Ausgabe 
16.4.1927
 
Einzelbild herunterladen

Regenbogen, ein zweiter Dogen dient ihm als Fußschemel; man spürt den erwachenden Realismus des 15. Jahrhunderts, der hier den Meister bei scharfem Zusehen am Gewitterhimmel den Rebenregeir- bogen entdecken läßt. Aeber dem Richter aber flattert^ von zierlich beflügeltem Engelvolk, das den dem höllischen Chaos anheimfal­lenden Unglücklichen noch zuletzt Marterpfahl und Kreuz des Herrn entgegenhält. Auch Hammer und Rägel, Geißeln und Dornenkrone, den heiligen Speer und das mit Essig und Galle getränkte Tuchknäuel bringt das himmlische Ingesinde als Zeugen heran. 3n erhabener Ruhe scheidet Christus das Gewirr in der Atmosphäre von den dramatischen Ereignissen der Tiefe. Ernste Milde ist der Ausdruck seines Antlitzes, Segen spricht die rechte Hand, bedauerndes Sichab- wenden ist der Gestus der Linken und des schräg geneigten Hauptes. Im Kolvssalmahstabe des Heilands erscheinen noch zwei andere heilige Personen. Auf der Seite der Gerechten kniet Maria, nicht als strah­lende Himmelskönigin, schlicht ist sie gekleidet, ihr Blondhaar im Schleier verhüllt; so fordert es das Amt, das sie für den letzten Tag übernommen. Da ist sie nicht Gebende, Gewährende, sondern selbst Dittflehcnde, Fürsprecherin der Menschheit. Ihr Sitten unterstützt zur Linken des Richters, auf der Seite der Ungerechten, Johannes der Täufer. Diese große Dreiergruppe, die man als Deesis vom Thmpanonfeld des Kirchenportales kennt, wurzelt noch auf der Erde: Auf zwei Felsen, die ein enges Tal begrenzen, knieen Maria und Johannes.

Durch dieses Tal zwängt sich in den Vordergrund ein dicht ge- balller Trupp nackter gotischer Menschlein, d. h. nicht idealer Aktfiguren griechischer Proportion, sondern ausgezogener schlanker Leute mit allen Vorzügen und Mängeln individualer Bildung. Dieser Gefan­genentransport wird von bockshömigen Teufeln eskortiert, die den wimmernden Menschenklumpen mit schweren Ketten umklammert halten. Hämisch begrinsen die siegessicheren Teufel ihre betenden Opfer, die in der nächsten Minute, Stunde man weiß nicht, wie man die Ein­heit der Ewigkeit nennen soll den Richterspruch erwarten. Vor dem Beschauer erweitert sich die Schlucht, und entrollt sich ein seltsames Schauspiel. Da winden sich beim Tone der kleinen Posaunenengel menschliche Leiber aus der Erde. Sind es eigentlich Menschen oder Perfonisikationen von Seelen, die hier die Grabesruhe verlassen, die am Jüngsten Tage auferstehen? Man möchte letzteres glauben; es stimmt ganz mit den mystischen Anschauungen der Zeit überein, und dann sind diese Gestalten alle auf einer Altersstufe, daß man anneh­men müßte, sie seien sämtlich auf der Höhe des Lebens gestorben. Weder finden sich Greise noch Kinder. Es scheint, daß, wie sie auf­tauchen, auch schon der Spruch über sie gefällt wird. Aber ist es nicht wie ein Spiegelbild der politisch feudalen Zustände beim Fehlen einer starken Zentralgewalt, toemt die Teufel sich nicht ohne weiteres der richterlichen Entscheidung fügen? Da müssen die Engel eifrig Wache , halten, um den gierigen Llnterweltsdämonen die Beute, die ihnen nicht zusteht, zu entreißen. Die Bewegung der Mitte schwillt nach rechts (links vom Heiland) heftig an. Dort ragt auf steilem Gipfel die Teufelsburg, umzüngelt von heißer Flamme, umschwirrt von fledermausschwingigen Kobolden, Glut durchleuchtet das Gemäuer. Zum Teil ist das Schloß Ruine; es kann an die Einnahme durch Christus bei seiner Höllenfahrt gedacht sein. Auch das innere Massiv des Berges ist in Brand geraten. Dort ist der ochsenköpfige, nilpferdplumpe Satan angekettet und rafft mit ausgestreckten Armen die Sünder, die von der Mitte herangezerrt werden, an sich. Fett­leibige Herren stemmen sich vergebens" gegen die Polypenarme rep- tilien- und amphibienhafter Untiere. Es krallt sich die Hand an den aufgeplatzten Geldsack, drei Würfel rollen am Boden, krampfhaft hält der Trunkenbold den Becher fest. Rur Kopfbedeckungen charakterisieren noch Papst, Bischof, Kardinal, König, die geradeso kahl und bloß ins Seuermeer gedrängt werden.

Gerne wenden wir uns von diesem Bilde des ewigen Verderbens ab, das unwillkürlich das Auge zuerst bannt, um drüben abzulesen, wie es denen ergeht, die iM Lebensbuche einen positiven Abschluß haben. Hier wird das himmlische Jerusalem versinnbildlicht durch ein gewaltiges architektonisches Domportal mit hohem Wimperg und Galerie mit offenen Ecktürmchen, von der herab ein englisches Or­chester mit Instrumentalmusik und Gesang die Schar der Seligen be- willkommt. Ist nach der Höllenseite hin das Erdreich von morastisch vegetationsloser Eintönigkeit, so überzieht es sich unter den Tritten der beglückt Lächelnden mit blumiger Wiesenslora. Einen ähnlichen Kontrast stellt das blütenzarte Karnat der Auserwählten zu dem moderig-fahlen Hauttvn der Verworfenen her. Wie in einem Wieder­sehen nach langer, schmerzlicher Trennung findet die Begrüßung der aller Erdenschwere entkleideten Seele durch ihren Geleitengel statt. Die Sehnsucht des Mystikers nach innigem Verein mit der Gottheit kann sich Lust machen. Schutzengel und Schutzbefohlener umarmen und küssen sich, strahlend vor Freude. In reichem Ornat drängend mustert Sankt Petrus die Einziehenden am Portal.

Ein Zug edler Ritterlichkeit bringt uns die Persönlichkeit Lochners näher. Besonders auffallend leuchten aus der Schar der Seligen die blonden Zöpfe Kölner Jungfrauen hervor, während sie in der Hölle schlecht vertreten sind. In diesem Sinne möchte man auch eine Gruppe der Mitte deuten. Ein lüsterner Teufel greift nach den Haaren eines der Erde entschlüpfenden Weibes; da packt ihn ein Mann, der neben ihr dem Boden entsteigt, an den Hörnern, nicht der Gefahr achtend, die ihm selbst erwächst.

Der Brügger Meister Hans Memling nimmt das Weltge­richtsthema in dem Altar der Danziger Marienkirche auf. Man merkt in diesem Werke gleich das lleberwiegen des artistischen Interesses gegenüber dem rein Gedanklichen. Die Weite des Raumes soll fühlbar werden. Darum spielt sich die Auferstehung der Toten auf einem Blachfelde mit ungehemmtem Tiefenblick ab. Die himmlischen Per­sonen sollen mehr Körperlichkeit gewinnen. Ein plastischer Eindruck soll entstehen; Memling begnügt sich nicht wie Lochner mit harmonischer

Aufteilung der Fläche. Da er zugleich das Motiv der Aeltesten der Apokalypse in abgewandelter Form er umgibt Christus mit den zwölf Aposteln aufnimmt, muß er sich mit den statischen Verhält­nissen auseinandersehen. Der Eindruck des Schwebens will gegeben werden, es werden Wolken eingeschoben, Christus wird eine symbolische Weltkugel als Schemel untergerückt. Daraus entwickeln sich neue Pro­bleme der Licht- und Schattengebung.

Aber aus der hervorragenden Stelle im Bild ganz en ist Christus verdrängt worden. Schon im Maßstabs tritt er hinter dem riesenhaft gewachsenen und doch feingliedrigen Michael zurück, der in gleißender Rüstung und fürstlichem Brokat im Mittelpunkt des irßifajen Ge­triebes steht. Mit der mächtigen Wage in der Linken wägt der Erzengel die Seelen. So ist auch inhaltlich Christus ziemlich ausgeschaltet, denn nur auf dem Umwege über das mechanische Instrument erfolgt fein Urteil. Wird schon derart der Zusammenhang zerrissen, so bringt die Abtrennung des Ortes der Verdammnis und der Himmlischen Stadt als Flügeltafeln des Altars weitere Verluste mit sich Aber Memling entschädigt im einzelnen.

Der Höllenflügel gibt uns den Höhenschnitt durch einen Schacht; haltlos um sich greifend stürzen die Verlorenen in die bodenlose Tiefe, hagere schwarze Teufelgestalten erscheinen dazwischen. Hier wird der Sturz der Verdammten" dargestellt, ein großartiges Gemälde von menschlichen Gliedmaßen, Höllenruß und feuriger Lohe.

Durch genrehafte Züge wird der linke Flügel bereichert. PetruS hat sich mit feinem Schlüssel unten auf einem Absatz der kristallenen Treppe postiert und drückt den Seligen der Reihe nach väterlich die Hand. Ein Engel überfliegt wie zählend die Köpfe mit den Äugest. Vor der Pforte werden die Seelen eingekleidet; einer neigt den Kopf, um in das dargehaltene Gewand zu schlüpfen, dieser empfängt eine Bischofskrone als himmlisches Abzeichen. Der spätgotische Portalbau selbst hat sich mit Skulpturen geschmückt, das Orchester ist verstärkt. Auch einige Skulpturen musizieren. Allerdings ist Memling weniger galant als Lochner. Er kann es sich nicht versagen, durch die Erschaf­fung Evas hoch oben im Wimpergenfeld anzudeuten, wer eigentlich an allem Erdenjammer schuld gewesen.

Bei dem Florentiner Mönch Angelico spricht sich unverkenn­bar deutlich der Har sondernde Italiener aus. Bezeichnend ist, daß bas Geschehen in einer späteren Phase festgehalten ist als bei Lochner und Memling. Die Entscheidung ist bereits gefallen, die Massen stre­ben verhältnismäßig ruhig zu beiden Seiten dem Bildrande zu. In der Mitte stoßen die Linien der diesmal streng in Reihen angelegte« offenen Gräber senkrecht zur Bildebene in die Tiefe. Die ftetnernem Deckplatten liegen säuberlich daneben, als habe sie eine Dampfspan­nung im Innern der Behältnisse abgehoben. Gerade darüber m der. Mandorla, die ein Engelskranz bildet, in feierlichem Anzug und gravitätischer Haltung Christus. Als würdevolle Beisitzer des Ge­richtshofes schließen sich beiderseitig Heilige tote in zwei Dankrechen hintereinander an. Was aber die Auffassung von der ber no röt scheu. Bilder grundlegend scheidet: Die Seelen unten sind sämtlich betleiDet, die ganze Aufmachung gewinnt ein viel sozialeres Gepräge. Wo tote dann einen Einblick in den Berg der Derdammnts bekommen, sehen wir die Sünder wieder nackt in den eingetnen s>ollenbulgen, venest sie je nach Art ihres Verbrechens zugeteilt sind. Der Uebergang wird vermißt. Hier muß das besondere Raturell des Künstlers berücksichtigt! werden, dem die Beschreibung dieser Partie äußerst unangenehm ist. Der gottselige Frater mit dem lieblichen Gemüt totcEett ine Handlung zur Rechten möglichst schnell mit Hilfe der gebräuchlichen Rezepte aus Dantes Göttlicher Komödie ab, um jenseits der Graberlime tn fein eigenstes Element zu kommen. Die Zartheit der Empfindung, die sem Pinsel hier verrät, macht den Reiz des Gemäldes überhaupt aus. In voller Hingabe ans Gebet danken die Glücklichen, denen etn Strahlenkranz das Haupt verklärt, ihrem Herrn.

Die Seligen jenseits der Alpen hatten das meist vergessen, sw meinten wohl, es sei nur billig, daß jedermann widerfahre, toa8 er verdient habe. Ein üppiger ©arten bedeckt den Abhang, der zur Himmelsstadt führt, und dort bewegt sich m rhythmiscy anmutvollen Bewegungen ein Reigen. Ihn bilden die Paare der seligen Mönche und ihrer Engel, die melancholisch verträumt zwischen den Bluten dahinschwebend Wiedersehen feiern. Fließendes Licht, das aus dem Tore des zinnenbewehrten Jerusalem hervorbricht, Übergießt die ersten Ankömmlinge.

Ostersonne.

Von Elisabeth Dauthendey.

In die bangen schweren Dunkelheiten Springt di« goldne junge Sonne auf, Wirft ihr Lachen in die Erdenweiten Sprengt die Fesseln, streut in frohem Lauf Licht und Flammen aus mit vollen Händen Und es glüht und blüht an allen Enden.

Schlaf der Erde flieht zu dunklen Gründen, Traum der Menschen schwebt zu lichten Höhn, Waches Leben will sich je entzünden, Kraft und Jubel bringt der junge Föhn. Tanz und Freude schwirrt auf allen Wegen, Liebe will allüberall sich regen.

Ostersonne Heilgen Lebens Ruser, Schwebest über Gräber sieghaft hin. Rührst an toter Hoffnung dunkle Ufer, Gibst dem Glauben neuen hohen Sinn. Läßt uns ahnen, daß wir gottgeboren. Daß uns alle Sterne unverloren. Heber Finsternis und Gräbern blühn. Wenn dir gläubig unsre Seelen glühn.