Ausgabe 
16.4.1927
 
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Eichener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang <927

Samstag, -en 16. April

Hummer 30

Aus österlichem Herzen.

Von Hermann Claudius.

Das Wunder irrt winterlichen Baum, das unsere blinden Augen nicht sahn, müssen sie nun. da grün alle Knospen aufbrechen, staunend empfahn. Das Lied, das verhalten in jeder Vogelkehle schon lag, offenbart sich jetzt unferm tauben Ohre Tag um Tag.

Und unser Herzblut, das immer doch innen in uns seinen gemessenen , ,, sZirkel klopfte und rann,

hebt sich voll ungestümer Sehnsucht auf einmal und will hinan, hebt sich auf einmal über uns und will hinaus.

Dir begegnet das Wunder in deines Körpers eigenem Haus.

Deiner Seele Kelche offnen sich strahlend weit.

Du stehst vor dir selber betroffen: Frühlingszeit!

Und aber:

Es ist ewige Weisheit, daß vor unserm Auge die Ferne in Schleiern sverschwimmt.

Es ist ewige Weisheit, daß unser Ohr nur den Klang aus der Nähe svernimmt,

es ist ewige Weisheit, daß unser eigen Blut aus geheimem Grund in uns aufsteigt, verborgener Mären trächtig und dnnkelkund.

Denn: wo unser 2(uge blind wird, nicht mehr sieht, denn: wo unser Ohr ertaubet, der Schall entflieht, denn: wo unser Blut stumm wird, urgrundschwer---

wartet auf uns in seiner Heimlichkeit Gott der Herr.

Auferstehung.

Von Walther Nithack-Stahn, Pfarrer an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Berlin.

Ostern hat eine sinnliche und eine übersinnliche Seite. Es ist das Fest der erwachenden Erde, der sinnenfällig zum Lichte drängenden Natur, der neuen Farben, neuen Lieder, der heiß ouffteigenbcn Lebenstriebe. Und andererseits läuten die Osterglocken von etwas, das kein Auge je gesehen, kein Ohr vernommen hat. Selbst das, das die heiligen Geschichten von der Auferstehung erzählen, hat keinen Augenzeugen gehabt, ist erst nach­träglich von denen geglaubt worden, denen ein geistiges Erlebnis die Zuversicht gab, daß ein Menschensohn wahrhaftig den Tod Überwunden habe. Darum scheiden sich am Dftertoge wie an keinem anderen des Jahres die Geister.

Die einen halten sich allein an das sinnlich Wahrnehmbare. Hinaus in die Natur! So lautet ihre Osterbotschaft. Dort an Leib und Seele, in Luft und Sonne sich gesund baden, die Winterfchwere aus dem Ge- müte abschütteln und neue Lebenskräfte fühlen. Darauf richtet sich ihr höchstes Hoffen. Und wem dazu Zeit und Freiheit fehlt, der läßt sich wenigstens durch eine Frühlingsblüte im Zimmer ober durch das Symbol des keimenden Lebens im Osterei in Stimmung versetzen. Sicherlich hat diese Rückkehr zu der urdeutschen Oftarafeier/ wie sie die wanderfohe Jugend von heute mit besonderer Inbrunst vollzieht, ihr gutes, natür­liches Recht. Aber man sollte dabet nicht verkennen, daß unsere Vor­fahren in dem jährlichen Sieg der Sonne über das Winterdunkel einen göttlichen Vorgang sahen, etwas tief Geheimnisvolles, im letzten Grunde Uebersinnliches, das sie anbetend als eine Offenbarung himmlischer Mächte begrüßten, während viele heutzutage in dem Frühling nichts als einen naturgesehlichen Vorgang sehen, der sich aus physikalischen Urscchen mechanisch abrollt. Diese letzteren können eine wirkliche Osterfeier nur begehen, wenn sie halb- oder unbewußt bei der religiösen Weltanschauung Anleihen machen.

Ganz anders die Gläubigen des Auferstehungstages, denender Frühlingsfeier freies Glück" wie alles Vergängliche nur ein Gleichnis von Tatsachen ist, die sich in einer anderen Welt abspielen. Richt, daß es sich zu Ostern um einenGeschichtenglauben" handelte, der sich auf ein einmaliges, historisch unbeweisbares Ereignis bezöge, vielmehr ist Auferstehungsglaube einRichtzweifeln an dem, was man nicht stehet". Hätten jene ersten Ostergläubigen von Anfang an das Göttliche in Menschengestalt erkannt, so hätten sie keiner Zeichen und Wunder bedurft, um an seine Unsterblichkeit zu glauben. So wären die Er­scheinungen des Verklärten nicht notwendig gewesen, vielleicht auch mcht erfolgt. Run aber waren sie die erschütternde, durch höheren Wicken gefügte Reaktion auf die Trostlosigkeit des Karfreitags. Don nun an galt ihnen und allen Jüngern des Osterfürsten der Wahl- sprach:Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!" Heißt das etwa, auf Einbildungen" bauen? Aber ist nicht alles Wertvolle im Leben am Ende unsichtbar und Glaubenssache? Du glaubst an deinen Freund, an deinen Gatten, an deine Zukunft, an den Aufstieg deines Volkes, an die Rienschheit überhaupt das alles ist subjektiv, unlernbar und unlehrbar. rem persönliches Vertrauen, gegründet auf innerliche Er­lebnisse. Richt anders ist es mit dem Osterglauben. Er besagt, daß

die Liebe stärker ist als der Tod, daß sie, die wir nur in persönlicher Form kennen, auch persönlich den Tod überdauert.

Freilich richtet sich aller Glauben auf etwas Zukünftiges, Wer­dendes, noch nicht Seiendes. Jene andere Welt ist noch nicht in Erscheinung getreten oder doch nicht für jeöen Menschen, sie soll erst mehr und mehr kommen. Deshalb ist es ein törichter Einwand gegen den Osterglauben: die heutige Welt zeige noch so wenig von den Kräften der Liebe, sei durch und durch imchristlich,das Reich der Himmel" sei eine Utopie. Selbstverständlich ist es das, wie alles Metaphysische, das in der sinnlich erfahrbaren Welt nicht unmittelbar wahrgenommen wird. Aber darum eben ist Ostern das Fest der Hoff- niing, die ins Unendliche hinausweist. Richt einer Hoffnung, die leere Luftschlösser ins Blaue hinein baut, sondern einer, die sich auf die stärksten seelischen Gründe berufen darf, die je in Menschen­herzen verankert waren. Aus dieser Hoffnung auf eine Ewigkeit schöpft der Ostergläubige seine tiefste Lebenskraft. So hat es der greife Goethe ausgesprochen, der am Ende seines faustischen Lebens zu dem Anfang zuruckkehrte und sich den Ausspruch jenes Mediziners zu eigen machte: Der ist für dieses Leben tot, der nicht an ein anderes glaubt." Oder des Künstlers aus gesprochen:Man kann nur solange schaffen, als man religiös ist."

Diese Osterhoffnung, daß unsere kurze Spanne Erdenzeit in ein ewiges Dasein eingebettet ist, bedeutet eine zweifellose Gewißheit. Es gibt keine stärkere, als die erften Ostergläubigen sie hatten, die in dieser Zuversicht ihrem Meister bis in den Tod nachfolgten. Und Luther konnte sagen, daß der Glaube eine trotzige, verwegene Zuversicht sei, so gewiß, daß einer tausendmal darum stürbe. Freilich stand schon unter den ersten Sängern jener Tomas, der nicht glauben wollte, ohne mU Augen gesehen und mit Händen betastet zu haben. Aber auch et laßt sich da hin belehren, daß echter Glaube auf das Leben Verzicht leistet, ohne an Sicherheit dadurch einzubüßen.

Ich erinnere mich aus meiner Knabenzeit an einen Osterspazier­gang mit einem mir an Alter und Kenntnissen weit ü6erlegenen Ge­lehrten, mit dem ich das Gespräch auf das Osterthema der Unsterblich­keit führte. Seinen kritischen Einwendungen, denen ich damals den- kerrsch nicht gewachsen war, hielt ich dennoch dadurch stand, daß er nur endlich zugab: der Mensch, sei er wie er sei, könne schließlich nur leben, wenn er so lebte, als ob eine E w i g k e i t vor ihm läge. So weit mag reines Rachdenken führen. Das letzte, was die Osterbotschaft von uns beansprucht, das Vertrauen, das man hat oder nicht hat, ist etwas, das einem geschenkt werden muh, so wie der Lerche ihr Srühlingslied geschenkt wird und der erwachendeii Erde die strahlende Wärme der Sonne.

Gotisches Weltgericht.

Eine österliche Kunstbetrachtung.

Don Wilhelm B o e ck.

Das apokryphe Evangelium des Rikodemus berichtet, daß Christus nach der Grablegung am Karfreitag in die Tiefen der Erde hinabstieg, um die Menschen des Alten Bundes, die seine Lehre noch nicht bet* nommen hatten, aber die Ankunft des Messias ersehnten, aus bei Vorhölle zu befreien. Luzifer setzte zwar mit seinen Engeln die Höllen­burg in Derteidigungszustand, da er das Rahen des UeberwinderS vernahm, doch Christus zerbrach die Riegel, zertrümmerte die Pforten der Hölle und pflanzte sein Siegesbanner auf die Zinnen. Adam und Eva, nun auch entsühnt, zogen an der Spitze aller Frommen des Alten Testamentes ins Paradies ein. Diese Geschichte genügte einerseits dem Wunsche, die Zeit zwischen Grablegung und Auferstehung, während deren man sich Christus nicht vollkommen untätig denken wollte, aus­zufüllen. Sie schuf aber auch wesentliche Voraussetzungen für di« Wiederkunft Christi im Jüngsten Gericht; sie beseitigt eine Sonder- stellung der Seelen, die ohne Verschulden des Gnadengeschenkes nicht teilhaftig werden konnten.

Um die Mitte des 15. Jahrhunderts wachsen auf dem gemein­samen Boden der Mystik bei durchaus verschiedener örtlicher Bedingt­heit drei große Darstellungen des Jüngsten Gerichtes in der Malerei, die in zum Teil merkwürdiger Uebereinstimmung das Thema im besonderen gotischen Sinne erschöpfend behandeln.

In Köln schildert Stephan Lochner den Tag der Vergeltung Ein Kunstwerk von der Kraft eines Gesichtes und zugleich verstandes­mäßig geregelten Ausbau; gerade in dem exakten Gleichgewicht der beide» Bildhälften liegt die Stärke der Darstellung. Mit gleicher Anteilnahme entwirft der Künstler Verzweiflung und Qual der ewig Verdammtem Glück und Deseligung der zur immerwährenden Freude Berufenen Groh und hehr thront der Weltenrichter oben vor dem goldgrundige» Weltenraum, einen roten Schultermantel um den nackten Körper mtz dem klaffenden Wundmal geschlagen. Er sitzt auf hoch gewölbten