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Schriftleitung: Dr. Friede. Wilh. Langs. — Druck und Verlag der Brühl'fchen Aniv.-Birch» und Steindruckerei, 0t Senge, Dietzen.
Grundriß gezeigt, der ihrs volle Billigung fand. Das Haus sollte Fühlung mit der ländlichen Bauart behalten. Bier Räume, die der Lebensweise der Familie angepaßt waren, sollten den Bewohnern Behagen schassen. Der Aeubau füllte den Blacken keineswegs aus, es blieb noch Platz für ein Gärtchen, in dem man bei verbessertem Boden Gemüse und Blumen ziehen konnte. Der Fabrikherr hatte Frau Balser zu günstigen Bedingungen ein Darlehen gewährt.
Den Mißgünstigen im Dorfe brauchte man das Zungenband nicht zu lösen. Aeidharte wohnten in allen Gassen. Frau Balser ließ sich nicht aus dem Gleichgewicht bringen, sah in froher Erwartung der Vollendung ihres Häuschens entgegen.
Eine Woche vor der Dauhebe war's, daß Frau Balser vom ärztlichen Leiter der Trinkerheilstätte einen Brief empfing. Ihr Mann, berichtete der Wedizinalrat, hatte die ersten Tage im Asyl in dumpfem Brüten verbracht. Es war nicht leicht, den Heruntergekommenen an Ordnung und Reinlichkeit zu gewöhnen. Bald aber hatte sich ein Amschwung bei ihm bemerkbar gemacht. Strenge Zucht und völlige Enthaltsamkeit von geistigen Getränken taten ihre Wirkung. Es gelang, dem Peter klar zu machen, daß die Anstalt ihre Erholungskosten so viel als möglich aus eigenem landwirtschaftlichen Betrieb bestreiten mußte. Der Peter arbeitete, ja, er hatte die Rase noch auf der Erde, wenn die Genossen ihre Schuhe unter die Betten stellten. Drei Monate hatte er ausdauernden Fleiß und tadelloses Betragen gezeigt. Der Medizinalrat hatte die äleberzeugung gewonnen, der Mann war nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich ein anderer geworden. Wenn er den Wunsch ausspvechen sollte, entlassen zu werden, würde man kein Bedenken tragen, ihn seiner Familie zurückzugeben. In diesem Fall würde er der Vorsicht halber noch eine Zeitlang der öffentlichen Fürsorge unterstellt.
Frau Balser, zuerst in einem Aufruhr der Gefühle, dann wie erstarrt, las wieder und wieder den Brief. Es mochte sündhaft sein, allein sie konnte sich nicht freuen. Gewiß, der Wedizinalrat hatte im guten Glauben an die Genesung des Trinkers geschrieben. Er war als Obwalter der Heilstätte den langen Weg der Erfahrung gegangen. Gleichwohl, der geschickteste Arzt konnte sich irren. Wer bürgte dafür, daß der Peter nicht den Duckmäuser spielte, daß er daheim nicht gleich wieder rückfällig wurde? Sie kannte ihren Wann mit Stumpf und Stiel, sah in die Winkel seines Hirns. Er war in allen Stücken verdorben. Fröstelnd drängte sie die Arme gegen die Hüften. Argwohn stieß jeder warmen Regung den Boden aus. Seelenangst jagte sie hin und her. Kam der Peter, was Gott verhüten sollte, zurück, hatten sie die Hölle im neuen Haus.
Der Tag der Dauhebe brach an. Der Himmel strahlte in blauem Festgewand. Schon früh brannte die Sonne. Frau Balser hatte zur bescheidenen Feier ein paar Arbeitsgenossinnen aus der Fabrik geladen. Das halbe Dorf war unaufgefordert, von Neugierde gestachelt, zusammengeströmt.
„Wer zuletzt lacht, lacht am besten," babbelte der bucklige Mockenpolle. „Wie hat die Balsern sellemal in der Rächt gesprochen?" „Hier auf dem Blacken bau ich mir ein Haus!" „Hut ab! Sie hat's erfrimnit!"
Frau Balser, sonntäglich gekleidet, hatte vor den Handwerkern mit ihren Buben Posto gefaßt.
Ein Zimmergesell trug ein mit Blumen und Bändern geschmücktes Tannenbäumchen dreimal um das Haus, übergab es alsdann dem Zimmermeister. Der plagte sich, ehe er die hohe Kanzel bestieg, im stillen mit feinem Spruch Sein Gedächtnis war nicht das beste, er siirchtete, beim Hersagen stecken zu bleiben.
Vom Dorf her hörte man ein Geschrei, als wäre Polen auf. Es wuchs und wuchs, flog schneller wie der Wind.
„Der Dampflopp ist wieder da!" schlug's gellend an die Ohren.
Frau Balser umllammerte leichenfahl ihre Zungen. Menschen und Dinge sah sie, vom Schwindel befallen, nur noch verworren. Hätten ihre Söhne sie nicht gestützt, wäre sie zu Boden gesunken.
Schon seit ein paar Stunden trieb sich der Peter Balser im Dorf herum, von Bosnickeln und Gleißnern willkommen geheißen. Die Trennung von ihm hatte weh getan, logen sie, aber sie Hatte feine Freunde nicht verändert. Hier und dort bot man ihm ein Kännchen Branntwein dar. Er goß voller Gier den lang entbehrten Fusel hinter die Binde.
Sternhagelvoll durchzwängte er auf der Daustätte die Reihen der Gaffer, entriß dem verdutzten Zimmermeister das Tannenbäumchen und kletterte mit affenartiger Geschwindigkeit am Gerüst zum Giebel empor.
Rot wie Zinnober bruddelte er herunter:
„Kveuzkränk, ich sein der Herr vom Haus! Ich hab mir alles zurechtgeschmissen. Was geht ihr dummen Hefter mich an! Alleweil schnappen mir die Augen auf. Ihr Rahmlecker freßt ein Lchen leer. Ich bin mein eigner Leibmann geworden. Ohr Maurer und Zimmerleut habt's gepackt. Ich auch Ich steck die Ras' in Spiritus. Hurra!"
Er schwankte. Das Tannenbäumchen entglitt seinen Händen. Er griff in die Luft. Stürzte herab.
Entsetzen malte sich auf den Gesichtern der Menschen.
Ein paar Männer sprangen herzu. Der Peter hatte das Genick gebrochen. Er war tot.
Auf dem Rückweg ward sie von der Empfindung erhoben, sie hatte nicht umsonst an die Tür des Fabrikanten geklopft. Aus feinem Gesicht sprach zäher Wille, aber auch Gutherzigkeit. Sie setzie ihre Hoffnung auf ihn, er würde ihr zu einem Eigenhaus- chen verhelfen. Und doppelt loben muhte sie ihn: er halte ihr wegen ihres Mannes den einzig richtigen Weg gewiesen. Vergangene Woche war ihre Patin, die alte Mümmel in der Hmter- qasse gestorben. Die hatte sie, als sie am Derlobungsrand stand, vor dein Peter gewarnt. „Er ist ein Hermduckser , gmg ihre Rede und er schnapst!" Sie hatte die Abmahnung tn den Wind geschlagen. Reue kam bald, nachdem der Hochzeitskuchen gegessen war Tränen wuschen die Torheit ihrer Heirat nicht ad. In ihrem Ehekalender war nichts als Dunkelung. Wenn ihr nach so viel Jahren unendlicher Leiden der Geduldsfaden riß, konnte sie niemand deswegen tadeln. Der Fabrikherr hatte den Raget auf den Kopf getroffen: der Peter gehörte in eine Lrmrerheck- stätte! Den ersten Schritt dazu würde sie heut noch bemi Bürgermeister tun. ., , ,, ..
Als sie abends das Nachtessen richtete, überraschen die Jungen ihre Mutter mit der Nachricht, daß sie befördert und den Schwenkern zugeteilt worden waren. Der Werkmeister hatte sie darüber belchrt, was am Schwenkkessel zu leisten war. Die neue Tätigkeit galt ihnen in ihrem jugendlichen Aeberschwang nur als Vorbereitung für die Höhe, die sie erreichen wollten. Sie tannten die Bestandteile der Flüssigkeit, in die sie die Hute zu iauchen hatten. Zehn Augen und Ohren hätten sie haben muffen, ihrem Streben dienstbar zu sein. Ihre Mutter gedachte der Worte des Lehrers: „Ihre Buben haben einen hellen Verstand! Sie lächelte. Wo man die Sackermenter hinstellte, füllten sie ihren
Woche darauf erhielt Frau Balser den Bescheid, der Fabrikherr habe sich entschlossen, auf ihrem Blacken das Häuschen bauen zu lassen. Der Plan werde ihr vorgelegt. Im übrigen brauche sie sich um nichts zu kümmern. Doch könne der Bau erst im Hochsommer in Angriff genommen werden.
Die Freude machte Frau Balser ordentlich jung. In ihrer wohlgemuten Stimmung ward sie gesprächig. Das Blatt hatte sich gewandt. Dem Gelichter, das sie in der Rächt qualvoller Pein durch die Hechel gezogen, verkündete sie mit gutem Fug. iie baue sich auf ihrem Blacken ein Haus. Des Backhausgeleiers war kein Ende. Wie die Flachsbrechen gingen die Mäuler. Der Galgenvögel Mitleid wandte sich auf einmal dem armen Peter zu, dem der Hemmschuh vorgelegt, der in der Trinkerheilstätte eingesperrt werden sollte.
" Auf Betreiben des Bürgermeisters hatte der Kreisarzt den Peter vorgenommen, hatte dem Säufer kürz und bündig erklärt, daß er seiner Umgebung gefährlich werde, daß er das Recht der freien Selbstbestimmung verloren habe und in die Trinkenheilstätte abgeführt werde. Mache er Sperenzchen, werde er entmündigt. Was das zu bedeuten habe, könne er an den Fingern abzählen. Anders, wenn er sich den Verordnungen des Anstaltsarztes füge. Dann könne er gesunden, könne noch auf einen guten Acker kommen.
Der Peter stand mit glühendem Kopf und zittrigen Händen da. Die Worte des Kreisarztes, der bei den Bauern großes Ansehen genoß, drangen wie Keulenschläge auf den Dampflopp ein. Es schien fast, als ob noch ein Fünkchen Ehrgefühl in ihm glömme, denn er erhob keinerlei Widerspruch und stammelte:
„Ich sein mit allem zufrieden!"
Don Stund an, daß der Peter in der Heilstätte Ausnahme gefunden, stellte sich die zerrüttete Häuslichkeit seiner Angehörigen wieder her. In den engen Gelassen webte der Friede glücklicher Genossenschaft. Der kleinsten Aufmerksamkeit, die die Buben ihrer Mutter erwiesen, lieh kindliche Liebe höheren Wert. Frau Balser betreute beide, jeden nach seiner besonderen Art.
Der Lehrer hatte seinen ehemaligen Schülern ein Buch über die Entwicklung 6er Hutmacherkunst gebracht. Was sie abends beim Schein 6er Lampe lasen, prägte sich ihrem Gedächtnis ein. Im 14. Jahrhundert war es Brauch geworden, mit dem Hut auf dem Kopf, als dem Sitz der Vernunft, zu erscheinen, so daß die ehrsame Zunft der Hutmacher nicht mehr darauf angewiesen war, von Kardinals-, Bischofs- und Doktorhüten ihr Dasein zu triften. Bereits vor Olims Zeiten hatten Hirtenvölker Filzkegel auf den Köpfen getragen. Frau Balser, die sich nichts entgehen ließ, sprach ihre Verwunderung aus, daß die Menschen schon damals so fürnehm gewesen waren, Und die Jungen setzten die Bemerkung darauf, um so unbegreiflicher sei's, daß Heuer, wo die Leute sich einbildeten, die Gescheitheit mit Löffeln gegessen zu haben, in der Stadt so viele barhäuptig in den Straßen 'herumspazierten. Natürlich zum Schaden der Hickfabriken. —
Der Sommer ließ sich kühl und regnerisch an. Die Katzen saßen am warmen Ofen. Der Schäfer hörte nächtens am Elendsrain die Hexen husten. Die Ernte stand noch in weitem Feld. Die Dauern machten Gesichter, als hätten sie in Holzäpfel gebissen. Das miserable Wetter mußte der Brotfrucht schaden. Erft Ende IM wurde der Himmel klar. Auf wogenden Aehren tag goldener Glanz.
Am Mombacher Weg sah man Maurer und Zimmerleute ihres Handwerks walten. Das Häuschen der Fran Balser wuchs rasch in die Höhe. Der Baumeister hatte der Eignerin den


