Ausgabe 
19.4.1927
 
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melsbläue zwischen Blüten» und früchtebehangenem Geäst, ein bon buntem Blumertreichtum überschütteter Wiesengrund bilden den ver- schwenderisch prunkenden Rahmen, der die Gottheiten der Liebe und des Frühlings mit ihrem Gefolge umschließt. Blumen allüberall, auf den Gewändern und in den Locken, auf den Weg der Liebesgöttin! gestreut und selbst dem Munde der Flora entquellend so hält der Frühling seinen rauschenden Triumphzug durch das Frühlingsland Italien.

Ruhigeren Schrittes, nicht in das reiche Märchengewand der Allegorie gehüllt, schreitet der Lenz durch die nordische Kunst jener Zeit. Erdennähe und Derbundenheit von Mensch und Landschaft atmen ihre Frühlingsdarstellungen in der Tafelmalerei, wie sie es schon in den Miniaturen getan. Sn dieser Richtung liegen die charak­teristischen Bilder des Joachim P a t i n i r, wie seineRuhe auf der Flucht" mit der weiten, vom ersten Lenzesbrodem durchzitterten Land­schaft, die erfüllt ist von der emsigen Tätigkeit der in diesem Boden verwurzelten Menschen. Wie die Krönung dieser ganzen Entwick­lungsreihe erscheint des Bauern-Drueghel Frühlingsbild in der Wiener Galerie. Roch liegt der Schnee auf den Höhen, noch zeigen die Bäume winterlich kahles Geäst; aber schon geht das leise Regen erwachenden Lebens durch die Ratur, den Landmann zu neuer Arbeit rufend. Doch aus der Enge menschlichen Dützlrchkeitsschaffens schweift der Blick im Hintergrund in die lockende Weite des windbewegten Meeres. Pieter Brueghels Kunst hat den befreienden Weg zu einer höheren Llaturerfassung gefunden.

Warum soll man immer alte verräucherte Leinwand betrachten und niemals die Landschaft, das frische Grün und dir Sonne?" Diese Worte Constables geben die Grundmelodie seines eigenen, an äußeren Motiven so bescheidenen, an innerem Erleben so reichen künstlerischen Schaffens, das eine neue Aera der Landschaftsmalerei eröffnet. Sie finden ihre Bekräftigung durch die Tat in jener Reihe von Gemälden, in denen er die wohlkultivierten, svnnendurchfluteten Gefilde des heimatlichen Suffolk dieselben, die auch Gains - b o r o u g h gemalt im Frühlingsglanz, aber auch im Frühlings­sturm, in der Spannung vor dem Gewitter gebildet hat.

Bon Constable führt der Weg zu b ^r Schule von Fontainebleau, vor allem zu dem Maler des Frühlings, zu Daubignh, der dem Engländer auch in der Schlichtheit seiner Motive und ihrem inneren Reichtum verwandt ist. Seltsam, wie die Gegensätze in der engen Ge­drängtheit des Kreises von Fontainebleau zusammenstoßen, wie sie sich widerspiegeln in den Frühlingsbildern dieser Gruppe! Wenn M i ll et den Frühling denkt, dann tritt er ihm in den: mit schweren Schritt über den aufgepfiügten Acker hinschreitenden Sämann in die Er­scheinung; Daubignh gestaltet er sich zur friedvollen Flachland- schast, der zarte Baumstämme und blühende Sträucher im kühlen Sonnenlicht entragen; bei Corot, dem den Künstlern von Fontaine­bleau nahestehenden Meister, breiten sich silberne Schleier von Duft und Dunst über die nebelhaft Verschwimmenden, frühlingszarten Daum­silhouetten, Über stille Wiesen- und Wasserflächen. Don ihm geht die Linie zu den Frühlingsbildern der Smpressionisten.

Immer voller, immer blütenreichen schlingt sich der bunte Kranz der Lenzdarstellungen auch auf deutschem Boden, seit August Wil­helm Schlegel, der Wegbereiter der Romantik, die Landschaftsmalerei als die höchste der bildenden Künste gepriesen, Wohl war in der tiefen, schwermutsvollen Kunst Kaspar David Friedrichs, des , reichsten Vertreters der romantischen Landschastsmalerei, kaum Raum \ für des Frühlings Sonnenland. Doch als die schwere Gedankenwelt I der Romantik dem behäbigen, im Erdendasein wurzelnden Bieder­meier weichen mußte, war des Lenzes Herrscherreich in der deutschen Malerei begründet. Sn Wald Müllers Bildern blüht und jubi­liert der Frühling, wenn er Einzug hält in die lieblichen Täler und über die sanften Höhen des Wiener Waldes, jauchzend begrüßt von jung und alt. Sn Ludwig DichtersBrautzug" schreitet er singend Über die sonnenbeschienene Waldlichtung, den machtvollen Grundton des rauschenden Dreiklangs Lenz, Sugend und Liebe angebend.

ülrtb noch reicher, noch zahlloser wird die Gefolgschaft der Maler, die der Frühling um sein siegreich triumphierendes Danner in allen Landen schart. Rur zweier Künstler, die ihm heiß und in­brünstig gebient, sei hier noch gedacht: Hans Thomas, des Malers des deutschen Frühlings, und Arnold Böck lins. Sanfte, milde Heiterkeit ist der bestimmende Grundzug der Thomasschen Frühlings- gefilde. Sonnenschein und Kinderlachen,, emporsteigend aus derber Buben und Mädchen Kehlen beim fröhlichen Ringelreihen, erfüllt seine Lenzbilder. Doch auch die stille Versonnenheit, die Frühlings­märchenstimmung ist ihnen nicht fremd.

Das Frühlingsmärchen das große Wundermärchen des Er­stehens aus der Dacht des Wintertodes, das ist die Welt Döcklins, durch die er mit märchengläubigen Augen wandelt, sie in den leuch­tenden Mantel seiner Farbengluten hüllend. Bei Floras lockenden Harfenklängen sieht er die Blumenkinder sich dem schweren Winter­schlaf entringen, sieht der Frühlingsgenien ausgelassenen Reigentanz am Wiesenquell, oder lauscht der Grazien SchönhÄts- und Lenzes- hhmnus. Aber auch das dunkle, ahnungsvolle Wissen um die Ver­gänglichkeit all dieser blühenden Schönheit senkt seine Schleier über Döcklins Frühlingsbilder, klingt aus der schwermütigen Melodie des flötenden Pan in die Stille des Abends wie aus dem Rhythmus der ernsten Frauengestalten, di« durch die lachende Au" schreiten. Doch die ergreifendsten Töne für die schicksalhafte Derbundenheit des kei­menden und des absterbenden Lebens, des strahlenden Frühjahrs- glanzes und der müden Todesnähe fand der Künstler in seinem reifsten FrühlingsbildDie beiden Alten in der Gartenlaube". Der Dreiklang Lenz, Sugend und Liebe, der aus so vielen Frühlings­darstellungen erklingt, ward hier gewandelt und vertieft zu dem

weltumspannenden Zweiklang des Werdens <tnd Vergehens alles Irdischen.

Sehen Unsere Augen richtig?

Von Dr. med, K. Wvltereck, Hannover.

Wie sehr der Mensch vom feinen Sinnen auch im Denken abhängt, beweist die Tatsache, daß es unmöglich ist, irgendeine Vorstellung - ohne Zuhilfenahme eines sinnlichen Eindrucks aus der Erinnerung - zu bilden, eine Tatsache, die vielleicht zunächst überrascht, aber von : ledem im Selbstversuch sofort zugegeben werden muß. Wir sind ; also rettungslos unseren berühmten fünf Sinnen ausgeliefert, und * man wird in diesem Zusammenhang« leicht auf die Frage kommen: ; Wenn unsere Vorstellungen und Erkenntnisse so von unseren Sinnen > abhängen, geben uns denn diese Einrichtungen wenigstens ein rich» ; ktges Abbild der Welt? Dieser Frage näher zu treten, ist besonders interessant an dem Sinnesorgan, das uns mit Recht das wichtigst« ist: Am Auge. Denn wir haben hier den Äorteil, daß wir bequem einen Vergleich anstellen können mit einem Apparat, der ganz sicher­lich em im mathematischen Sinneähnliches" Bild der Llmwelt zu- wegebringt, d. i. eine gut geschliffene Linse. Oder vielmehr muß man heute sprechen von einem Linsenshstem, das allein eine voll­kommene Leistung ermöglicht. Die Frage, was für Fehler überhaupt tn einem (optischen) Bilde denkbar sind, Wird aufs beste durch eine schlechte Linse beantwortet; sie gibt ein verzerrtes, unscharfes, fleckiges Bild, und um Helle Gegenstände Regenbogenfarben, alles Dinge, die in Wirklichkeit gar nicht da sind.

Wird das menschliche Auge nach diesen angedeuteten Gesichts­punkten untersucht und der Bergleich mit einem modernen erst­klassischen Linsensystem, etwa dem einer teuren Kamera, angestellt, so muß man sagen, daß unser naturgegebenes System denn um eint System handelt es sich auch in unseren Augen nur ein zweit­klassiges darstellt: Ein Triumph der Technik!

Denn wirklich läßt sich bei starken Vergrößerungen ohne weiteres zeigen, daß die Rundung der Hornhaut z. D. nicht die exakte Qinie zeigt, wie eine Präzisionslinse, daß die Mittelpunkte der das System zusammensetzenden brechenden Flächen keineswegs ganz genau in i einer geraden Linie liegen, auch durch Erschütterungen geringer Art schon kleinste abweichende Bewegungen machen können, das von der Außenwelt entworfene Bild dem Rande zu rasch sehr unscharf wird, ja daß feinste Trübungen und Stäubchen fast in jedem Auge gefunden werden können, alles Dinge, die in einem guten optischen System niemals vorkommen. Daß vor allem die Regen- bogenbildung um Lampen und Bergt, ziemlich stark ist, erkennt man ohne weiteres beim Selbstversuch. Es erscheinen ferner abends die Lichter von weitem als strahlende Sterne mit unregelmäßigen Strah- : lenbündeln, obwohl wir all« doch wissen, daß diese Lampen ihr i Licht durchaus gleichmäßig verteilen. Das erklärt sich aus der L.n- regelmäßigkeit der Lichtbrechung an der Oberfläche unseres stets ! feuchten Auges, die sich erst störend bemerkbar macht, wenn sehr viel Licht auf einen sehr kleinen Teil dieser Oberfläche fällt. Sn diesem! Falle treten also die an sich geringen Fehler unseres Sehorganes so hervor, daß sie di« Richtigkeit des Bildes hem" rächtigen. daß wir siemit eigenen Augen zu sehen" vermögen.

Sst die Technik also der Ratur voraus? Dach Vorstehendem würde man das ganz sicher mit Sa beantworten müssen, wäre mit dem Gesagten die Leistung unserer Augen schon erschöpft. Aber das Auge leistet noch viel mehr, als die Kamera. Denn wir haben noch einige Eigenschaften des von uns gesehenen Bildes vergessen, näm­lich die Tatsachen, daß wir in der Welt Farben sehen, ferner Be­wegungen und endlich die Entsernung der Dinge, b. h. ihre Lage im Verhältnis zu uns zu beurteilen vermögen.

Sehen wir die Bewegungen richtig? Die Erfindung des Kine- matographen beweist, daß das nicht der Fall ist, denn er vermittelt uns das gleiche, das Sehen der Bewegung, obwohl jedermann weiß, daß die kinematographische Aufnahme jede Bewegung in einzeln« unbewegte Bilder zerlegt, und sozusagen die Hälfte wegläßt. Wir merken es nicht, wir können es nicht merken, weil die Zwischenräume zu klein sind. Wir sind an der Grenze, der sinnlichen Möglichkeiten! angekommen.

Auf interessanteste Weise entsteht ferner die Vorstellung von der Daumlage eines Gegenstandes einfach dadurch, daß etwas als um so seitlicher (oder höher oder tiefer) empfunden wird, je weite« entfernt vom Mittelpunkte des Auges der Gegenstand sich abbildet. Gelingt es nun, das Bild eines Gegenstandes im Ange zu verschieben, z.B. dadurch, daß das Auge für den Betreffenden unmerklich be­wegt wird, so wird sofort sein Raumurteil fr : er soll den Gegen­stand fassen und er greift vorbeiI Normale...eis« werden indessen! unsere Raumurteile (in bezug auf uns selbst) richtig fein, es sollte nur gezeigt werden, wie leicht es ist, diesen automatischen Vorgang zu überlisten, eine Sinnestäuschung zu machen.

älnd endlich, sehen wir Farben richtig? Dem physikalisch Vor­gebildeten erscheint diese Frage müßig, weiß er doch, daß es sich hier um Schwingungen verschiedener Wellenlänge handelt, also um quantitative Unterschiede, etwas, was wir betreffs unserer Farben­empfindung niemals zugeben können.

Wenn, also offen gesagt wurde, daß die Leistungen unserer nor­malen Sinnesorgane allein durch den Zeitbegriff eine starke Be­grenzung ihrer Wiedergabemöglichkeiten im Sinne der absoluten Richtigkeit erleiden, wieviel illusorischer noch wird dieser Richtlg- keitsbegrifs bei der Analyse unserer Farbenempfindung. Hier er­kennen wir, baß durch den Einfluß der Umwelt in uns Dinge ent­stehen, deren Gebundenheit an uns selbst wir zugeben müssen als nur durch unsere Ratur begründet. __

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.