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alle nach den Frauen hinüber drohen. „Ha, die Ausbünde! Da müssen wir doch gleich mal nach den Schürzen sehen. — Zoll- Wächter, vor!"
Sieh, sieh, schon ist es klar, welch einen besonderen Grund die Lustigkeit hatte: Während man das liebevoll kredenzte Krüg- lein in Empfang nahm, war Bormanns Bore, die immer einen Schalk im Macken hatte, heimlich zu der ahnungslosen Korbflasche geschlichen und mit ihr ebenso heimlich unter die Freundinnen! zurückgekehrt, wo man den Raub mm mit aller Sorgfalt unter sich verbarg.
Jetzt also die Visitation! Anter den ungezahlten Schurzen verstehen die Weibsleute die Flasche so geschickt zu dirigieren, daß die Männer keine geringe Mühe haben, ihrer nur einmal ansichtig, geschweige denn habhaft zu werden. Indes scheint sie diese Mühe durchaus nicht zu verdrießen, bietet sie doch reiche Gelegenheit zu allerlei reizvollen und mehr oder weniger gewagten Liebesattacken. , _
Endlich legt sich der Jubel: der kostbare Raub ist glücklich erwischt und wird seiner natürlichen Bestimmung zugeführt.
Nun- beginnt das lustige Spiel auf allen Seiten von neuem und dauert, bis das Vieh zur Tränke geführt werden must. And das geschieht heute zeitiger, als an anderen Feiertagen, denn mit Anbruch der Dämmerung will jeder möglichst schon auf dem „Götterberge" sein, um das „Pooschefeuer" mit anzusehen. Zum geruhigen Abendessen in der Stube bleibt da freilich kein« Zeit. Man nimmt sich seine bunten „Pooscheier" mit, und wer den Liebsten droben beim Feuer erhofft, oder sonst jemand eine Osterfveude machen will, hat noch zwei- oder dreimal mehr ins Aest gegriffen. - .. „
3n der Bestätigung der uralten, seltsamen Brauche rst endlich das „Pooschefeuer" zu einem grasten Kohlenhaufen nieder- gebrannt. Die Eltern, zumeist schwer beladen mit kleiner Menschen- fvacht, treten in der jäh heveingefallenen Dunkelheit den Heimweg an. Das Jungvolk kann sich schwerer trennen und seine mehr schwermütigem als fröhlichen Weisen, in die sich manchmal ein weibliches Aufkreischen mischt, tönen noch eine geraume Weile fort.
Am zweiten Osternachmittage finden wir jung und alt wieder auf der Wiese, ebenso am dritten,
Das Ende aber erweckt die Volkslust noch einmal in ihrer ganzen Gröhe und Eigenartigkeit. Ein Spieltrupp hat gerade begonnen, dem ausgeführten Liede gemäß als Jäger durch den Dusch zu kriechen, „kruppen", als plötzlich „Hingerdörs Lottchen" und „Bornemanns Aore" sich an die Spitze des langen Zuges stellen. Bon allen Seiten eilen die Burschen und Mädchen herzu und fassen sich bei den Händen. Eine einzige, unendlich lange Kette schmiedet sich, Hingerdörs Lottchen und Dornemanns More vorn an; die nun unter weithinhallendem Jauchzen und Singen durchs ganze Dorf gezogen wird, Straste auf, Straße ab, über Hecken und Zäune, ja selbst durch manches Haus, dessen Tür unvorsichtigerweise offen gelassen wurde. Wie's den beiden Führerinnen je im Augenblicke einfällt, muh die Kette wandern. „Jetzt nah'n Howe!" (nach dein Grits Hofe) heistt's auf einmal. Alle Zäun« beben, alle Gänse und Hühner kreischen. Denn der geradeste Weg ist in diesem Falle der beste, weil der lustigste. An der Schlostgartenmauer hinauf rasselt die Kette und jetzt um das hohe Schloß herum, ,-a . '
Am anderen Morgen finden wir di« vsterfröhlichem Scharen brausten auf dem Felde, fleißig hantierend mit Hacke, Spaten und Pflug.
Das war mein Heimatdorf am Fuste des Hohenhagen.
Später lebte ich mehrere Jahre in einem Dörflein am Solling« Walde. Es hatte ebenfalls einen herrlichen Gemeindeanger, der von den Dauern gemeinsam gehegt und, gepflegt, gemeinsam gehütet und geerntet wurde, auf dem sie ihre Feste feierten und auf dem das Jungvolk sich noch vor wenigen Jahren an feinen alteverbten Osterspiele-n vergnügte. Da kam der Geometer mit der Westkette ins Dorf imt> es wurden kurze Pfähle durch die ganze Feldmark geschlagen und mathematisch genaue Flächen geschnitten und es dauerte nahezu drei Jahre, da war alles nivelliert und alles auf den Kopf gestellt, und die Bauern muhten Geld schwitzen wie noch nie in ihrem Leben. Dann wurde jedem „Reihn berechtigten" ein Fetzen von dem Gemeindeanger zugeteilt, von den so Beglückten mit ungestümer Gier der Rasen umbrochen. And auf einmal waren lauter — Kahlköpfe da, wo vordem tausend Jahr und Anger die fröhlichen Leute gesungen und gesprungen hatten. Am nächsten Osterfeste ging ich .wehmütigen' Sinnes durch das ernüchterte Dorf und sah eine Schar junger Mädchen schlaff und still unter einer Wagenfcheuer sitzen; aus den Wirtsstuben aber, gedrängt voll, tonte es unter krachenden Faustschlägen: „Kreuz ist Trumpf!" Denn andere Spiele gab es nun nicht mehr.
Abend aus Golgatha.
Von Gottfried Keller.
Eben die dornige Krone geneiget, verschied der Erlöser, Weißlich in dämmernder Luft glänzte die Schulter des Herrn; Siehe, da schwebte, vom tauigen Schimmer gelockt, die Phaläne Flatternd hernieder, zu ruhn dort, wo gelastet das Kreuz. Langsam schlug sie ein Weilchen die samtenen Flügel zusammen, Breitet sie aus und entschwand fern in di« sinkende Rächt. Dicht ganz blieb verlassen ihr Schöpfer, den Pfeiler des Kreuzes Hielt umfangen das Weib, das er zur Mutter sich schuf. .
Die Nacht auf dem Blocken.
Novelle von Alfred Dock.
(Schluß.)
Frau Balser bog den Kopf zurück:
„Wir bleiben auf unfern, Dlacken!"
„Jeder nach seinem Geschmack!" brummelte der Ortsdiener, und entfernte sich.
Der Mond schickte sein silbernes Licht herab. Die Lust war sommerhaft warm. Fernher Hang das Rauschen des Dachs und verschmolz mit geheimnisvollen Stimmen der Nacht.
Sorgsam hüllte Frau Balser die todmüden Buben in Decken ein. Sie selbst liest sich auf einem Strohsack nieder und hing ihren Gedanken nach. Der Bürgermeister hatte die Gendarmen beordert. Die Ivürden den widerborstigen Hermann Jaeckel zwingen, sein Dachgeschoß den Mietleuten zu überlassen. Zogen sie ein, dessen war Frau Balser gewiß, löste ein Skandal den andern ab. Sie mochten Häuseln, toto sie wollten^ immer würde der Peter, der Wehrwolf, jappeu. Grauen fahte sie an. Sie legte die Hände auf die Stirn. Sie sehnte die Stunde herbei, da das Ahrwerk, das in ihr zerrte, abgelaufen war. Lieber tot, als so ein erbärmlich Leben.
Ihr Blick fiel auf die beiden Buben, die fest wie Murmeltiere schliefen. Ihre düstere Miene hellte sich auf. An ihren Kindern klomm ihre Hoffnung empor. Was die versprachen, wurden sie halten. Am ihrer Kinder willen durste sie den Kops nrcht D-ctlietcn.
Sie bewegte die Arme. Sie ging ihren geraden Weg weiter.
„Hier auf dem Dlacken bau ich mir ein Haus!" hatte sie den Rohlingen, die sie mit Spott übergossen, ins Gesicht geschlmrderü Schier unbesonnen und doch nicht ohne Bedacht. Die Fabrik in Landershausen nahm einen großen Aufschwung. Der Ge° fchäftsherr hatte beschlossen, seinen Arbeitern Wohngelegen- heiteu zu verschaffen. Vielleicht, daß er sich dazu verstand, ihr, die sie mit ihren Söhnen treue Arbeit verrichtete, em kleines Haus zu bauen. Er war ein Mann von freundlicher Art. Erst kürzlich hatte er bekanntmachen lassen, er sei für reden seiner Leute zu sprechen. Demnach auch für sie. Darum mch^ auf die lange Dank geschoben. Morgen am Tag faßte sie sich ein Herz und trug dem Herrn ihre Ditte vor.
Kurz vor Mitternacht ratterte das Lauterbacher Wägelchen des Hermann Jaeckel durch die Brückengasfe. Er und ferne Frau lachten sich ins Fäustchen. Doch sie hatten di« Rechnung ohne den Wirt gemacht. In aller Herrgottsst-iche ruckten die Gendarmen an. Anter ihrem Schutz zogen die Balsers m das Dachgeschoß, das ihnen zustand, ein. Der Jaeckel fluchte, als wollte er dem Teufel zur Wfe läuten.
Man ist net mehr Herr rn fernem Haus , brüllte er. »Das liegt" an der verflammten Zeit. Alleweil sind die Lumpenstecher dran. Dur Geduld. Das Recht muh doch wieder oben hin kommen
.Wenn Sie sich Pöbeleien gegen Ihre Mietleute erlauben schnauzten ihn die Gendarmen an, „spazieren Sie ins -och. ^^ckme^AuMi^röllten wild umher. Aber er hielt nun den 2tan®ec Peter hatte für die neue Wohnung nur ein vmÄchtliches Achselzucken. Sobald der Einzug vollzogen war, verschwand er, <nff den Dorffchaften des Kreises sein Wesen zu treiben.
Noch am Vormittag begab sich Frau Balser "ach Landeis baulen ließ den Fabrikherrn um eine Antervebung bitten und ward sogleich von ihm empfangen. Zuerst sprach fit, öen atm verlierend, mit stockender Stiimne, bald acet ta.
unö legte ihrem Brotherrn offen dar, wie grausam ihr rn der Ehefchaft mit dem Peter Balser mitgespiett wurde. Sie erzählte, was ihr im der vergangenen Nacht widerfahren war.und gestand, sie wollte mit ihren Wünschen hoch hinaus^ Der Fabrckherr schtte ihr ein gütiger Helfer sein, wenn sie's unternahm,, Öen Menschen gegenüber, die ihr Tort und Dampf angetan, sich auf ihrem Dlacken ein Häuschen zu bauen.
Die Bedrängnis seiner Arbeittrm «weckte des Fabrikanten Mitgefühl, zugleich ergötzte ihn, ihre blderbe Rede, in der sich das unverstellte Naturkind enthüllte. ~
Ära« Dalfer" versetzte er und neigte den Graukopf eut tS S tat mir leid, daß Sie so hart mitgenommen toer&en Ab« es freut mich, daß Sie die Flügel nicht hängen [affen und sich mannhaft gegen Ihr Mißgeschick wahrem Ich muß Sie nun darüber aufklären: die Klemhäuser, dteich für mÄne ArbÄter baue, .bleiben Ggentam dm: F-^k. Wnmrch Ihnen heut das Kapital vorschietze, das 6te ,sür ycrus barchen, können morgen zehn oder zwanzig meiiwr Lmlte km men die dasselbe von mir verlangen. Die Sache istmcht fo ein
Immerhin, ich werde mich mit meinen Beamten beraten SW?h^e^de?Türdrücker bereits in der Hand, als er sie
Frau Baffer, eins verstehe ich
Trunksucht verfallen ist und mit seiner abscheulichen ^flührung das Leben seiner Familie »«giftet, gehört ”
statte. Es ist Ihre Pflicht, dafür zu sorgen, daß Ihr Mann Da 'auf der Trinkerliste," seufzte Frau Bals«, „das iii Mi spitzen Mäusen gepfiffen. Ich seh's ein, ich mutz an örc richtige Schmiede gehn."


