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Verantwortlich: Dr. Han« Thyriot. - »ruck und Verlag. Brühl'fche UniversitäkL-Vuch- und Steindruckerei, A. Lange. Vie-en.
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gegangen? — Ms er sah, daß die Mutter gar nichts mehr von ihm hören wollte, traten ihm die Tränen in die Augen, und er ging trauernd die Straße hinab nach der Bude, wo fein Vater den Tag über Schuhe flickte. ,Lch will doch sehen," dachte er bei sich, „ob er mich auch nicht kennen will; unter die Türe will ich mich stellen und mit ihm sprechen." Als er an der Bude des Schusters angekommen war, stellte er sich unter die Türe und schaute hinein. Der Meister war so emsig mit seiner Arbeit beschäftigt, daß er ihn gar nicht sah; als er aber einmal zufällig einen Blick nach der Türe warf, lieh er Schuhe, Draht und Pfriem auf die Erde fallen und rief mit Entsetzen: „Um Gottes willen, was ist das, was ist das?"
„Guten Abend, Meister!" sprach der Kleine, indem er vollends in
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daß dies ihr Sohn sein könne. Endlich hielt sie es fürs beste, mit ihrem Mann darüber zu sprechen. Sie raffte also ihre Körbe zusammen und hieß ihn mitgehen. So kamen sie zu der Bude des Schusters.
„Sieh einmal," sprach sie zu diesem, „der Mensch da will unser verlorner Jakob sein. Er hat mir alles erzählt, wie er uns vor sieben Jahren gestohlen wurde, und wie er von einer Fee bezaubert worden sei."
„Lasset mich in Ruhe, ich hab' keinen im Bermögen; meine Frau hat ein Spiegelchen, ich weiß aber nicht, wo sie es verborgen. Müßt Ihr aber durchaus in den Spiegel gucken, nun, über der Straße hin wohnt Urban der Barbier, der hat einen Spiegel, zweimal so groß als Euer Kops' gucket dort hinein, und indessen guten Morgen!"
Mit diesen Worten schob ihn der Vater ganz gelinde zur Bude hinaus, schloß die Türe hinter ihm zu und setzte sich wieder zur Arbeit. Der Kleine aber ging sehr niedergeschlagen über die Straße zu Urban, dem Barbier, den er noch aus früheren Zeiten wohl kannte. „Guten Morgen, Urban," sprach er zu ihm, „ich komme. Euch um eine Gefälligkeit zu bitten; seid so gut und lasset mich ein wenig in Euren Spiegel schauen!"
„Mit Vergnügen, dort steht er", ries der Barbier lachend, und sein« Kunden, denen er den Bart scheren sollte, lachten weidlich mit. „Ihr seid ein hübsches Bürschchen, schlank und sein, ein Hälschen wie ein Schwan, Händchen wie eine Königin und ein Stumpfnäschen, man kann es nicht schöner sehen. Ein wenig eitel seid Ihr darauf, das ist wahr; aber b«. schauet Euch immer! Man soll nicht von mir sagen, ich habe Euch au» Reid nicht in meinen Spiegel schauen lassen."
So sprach der Barbier, und wieherndes Gelächter füllte die Bader- stube. Der Kleine aber war indes vor den Spiegel getreten und hatte sich beschaut. Tränen traten ihm in die Augen. „Ja, so konntest du freilich deinen Jakob nicht wiedererkennen, liebe Mutter," sprach er zu sich, „so war er nicht anzuschauen in den Tagen der Freude, wo du gerne mit ihm prangtest vor den Leuten!" Seine Augen waren klein geworden, ei« die der Schweine, seine Rase war ungeheuer und hing über Mund und Kimi herunter, der Hals schien gänzlich weggenommen worden zu fein, denn sein Kopf stak tief in den Schultern, und nur mit den g.igt-n Schmerzen konnte er ihn rechts und links bewegen; sein Körper war noch so groß als vor sieben Jahren, da er zwölf Jahre alt war; aber wenn andere vom zwölften bis ins zwanzigste in die Höhe wachsen, so wuchs er in die Breite, der Rücken und die Brust waren weit ausgebogen und waren anzusehen wie ein kleiner, aber sehr dick gefüllter Sack; dieser dick« Oberleib saß auf kleinen, schwachen Beinchen, die dieser Last nicht ge- wachsen schienen; aber um so größer waren die Arme, die ihm am Leib herabhingen, sie hatten die Größe wie die eines wohlgewachsenen Mannes; seine Hände waren grob und braungelb, seine Finger lang und spinnenartig, und wenn er sie recht ausstreckte, konnte er damit aus den Boden reichen, ohne daß er sich bückte. So sah er aus, der kleine Jakob.
Jetzt gedachte er auch jenes Morgens, an welchem das alte Weib an die Körbe seiner Mutter getreten war. Alles, was er damals an ihr getadelt hatte, di« lange Rase, di« häßlichen Finger, alles hatte sie ihm an- getan, und nur den langen, zitternden Hals hatte sie gänzlich weggelasien.
„Nun, habt Ihr Euch jetzt genug beschaut, mein Prinz?" sägte der Barbier, indem er zu ihm trat und chn lachend betrachtete. „Wahrlich, wenn man sich dergleichen träumen lassen wollte, so komisch könnte es einem im Traums nicht vorkommen. Doch ich will Euch einen Vorschlag machen, kleiner Mann. Mein Barbierzimmer ist zwar sehr besucht, aber doch seit neuerer Zeit nicht so, wie ich wünsche. Das kommt daher, weil man Nachbar, der Barbier Schaum, irgendwo einen Riesen aufgefunden hat, der ihm die Kunden ins Haus lockt. Nun, ein Riese zu werden, ist gerade keine Kunst; aber so ein Männchen wie Ihr, ja, das ist schon ein ander Ding. Tretet bei mir in Dienst«, kleiner Mann, Ihr sollt Wohnung, Essen, Trinken, Kleider, alles sollt Ihr haben; dafür stellt Ihr Euch morgens unter meine Tür und ladet die Leute ein, hereinzukommen; Ihr schlaget den Seifenschaum, reichet den Kunden das Handtuch und seid »er- sichert, wir stehen uns beide gut dabei; ich bekomme mehr Kunden als jener mit dem Riesen, und jeder gibt Euch gerne noch ein Trinkgeld."
Der Kleine war in feinem Innern empört Über den Vorschlag, als Lockvogel für einen Barbier zu dienen. Aber mußte er sich nicht diesen Schimpf geduldig gefallen lassen? Er sagte dem Barbier daher ganz ruhig, daß er nicht Zeit habe zu dergleichen Diensten, und ging weiter.
Hatte das böse alte Weib seine Gestalt unterdrückt, so hatte sie doch feinem Geist nichts anhaben können, das fühlte er wohl; denn er dachte und fühlte nicht mehr, wie er vor sieben Jahren getan; nein, er glaubte in diesem Zeitraum weiser, verständiger geworden zu sein; er trauerte nicht um seine verlorene Schönheit, nicht über diese häßliche Gestalt, sondern nur darüber, daß er wie ein Hund von der Türe feines Vaters gejagt werde. Darum beschloß er, noch einen Versuch bei feiner Mutter zu machen.
Er trat zu ihr auf den Markt und bat sie, ihm ruhig zuzuhören. Er erinnerte sie an jenen Tag, an welchem er mit dem alten Weibe gegangen, er erinnerte sie an alle einzelnen Vorfälle seiner Kindheit, erzählte ihr dann, wie er sieben Jahre als Eichhörnchen gedient hab« bei der Fee, und wie sie ihn verwandelte, weil er sie damals getadelt. Die Frau des Schusters wußte nicht, was sie denken sollte. Alles traf zu, was er ihr von feiner Kindheit erzählte; aber wenn er davon sprach, daß er sieben Jahre lang ein Eichhörnchen gewesen sei, da sprach sie: „Es ist unmöglich, und es gibt keine Feen", und wenn sie , ihn ansah, so verabscheute sie den häßlichen Zwerg und glaubte nicht,
„So?" unterbrach sie der Schuster im Zorn. „Hai er dir dies erzählt? Warte,, du.Range! Ich habe ihm alles erzählt noch vor einer Stunde, und jetzt geht er hin, dich zu foppen! Bezaubert bist du worden, mein Söhnchen? Warte doch, ich will dich wieder entzaubern." Dabei nahm er ein Bündel Riemen, die er eben zugeschnitten hatte, sprang auf den Kleinen zu und schlug ihn auf den hohen Rücken und auf die langen Arme, daß der Kleine vor Schmerz aufschri« und weinend davonlief. (Fortsetzung folgt.)
Der arme Jakob wußte nicht, was er von diesem allem denken sollte. , War er doch, wie er glaubte, heute früh wie gewöhnlich mit der Mutter ’ auf den Markt gegangen, hatte ihr die Früchte aufstellen helfen, war nachher mit dem alten Weib in ihr Haus gekommen, hatte ein Süppchen verzehrt, ein kleines Schläfchen gemacht und war jetzt wieder da, und doch I sprachen die Mutter und die Nachbarinnen von sieben Jahren! Und sie | nannten ihn einen garstigen Zwerg! Was war denn nun mit ihm gegangen? — Als er sah, daß die Mutter gar nichts mehr von ihm I
den Laden trat. „Wie gehts es Euch?"
„Schlecht, schlecht, kleiner Herr!" antwortete der Vater zu Jakobs großer Verwunderung; denn er schien ihn auch nicht zu kennen. „Das Geschäft will mir nicht mehr von der Hand. Bin so allein und werde jetzt alt; und doch ist mir ein Geselle zu teuer."
„Aber habt Ihr denn kein Söhnlein, das Euch nach und nach an die Hand gehen könnte bei der Arbeit?" forschte der Kleine weiter.
„Ich hatte einen, er hieß Jakob und müßte jetzt ein schlanker, ge- ' wandter Bursche von zwanzig Jahren sein, der mir tüchtig unter die ; Arme greifen könnte. Ha, das müßte ein Leben sein! Schon als er zwölf i Jahr« alt war, zeigte er sich so anstellig und geschickt und verstand schon ; manches vom Handwerk, und hübsch und angenehm war er auch; der ■ hätte mir eine Kundschaft hergelockt, daß ich bald nicht mehr geflickt, i sondern nichts als Neues geliefert hätte! Aber so gehl's in der Welt!"
„Wo ist denn aber Euer Sohn?" fragte Jakob mit zitternder Stimme seinen Vater.
„Das weiß Gott," antwortete er; „vor sieben Jahren, ja, so lange ist's jetzt her, wurde er uns vom Markte weggestohlen."
„Vor sieben Jahren!" rief Jakob mit Entsetzen.
„Ja, kleiner Herr, vor sieben Jahren; ich weiß noch wie heute, - wie mein Weib nach Hause kam, heulend und schreiend, das Kind sei den ! ganzen Tag nicht zurückgekommen, sie habe überall geforscht und gesucht ! und es nicht gefunden. Ich habe es immer gedacht und gesagt, daß es so , kommen würde; der Jakob war ein schönes Kind, das muß man sagen; ! da war nun meine Frau stolz auf ihn und sah es gerne, wenn ihn die i Leute, lobten, und schickte ihn oft mit Gemüse und dergleichen in vor- \ nehme Häuser. Das war schon recht; er wurde allemal reichlich beschenkt; i aber, sagte ich, gib acht! die Stadt ist groß; viele schlechte Leute wohnen * da, gib mir auf den Jakob acht! Und so war es, wie ich jagte. Kommt ; einmal ein altes, häßliches Weib auf den Markt, feilscht um Früchte und I Gemüse und kauft am Ende so viel, daß sie es nicht selbst tragen kann, j Mein Weib, die mitleidige Seele, gibt ihr den Jungen mit und — hat > ihn zur Stunde nicht mehr gesehen."
„Und das ist jetzt sieben Jahre, sagt Ihr?" ’
„Sieben Jahre wird es im Frühling. Wir ließen ihn ausrufen, wir gingen von Haus zu Hans und fragten ; manche hatten den hübschen Jungen gekannt und liebgewonnen und suchten jetzt mit uns — alles vergeblich. Auch die Frau, welche das Gemüse getauft hatte, wollte niemand kennen; aber ein steinaltes. Weid, die schon neunzig Jahre gelebt hatte, s sagte, es könne wohl die döse Fee Kräuterweis gewesen sein, die alle fünfzig Jahre einmal in die Stadt komme, um sich allerlei einzukaufen."
So sprach Jakobs Vater und klopfte dabei seine Schuhe weidlich und zog den Draht mit beiden Fäusten weit hinaus. Dem Kleinen aber wurde es nach und nach klar, was mit ihm vorgeganaen, daß er nämlich nicht geträumt, sondern daß er sieben Jahre bei der bösen Fee als Eichhörnchen gedient habe. Zorn und Gram erfüllt« sein Herz so sehr, daß es beinahe zersprengen wollte. Sieben Jahre seiner Jugend hotte ihm di« Alt« gestohlen, und was hatte er für Ersatz dafür? Daß er Pantoffel von Kokosnüssen blank putzen, daß er ein Zimmer mit gläsernem Fußboden rein machen konnte! Daß er von den Meerschweinchen alle Geheimnisse der Küche gelernt hatte! Er stand eine gute Wette so da und dachte über fein Schicksal noch; do fragte ihn endlich fein Vater: „Ist Euch vielleicht etwas von meiner Arbeit gefällig, junger Herr? Etwa ein Paar neue Pantoffel oder", setzte er lächelnd hinzu, „vielleicht ein Futteral für Eure Nase?"
„Was wollt Ihr nur mit meiner Nase?" fragte Jakob, „warum sollte ich denn ein Futteral dazu brauchen?"
„Nun," entgegnete der Schuster, „jeder nach seinem Geschmack! Aber das muß ich Euch sagen: hätte ich diese schreckliche Nase, ein Futteral ließe ich mir darüber machen von rosenfarbigem Glanzleder. Schaut, da habe ich ein schönes Stückchen zur Hand; freilich würde man eine Elle wenigstens dazu brauchen. Aber wie gut wäret Ihr verwahrt, kleiner Herr! So, weiß ich gewiß, stoßt Ihr Euch an jedem Türpfosten, an jedem Wagen, dem Ihr ausweichen wollet."
Der Kleine stand stumm vor Schrecken; er belastete feine Nase — sie war dick und wohl zwei Hände lang! So hatte also die Alte auch feine Gestalt verwandelt; darum kannte ihn also die Mutier nicht, darum schalt s man ihn einen häßlichen Zwerg! „Meister," sprach er halb weinend zu ; dem Schuster, „habt Ihr keinen Spiegel bei der Hand, worin ich mich i beschauen könnte?" ' s
„Junger Herr," erwiderte der Vater mit Ernst, „Ihr habt nicht ge- ' rode eine Gestalt empfangen, die Euch eitel machen könnte, und Ihr habt '■ nicht Ursache, alle Stunden in den Spiegel zu gucken. Gewöhnt es Euch ab, es ist besonders bei Euch eine lächerliche Gewohnheit."
-,2lch, so laßt mich doch in den Spiegel schauen," rief der Kleine, „gewiß, es ist nicht aus Eitelkeit!"


