Ausgabe 
16.7.1927
 
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GetzenerZamilieiibMer

' . Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang M7 samrtag, -en 16. Mi Nummer 56

Auf einer Wanderung.

Van Eduard M ö r i k e.

-Jn ein freundliches Städtchen tret ich ein. In den Straßen liegt roter Abendschein, Aus einem offnen Fenster eben lieber den reichsten Blumenflor Hinweg hört man Elockentöne schweben, Und eine Stimme scheint ein Nachligallenchm. Daß die Blüten beben, Daß die Lüfte leben. Daß in höherem Rot die Rosen leuchten vor. Lang hielt ich staunend, lustbeklommen. Wie ich hinaus vors Tor gekommen, Ich weiß es wahrlich selber nicht. Ach hier, wie liegt die Welt so licht! Der Himmel wogt in purpurnem Gewühle, Rückwärts die Stadt in gold'ndm Rauch; Wie rauscht der Erlenbach, wie rauscht im Grund die Mühle! Ich bin wie trunken irrgeführt: O Muse, du hast mein Herz berührt Mit einem Liebeshauch.

Bayrische Bilder.

Von Wilhelm B o e ck.

Bamberg, die Bischofsstadt Dbersrankens.

Heute wie im Mittelalter istdas Aussehen Bambergs wesentlich durch den Charakter der Bischofsstadt bestimmt. Nicht nur ist sie durch diese Eigenschaft ein Ziel der gläubigen, in frischer Sonderart erhaltenen Land­bevölkerung, sondern mittelbar ein Gegenstand der Sehnsucht jedes Ge­bildeten. Was kunstfreudige Bischöfe jenseits der Regnitz am Hange der krönenden Hügel von ewigen Kulturgütern errichtet" haben, ist bekannt. Jeder Deutsche, der seine Heimat kennt und liebt, weiß von der Bedeutung des uiertürmigen Domes an der Grenze des romanischen und gotischen Stiles. Er hat in zahllosen Abbildungen die ergreifendsten Skulpturen, die das selbstbewußte 13. Jahrhundert geschaffen, bewundert: den Reiter St. Georg, das Kaiserpaar Heinrich II. und Kunigunde, die sog. Sibylle.

Er sollte auch den Reiz des Originales spüren, sich »iederzwingen lassen xoon der Monumentalität, deren Eindruck erst die Größenmaße, das edle Material des gelben Sandsteins, die wahrhaftig vorhandene Körperlichkeit Hervorrufen. Wie das Bedeutende so oft in der Nachbarschaft des Be­deutenderen übersehen wird, so wird meist ein Hauptwerk der deutschen Renaissance im Bamberger Dom bei dessen Erwähnung vergessen: Til­man R i e m e n s ch n e i ü e r s herrliches Grabmonument des heiligen Kaiserpaares, ein Kunstwerk, das allein eine Wallfahrt lohnte.

Unschätzbare Werte sind im Doinschatz aufbewahrt; einzigartig vor allem das byzantinische Grabtuch eines Bischofs mit figürlichen Darstel- lungen in vorzüglicher Erhaltung öer Farbe, und drei goldgestickte Kaiser­mäntel des romanischen Mittelalters. Von hoher Schönheit und Stimmung der Platz vor dem hochgelegenen Dome, wenn die Soinmersonne den Hellen Stein des Chores aufleuchten läßt, von dem sich dräuend und dunkel das Reiterbild des Prinzregenten Luitpold abhebt, wenn die zahlreichen Fenster des stolzen Barockbaues der Neuen Residenz gegenüberblitzen und die derb gepflasterte Fläche des Platzes ein feines Meer von Licht- und Schnttenwollen wird.

Um Dürers Grab.

Die reichen Schätze der Lorenz- und Sebaldusstadt machen es nicht leicht, den Weg zu dem zu finden, der Nürnbergs größter Sohn gewesen ist. Gewaltig ergreifend in seiner düster» Unerschütterlichkeit gleicht das Dürerhaus am Tiergärtnertor einer Truhe, aus der man das funkelnde Kleinod, das ihr Glanz verlieh, genommen hat. Tiefer Ernst hält <ben Be­sucher des Innern gefangen. Auch der Skeptischste kann sich hier nicht mit ironischem Mundwinkelzucken ans dem Banne der Ehrfurcht befreien.

Beneidenswert, wer mit stummer Reverenz die Sitzfläche eines Stuhles bewundern kann, die nachweislich einem berühmten Manne als Stütze feines Schwerpunktes gedient hat, jedermanns Sache ist das picht. Aber die Räume des Dürerschen Wohnhauses, uns ohne Bewußtheit längst aus den Werken des Meisters vertraut, heute mit hervorragenden Originalzeichnung Dürers belebt, reden eine so eindringliche Sprache, daß uns beim Atemhauche dieses einzigen Talentes das Gefühl eigener Nichtigkeit überfällt. Wer das Erlebnis des Dürerhaufes empfunden hat, versäume nicht, durch das Tiergärtnertor vor die trutzigen Mauern zu treten und den michelofen Weg zum St. Johannesfriedhof zurückzulegen. Wohl einen der schönsten deutschen Friedhöfe darf man ihn nennen. Zwar SAort er nicht zu den äftesten, glänzt auch nicht in reicher Ausstattung, «b«r seine beberrichte Kraft ist von unvergleichlicher Monumentalität. Nur

liegende Steine mit Epitaphien in Erzguß finden sich im alten Teil, noch heute von den Händen der Patrizierenkel sorgfältig geschmückt. Ruhende Kraft scheinen die schweren, grauen Steinmale zu verkörpern. Neben Willibald P i r k h e i m e r, Beit Stoß und manch anderem Großen aus Nürnbergs reichsten Tagen ruht Albrecht Dürer, einer unter vielen.

Nach lange vergeblichem suchen fragte ich das sechsjährige Töchterchen des Küsters, ob es mich zum Grabe Albrecht Dürers führen könne. Freu­dig lief das Kind voran, huschte zwischen den, enge Gassen bildenden Steinen dahin, daß es mir schwer wurde zu folgen. Bei einem Stein mit schlichter Jnschriftplatte stand es still, sah den Fremden mit weiten Augen an. In trauriger Verlassenheit klagte das Grab des Gewaltigen, auf dem wenige Kätzchen hinwelkten und 'Narzissen verdorrten. Tiefe Scham ergriff mich, meinetwegen, der ich mit leeren Händen vor das Denkmal getreten war, aber auch für das Geschlecht unserer Tage überhaupt, das in seiner Unromantik dieses Heiligtum durch Vernachlässigung höhnte, fühlte ich mich in diesem Augenblick verantwortlich.

Blutenhurg.

Jenseits des Nyinphenburger Schlohparks im reizend flachen Tälchen der Würm, wo alles nach Miniatur ausschaut, liegt in zurückhaltender Ab- Seschlofsenheit das alt« Schloß Blutenburg, heute Kloster-Erholungsheim. Die niedlich blanke Schloßkapelle birgt in ihrem Innern Perlen altbaye­rischer Kunst. Mystische Stimmung strömt durch die bunten Scheiben der gut ausgeführten Glasgemäldefolge leerem und befähigt den stillen Betrachter, die Augen zu noch höherer Schönheit zu erheben. Der Hochaltar mit der gigantisch empfundenen Dreieinigkeit im Mittelbilde, Taufe Christ, und Marienkrönung auf den Flügeln, nimmt den Chor für sich in Anspruch und füllt ihn mit dem Glanze feiner Goldpressungen und Steine, die der Krone Gottvaters in Realität eingesetzt sind. Auch die eintafeligen Seiten­altäre im Schiff sind von gleicher Qualität, hervorragende Arbeiten der Münchener Schule um 1490.

Ganz besonders gefällt an diesen drei Altarwerken die zierlich ge­schnitzte, Heckenrosen nachahmende Rahmung, die in spätgotischen Ranken bis zu den Graten des Netzgewölbes emporklimmt. Ihren Weltruf ver­dankt die kleine Kirche indessen der Skulpturenreihe der zwölf Apostel, die in Simshöhe die Wände begleiten, um hinter dem Altarschrein in der be­rühmten Madonna, der der Auferstandene erscheint, ihren Höhepunkt zu erreichen. Die Madonna von Blutenburg kann sich wohl, was Zartheit der Auffassung und inneren Gehalt a»betrifft, der bekannten Nürnberger Madonna ebenbürtig zur Seite stellen. '

Vor der Plastik der Blutenburger Kapelle möchte man glauben, daß der BegriffDeutsche Renaissance trotz allem einen tieferen Sinn hat. Hat man einen unoergä»glichen Eindruck geschöpft und schlendert an der rauschenden Würm hin dem nahen Obermenzing zu, so locht einem das weiß verputzte Kirchlein in der Sonne nach, als wollte es sagen:Aber verrate nichts!"

Das romantische Isartal bei München.

Die Isar wälzt sich nicht dahin, sie braust und strömt nicht, es ist mehr ein schürfendes Schieben über flachem Kiesboden, einem Grunde, der in eigentümlichem Violett das mineralisch hellgrüne Gewässer mit den zier­lichen Schaumkrönchen abtönt. Nur einen ganz schmalen Streifen läßt sie zur Seite, dann gehen die steilen Waldgehänge empor. Mächtige Fichten wagen sich bis an die Flut, Weiden baden ihre .Zweigspitzen, Buchen schaffen mit lichtfilternde«» Blätterdach Domesdämmerung. Moosbezogene Felsen, Miniaturgebirge mit elfenzarter Pflanzenwelt erheben mit ver­bissenen Wasserscharten und großen Blaüblumen die Hochufer zu einer romantischen Waldlandschast.

Nur wenig breit ist dieses Waldgeleite; auf der Höhe führt die blanke Straße Mischen duftenden Wiesen mit nie geschauter Blumenfülle an gartenumhegten Ansiedlungen vorbei, über deren Ziegeldächer die sanf­testen Birken streicheln. Vom Horizonte lösen sich blau die Vorberge und zittern schneebedeckte Ketten in der Luft. Leichter Regen bannt den ©taub, und der bescheidene Wanderer sieht mit doppelter Freude den Münchener Natursiichtigen im Auto an sich vorüberflitzen.

Weite Talblicke bieten die Terrassen der Gaststätten und der Turm des idyllischen Grünwalder Schlosses, erlesenen Kunstgenuß die Kirche des weiten, stillen Klosters Schäftlarn, reiche Anregung die Münchener Film­stadt bei Großhesselohe leibliche Erquickung zuletzt ein Krug bayerischen Bieres, wenn die träge Dämmerung die Rosenwölkchen zur Seite schiebt, die über den barocken Kirchturmzwiebeln schweben.

Freising.

lieber die weite Fläche des oberen Jfartales reckt sich der Domberg des alten Bischofsitzes Freising; seines Schutzes gewiß, darum schmiegt die kleinen hellen Häuser an weitläufigen Straßen, lieber uralten Allee­bäumen, auf steinigem Grunde verkrallt, zeigen sich die mittelalterlichen Türme, und der geräumige Platz, der die Residenz, den Dom und die klar gotische Johanniskirche verbindet, empfängt uns. In feinem Mittel­punkte hat man dem größten Sohn der Stadt. B i f ch o f Otto, Dem