Gießener jamilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (926 Samstag, den Mai Nummer 35
Gesang des Meeres.
Don 6. F. Meyer.
Wollen, meine Kinder, wandern gehen Wollt ihr? Fahret wohl! Auf Wiedersehen!
Eure wandellustigen Gestalten
Kann ich nicht in Mutterbanden halten.
Ihr langwellet euch auf meinen Wogen, Dort die Erde hat euch angezogen: Küsten, Klippen und des Leuchtturms Feuer! Ziehet, Kinder! Geht auf Abenteuer!
Segelt, kühne Schiffer, in den Lüften!
Sucht die Gipfel! Ruhet über Klüften! Dräuet Stürme! Blitzet! Liefert Schlachten! Traget glühnden Kampfes Purpurtrachten!
Rauscht im Regen! Murmelt in den Quellen1 Füllt die Brunnen! Riefelt in die Wellen!
Braust in Strömen durch die Lande nieder - Kommet, meine Kinder, kommet wieder!
Michael Le Ruyter.
Von Dr. F. von Bleuten.
In Amsterdam in der neuen Kirche befindet sich ein gs- waltiges Marmordenkmal, zehn Meter hoch und zwölf breit, von der Meisterhand des Rombout Derhnlst. Es ist das Grab des großen holländischen Admirals Michael de Ruyter, in ihm klingt die ganze Sanitscharen-Musik des ausgehenden Barock an. Auf einem Sarkophage liegt halb aufgerichtet der Seeheld mit dem ausdrucksvollen, breiten Löwenhaupte, das er an ein Schiffsgeschütz lehnt, in der Rechten hält er den Kommandostab, die Linke liegt pathetisch auf seiner Brust; sein Antlitz ist so sprechend und lebendig, daß man jeden Augenblick erwarten könne, daß er die Lippen öffne und einen seiner frommen Bibelsprüche her- sage. Aber rund um ihn herum ist der ganze fadenscheinige Md spitzfindig-ausgeklügelte nüchterne Olymp der Zopfzeit versammelt, um den toten Flottenführer in seiner Art zu feiern. Eine reichlich leere Göttin des Ruhmes mit gebauschten Gewändern stößt mit Gewalt in eine Tuba, Tritonen und Reveiden halten die erforderlichen Embleme ihrer Simft hoch und tuten in schön ge- toim&ene Muschelhörner, allegorische Gestalten, die Klugheit und Beständigkeit, stehen mit wohlüberlegtem Faltenwurf daneben imb weisen auf dieses Muster eines Admirals hin; dazu ein architektonischer Aufbau von Pracht Md Kraft, der an die Rathäuser Md Kirchen jener Zeit erinnert. Im Hintergründe, in barocker DermischMg der Künste, sieht inan eine riesige Seeschlacht, die ein Kenner Wohl unterscheiden könnte, mit einer feinen unb eindrucksvollen Darstellung der hochbordigen niederländischen Fregatten, die den Rühm des kleinen Nantes am Ausgange des Rheines über die ganze Welt trugen, geführt von ihrem größten Admiralen, von Martinez van Tromp und Michael de Ruyter, dem Drauknechtsohne von Dlissingen. Sn goldenen Buchstaben steht auf der Inschrift des Riesendenkmals: »Dem höchsten Gotte sei dieses Mal geweiht und nach ihm dem ewigen Gedächtnisse von Michael de Ruyter, Admiral von Holland und Westfriesland, der von drei Königen Europas mit Ritterehren und einem Herzogtum in Neapel beschenkt wurde, während er alles Gott und seiner eigenen Tugend verdankte, nicht von berühmten Vorfahren entsprossen. Achtundfünfzig Jahre auf dem Meere, war er 6er Seefahrt kundig wie kein anderer. Sn sieben Kriegen auf dem gewaltigen Ocean Md im Mittel» Meers verrichtete er Ruhmestaten, eroberte Snsekn und Festungen, gewann den Holländern die lange Küste Afrikas am Atlantischen Meere, besiegte die Seeräuber, focht in vierzehn großen Seeschlachten unüberwindlich und gewann vor allem die berühntte Schlacht gegen England von vier Tagen. Als er endlich das Vaterland aus der äußersten Gefahr errettet hatte, ist er im der Seeschlacht von Syrakus verwundet und dann tm Hafen männlich gestorben am 29. April 1676. Die Staaten der vereinigten Niederlande haben diesem ihrem höchst verdienten führer dieses Denkmal errichten lassen, er war der Schrecken des ho^n OceanS!“ _ „„ „
Änd, kann man hinzufügen, ein Schrecken der GnAander, als Martinez van Tromp, der Vater, Cornelis van Tromp der Sohn, und Michael de Ruyter gestorben waren, war es auch, mit dem Heldenzeitalter der Oetnen Niederlande vorbei Md England trat mit der ihm dmewrchnend«« Schwerkraft die Erbschaft an,
wie vorher bei den Spaniern und Portugiesen. Sn den großen Entscheidungsschlachten zwischen Frankreich Md England, bei Abukir und bei Trafalgar, focht Holland nicht mehr mit. Wenn aber heute das Weltreich der großen Sundainseln an Holland fester hängt als Sndien an England, und wenn es, wie scharf- sichtige Reifende und Beobachter berichten, auf Sava Md Dorne» eine Gandhibewegung, etwas Entsprechendes meine ich nicht gibt, so liegt das neben der erstaunlichen Derwaltungskunst der Hofländer vor allen Dingen an den Erfolgen, die Michael de Ruyter und M. van Tromp auf allen Meeren erfochten haben.
Sunt wie die krausen und von keiner nationalpsycholvgischei, Empfinkumg geleiteten Schachzüge der Regierungen war die Musterkarte der Feinde, mit denen Ruyter zu kämpfen hatte. Er focht gegen Spanien, gegen Irland für England, gegen Spanien für Portugal, gegen Schweden für Dänemark, gegen England Md gegen Frankreich für Spanien. Seine größten Siege sind im Kriege gegen England, und er ist der einzige feindliche Flottenführer nach den Normannen gewesen, der im die Themse einlief, den Engländern, ihre besten Schiffe zerstörte und dicht bei London die gesamten Wersten in Brand steckte. Das war im Sahre 1667. Hannibal ante partes!
Änd das herrliche Ende des heldenhaften Mannes! Mit zwanzig Fregatten greift er ohne Besinnen die vielfach überlegene Flotte des französischen GegnerS auf der Höhe von Eatania bei Sizllien an. Die Schlacht steht günstig, der Weister der Flottenführung hat dem Feinde den Wind abgewonnen, die Breitseiten donnern. Da stürzt der Admiral, 6er vom hohen Kastell seines Admiralschiffes „Eintracht" die Schlacht feitet, plötzlich hinunter aufs Mittelschiff, mehrere Meter tief. Sine Kanonenkugel hatte den rechten Fuß völlig, den sinken zum größten Teil fortgerissen. Der Führer, obwohl schwer mit Schmerz Md Tod ringend, feuerte die Deinen cm, bis ein glücklicher AbsckLuß der Schlacht gesichert war. Noch sieben Tage rang der gewaltige Mann in der Kajüte seines Schiffes, das nun in der Dai von Syrakus ankerte, bis er unterlag. Dem noch nicht Erkalteten! überbrachte der Vizekönig von Neapel als Abgesandter des Königs von Spanien den Herzogtttel. Erst am 16. Februar des nächsten Sahves kam der einbalsamierte Leichnam nach Amsterdam und wurde in der neuen Kirche beigesetzt, älnd wenn einer, so verdient er einen Ruheplatz in der Kirche, Seren er fühlte sich immer als Streiter Gottes und seines Bekenntnisses, Md es gibt von ihm keine gepfefferte Seemanns rede und keinen Seemannsscherz, wohl aber Bibelworte und fromme Sprüche deS Gottvertrauens, der iMerlichen Frömmigkeit und eines sicheren Wissens der besseren Heimat, Aeußerungen, die man bei einem blassen und inbrünstigen Prädikanten eher vermuten würde alS bei diesem gewaltigen breiten Deehelden mit dem mächtigem, von dunklen Locken umhüllten Löwenkopfe.
Hexen und Hexenbilder.
Don Walther Appelt-Pkauen.
Wir reden vom „finstern" Mittelalter — als einer 3ett, in der ein einfältiges, noch tief im Heidnischen befangenes Vollsempfinden den tollsten Spuk- und Aberglauben zu üppigster Blüte gelangen ließ. Leider ist es uns nicht möglich, auf die — noch nicht lange und vereinzelt sogar heute noch nicht ganz überwundenem — Unbegreiflichkeiten nur mit einem verächtlichem Lächeln zurückzublicken. Dazu haben sie zuviel Mschuldige Opfer gefordert. — Daß unfere Vorfahren alle bösen (tote auch di« guten) Kräfte und Mächte personifizierten, führte sie dazu, planmäßige Einwirkung auch für den Schaden verantwortlich zu machen, den der einzelne in seinem Haus, unter seinem V«H- stand oder auf seinen Feldern erlitt. Nachbarn oder Nachbarinnen, die vielleicht auS ihrer Feindschaft Md ihrem llebelwollen kein Hehl machten, mußten Mensch, Tier oder Flur mit dem „bösen Blick", wenn nicht gar mit phantastischen Geheimmitteln „verhext" haben. Wielange dieser Srrglaube rache- un£> blullüftern das Szepter schwang. — trotz aller Aufklärungsversuchs —, das machen ein paar Fahler» deutlich: der „malleus maleficaram* („Hexenhammer"), mit Recht das unhellvollste Buch genannt kms die Weltliteratur jemals hervorbrachte, erschien 1487. Noch dreihundert Sahne später wurde in Kempten eine angebliche Here hingerichtet. Nie wird sicher ermittelt werden, wteviel tausend Frauen (t®m Kindesalter bis in die Greisenj<chve) und sÄbst Männer in der Zwischenzeit nach brutaler, fedes gewollt« „Ge- ständnis" erpressender Folterung eines grattfatneat Todes ft erben mußten. Un6 dabei dürfen wir tm Erschein« deS hammmS" bei weitem nicht erst Auftakt yf ben $epu>


