Ostern in Weimar.
Von Heinrich Spierv.
Am Sonnabend hatte der Regen eingesetzt. Kaum war das Geläut der Glocken aus der Stadtkirche und der Jakobs-Hofkirche verklungen, da hatte das Tröpfeln begonnen, erst langsam und bedächtigt, dann immer rascher, immer heftiger, schließlich war es ein regelrechter Gutz geworden. Die. Dlumenverkäuferinnen aus dem Markt hatten ihre Korbe zusammengepackt und waren unter ihren bunten Schirmen wie wandelnde Fliegenpilze nach Hause getrabt. Die ganze Nacht hindurch hörte man das Rieseln und dazu das Rauschen der angeschwollenen Ilm.
Am Morgen spannte sich ein blatzblauer Himmel über der Stadt. Noch war es kühl, aber man atmete Frische. Dom Dachrand der Dastille kleckerten noch ein paar hängengebliebene Regentränen herab und die Straßen waren voller Pfützen. Zierlich angetan trat der Prosessor Musäus aus seinem Hause, vorsichtig jeden Schritt bedenkend, als ob er noch immer Pagenhofmeister wäre, bog er um die Lachen vor dem Marstall und hob schon von ferne den Hut, als er an der Kegelbrücke den Hofrat Wieland erkannte. Der verhielt den Gang, und plaudernd schritten beide dem Parke zu. Auf den Weilchen der Ilm spielten Sonnenlichter, und der Fluß sah aus, als ob er nicht die unruhigste Nacht seit Wochen hinter sich hätte. Plötzlich stieß Musäus. der artig zur Linken des berühmten Mannes ging, diesen vorsichtig an: »Sehen der Herr Hofrat einmal dorthin!", und er wies mit der Linken, die jetzt über dem goldenen Stockknopf den eingesahten Dreispitz trug, nach der großen Wiese. Da schritt barhaupt, ein großes Tuch von blauer Farbe wie eine zweite Loga umgeschlagen, jugendlich-rasch, ein schlanker jüngerer Mann quer über den Rasen. So schnell er ging, man merkte doch: er setzte zwischen dem nassen Gras die Füße vorsichtig und hielt sich gerade, die Arme unter der Hülle nach vorn gewölbt wie unter zerbrechlicher Last. Wieder Kietz der Märchendichter den Freund Anna Amaliens an. Im Abstand von genau sechs Fuß folgte der ersten Gestalt eine zweite, mit gleicher Vorsicht ängstlich bemüht, genau Schritt zu halten; es war, als ob eine schlechte Kopie unmittelbar hinter einem Gemälde herliefe. Wieland strahlte. Das war ja der Hexenmeister, der ihn einst bezaubert hatte, und sofort unterlag er wieder dem Reiz. »Kommen Sie, lieber Professor, aber leise." Sie pirschten sich am Wiesenrand entlang, halbgebückt wie zwei Schuljungen, von Baum zu Baum und langten gerade am Stocket eines niedrigen, hvchdachigen Häuschens an, als sich die Störte hinter den beiden andern geschlossen hatte; der Schlüssel arrte im Türchen, zudem ward auch noch ein Riegel vorgeschoben. „Wenn uns alle drei so der alte Onkel Klopstock sähe! And hat es doch einst nicht anders gemacht," tuschelte Wieland. And nun reckten sie sich auf den Zehen und schlichen am Zaune hin und her. Denn der drinnen hatte die Toga vorsichtig entfaltet und samt dem Mantel des Dieners aus die Erde gebreitet. Eine Farbenfülle glänzte auf. Rote, blaue, gelbe, grüne, violette, gesprenkelte Eier zu Dutzenden. Dazwischen^ ein grohes Zuckerei. Musäus hob das Lorgnon vors Auge: „Herr Hofrat, sehen Sie, da schwebt der Oberon!" Wieland drückte die Nase zwischen zwei Latten, zog sie dann zurück, rieb sie mit den langen feinen Fingern links und rechts und bestätigte behaglich strahlend: „Wirklich." Nun begann drinnen das Osterwerk, sie sahen Herrn und Diener beraten, auseinandergehen, und wieder zusammenkommen, und der Eier wurdeit immer weniger. Einmal tauchten die Gestalten hinter Sträuchern auf, dann verschwanden fie ganz, waren hier und da, schließlich, als die Farbenpracht von der Unterlage verschwunden war, erblickten sie den barhäuptigen Mann, wie er, klar abgehoben gegen noch kahle Väume und den Himmel, ganz oben auf der Höhe des ansteigenden Geweses das größte Ei offenbar in einem leeren Vogelnest barg und Federn darüber spreitete. Jetzt klatschte er in die Hände. „Fertig!" Es klang wie ein Knabenschrei. And wie ein Knabe rannte er bergab, den Lauschern zu, die sich duckten, riß den Mantel an sich und stürzte ins Häuschen. Atemlos slog der Diener nach. Lachend richteten sich die Zaungäste aus. Sie wanderten weiter, zurück zur Stadt. Wagenrollen ertönte. In offener Halbchaife fuhr eine schlanke, blasse Frau heran, sie lenkte selbst das Pferd, Kinderungeduld war um sie. Die beiden grüßten ties, aber sie wurden nicht gesehen. Das Psörtchen öffnete sich, strahlenden Auges trat Goethe heraus, hob zuerst die Kinder vom Gefährt, dann bot er Frau von Stein die Hand und, ittdes der Diener den Wagen zur Seite lenkte, klatschte er noch einmal in die Hände und rief, daß die beiden es bis jenseits der großen Wiese vernahmen: »Nun suchen wir Ostereier!"
WorpsTveder Ostern.
Von Wilhelm Scharrelmann').
Der Wind weht aus Osten und ist noch scharf und schneidend, aber die erste lenzliche Wärme ist doch schon spürbar in ihm, und wo die Sonne hin kann und ein windstilles Plätzchen findet, empfindet man bereits ihre verjüngte Kraft und Wärme. Der Wald steht noch kahl, aber ein heimliches Drängen ist in allen Krospen, und einige Platzen bereits vor Angeduld, endlich den Winter scheiden zu sehen. Auf den Wiesen dagegen ist es noch unfreundlich und öde. Nur stn Den Vertiefungen des Bodens treibt das Gras seine ersten Spitzen. Aber der Kibitz ist längst zurück, die Weiden stehen schon in Kätzchen, unö der Himmel liegt wie ein eben Genesender auf weiße Wolken gebettet, nur noch ein wenig blaß von den Schrecken des Winters. Este Regengüsse der letzten Wochen haben sein Gesicht so rein gewaschen, als hätte er nicht den langen, trüben Winter hindurch den Rauch der vielen Schornsteine der Städte zu schlucken brauchen, und am Waldrand — sieh doch an — guckt bereits das erste Buschwindröschen ans dem feuchten Waldboden, läßt seine Blüte im Winde
*) Copyright bh Manuskriptkanzlei „Der Kreis", Bremen.
schaukeln und hält das Köpfchen dabei so demütig gesenkt, als wollt« es sagen: Schneeglöckchen und Krokus waren längst vor mir heraus — da ist es wohl nicht unbescheiden, wenn ich allmählich auch Anstalten mache.
Wie blau die Wiefengräben im Gelände liegen! Ihr Wasser kräuselt sich so lustig unter dem Winde, als hätten sie nie die Decke von Eis gekannt, die der Winter Über sie breitete... Das Torfschiff des alten Wähl, das seinen Teergeruch vor vorigen Sommer her noch nicht verloren hat, wippt leise an seinem Ankertau, so ungebärdig ist das Grabenwasser unter ihm. Hemdärmelig kommt der Alte gerade aus seiner strohgedeckten Kate, die flache Mütze schief auf dem Ohr, Das Heu auf dem Boden seines Hauses fangt an, verteufelt minne zu werden, und da zieht er nun seine Ziege bei dem warmen Sonnew- schein ein klein wenig in den kleinen Obstgarten hinter dem Haufe, damit sie dort an dem ersten jungen Grase naschen kann. Sogar ein paar Hennen besitzt der Alte, und wenn sie auch bisher vor Alter - und Bedächtigkeit im März noch nicht zum Legen kamen, heute gackelt die eine der drei alten Damen auf der Diele, als wäre es ein Straußenei geworden, das sie soeben von sich gegeben hat. Gür, der alte Hahn, dem im Winter so jämmerlich der Kamm erfroren ist, steht auf dem Mist vor dein Hause, hebt sich vor Stolz auf die Zehenspitzen und kräht wie toll: Wat ji woll meentl Was soviel heißen soll als: Wir können es immer noch, die alte Trin-Aleid und ich, jawoll!
Sa wirklich die Welt sieht aus, als wäre sie aus einer verstaubten Ecke soeben wieder ans Licht geholt worden. Ein wenig grau und unansehnlich ist sie noch, aber Wind und Regen haben! doch ausgezeichnet aufgeräumt, und die Sonne ist schon mit ganz anderen Wintern fertig geworden... da es mitunter im Februar noch zu frieren pflegte, als wäre die Erde eine alte Nutz, und der Winter habe fie zwischen die Zähne genommen und fie krache und berste nun unter seinem Nuhknackergebiß.
Ki — wit! wie ängstlich das klingt. Mit aufgeregtem Flügelschlag umflattert uns der Bogel. Wahrhaftig — dicht vor unseren Füßen ist das Nest mit feinen getupften grünlichen Siern. Wir wollen ein wenig darum herum gehen. Vielleicht sind die fünf Sier, die darin liegen, schon bebrütet, und das junge Leben darin wartet bereits auf seinen Ostertag.
Wie wir die Wiese hinter uns haben, läßt uns die Hamme nicht - weiter, und kein Boot ist da, uns über den Fluh zu bringen. Langsam gehen wir am Äser entlang, aus dem bereits die ersten Schilf- spitzen gucken.
Endlich. Da sitzt jemand am Fluß, und ein Boot schaukelt vor ihm.
Nein, er bedankt sich vielmals uns überzusetzen. Er hat feine Reusen gestellt und sich zwischen ein paar Steinen ein Feuer cm- gemacht, sich die Fische zu braten, die er bereits gefangen hat.
Wir sollen doch zum Fährhaus weitergehen, meint er ein wenig unwirsch. Es ist ja nicht mehr weit, da drüben im Dusch liegt es...
3m Fährhaus ist es gedrängt voll von Ausflüglern. Der Wirt läuft mit Kaffeekanne und Lassen und kann jetzt im Augenblick ebenfalls nicht daran denken, uns überzusetzen. Aber da ist einer der Ruderer, die auf ihrer ersten Fahrt mit ihren Booten hierher gekommen sind, und bringt uns hinüber.
Drüben ist wieder die Einsamkeit der unendlichen Ebene um uns, die große Stille. Der Worpsweder Berg liegt in der klaren Luft so nahe, als ständen wir schon unmittelbar an feinem Fuße. Aber es ist noch eine gute halbe Stunde bis dorthin.
Als wir ihn überquert haben, liegt das Deufelsmoor zu unseren Füßen, schimmernd im Licht der jungen Sonne. Anendlich zag wie der Frühling hier kommt. Der kalte Moorgrund läßt alles langsamer wachsen. Die Birken stehen noch kahl, und nur die Roggenfelder liegen mit sattem Grün in der schwermütig dunklen Landschaft.
Heber den Berg streicht der Wind und treibt uns nach Worpswede zurück, das hinter uns liegt. Die kleine Kirche steht hell hinter dem Geäst der Kirchhosslinden. Paula Modersohns Grab liegt dort, von Bernhard Hoeigers Meisterhand geschaffen. Die Gestalt der jungen Mutier, auf dem Sockel von Muschelkalk gebettet, das Kind auf dem Schoße, das ihr den Tod brachte, den Oberkörper auf den linken Arm gestützt, das Antlitz emporgehoben, der aufgehenden Sonne zugewendet. Untergang und Auferstehung, Tod und Leben. O ewige Wandlung!
Eine Wahre Ostergeschichte.
Von Karin Michaelis.
Es war im Jahre... na, gleichgültig, wann. Wo, ist wichtig. Nämlich in Griechenland. In Athen. Auf der Akropolis. Am ganz genau zu fein: nachmittags zwischen drei und vier. Ostersonntag — nach unserer Zeitrechnung. In Griechenland ist es ja anders. And sie waren keine Griechen.
Sie gingen spazieren und sprachen hochgebildet von Professor Dörpselds letzter Vorlesung... sie dachte an den Ostersonntag zu Hause, wo alles blitzblank und sauber zu sein pflegte nach der letzten großen Reinigung. Eigentlich sehnte fie sich nach ihrem kleinen Land. Es geschah hier zu wenig. Keine Räubergeschichten, kein Aeberfall, kein Zugsabenteuer. Alles ging so schändlich glatt und anständig und langweilig. Eben langweilig. Zwölf Stunden Bildung jeden Tag! Dazu den ewigen Schafsbraten, der nach Wolle roch und schmeckte. , , ,
And sie war auf Reisen gegangen, um etwas zu erleben!
Ein Mann näherte sich Armselig angezogen. Scheu umherspähend. Er kam auf sie zu. Flüsterte 'etwas in einer Mischung von Neugriechisch, Französisch und Englisch Er zog ihren Begleiter zur Seite und flüsterte, während er mit Armen und Beinen herumfocht. Sie lauschte, verstand keine Silbe. Doch etwas Gefährliches war es, so viel las fie aus feinen aufgeregten Zügen. Ihr Mann zögerte


