deutlich, zögerte lange, wurde sichtlich mehr und mehr gespannt und gab endlich nach.
Beide Männer wurden plötzlich derart eifrig, daß sie den Abhang heruntereilten, ohne sich auch nur nach der jungen Frau umzuschauen. Wie ein artiger Hund trottete sie nach. Weit. Weit. Durch Olivenhaine und an kleinen Höfen vorbei. Ihre Füße brannten. Jedesmal, wenn sie in ihrer Sprache fragte, was das denn zu bedeuten habe, erhielt sie als Antwort nur ein ungeduldiges: Später!
Man kani zu einem einsam stehenden Haus. Die Herren klopften an und gingen hinein. Sie hatte schön draußen zu bleiben. Aach einer Weile kam ihr Mann heraus. Allein. Strahlend. Arm in Arni trabten die beiden zurück, und nun erzählte er: Der Mann, der ihn angesprochen hatte, hätte ihm eine ganze Sammlung herrlicher Antiken angeboten, Basen, Amphoren, timen, Schalen und Lanagra- figuren. Die Witwe eines Beamten wünschte sie zu verkaufen.
Es war bei Gefängnisstrafe verboten, antike Gegenstände ohne staatliche Erlaubnis auszuführen. Diese Erlaubnis erhielt man nie, wenn es sich um wirklich, wertvolle Stücke handelte. Diese Sammlung — etwa hundert Stück herrlich konservierte Tongegenstände aus der Zeit des Perikles und Praxiteles — an sich unschätzbar — war zu haben für den Spottpreis von einigen hundert Goldsranks, weil die Witwe, wenn sie sich an die Behörde wendete, riskierte, bestraft zu werden. Sie war in Not, wollte und mußte verkaufen.
Die beiden waren jung und arm. Wer selbstverständlich wollten sie lieber von Brot, Oliven und Zwiebeln leben als auf solche Herrlichkeiten zu verzichten. Wenn es ihnen gelang, eine billige tieber- fahrt nach Aegypten zu finden, dann konnten sie die vierhundert Goldfranks opfern.
Wie also die Sachen hinausschmuggeln, ohne erwischt zu werden? Erst kaufte man die größte Schiffskiste, die zu haben war, so eine wie jeder Matrose sie hat: aus Holz, bunt gemalt, mit Mefsing- üändern und schweren Schlössern. Dieser Koffer wurde im Hause der Witwe geheim gepackt, ohne daß die junge Frau dabei war.
Jetzt galt es, eine billige tieberfahrt nach Alexandria zu erwischen, um so schnell wie möglich fortzukommen. An diesem Lage gab es bald keine moch so kleine Schiffsgesellschaft, wo sie mcht gewesen waren und gefeilscht chatten. Endlich, tind zwar ein Schiff, das schon am nächsten Lag, Dienstag nach Ostern, fahren sollte. Die arme Witwe litt Höllenqualen, bis sie wegkamen.
Alles war wunderbar geordnet. Dienstag um 11 tihr wurden sie mitsamt Gepäck — ihren kleinen Handkoffern plus der riesigen Schiffskiste — auf einen Wagen geladen. Der Kutscher war der Mann von der Akropolis. Er schwor, daß es ihm gelingen wurde, ungesehen an der Zollbehörde beim Piräus vorbeizuschlüpfen. Klopfenden Herzens, selig gespannt, fuhren sie die lange Straße gegen! das Meer hinunter. Je mehr sie sich den kleinen Zollhäusern näherten, desto schwüler wurde ihnen zumute. Nicht nur hatten sie den Äönig besucht, sie waren zum Hofball eingeladen gewesen, oh, welche Schande, wenn es nach Hause telegraphiert wurde, daß man sie wegen Schmuggels arretiert hatte.
Gewiß, es geschah nur zugunsten des Vaterlandes. Sie wollten nichts behalten, sondern mit maßloser Opfersreude alles an die Museen abgeben. Das heißt, so wollte es der Mann — dm Frau sollte selbstverständlich die schönsten Stücke für sich behalten.
Die Zollbeamten, die sonst immer Tag und Nacht den Weg überwachten, waren wirklich in dem Moment, wo man vorbeiraste, unsichtbar. Der Kutscher beteuerte, sie mit 20 Goldfranks bestochen zu haben. Daß dies eine heftige Lüge war, erwies die Eile, womit er weiterfuhr und die Aengstlichkeit, mit der er fortwährend zuruck- blickte, ob er wohl verfolgt würde.
Dort das blaue, stille Wasser -- spiegelblank. Der Himmel so blau, wie ein Himmel in jener Gegend zu sein hat. tind nun, wo jede Gefahr überstanden schien, plauderten beide lustig und uver- mütig. Eigentlich komisch, daß sie überhaupt 2lngst gehabt hatten. Mit ihren Verbindungen! Sie protzten einander förmlich an mit ihrer Hofballeinladung und sonstigen Besuchen beim König.
Die köstliche Kist« wurde mit Vorsicht in , ein kleines Doot hinuntergebracht und die Herrschaften zum Schiff hinausgerudert, nachdem sie mit einer vornehmen Geste dem Akropolismann seine gelogenen 20 Franks vergolten hatten. Zehn Minuten später waren sie an Bord. Punkt 12 tihr sollte das Schiff fahren. Sie hatten genug zu tun, die große Kiste in die enge Kabine hineinzuzwängen. Als sie auf die tihr schauten, war es schon 1 tihr vorbei.
Sie fragten den Kapitän, warum das Schiff nicht pünktlich abgehe. Er lächelte: Oh, es habe ja keine Eile. Das Schiff habe noch nicht fertig geladen. 2lutzerdem seien die Zollbehörden noch nicht dagewesen. ,e
Beide starrten einander an. Entgeistert. Gottseidank, daß sie einen gewöhnlichen Matrosenkoffer gekauft hatten. Wer denkt daran, so einen zu öffnen. Vielleicht sollte man ihn lieber wo anders unterbringen — bis die Zollente fort waren. Oder? Sie dachten hin und schoben her, schoben hin und dachten her. Standen stundenlang an der Reeling, keine Silbe redend, wartend, wartend.
Der eine wollte dem andern seine Angst nicht eingestehen.
Es sank die Sonne. Das Dunkel stieg vom Meeresgründe. — Noch kein Zollbeamter. 2icd> emsiges Verladen.
Todhungrig waren sie, ans Essen konnten sie in dieser Aufregung nicht denken. Obwohl es sehr leicht gewesen wäre, da sie selbst Proviant mitgenommen hatten. Ein Dutzend rohe Eier, eine Flasche Smyrnawein, Zucker, Tee, einen kleinen Spirituskocher — Brot hatten sie leider vergessen. Dagegen besahen sie ein großes Glas Honig, gekauft bei den Mönchen oben auf dem Hymettosberg. Aber wie gesagt, essen konnten sie nicht, sie hatten den Zollinspektor im Halse.
Ein paar scharfe Pfiffe — bei Gott, das Schiff bewegt sich!
Nun, da die Spanne vorbei war, setzte die junge Frau sich hin und heulte wie ein Schloßhund. Dann tanzten beide einen selbst- erfundenen Kriegstanz, und sie drohte, alle zwölf Gier allein zu essen.
Ihr Reisegefährte, der Kunsthistoriker par excellence, dachte nicht mehr ans Essen. Er wollte ihr nur die Zauberschätze aus dem Matrosenkoffer zeigen. Ob nicht alles schon in Scherben läge? Der Wagen hatte doch furchtbar gestoßen, tind die Kunstsachen, die Jahrtausende alten, waren ja in der Eile nur in Zeitungspapier verpackt worden. Er allein hatte es getan!
Langsam drehte er die Schlüssel im Schloß und öffnete. Beide knieten vor der Kiste: Du, flüsterte sie, wir gehen gar nicht zu Bettel Denk dir, eine Nacht auf dem Mittelländischen Meer mit echt griechischen Kunstsachen, die uns gehören! Jetzt wollen wir sie ordentlich untersuchen, und du erzählst alles, was du darüber weißt.
So sprach sie, während er, der geborene Sammler, behutsam und zärtlich, einen Gegenstand nach dem anderen enthüllte und zeigte. Sie staunte. Gin Stück herrlicher als das andere. Vasen mit schwarzen Figuren auf weißem Grund, Vasen mit weißen auf schwarz. Rot« Vasen mit weißen Reitergestalten. Wunderbare Schalen, kleine entzückende Tanagradamen mit Fächer, hohen Frisuren und winzigen Sonnenschirmen. Sie wollte alles auf einmal sehen, auf einmal in den Händen halten. Sie schrie und brüllte vor Wonne. Wenn dies nicht ein Märchen war oder ein Traum.
Sie breiteten die Kunstsacheii aus, auf dem Boden, auf den Betten — die Kojen waren wie immer an Bord Übereinander. Trotz allen Hungers konnten sie sich nicht losreißen. Leise, scherzend fingen sie an, ihre geschmuggelte Deute unter sich zu verteilen. Sie überboten einander in Edelmut. Jeder tocllte dem andern jedes Stück aufdrängen. — Die sollst du haben, du bist der Kunsthistoriker. — Ja, aber du bist die Kunstgemeßerin! — Es wird so schön ausschauen in deinem Arbeitszimmer! — Gewiß, aber wie wundervoll werden sich die Sanagra» figuren unter deinen alten Empiremöbeln befinden! — Diese Vase ist zu schön, die sollst du behalten! — Eben die habe ich für dein Klavier bestimmt! tind so ging es weiter.
Noch kniend, halb gedankenlos, hatte die junge Frau eben den Korb mit den Eiern genommen und wollte in ihrem liebermut Vorschlägen, daß man Wein aus den antiken Amphoren trinken sollte — als ein sonderbar schwindliges Gefühl sie durchschüttelte. -- Was war das? Der Mann, versunken im Beschauen, antwortete nicht. Wieder spürte sie ein seltsames Zucken, als ob der Boden nachgab und sie sank, um bald wieder zu steigen: Was ist denn das? Ein allerliebstes Tanagrafräulein neigte sich plötzlich vornüber und fiel. Ihr süßer Kopf kollerte wie eine Erbse.
Entsetzen ergriff beide: Der Wind! Ja der Wind! Oder vielmehr der Sturm! »
Mit einer Geschwindigkeit, die sie bei dem sonst sehr gemessenen Kunsthistoriker noch nie beobachtet hatte, verpackte er Stück für Stück der hundert Gegenstände. Seine Hände zitterten, während er mit unendlicher Liebe und atemraubender Angst jede Vase in Papier einwickelte. Sie half so gut oder schlecht sie vermochte. Es ging ums Leben. Die ganze Kabine war in Aufruhr. Alles wackelte, hob sich, sank, schwankte..
Als das letzte Stück verpackt war und beide jeden Zwischenraum mit zusammengeknülltem Papier ausgesüllt hatten, blickten sie einander an: beide totenblaß, mit kaltem Schweiß auf der Stirn.
Du.. ich glaube ... ich... gehe zu Bett... Keine Antwort. Der Totenblasse kletterte hinauf in die obere Koje. Sie warf sich in die untere. Von Entkleiden keine Rede. Das Schiff erhob sich tote ein bäumendes Pferd, um sich jäh wieder in den Abgrund zu stürzen. Es heulte ringsum. Das Schiff heulte. Fußboden, Plafond, Wände, Wasser, alles heulte. Alles krachte. Nicht Wind, nicht Sturm, sondern Orkan. Wie sie es nie erlebt hatte. Krampfhaft hielt sie sich fest, um nicht hinausgeschleudert zu werden. Die Kiste mit den spröden, unersetzlichen Kostbarkeiten rutschte hin und her.--tind wenn jede Base,
jede Tanagralady in tausend Scherben läge, was kehrte sie sich daratil
Leben oder sterben, ihr einerlei.
Sie wollte fragen: wie geht es dir? Nur ein qualvolles Stöhnen kam Über ihre Lippen. Von oben hörte sie — während einer sekundenlangen Stille — ähnliches Stöhnen. Dann nichts, tim sie herum rasten alte bösen Geister. Wie schön wäre es, zu sterben! Wie schön, tote gut Gehenkt werden, verbrannt werden, ertrinken, alles hundertmal besser als dieses.
Die biblische Sintflut dauerte sieben Sage. Die tieberfahrt. die zwei Nächte und einen Sag hätte dauern sollen, bauerte drei Nächte und drei Tage. Sagte man. Methusalem hatte wahrscheinlich eine ähnliche Reise unternommen. Sie wußte jedenfalls, daß sie mindestens verschiedene hundert Jahre an Bord zwischen dem Piräus und Alexan- dria verbracht hatte. ,
Als der sogenannte dritte Tag — die dritte Ewigkeit anbrach, flaute der Orkan ab, und die zwei grünblassen Leichen fingen an, miteinander zu reden. Gr sagte: — ich habe geglckabt, daß ich sterben mühte. Sie antwortete: — ich bin gestorben. Gib mir was zum Essen Woraus er die Flasche hinunterlotsie. Nach ein paar Schlucken kam sie soweit zu sich, daß sie fünf rohe Gier hinunterwürgen konnte, dazu etwas Honig vom Berge Hymettos. Dann erst fiel es ihr ein, daß eine Schiffskiste voll mit Kunstwerken dastand, tind sie »aßerte folgendes: Glaubst du, sie sind kaputt? ,
Er antwortete: Du warst es, die absolut am Ostersonntag am die Akropolis wollte. So bist du. Sonst lägen wir jetzt nicht so hier! Sie war zu müde, deshalb behielt er für diesmal das letzte Wort
In Alexandria fiel die Kiste dem Zollbeamten auf. Man öffnete und lachte laut: wozu einen ganzen Koffer mit winzigen Scherben und alten Zeitungsfehen füllen? Der liebe Gott hat sie selbst gerichtet
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche ti.niversitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


