbaren in der Malerei, was die Modernen so lieben, fragt er nicht viel und hat gar keinen Sinn dafür. „Die Kinder, die der Vater liebt, züchtigt er", sagt er etwas sophistisch. Immer wieder zwingt ihn etwas, das Wesen der Erscheinung zu fassen, den Sinn der Natur nicht im Einzelding, sondern im Ganzen zu packen.
Freuen wir uns, daß er noch rüstig unter uns lebt und schafft. Wir haben wenige Seinesgleichen.
Kutscher und Kaufmann.
Anekdote von Hans Franck.
Zu den Zeiten, als die Hansa zwar Meere beherrschte und Könige zur Bürgerbotmäßigkeit zwang, aber dem deutschen Binnenlande, da man es nicht vom Schiffsbord aus kommandieren konnte, öffentliche Sicherheit und Gesittung in vielen Gegenden noch mangelten, fuhr ein Kaufmann mit seinem Kutscher von Hamburg nach Leipzig. Der Wagen mar mit nordischen Waren, die gegen südliche Fleiß-Erzeugnisse umgehandelt werden sollten, so reichlich bepackt, daß schon deren Veräußerung, wievielmehr ihre Verwandlung in andere Waren, dem Besitzer das Antworten auf die Frage: „Was werden wir essen? was werden wir trinken? womit werden wir uns kleiden?" für den Rest feines Lebens abnahm. Dennoch ließ der glückverwöhnte Kaufmann durch die norddeutsche Ebene seinen warenbepackten Wagen hinrollen, ohne für den Schutz von Hab und Gut und Leben mehr als alltägliche Borsorge zu treffen. Sobald jedoch die Waldberge des Harzes in Sicht kamen, händigte er seinem Kutscher zwei doppelläufige -geladene Pistolen aus. Die, befahl er, solle der Rossolenker — ebenso wie er selber es mit zwei anderen Pistolen im Wagen tun werde — auf dem Bock zu beiden Seiten neben sich hinlegen. Sobald der Fahrende ein Geräusch höre, daß ihn auch nur einen Augenblick lang denken lasse: „Räuber! , habe er auf der Stelle zu halten und statt Seine und Peitsche die schußbereiten Waffen in die Rechte und die Linke zu nehmen. Wer obwohl während jener Jahre in unwirtlichen Gegenden Deutschlands Raubüberfälle zu dem Tagverlauf gehörten wie das Untergehen der Sonne, gelangten öer Kaufmann und fein Kutscher doch, ohne von beutegierigen Buschbewohnern angefallen zu werden, über die Höhe des Harzes.
Als der Wagen bereits wieder geraume Weile bergab ratterte, und die Stunde nicht mehr fern war, da zum ersten Male sich die jem


