138
führt das Gespräch mit einer Hast, als sorge sie bei jedem Wort« etwas zu versäumen, hält mit ihrer Hantierung nicht ein einziges» mal inne, hebt auch mir einmal die Augen flüchtig zu mir auf. Dieser flüchtige Augenaufschlag aber erinnert mich unwillkürlich an die Behauptung der Dorfleute, Großmutter Schaper hätte „zu viel Weihes int Auge".
3n6em höre ich es oben auf dem Wege stapfen und „rint- schein ; ich sehe auf und gewahre einen alten Bauersmann, der ein angeschirrtes Joch Ochsen vor sich her treibt. Er trägt eine dunkle Vchirmkappe, einen abgeblaßten blauen Leinenkittel und eine grauliche Leinenhose, die bis zu den Knien in graue Gamaschen geknöpft ist. Den breiten Kappenschirm hat er tief über die Stirn gezogen, so daß der Mützeitboden hoch aufsteht. Mit gezogenem Rücken, so daß der Kittel vorn tiefer fällt als hinten, nicht rechts, nicht links sehend, wie voll tiefer Gedanken, so geht er hinter seinen noch gemächlich toiederkäuenden Ochsen her.
„Ei, sieh, Großvater Sch,aper! Ist der Mittag vorbei?" Er sieht nicht auf, erwidert auch nichts.
Großmutter Schaper hält nun doch einen Augenblick mit &em Lirmenschölen inne und wendet dem dahinstapfenden Alten einen sorglich prüfenden Blick zu. Darm sagt sie zu mir, und wie mich dünkt, nicht ohne ein gewisses Ergriffensein: „Er hört nicht gut und sieht nur noch vor sich, der liebe Gott hat ihn erinnert." —
„Aber er ist im übrigen noch recht rüstig und Ihrem Sohne noch viel wert", bemerke ich
Die schon wieder eifrig hanttevende Großmutter schüttelt den grauen Kopf. „Ach-, lieber Gott, er ist doch schon recht stuppelig geworden, unser Großvater. Was war das für ’n Mensch, als ich ihn kennen lernte, da hätten Sie ihn sehen sollen I Ach, lieber Gott ja. Er itzt auch nicht mehr viel, bringt fein Vefperstück gewöhnlich wieder mit nach Hause; er kann's nicht mehr beißen. Das bißchen Drauntewein muß ihn erhalten. Wenn ihn nur der liebe Gott vor mir hininehmea wollte! 's könnt's ihm doch kein anderer mehr zu Danke machen. Nahezu fünfzig Jahre haben wir zusammen gelebt; da ist man so miteinander verwachsen, daß man's nicht mehr anders mag. Hat ihm bloß mal unsere junge Frau oder die Großtochter die Strümpfe gestopft oder den Kittel auSgebesfert oder 's Frühstück zurecht gesetzt, merkt er's gleich und meint, 's wäre nicht ordentlich. Ich wollte auch sonst nicht, daß er den Kindern 'mal in die Hände sehen müßte. Haben uns ja ’ne ausreichende Leib» zücht Vorbehalten, und die Kinder sind auch gewiß nicht schlecht; aber man weiß wohl: ’n alter Mann, der keine Frau mehr hat, fitzt leicht überall am unrechten Platze, und wenn er dann kindisch wird... Ist 'n alter Mensch nichts mehr nütze auf der Welt, dann lieber tot. Die alten Pferde werden ja auch- geschlachtet. Die jungen Leute haben ohnehin ihre Last. Ich habe vierzehn Kinder aufgezogen schlecht und recht. Untere jungen Leute haben erst halb so viel; aber manche Frau kommt mit sieben Kindern! nicht so weit wie manche mit doppelt so vielen. Ich will ja nichts auf unsere Frau sagen, sie kann nichts dazu, daß sie schon so jung dasitzen mutz; 's ist ’n Kreuz, das Gott ihr und dem Hofe auferlegt hat, und da kann sie nicht mehr hinter sich sehen und fragen, wer noch! da sitzt. Darum bete ich, der liebe Gott möchte rechtzeittg zu mir kommen, aber unfern Großvater vor mir hinnehmen."
Sie schweigt und schwenkt emsig das Linnen im Wasser. Laut ertönt das schälende Geräusch; lauter tönt das eigene Geräusch ihrer Gedanken in meinem Herzen nach. Sie hat sich ausgesprochen nicht in tränenvoller Rührung, nicht mit well- schm-erzlichem Ach und Oh, nicht in Gram ober Groll, sondern mit einer Nüchternheit, Absichtslosi-Mt und Ergebung, wie sie nur ein alles scharf bedenkender, jeden vermuteten Fall voraus erwägender Geist zu geben vermag. Die alte linnenschölende Bäuerin erinnerte mich ein wenig an die alten Philosophen.
Ich will von ihrem merkwürdigen Sterben erzählen; doch meine Gedanken bleiben haften an ihrem Leben.
Gin bäuerliches Eheleben von nahezu fünfzig Jahren. Hut ab, ihr Leute, denn hier vor allem gilt des Psalmisten Wort: „Um) wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen." —
Als der Großvater die Großmutter nahm, war diese — so erzählte mir nachher eine greife Nachbarin über den Gartenzaun — ein junges, sehniges Mädchen von kaum achtzehn Jahren. Sie tat es schon damals den tüchtigsten Hausfrauen gleich, denn es steckte vom Haus her ein kräftiger Trieb zum Schaffen und Sparen in ihr. Sie konnte schon damals ebensowenig eine Gänsefeder wie einen Bettler auf der Sttaße liegen sehen: die Feber nahm sie auf, dem Bettler gab sie, wenn er gutwillig war, soviel zu tun, daß er sich satt -essen, seine Blöß-en bedecken und weitergehen konnte.
Ihr Mann, nun der alte stüinpeiige Karlvetter, war von Haus aus mehr den langsamen, schlotterhaften Gang gewöhnt. Ei auch, wie ihm die Dutterdiekerin — seine Frau stammte auS Butterdiek — in die Knochen fuhr! Als sie ihr erstes Kind kriegten, einen strammen Jungen, hatte sie ihn schon völlig umgekrempelt und ihm einen ganz neuen Geist eingehaucht, daß man sich überall verwundern mußte: Seht euch doch den Schaperkarll Und als sie ihr vierzehntes hatten, da meinte chon mancher: er töte doch gar zu gefährlich und dächte gar rächt mehr, daß man auch Mensch wäre.
Verfolgungen und -Prozessen erblicken. Schon in einer Handschrift von 1250 finden wir die sog. „Hexeupvoben" in Wort und Bild dargestellt. Cs ist ja auch nur selbstverständlich, daß eine Angelegenheit, die das gesamte öffentliche und private Leben beherrschte, in der Literatur und der Kunst immer wieder ihr Echo und ihren bildlichen Ausdruck fand.
Das vorliegende Material ist nicht nur vom kulturhistorischen Standpunkt aus, sondern großenteils auch für die künstlerische Betrachtung aufschlußreich Reichen Stoff lieferten den Künstlern besonders die Orgien, die die Hexen mit dem Teufel und seinem Archang in der Walpurgisnacht (vom 30. April auf den 1. Mai), feiern und zu denen sie auf Besenstielen, Mistgabeln, Ziegenböcken usw. durch- die Lüfte reiten sollten. (Es ist übrigens nicht immer der Harz, — Brocken, Blocksberg —, nach dem der „Hexentanzplatz" verlegt wird. In manchen Gegenden werden auch andere, einsame und kahle Höhen genannt.) So sehen wir auf einem Holzschnitt von 1489 „Unholde zum Blocksberg fahrend". Das Blatt ist charakteristisch- für seine Entstehungszeit und ihre Vorliebe für abenteuerlich- konstruierte Spukwesen und Schreckgestalten (vgl. die „Versuchung des Heil. Antonius" von Schongauer u. a.!). Die Unholde und Hexen erscheinen auf dem genannten und manch- anderem Blatt mit Tier- und Vogel» köpfen. ,— Welch unsinnige Vorstellungen man sich von den geheimnisvollen Fähigkeiten der Hexen machte, zeigen zwei etwa gleichzeitige Holzschnitte, die mit ober ohne Text als Flugblätter verbreitet worden sein mögen: „Hexen machen Donner und Hagel" und „Hexe, Milch- aus ebnem Artschaft melkend". Was die Hexen selbst anbslangt, so erscheinen sie auf diesen Blättern Mar als ausgesucht häßliche, aber immerhin als menschliche Wesen. Die Künstler haben also die allzu plumpe Anschaulichkeit «n-es noch nicht erwähnten, sehr frühen Holzschnittes über» wmrden: der wußte das „Besessensein" einer Hexe vom Teufel nicht anders auszudrücken, als dadurch, daß er einen kleinen Teufel _ auf ihrer Schleppe sitzen läßt.
Als tiefinnerft „besessen", d. h. Ekstatisch verzückt, erscheinen die Heren bei Dürer und Hans Baldung gen. Grien (Grün), "ee wohl der stärkste Erfasfer dieser Wahnprodukte eines trau» rtgen Massenirvens war. Seine — zahlreichen — Hexen sind vteh'.fch widerwärtige Geschöpfe, deren sinnliche Gier um so ab- stotz-ender wirken mutz, je älter sie find. (Mit der gleichen Ausdrucksstarke hat in unserer Zeit vor allem Ernst Barlach- — Hotzschinitte zur „Walpurgisnacht" — biefert Hexsnthp wieder- aufleden lassen.)
Aeuß-ere Attribute der „Hexerei" treten bei Baldung erst vereinzelt auf und bleiben immer Beiwerk. Erlebnisschwächeren unb deshalb ausdrucksärmeren Künstlern werben sie später zum WesentkichM. Schädel, Knochen, Schlangen, ekelhafte Speisen spielen auf dem und jenem „Hexensabbach" oder bei „Hexen- . wwfahrten tue Hauptrolle. — Noch- mehr gingen die neueren Äunffier aus der Tiefe in die Breite, indem sie das Thema, literarisch angekränkelt, erzählend behandelten. So matten die Astvrrenmaler des 19. Jahrhunderts, Makart, Piloch usw. oft , »Weg zürn Scheiterhaufen" oder die „Verbrennung"
viit viel Volk, Richtern, Henkern und sonstigem Drum - Dran. (Erwähnt sei hier noch- ein Flugblatt von 1555, das Ms schon dre Verbrennung mehrerer Hexen ähnlich weitschweifig schildert. Aber das will nicht Kunst, sondern lediglich Tatsachenbericht sein.) Dabei bildet sich immer mehr ein neuer Hexenthp heraus^ — der dann von der Salonmalerei bis ins Unerträgliche veriiticht wurde —: QL von Keller und andere sehen in den Hexen verführerisch schöne Mädchen oder Frauen, die nicht so sthr durch Zauberei nach mittelalterlicher Auffassung als vielmehr eben durch ihre Schönheit ihre Mitmenschen um den Der- ftanö bringen (vgl. die „Deufelinnen" der Volkssagen!). Man kann darin einen Versuch sehen, das ganze grausige Kapitel menschlicher Unzulänglichkeit entschuldigend zu erklären An unserm vernichtenden Urteil über einen verbrecherischen Geistes- tiefstand vermag das indessen nichts zu ändern.
Als die Großmutter sterben wollte.
Ein Menschenleben aus dem Weserberglande.
Bon Heinrich Svhnreh.
„Guten Tag, Großmutter Sch-aper!"
„Größten Dank auch!"
„Noch- immer fleißig bei der Arbeit?"
,, will so recht nicht rnchr, Herr Brosebach! Hat man
erst die Siebzig überschritten, lassen die Kräfte nach."
„Gvoßmütterchen, Sie haben ja noch Rosen auf den Wangen," „Ach Herr, das sind die KirchHofsrosen." „Großmutter! Sie sind eine Poetin." Was denn das wäre?
Als ich’s ihr zu erläutern suche, wehrt sie ab, ohne eine Miene zu verziehen.
„Ich wollte nur, ich wäre heute zehn Jahre jünger, denn *g> 9laube, es gibt morgen einen guten Trockentag. Unsere junge 5j*-au stdt wieder mit der Gicht, und die Kinder, die einem schon Date (Hilfe) leisten könnten, müssen fast den ganzen lieben langen Tag in der Schule und hinter den Büchern zubringen; s ist arg, was die heute alles lernen sollen."
Die alte Frau, die über den Brunnentrog unter der mächtigen Trelmde gebückt steht und Linnen schott (im Wasser schwenken),


