Ausgabe 
30.10.1926
 
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Gießener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (926 Samstag, -en ZV. Oktober Nummer 87

BergänglichKett.

Von Hermann Hesse.

Vom Baum des Lebens fällt Mir Blatt um Blatt.

Auch Raabe schreibt wundervoll deutliche Buchstaben, und er plaudert so behaglich, daß man ihn vor sich zu sehen glaubt, wie er im abgenutzten grauen Schlafrock vor dem ebenso abgenutzten kleinen Schreibtisch sitzt und liebenswürdig schalkhaft unter buschigen Brauen hervorlugt . . .

0 taumelbunte Welt, Wie machst du satt, Wie macht du satt und müd, Wie machst du trunken! Was heut noch glüht, Ist bald versunken. Bald klirrt der Wind lieber mein braunes Grab, lieber das klein« Kind Beugt sich die Mutter herab. Ihre Augen will ich Wiedersehn, Ihr Blick ist mein Stern, Alles andre mag gehn und verwehn. Alles stirbt, alles stirbt gern. Nur die ewige Mutter bleibt. Von der wir kamen, Ihr spielender Finger schreibt In die flüchtige Luft unsere Namen.

Aus meiner Autographenmappe.

Bon Elisabeth B e h a g h e l, Gießen.

Folgende Blätter streue ich ins Publikum mit der Hoff­nung, daß sie die Menschen finden werden, denen sie Freude machen können." (Goethe.)

Ein freundliches Geleitwort auch für die Blätter, die ich hier an­zubieten habe. Sie entstammen der Mappe meiner unveröffentlichten Handschriften, die in der Tat reichlich Stoff und Ausbeute gewährt an demwas Menschen Freude machen kann"! Briefe, Aufsätze, Aphorismen auch wo der Inhalt etwas karg erscheinen möchte, sind diese Aeuherungen interessant als höchst lebendige Vermittler der Eigenart des Schreibenden. So bedarf es keiner mühsamen Sich­tung, keiner ängstlichen Wahl; ich brauche nur zu ergreifen, was mir gerade ins Auge fällt.

Ins Auge fällt? Das ist am Ende eine voreilige Behauptung. Die Fähigkeit des Auges ist beschränkt, und selbst eine Autographen- sammlung gewährt keine ungemischte Freude . . . Zuerst freilich glaubt man das nicht. Da erscheint dem Sammler sein Besitz als ein Zauberschloß, wo er im vertraulich-gesprächigen Kreis erlesener Geister Hausen und sich immer von neuem an ihrer Gegenwart er­quicken möchte. Aber sobald er sich anschickt, das Schloß zu beziehen, erlebt er märchenhafte Hemmungen; er rückt nicht von der Stelle: hinter jeder Türe lauert ein Drache und verlegt ihm den Weg. Schlechtschrift" heißt das Untier, und vor seine Bewältigung haben die Götter den Schweiß gesetzt.

D über die pattes de mouche, die Krähen- und Flohfühe der Berühmten! Frauen machen da keine Ausnahme. Ich besitze einen Briefumschlag, der vor Zeiten die Bitte um ein Lichtbild George Eliots einschloß. Die Antwort steht auf der Klappe: ein paar unan­genehm aussehende Hieroglyphen, die sich nach langen Rätseln und Deuten in die Worte auslösen: no photo in existence. .

Aber wenn man im wüsten Geschlinge und Gestrüpp auf einen gebahnten Pfad stößt, auf «ine schöne, leserliche Handschrift! . . . Auch das kommt vor, wie sich gleich zeigen wird.

Die Briefe, die hier vorgelegt werden, stammen größtenteils von Dichtern; ein Geschichtsschreiber, ein berühmter Schauspieler ist auch dabei. Sie sprechen zumal von ihrem Handwerk, ihren Schriften, vom dichterischen Vortrag, von deutscher Sprache, lauter Dinge, in denen gerade sie vor anderen zuständig sind. So geben die Briefe nicht nur ein Bild ihrer Persönlichkeit, einen Beitrag zur Lebens­geschichte, sondern auch ein Stück Poetik, ein Stück Aesthetik.

Wir beginnen mit Ernst v. Possarf. Der glänzende Schau­spieler und Deklamator schreibt wie gestochen:

München, 6. Februar 1905.

Sehr geehrter Herr Professor!

Sie stellen die Frage an mich, ob in der Praxis bestimmte Er­fahrungen darüber vorliegen, daß Schillerschen dramatischen Versen im allgemeinen ein anderes Tempo zukommt als Goethefchen. Meine Meinung geht dahin, daß sich das Tempo der gesprochenen Verse ausschließlich nach dem mehr oder minder lebhaften Gang der Hand­lung richtet, gleichviel, wer der Autor des Dramas ist.

Mit vorzüglicher Hochachtung verbleibe ich Ihr sehr ergebener Ernst von Possart.

Braunschweig, 18. Januar 1910. Sehr geehrter Herr Geheimrat!

Meine Eltern waren in einer Leihbibliothek abonniert und ich habe mit ihnen gelesen vom zehnten Jahre an alles! Den famosen Alexandre Dumas, die Geheimnisse von Paris, den ewigen Juden usw. usw. Dicksens natürlich auch, den aber erst viel später gewür­digt; doch war mir längst vorher Thackeray als der größere Men­schenkenner und Künstler erschienen.

Des Spaßes wegen teile ich Ihnen aber mit, daß ich eben jetzt, im 79. Lebensjahr, mit dem größten Behagen den Grafen von Monte Christo lese. Die alten Herren konnten noch erzählen!

Mit der vorzüglichsten Hochachtung ganz ergebenft

Will). Raabe.

Paul H e y s e s Handschrift ist klar und formenschön, wie sein Stil. Es ist sicher von Wert, ihn über die Frage der Gründung eines Reichsamts für deutsche Sprache und Literatur urteilen zu hören:

Haben Sie Dank, sehr geehrter Herr, für die freundliche Zusen­dung Ihres Festvortrags, aus dem ich mit Genugtuung ersehen habe, daß ich mit in betreff der Gründung einer Akademie für deutsche Sprache und Literatur nach dem Muster der Französischen mit Ihnen in vollem Einklang befinde. Doch auch mit dem Gedanken eines Reichsamts" kann ich mich nicht befreunden. Nicht, als ob iches nicht ebenfalls wünschenswert fände, daß den Forschern auf diesem Ge­biet reichere Mittel zu Gebot ständen, ihre Studien ersprießlich zu betreiben. Nur scheint es mir ebenso bedenklich als aussichtslos, die Hülfe des Reichs dazu in Anspruch zu nehmen, während ja die schon bestehenden Akademien bei großen literarischen Unternehmungen ihre Hilfe nicht zu versagen pflegen. Dasselbe könnte von feiten an­derer gelehrter Körperschaften geschehen, deren Studien sich über ein so ausgedehntes Gebiet erstrecken, daß nur das einmütig organisierte Zusammenarbeiten die Aufgabe zu bewältigen niermöchte. Wir wür­den eben Reichsämter für deutsche Kulturgeschichte, Rechtsaltertümer, Denkmälerkundc usw. erhalten müssen, wenn keine Wissenschaft ver­nachlässigt werden sollte. Daß dazu keine Aussicht ist, darf kaum be­klagt werden. Insbesondere die Sprachwissenschaft ist in unserem Vaterlande seit langer Zeit mit so hingebender Liebe von Privaten gepflegt worden, und das Lieblingsfeld so vieler Forscher geblieben, daß auch ohne Eingreifen von oben fein Nachlassen dieser Bestrebun­gen zu fürchten ist. Eine Wirkung auf die lebendige Sprache und ihre Fortbildung vollends würde von einer obersten Instanz, wie man sie in einem Reichsamt erblicken müßte, überhaupt wohl nicht zu erwarten sein. Ein Schriftsteller, der sich in Zweifelsfällen über das, was erlaubt und verpönt wär«, unterrichteten möchte, findet in unserem Wustmann genügend Auskunft, und gegen eine Reglemen­tierung des Sprachgebrauchs, wie sie der französischen Akademie als wünschenswert vorschwebt, sträubt sich der Genius unserer Nation auss entschiedenste. Wohin dergleichen Gesetzmacherei auf dem Ver­ordnungswege sührt, haben wir bei dem unglücklichen Bemühen, dem orthographischen Usus Gewalt anzutun, nur allzu kläglich er­leben müssen.

Mit der Versicherung aufrichtiger Hochachtung grüßt Sie

Ihr sehr ergebener

Paul Heyse.

Gardone, 12. Januar 1914.

Heinrich v. Treitschkes Brief zeigt eine ungleichmäßige, nicht besonders eindrucksvolle Schrift, die nichts von dem leidenschaftlich-'N Wesen des Mannes verrät. Auffallend ist, daß er in feine deutsche Schrift nicht selten lateinische Anfangsbuchstaben emmischt.

. . Noch eine Mitteilung, aber ganz im Vertrauen. Ich bm so kühn oder, wenn Sie lieber wollen, so frech gewesen, die Geschichte des deutschen Bundes und der Kleinstaaten von 1815 bis 1848 für Hirzel zu übernehmen. Ein scheußlicher Stofs, und natürlich eine Arbeit für mehrere Jahre, aber wenn es gelingt, kann es doch etwas nützen; denn gar zu groß ist die Fähigkeit der Menschen, das Unver­geßliche zu vergessen. Von den Vielen, welche für die Arbeit mehr geeignet wären als ich, sind die einen durch Berhaltmsse gehindert, den andern fehlt das bißchen Mut, füfnnddreißig Raubkabinetl« auf einmal zu beleidigen. Für mich bildet, ehrlich gesagt, das Wagnis den Hauptreiz der Sache. Zu Ostern werd ich auf em bis-zwei Semester von hier fortgehen (da unsere Bibliotheken nichts bieten)