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„Und jetzt muh Liefet heim, denn das gehört zu Euern Arbeitsjahren, dah Ahr drüben kein unnötig böses Mut macht", redete die Muhme das Schlußwort.
Eine Viertelstunde später schaute Liefe! drüben durchs unverhangene Fenster.
Karl war mit dem kleinen Ede in die Goldene Gans gegangen. Zwar an dem einen Goldstück konnte er sich nicht allzu viel Schaden tun, aber dah dem Sohne aus dem Grotzenlos-Haus herite schon bis arif den Kirchturm geborgt werden würde, darauf kannte Peterlein feine Fleischergasse.
Drinnen waren die Kinder des Goldstückspiels inüde geworden. Sin Zwanziger hatte sich verkollert, der andere lag breit rrnd blank vor dem Ofen. Flora sah dem Vater auf dem Knie, todmüde vom Grognaschen. Adolf drängte sich an die Mutter und war noch begehrlich. Onkel Ede lachte selig vor sich hin, das Ehepaar redete eifrig aufeinander ein, Großvater allein regte die Hände, er war beim letzten Knopfloch und summt« sich das Schneiderlied dazu. Das hatte er noch aus den Gesellenjahren, wenn er fröhlich war, sang er das Lied, womit ihn die andern hätten verulken können.
Wenn ich nur schon drin wäre, dachte Lisbeth, nun wollen alle wissen, wo ich gewesen bin!.
Da sagte eine derbe Stimme neben ihr „Guten Abend", und als sie sich umwandte, stand das Ehepaar Knüttchen an der Tür. Er war noch einer von den Schuhmachermeistern, die sich gern Schuster nennen lassen, weil ihr Vater so genannt worden ist, und sie, „sein Jettchen", die Schwester von Ede und Jule Vierling, hatte die guten Eigenschaften beider Vrüder mitbekommen: von Ede die Lustigkeit, von Aule die Verträglichkeit.
Jetzt kamen Schuster Knüttchens, um nachzuschaan, ob „was an dem Glücksfall sei, von dem geredet wurde vom „Hirschen" bis zur „Gans" und noch um die Ecke herum".
Statt aller Antwort zeigte Lisbeth nach dem Goldstück vor dem Ofen.
„Aa, Jettchen, da wollen wir gratulieren."
Im Schatten des Schusterpaares kam Lisbeth unbefragt in die Stube. Dort munterten die Gäste die ermüdete Lustigkeit wieder auf, es wurde noch einmal Grog gebraut, und Großvater hing den fertigen Rock weg. Dann klopfte er Jettchen auf die Schulter.
„Siehste wohl, nun könnste eine andre Partie machen, wenn du gewartet hättst."
Jettchen lachte dazu, sie war zufrieden, und ein Erbgroschen fiel dermaleinst doch an sie ab.
Grotzvater zwinkerte ja auch humoristisch mit den Augen, halb ernst war's ihm aber gleichwohl, denn Knüttchen sah von seinem Schusterschemel sehr hoch herunter auf das ehrsame Schneid erhandwerck, was schon allenthalben Schrauberei gegeben hatte. Außerdem pflegte er gar noch zu sagen: „Ich bin auch inwendig Schuster, und ihr seid auch inwendig Schneider, in welche zwei ehrsame Handwerksarten sich die ganze Menschheit einteilt, die Schneiderseelen sind Windfahnen ohne Richtung — alle Tage ein ander Ziel — Schuster aber sind nachdenkliche Leute, sitzen fest auf ihrem Schemel, wissen, was sie wollen, verstehen den Hammer zu führen, und sehen die Welt als wie in einer hellen Kugel. Msmarck is natürlich ein Schuster gewesen."
Damit hatte Knüttchen die VierlingsverwmMschaft manch liebes Mal geärgert, und so sagte der Albe jetzt mit tiefinnerem Behagen: „Auch Schneider können Glück haben."
„Warum sollen Schneider kein Glück haben? Erst recht! denn Glück ist das einzige, was sie vorwärts bringen kann", antwortete KnüttchSn. Darauf setzte er sich vor seinen Grog und wurde gemütlich. Und wie er da so gemächlich beim Grog unter seiner glückbegünstigten Sippe saß. kam ihm ein Einfall, dem ging er nach. Darüber wurde er immer stiller und immer heitrer.
Als er um zehn zum Rachhausegehn aufstand, war der Einfall reif.
„Hör' mal, Vater", begann er, „dein Geld legst du doch wohl ruhig hin, da weiht du, was du hast, in ITirternehmitngen würd' ich's an Eurer Stelle nicht stecken. Aber könntet Ihr mir so'n 5000 Mark borgen, gegen verwandtschaftliche Zinsen, dann kaufte ich mir Leder auf Vorrat — ist gerade billig und wird teuer —, und setzte mir noch einen Gesellen hin — bann soll auch mir Euer Geld durch Arbeit Degen bringen. Ree! — ant« wartet nich gleich, weder ja noch nein — auch Familiengeschäst« muß sich eins «ine Rächt lang beschlafen Morgen abend hol ich mir Antwort."
Ede ließ das Ehepaar hinaus und schloß di« Türe hinter ihm zu. Als er wieder in di« Stube trat, sagte er großartig: „Das Geld kriegt er — schon damit die Verwandtschaft nich mehr fo bärmlich is."
llrtb Aule fügte hinzu: „Wir schenken'S ihm."
Aber da starch der Großvater auf und klopfte mit seiner dicken Schere auf den Tisch
„RichtS Wirch geschenkt. Dem nicht! — Hat uns einer was asfetenkt? — Aber borgen können totr’3 ihm meinetwegen, dem Großtuer, der vom Segen der Arbeit falbrSert, als wenn unser
einer noch keinen Fingerhut zernäht hätte — und seinen Schuldschein häng' ich mir übers Bette."
Am andern Morgen, als die Familie Vierling di« schweren Köpfe noch kaum aus den Betten erhoben hatte, kam ein kleiner, beweglicher Mann, den sie nicht einmal von Ansehen kannten. Der bot den Reichgewordenen seine Dienste an: Was sie auch wünschten, er schaffe alles. Einen schönen Laden von wegen der notwendigen Geschäfts vergrößerurig. Billige Waren aus einem Partieverkauf, um den Laden zu füllen. Ein feines Zinshaus in allerbester Gegend, wo noch nicht allzuviel stünden. Jndustris- Papiere mit sechs Prozent oder sieben. Ern Lcmdgütchen. Einen Käufer für das Anwesen in der Fleischergasse. Brave Gesellen, die der Herren Vierling Arbeit fast für umsonst tun würden.
War den Herren Vierlings schon nicht ganz klar im Kopf gewesen von wegen des Freudengrogs, so wurde ihnen jetzt völlig schwindlig zumute über den vielen Möglichkeiten, die sich vor ihnen auftaten.
Vater Jule hielt sich den Schädel und starrte den Agenten an, der Großvater kam auf seinem Gewohnheitssitz am Fenster vor lauter Staunen nicht mit dem Deineunterschlagen zurecht. Die Mutter sah so viel herrliche Zukunftsbilder auftauchen, daß ihr jedes entschwindende leid tat, nur Ede, der als Junggesell das Grogtrinken noch <nn ehesten gewohnt war, raffte sich endlich zu einer Handbewegung nach der Tür auf.
„Ru aber naus, Verehrtester. Heute früh wollen wir noch gar nichts, urt ob wir morgen was von Ihnen wollen, is uns noch dunkel. Ab mit'n Walzer."
Als sie allein waren, begannen sie- zu planen. Das Zinshaus lockte besonders die Frau: Da im ersten Stock auf einem Balkon sitzen in feinen Kleidern und jedes Vierteljahr die Mieter steigern, die sie nicht höflich genug gegrüßt hatten — das dachte sie sich genußreich. Änd als Grotzvater wieder einmal kopfschüttelnd fragte: „Ja, was tut einer mit dem Geld?", da antwortete sie kräftig: „Zinshaus; was ich bin, ich geh' nachher eine hübsch« Straße suchen, für feine Leute, denn das sind wir nu alle zusammen."
Ehe sie ausging, mustte sie sich was Reues anzuziehen kaufen, Lisbeth wurde geschickt, der Modewarenhändler um die Ecke kam mit seiner Auswahl. Das gab eine richtige Staatsangelegenheit in der älnterstube.
Nachher wanderten sie los: die Kinder in grünem und rotem Sammet, Frau Vierling mit seidnem älmtuchen und Federhut.
In der Fleischergasse rissen all« die Fenster auf und schauten ihr nach, aber das tat ihr nicht weiter Wohl, denn so hatte sie es erwartet.
Jenseits des Roten Hirschen gab keiner auf sie acht, und das tat ihr weh, denn das hatte sie sich anders gedacht. Emme- line Vierling. Vertreterin von hundertfünfzigtausend (Start Lotteriegewinn, und keiner drehte den Kops nach ihr? — Gestern noch hatte sie sich gefreut, wenn ein Gassenkind sie anlachte auf ihren freundlichen Blick, heute ärgerte sie sich, daß die Leutnants an ihr vorbeigingen, ohne den Kopf zu Weichen.
Die schönen Damen, deren Gleichen sie doch jetzt war, fegten mit ihren Schleppen gleichgültig neben ihr hin, für die Heinen im Zylinder wie im Schlapphut war sie Luft, eilige Geschäftsleute rannten achtlos gegen sie an — ja, sah denn keiner, daß das große Los über den Bürgersteig ging?
Höchstens, wenn sie einmal ganz besonders nachdrücklich stolzierte, dann lachte einer laut oder verstohlen bei ihrem Anblick. Da kehrte sie erbost wieder um.
„Was hab' ich von dem Geld, wenn mich keiner «stimiert? Gehungert hab' ich auch vorher nicht."
Aber die Fleischergasse „esttmierte" sie.
Der Hirschenwirt trat in die Tür, als sie kam, un£> zog die Hausmühe tief, wie vorm Landesvater; Radlers Emilie schrie ihr Gottes Segen über den Weg und setzte hinzu, sie habe schöne neue Kämm« für reiche Leute. Bäcker Weihwang« empfahl ihr Rosinenbrot zum Frühstück und Fleischer Hackstock Offiziersleberwurst, wie sie der Oberst äße.
Das tat ihr gut. — Emmeline Vierling ging an Großvaters Förster vorbei bis zum Bereich der Goldenen Gans und genoß auch da von Haus zu HauS Beachtung und Ermunterung, daS hereingeschneite Geld unter die Leute zu bringen.
Als sie in die Änterstube trat, sagte sie: „Die Fleifcheraasfe gefällt mir besser, als alles andere, ich dächte, wir blieben! wöhnen."
Dem Großvater wurde das Herz leicht. „Das dächte ich auch, wo einer Glück gehabt hat, soll er bleiben."
„Aber verbessern müssen wir uns natürlich', fetzt« die Frau schnell hinzu. „Rebenan des Seilers Haus könnten wir kriege«. Wenn wir da Türen durchbrechen, gibt's ein feines Anwesen. Ratürlich verschönern —“
„ Auftaleln", sagte Onkel Ede todernsthaft, „wollen wir'S in grünen Sammet stecken, wie den Adolf, oder in roten, wie die Flora?"
Das hätte die Frau beinahe übel genommen, aber sie war doch zu vergnügt, rmb di« VerbesseruNgsberatungen wollte sie sich auch nicht durch Maulen verderben. l Fortsetzung folgt.)
Vchriftleitung: Dr. Friedr. Wich. Lang«. — Bruck und Verlag der Drühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, *K Sang«, Dietzen


