GietzeimZaniilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang M? Samstag, den ^9. Nosemsrr ~~ Rümmer 92
Die toten Freunde.
Bon Eonrad Ferdi,mnd M eye r.
Das Boot "stößt ab von der, Leuchten des Sieftabs.
Durch rollende Wellen dreht sich der Schwung des Rads. Schwarz qualmt des Rohres Bauch ... Heut" hab' ich schlecht, Das heißt mit lauter jungem BM gezecht. —
Du, der gestürzt ist mit zerschossener Stirn,
Und du, verschwunden aus einer Gletschersirn, Und du, verlodert Wie schwüler Blitzesschein, Meine toten Freunde, saget, gedenkt ihr mein?
Wogen Aschen um Bug und Räderschlag, Dazwischen jubelt.ein dumpfes Zechgekog. In den Fluten braust ein sturmgedämpfter (?■ Becher läuten aus tiefer Nacht empor.
Totensonntag.
Bon Max G c i f e nheyner.
Äser sind 'fie, metne Toten? Ich habe ihrer lange Jahre nicht gedacht dis auf diese Stunde, da ich im alten Elternhause in dem atten Kalender blättere.
Sch lehne mich in den Schreibsesse! zurück, und während die Messinglampe summt und singt, stehen sie auf ans den Gräbern der Erinnerung und wandeln durch meine Gedanken. Blaugraue, braune und leuchtend blaue Augen schauen mich an, als hätte sie der große -Ballender nie mit seinen Eisfingern geschlossen. Ich sehe sie die Straße heraufkommen, meine Toten, mit Bewegungen der Anne und des Kopfes, nur ihnen eigentümlich, höre ihre Schritte, wie so tausendmal an der Haustür und auf der Treppe. Und aus einmal gucken sie zur Tür herein! Lächeln, nicken und verschwinden. Als wollten fie nicht stören ... Ihre Gesichter waren nicht die, da Krankheit sie verzerrte, und der Tod ihre Züge verschob. Nein, so rote sie an mein innerstes Herz gepocht, mit Worten, die ihr Wesen enthüllten, mit Handlungen, die Worte überflüssig machten.
Ich habe ihrer nie gedacht wie am heutigen Tage. So eindringlich und versenkt in sie. An der Wand vor mir hängen zwei Bilder, mild migestrahlt vov der Lampe. Es ist, als wäre ein Vorhang von ihnen fortgezoqen.- Auf dem Jugendbildnis des Vaters blitzt die Uniform um die Wette mit den Hellen offenen Augen. Die dichten, schwarzen Locken, .machen mir widerwillig dem militärischen Scheitel Platz. Von weit draußen, jenseits des großen Wassers stammt das Bild.
Darüber das Porträt des Fünfzigjährigen, des Vaters von Kindern, die alle ihren eigenen Kopf hatten, die ihre Wege gehen wallten und mutzten, die ihm im Unverstand der Jugend Strenge und Erbitterung aus- Sngen, die ihni den Traum störten, oder während der ersten Schul- e die Weisheit der Welt von ihn, sorderten. Ein dichtes Netz tiefer und feiner Falten hat die Sarge ihm übers Gesicht geworfen. Die Stirn ist bedruckter, ernster, der Scheitel gelichtet Die Kleidung peinlich einfach. Nur die Augen sind immer noch wie Sonnen, umgeben von hundert Strahlenrinnen. Ich sehe ihn vor mir sitzen, den breiten, trinkfesten Seemann, im gemütlichen Lehnstuhl zu festlicher Stunde. Schmimzelud höre ich ihn, während die Zigarre zwischen den Lippen quirlt und wippt, von gefährlichen Stürmen, aufregenden Jagden und witzigen Begebenheiten erzählen, Wahrheit und Dichtung mischen, mit lustig zwinkernden Augen.
Vorbei. Der Regen, der an die Fenster prasselt, wie Krallen verirrter Vogel, rauscht auch auf fein Grab, das einsam in der steriilost» Nacht siegt, wie der Tote in feinem Schoß.
Wieder höre ich Schritte ... Das ist ein Erzählen und Lachen auf der Treppe, ein Pusten und Fauchen von jemandem, der zehn Pakete ichleppt und weiß, daß gute und köstliche Dinge darin find; an der Tür ein Küssen und Bewillkommnen, ein erwartungsvolles Pochen an Schachteln und Körben. Die Tante ist es, die eigentlich gar keine war, und von der wir Kinder nur den Vornamen wußten. Und ich sehe sie im Hause yerumhantieren, überall helfen und immer bereit, freundlich zuzureden und zu entschuldigen ... wenn fie dann des Nachmittags in der Ecke om Fenster vor dem Nähtisch faß und flickte und bastelte, hatten wir nicht das Gefühl, als müßte die Radel heiß werden in ihren Fingern?
Und wie fie bann, als ihr letztes Stündlein gekommen, klein, einqe- 'chrumpft, mit geschloffenen Augen aus ihrem Bette lag und ohne Strumpf ohne Flicken flickte und ohne Lappen ab wusch, immer die Hände m Tätigkeit, wie in gesunden Tagen. Ja, wie habe ich das nur vergessen tonnen? Irgendwo hat Mutter Erde ihren kühlen, samtnen Mantel"über t ®r?.n Krankheit zerstörten armen Leib gelegt. Die Erinnerung an sie jroer flicht aus Bild um Bild eine Vlumsukette, die zurückreicht bis in die kNiheste schönste Jugend.
Q .nich die anderen, die in des Knaben, des Jünglings titib Des Mannes '-eben traten und dann plötzlich nicht mehr waren, als der HeiMgekshrte
an alten Stätten ulte Gesichter suchte und fremde, gleichgültige fand»
Horch! Im Nebenzimmer spricht ein Kind im Schlafe. Es klingt wie Lachen, wie .em kurzes Jauchzen. Die Tür steht ein wenig auf. Ruhla brennt das Kerzenlicht auf dem Nachttisch. Auf Zehen schleicht die SRutttt herein- O, ich kenne iljren bedeutsamen Schritt. Ich sehe durch den Spa«, wie fie sich über das Bett beugt.
h in Wiegenlied, das Lied des Lebens, summt durch Ne Stube und wahrem, der Sang wie gedämpfter Geigenttäng schwillt und ebbt, lausche ich meinen Spien nach, wie sie wieder weit, weit fortziehen in dir große Weit der Stille.
Vvp Hans F r a n 6.
Taten während des Weltkrieges und tm zu erhalten."
der ENkt-Wichaels-Kupolle der Kathedrale zu SeMerbwni Beat Mtremem kunstvoll geschmiedeten Betpult ein dickes Buck aus P-rgameich dwNmnen cher «521 Angehörigen des Kent-Regimentes aujg^ zeichnet stehen. Jne tm Weltkriege gefallen sind. Das Buch beginnt mit üen einfachen Soldaten, deren Namen soviel auf den einzelnen Seiten ueremigt wurden, als bei künstlerischer Anordnung hrmmsgingen, und Ichheßr mit zwei Generalen, von denen jeder eine gesonderte ©e& zua«. rotefen erhielt. Morgen für Morgen betritt ein ' Soldat des Seilt- Regimemes die Kapelle und, nachdem er auf der Schwelle vor dem Buck er bos aufgeschlagene Blatt um. Der Grund z» Ne er militargchen Handlung ist folgender: Der Künstler, welcher da» kostbare schriMNerk in vielmonatiger Arbeit verfertigte, bat daruni. Daß täglich eme Seite des geöffneten Buches umgewendei 'werden möge, öamtt Pergament eine gleichmäßige Tönung behalte. Diese im Jnteresft der Schönheit notwendige Prozedur gab nun dem Komman- 'ictt^egrmemes Ablaß, aus ihr einen regelmäßigen Ehren- v h?" BUr Soldaten von tadelloser Führung vollziehen
dur^n. Benn Verlassen der Kaserne erhalten die durch den Befehl zur Büittweirdung Ausgezeichneten allmorgendlich einen Komman-dostab mit durch dessen Borzeigung sie sich bei dem Sakrfftan der «ankt-Michaels-Kiipelle legitimieren müften. Der Sim, dieses Ehren- «Mftes aber ist, im Kmi-Regimente die Erinnerung an Deffen nihmvolle ferne <>521 Gefallenen lebeudix
so stand es m zahlreichen Zeitungen, und die es lasen, priesen mit iuuteu, mit leisen, unt ergriffenen, mit gewohnheitsmäßigen Worten die Anordnung des Kent-Regiment-Kommandeurs als ebenso simiooll wie zweckmäßig. Von .Sen verwirreicksu, die Ausrichtung seines Befehis ge- fahWensen Zrogchenfall aber, der m den ersten Monaten dieses militari- W®1. Erimierungskultes in der Lcmkt-MiüMels-Kopelle der Kathedrale zu Canterbury sich ereignete, stand in den Zeitungen nichts.
Am Morgen des 20. Oktober 1919 nämlich kniete vor dem peraa- mentensii Buch mit den fechstausendfimshundertimdeinzwmizig Namen eme armlrch geile,bete, -etroa sechzigjährige Frau. Sie war am Tag zuvor von chreni Wohnort Wye gen Canterbury gepilgert. Der säuerliche sakkifian hakle der Zugerch'teii das Gitter, welches die Sankt-Michaels, .stupelle von dem jedermann zugänglichen Kirchenraum abtvemtt, nicht auf. Mießen wallen. Aber ein nngewötMlich hohes Trinkgeld machte ihn gefügig. Die Schwarzgekleidete begab sich in den Gedenkraum. Der Rot- bemäntelte guig in seine Wohnung zurück. Mit schweren Sdiritien schieppie bie Frau sich zu dem kostbaren Buch mit den fechstaufendfunkhmidertund- einundzwanzig Namen. Bekreuzigte sich. Kniete -nieder. Neigte das .Haupt. Betete. Lange. Sehr lange —
Schließlich hob die Frau aber doch -as Gesicht, sah das Buch an und begann, mit zitternden Fingern seine Wiitter mmzuwenden. Dort, wo Ne .vielen Namen dichtgedrängt Verzeichnet stehen. Die Frau las — mit — Mmnen wm Namen, las — batbtont die Buchstaben zufammerr- suchend — seiie für Sette. Plötzlich schluchzte fie aus. lind wandte nun nicht mehr um. Mitten auf der Leite stand in der Tat, was man ihr m dem Brief zugesichert hatte, den sie vom Kenl-Reglmen: vor einigen Monaten erhielt. Die Hände der Frau falteten sich von neuem. Fielen aus das Luch. Auf -fernen unteren Rand. Dorthin, wo aus künstlerischen Gründen kein Name mehr steht. Ihr Herz schrie, ihre Lippen murmelten, -hro Augen weinten: „Ralph Mulvam), geboren am 3V. Juli 1889 zu Wye, Bezirk Canterburys gefallen am 20. Oktober 1914 bei Langemarck in Belgieri." Immer aufs neue: „Ralph Mulvavy —" bis zum „— 1914 bei Langemarck in Belgien." Ohne Aushören: „— geboren — gefallen — geboren — gefallen —"
Einige Minuten vor acht Nhr 4mt der Abgesandte des Kent-Regimentes mit dem silberköpfigen Erkemumgsstab bei dem SakiHtan ein, a«n den Schlüssel zur -Sankt-Michnsls-Kapelle zu holen. Da erst erinnerte der Frühstückende sich, daß er die zugereiste Frau, welche ihm trotz ihrer kümmerlichen Kleidung ein erkleckliches TrinkgM aushLndigte, völlig vAMfien hatte. Der Sakrkstan bedeutete dem Soldaten, daß die Kapelle


