Ausgabe 
1.5.1926
 
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Noch an ihrem Hochzeitstage war der Dchapersche Hof in einem so vernachlässigten Zustande, dass es beinah keinem Bettel­mann entfiel, dort an di« Tür zu klopfen, und als sie den Hof ihrem Aeltesten übergaben, war'S einer der angesehensten im Dorfe.

ilni> dabei vierzehn Kinder aufgezogen?

Jawrchl, vierzehn Kinder! Freilich, da must einer schon die Kunst verstehen, Kinder zu kriegen. And di« Schapersche Ver­stands. Länger als zwei, drei Tage hat sie nie im Kindbett zugebracht, und am dritten konnte man sie schon wieder am Herd« finden. Am so mehr gewöhnte fie die Kinder gleich ans Liegen! di« müßten sich ordentlich ausliegen, pflegte sie zu sagen. Mußte sie ins Feld, so baich fie sich ihr Kleinstes auf den Rücken und machte ihm in der Ackerfurche oder unterm Haselnußstrauche eine schattige Hütte zurecht, und die Lerchen sangen das Wiegenlied. Späterhin natürlich, mußten die Größten immer di« Kleinsten warten. War ein Junge konfirmiert, schon den andern Tag nahm ihn die Mutter an die Hand und brachte ihn zu einem Meister, den sie für tüchtig und streng genug hiät, in die Lehre.Den Hof kann nur einer kriegen," sagte sie,aber das Handwerk hat auch noch einen goldenen Boden, wenn man der Geselle oder der Weister danach, ist."

Die Mädchen dagegen wurden frisch vom Hofe weggeheiratet. Sie standen wie die Kirschbäume am Wege, in die jeder gern hineinlangen möchte, und kamen alle in gute Bauernstellen, die älteste, Anna, auf den schönen Tweftgenhof, unterhalb des Heckendichten Hohlweges,Tweftge" genannt.

So meine alte Nachbarin über den Gartenzaun.

Sines Tages finde ich, die Großmutter in ihrem wohl- gepflegten Kohlgarten. Sie hält ein abgerissenes Kohlblatt in der Hand und fiefjt ganz gegen ihre Gewohnheit eine Weile untätig darauf.Ich, habe ein weißes Blatt gefunden", läßt sie sich bei meinem Herankommen vernehmen, und als ich sie darauf fragend ansehe, fährt sie fort:Ein weißes Blatt am jungem Koh l das bedeutet, es wird'einer sterben in unserer Fanrilie." And noch andere Erscheinungen von gleicher Bedeutung führt fie an: Gestern schon habe sie ein weißes Dohnenblatt gründen, und beim letzten Back wäre die Oberrinde eines Brotes ge- klobsn: auch ginge die Glocke seit einiger Zeit so traurig: das seien gewisse Zeichen.

Aberglaube, Großmutter."

Nein, Herr", erwidert sie ruhig, wie nur der erwidern kann, der seiner Sache völlig gewiß ist,das ist die Zeichens spräche Gottes."

Wirklich ging es kurze Zeit darauf mit dem Großvater zu Ende, und als ich dann die Großmutter sah, zeigte fie eine Nuhe und Gelassenheit, daß mancher sie für gefühllos halten mußte, der ihr nicht ins Innere sah, in ihren Lebensäußerungen nicht die natürliche Folge ihres einfachen Denkens und fürsorg­lichen Wünschens erkannte.Er ist wohl dran", tröstet sie sich und ging unverdrossen ihrem Tagwerke nach Als am andern Morgen der $ote,ausgeläutet" wurde, brach sie zum ersten Male in karge Tränen aus, und als man am dritten Tage den Sarg vom Hofe trug, kam die zweite heftige Bewegung über sie. Als sich aber der Hügel über dem Sarge wölbte, trocknete sie sich mit der Schürze die spärlich feuchten Augen und schien nur noch zu denken:Lieber Gott, nun ist imser Großvater in Sicher­heit: nun kann's an mich, kommen." Noch einmal zerdrückte sie ein paar Tränen und dann nicht mehr.

Der Leichnam hatte in dem Altenteilsstübchen auf dem Stroh ihres gemeinsamen Bettes gelegen: jetzt trug die alle Frau das Stroh hinaus, frisches hinein, ftifches Bettzeug darauf und schlief schon die folgende Nacht wieder, und zwar nun allein, auf der Stätte, die sie seit fünfzig Jahren mit dem Manne geteilt hatte. Die landläufige Furcht vor dem Wiederkommen kannte fie nicht; Totengraus im eigenen Haus war ihr fremd; die Gedanken dieser ersten Einsamkeitsnacht hat jedoch niemand erfahren.

Einige Zeit darauf treffe ich die alte Witfrau wieder einmal, und es fällt mir sogleich auf, daß sie etwas gebückter geht und angegriffen aussieht, auch mit matterer Stimme redet.Ich werbe unserem seligen Großvater mm bald folgen", sagt sie, und ich bin froh darüber, denn meine Stärke ist hin, ich bin wie ein altes Pferd und gebe nichts mehr für mich Möge der liebe Gott nur kommen. Er findet eine, die mit Freuden zur Ruhe geht, nachdem sie so lange die Sorgen des Lebens ge­tragen hat. Die jungen Leute müssen auch sehen, daß sie fertig werden."

Als ich ihr die Todesgedanken ausreden will, streift sie den linken Aermel ein wenig zurück und deutet auf zwei braune Fleckchen, die sich gegen die übrige Hautfarbe scharf abheben. Das sind Totenflecke", erklärt Großmutter Schaper mit aller Zuversicht, und da ich ihr auch diese Meinung ausreden will, hält sie mir weiter entgegen, daß fie schon feit drei Nächten beständig von ganz reifen, dicken, schwarzen Zwetschen geträumt habe; zudem höre sie die Tvtenuhr seit einigen Nächten wieder in ihrer Dettwand gehen. Sie bleibt unerschütterlich in dem Glauben an die gottgewollte Bedeutung all dieser Zeichen, zumal da ich zugeben muß, daß sie vor dem Tode ihres Mannes dis »Zeichensprache Gottes" richtig gedeutet 6at. Die Großmutter ist mit dieser Daturanfchauung jung gewesen und alt geworden, und ich komme zu der Aeberzeugung, gegenüber diesem abze- schlossenen Dolksgemüte wäre es eine zwecklose Zudringlichkeit, ivollte ich noch weiter dagegen eifern.

Zu denn alljährlichen Leibzuchtsgegenständen der Großmutter gehörten u. a. anderthalb Stiegen Linnen, ein Paar Schuhe und ein Deiderwandsrock. Das Linnen nahm fie noch einmal, um es ihren Töchtern, die hinausgeheiratet hatten, zugute kommen zu lassen: aber auf den Deiderwandsrock und weitere Beklei­dungsstücke verzichtete fie, und als die Schuhe in Frage kamen, sagte fie:Das Geld sollt ihr sparen; ich geh'r nicht lang« mehr."

Großmutter Schaper wurde wirklich krank, ja so krank, bah sie sich, etwas ganz Anerhörtes in ihrem Leben, am Hellen luchten Tage ins Bett legen mußte. Die großen Schmerzen ver­mochten aber in dem ehernen Antlitze nur den Ausdruck der Zufriedenheit und Genugtuung auSzuprägen, der Zufriedenheit und Genugtuung darüber, daß sie am Ziel war. Sie wünschte nichts mehr; ihr bangte nur, noch leben zu müssen, wenn sie nichts mehr tun könnte; darum war ihr einziger Wunsch und Wille, der liebe Gott möchte es kurz machen, damit nicht zu viel um sie versäumt würde.

Als ihre Kinder den Arzt kommen lassen wollten, sträubte sie sich hartnäckig dagegen.Wacht euch ja diese unnützen Kosten nicht, das sage ich euch. Der Doktor nimmt für den Weg die Zinsen von mindestens 50 Talern und helfen kann er mir doch nicht. And dann erst der Ap'theker! Für die Rechnung müßtet ihr sicher einen ganzen Wagen voll Buchenklüfte nach Nort­heim fahren."

Wirklich mußte man es dabei bewenden lassen, denn sie lieh sich nicht Herumkriegen, und etwas gegen ihren Willen zu tun, unterstand sich, Niemand.

Dagegen verlangte Großmutter, als die Sterbensnot größer und größer wurde, nach dem Seelsorger, ihr das heilige Abend­mahl zu reichen. Sie hatte sich in ihrem Leben stets als eine Frau von strenger Frömmigkeit erwiesen und war sich keines Morgens oder Abends bewußt, an dem fie nichtRichtigkeit" gemacht hätte mit ihrem Gott. Zur Kirche pflegte sie regelmäßig jeden zweiten Sonntag zu gehen, obgleich ihr die Zeit, die sie da müßig fitzen mußte, manchmal fast leid tat, denn es war ihre Art, zu hören und zu reden, ohne in der Arbeit innezichalten. Wäre es nach ihr gegangen, wer weiß, da hätte man im der Kirche Strümpfe stopfen oder Hosen flicken müssen.

Der Geistliche kam, rüstete sie aus mit dem heiligen Sakra­mente, segnete sie und schloß etwas eilig: Fahre hin in Frieden".

Der dies erzählt, stand an dem Sterbelager und mußte er­staunen über den Dterbenseifer und die starke Himmelshoffnuag, die Großmutter Schaper in Wort unb Miene aus drückte. Sie dankte für alles, was man an ihr getan, mahnte, die üblichen Gebühren richttg zu bezahlen und erwartete in großer Zuversicht das ftlige Ende.

Im Dolksmunde geht das Wort: Wenn ein Schwerkranker das heilige Abendmahl empfangen hat, da wird es sich bald entscheiden: Entweder er stirbt, oder er wird wiederzu­recht".

And wie entschied sich's bei Großmutter Schaper? Ei, mtw auch! Drei Tage später sah ich sie schon wieder am Brunnen­trog e unter der Tielinde Linnen schälen. Ja, wahrhafttg, sie wurde wiederzurecht" und brauchte sowohl die neuen Schuhe, als auch den neuen BeidermannSrock, und hat beides noch manches Jahr getragen.

An ihrer abergläubischen Naturerscheinung ist sie dennoch nicht irre geworden. Sie hätte, wie sie wiederholt versichert, die Zeichen nur irrtümlich auf sich bezogen. And der Tod, der in jenen Tagen im Nachbarhause einkehrte, gab ihr gutmütig recht.

Danach ist ein halbes Jahrzehnt vergangen. Großmutters Schwiegertochter, die stille, gute, nur nicht so arbeitsstarke Frau, starb eines schweren Todes, als sie ihrem neunten Kinde das Leben geben wollte und der Arzt des Kirchstädtchens auf Reisen gegangen war. Der Witwer hat sich den erschütternden Fall sehr zu Gemüt« gezogen und ist oft nahe daran, allen Lebensmut zu verlieren, zumal als sich dann herausstellt, daß ferne noch ledige tüchtige Frau einen Wann mitso vielen Kindern" hei­raten wollte.

Die Großmutter aber, so krumm und runzlig sie auch ge­worden ist, steht vom frühesten Morgen bis zum spätesten Abend am Ruder, feuert an und löscht ans, tröstet und treibt und bewahrt den Hof noch einmal vor dem Untergänge.

Der Glückssall.

Don Luis« Glaß.

(Fortsetzung.)

And traf das nicht wieder den Nagel aus bett Kopf? Trieb's ihn nicht zu albernen Reden? Hatte er sich nicht aufgebläht iu seiner Geldhofsart, wie ein Luftballon, bis dicht ans Platzen? Aber so flink wie zu Aebermut und Torheit war der kleine Ede zum Nachgeben bereit.

Er streckte Karl die Hand über den Tisch:Nichts für ungut. Du sollst recht haben, nimm mich mit zum Großkopf und mach' was Gescheites aus mir."

Karl war nicht so flink, weder zu dem einen noch zum andern, aber der Gelbschnabel war seines Liesels Bruder, also nahm er die Hand und antwortete: »Gut, ich bring dich zum Großkopf."