Treitschke.
vielleMt zuerst nach München. Ich erzähle es ganz im Vertrauen, Hirzel betreibt solche Dinge sehr geheimnisvoll.
Leben Sie wohl!
Ihr ergebenster
... 27. Dez. 1860.
Nun kommen drei Ludwigsburger Kinder, ungefähr aus dem gleichen Milieu hervorgegangen und gut bekannt untereinander, S t r a u h, B i s ch e r und M ö r i k e.
„Auch Einer", dessen Schrift so klar ist, rote sein Denken:
Lebe in der Gattung, im Element ihrer großen Tätigkeit, und Du bist unsterblich, denn die Gattung stirbt nicht.
13. Oktober 1879. Fr. Vischer.
David Strauß, der Wann des „Lebens Jesu":
. Meine Schuld gegen die (Preußischen) Jahrbücher drückt mich und soll, sobald mir die Götter eine kleine Arbeit gelingen lassen, abgetragen werden. Wäre Ihnen eine Abhandlung über resp. g e g en d i e A b s ch a s s u n g d e r T o d e s st r a f e nach dem Sinn? Mit freundlicher Begrüßung
Ihr ergebener Dr. David Strauß.
Bad Homburg, 9. Juli 1864.
Mörikes Märchenspiel „Die Regenbrüder" war vollendet worden nach langer, durch allerlei Ungemach herbeigesührten Verzögerung; der Stuttgarter Kapellmeister Ignaz Lachner hatte es als Oper komponiert. Ein Schreiben, das von dieser und anderen musikalischen Sachen handelt, hat Mörike an den Mathematiker und Komponisten Friedrich Kaufsmann gerichtet. Der von Mörike erwähnte (Stuttgarter Hof- und Leibarzt) Hardegg und Hartlaub, Pfarrer von Wennutshausen, sind vertraute Gefährten aus jungfrohen Ludwigsburger Tagen — Hartlaub, der Mörikes Eigenheiten in zartester Weise schonte, von dem Dichter ganz besonders geschätzt und geliebt. Im Wermutshäuser Pfarrhaus wurde sehr viel und gut musiziert; Mörike hat uns eine poetisch verklärte Schilderung des Freundes am Klavier gegeben in seinem „An Wilhelm Hartlaub" überschriebenen Gedicht.
Emilie 3 u m ft e e g schließlich, selber komponierend, ist eine Tochter des Balladenkomponisten und Freundes von Schiller, I. R. Zumsteeeg. Mörike schreibt:
Mein lieber Freund, daß ich nach solcher langen Zeit einmal wieder einen Buchstaben von Deiner Hand zu sehen bekam, und noch früher, daß Du wieder unter den ordentlichen Menschenkindern wandelst, hat mich nicht wenig gefreut! Wenn ich dazu noch erst Dich selbst in diesen Tagen hätte haben sollen! Ich kann Dir sagen, daß mich tausendmal, in guter wie in böser Zeit, dieses Verlangen lebhaft überfiel.
Aber die Regenbrüder sind gespielt und ich habe sie nicht gehört. Cs war auch gar nicht möglich. Dienstag, den 14. Februar, erhielt ich Deinen Brief, der mir die Aufführung auf den 17. Februar anfagte; einige Tage früher hsttte ich auf keinen Fall abkommen können; allein am Donnerstag erfuhr ich zeitig, es feien im Merkur zwei andere Stücke auf Freitag angezeigt, und gestern las ich in der Zeitung, daß man die Oper am zwanzigsten gab.
Sei doch so gut, Herrn Lachner dieses mitzuteilen, und schreib mir wie die Sache abgegnngen, ich bin sehr begierig.
Die herzliche Liebe, mit welcher Du Dich, wie Deine Kompositionen zeigen, meiner Gedichte annahmst, hat mir höchst wohl getan. .Leider kenne ich bis jetzt die wenigsten. In Wermutshausen aber, bei Hartlaub, dem ich zwei Hefte geschenkt und der noch kürzlich, wie er mir voll Vergnügen ankündigt, sechs oder sieben Lieder von Dir erhielt, werd' ich sie "diesen Monat noch alle in schönster Ruhe hören. Durch Hardegg kenn' ich ein Mignonlied von Goethe, welches ich zu dem vortrefflichsten zähle, was Du gemacht hast, lieber alles Sagen lieblich ist die Soldatenbraut. Die Melodie ist mir aufs erstemal beinahe ganz im Gedächtnis geblieben. Emilie Zumsteeg, die mir das Stück hat singen müssen, trug es mir zu großartig und leidenschaftlich vor, wodurch es an Volksmäßigkeit verlor. Deine Melodien haben durchaus etwas, daran ich mir getraue, sie großenteils aus allen anderen heraus zu erkennen.
Grüße mir Deine liebe Frau aufs freundlichste.
Mit unveränderlichem Herzen der Deinige
E. Mörike.
Cleversulzbach, den 22. Mai 1839.
Marie von Ebner-Eschenbach — eine wundervolle, zierlich regelmäßige Schrift von einer Sicherheit und Klarheit, daß man kaum zu glauben vermag, es sei eine Einundachtzigjährige, die das geschrieben hat.
Wien, 18. April 1910. Verehrtester Herr Geheimrat!
Mit Hochgenuß habe ich Ihre Abhandlung über „Bewußtes und Unbewußtes im dichterischen Schaffen" gelesen und reiche Belehrung geschöpft aus dieser Quelle des Wissens und der Weisheit. Haben Sie allerwärmsten Dank!
Ihren gütigen Brief zu beantworten, fällt mir nicht leicht; die „Gemperlein" find fo alte Herren! Ich weiß von ihrem Entstehen nur, daß die Urbilder mir, während ich das Gesthichtchen schrieb, fortwährend vor Augen schwebten, und daß ich mich bestrebte, sie so ähnlich und so unähnlich als möglich zu machen. Aehnlich, damit sie lebten, unähnlich, damit niemand sie erkenne. Als ich sie da hatte, ließ ich sie sprechen und handeln, wie ihnen beliebte. Sie sind die alleinigen „Täter ihrer Taten" und können sich auch in der
Angelegenheit der Brautwahl durch den Gothaischen Almanach auf einen Präcedenzsall berufen.
In aufrichtiger Ergebenheit, hochverehrter Herr Geheimrat, empfiehlt sich Ihnen bestens
Marie von Ebner-Eschenbach.
- Almanache.
Von Max Christian Wegner.
Der Name „Almanach" kam gegen Ende des Mittelalters vom Orient aus im Abendland in Gebrauch für astronomische Epheme- riden, Zeittafeln mit Angaben über Stellung der Sonne, des Mondes und der Gestirne in künftigen Zeiten. 1474 gab der berühmte Astronom Regiomontanus in Nürnberg den ersten lateinisch gedruckten Almanach heraus. Später begann man neben den meteorologischen und astrologischen Auszeichnungen andere Nachrichten auszunehmen, über Messen und Märkte, Münzstätten, Postverbindungen, Festlichkeiten des Hofes; feit 1699 wurde in Frankreich auch die Genealogie des königlichen Hauses hmzugefügt, was bald in Deutschland Nachahmung fand. Die kalendarischen Mitteilungen verschwanden völlig, und der berühmte „Almanac de Gotha“, ber heutige Hofkalender mit den angegliederten adeligen Taschenbüchern, hatte nur noch die Aufgabe, eine einwandfreie Genealogie aller regierenden Fürstenhäuser und der Adelsgeschlechter zu liefern.
Daneben entstanden mehr für das Volk berechnete Almanache, die neben den kalendarischen Mitteilungen Gedichte, Erzählungen, Anekdoten und häufig auch Mujikbeilagen enthielten. Die junge Generation der Dichter und Literaten hatte den Anfang damit gemacht: nach dem Vorbild des seit 1765 veröffentlichten „Almanac des Muses“, erschien seit 1770 der zuerst von Boie und Voß herausgegebene „Göttinger Musenalmanach", ein zierliches Bändchen, mit gestochenem Titel und kleinen Vignetten geschmückt, gleichzeitig neben ihm in Leipzig der „Almanach der deutschen Musen". Dichter, wie Bürger, Claudius, Hölty, schufen sich ober benutzten gern solche Gelegenheiten, um ihre ersten Musenkinder an die Oeffentlichkeit zu brinoen. So bedeutete der Göttinger Almanach fast ein Programm des dortigen Dichterkreises, das dann allmählich erweitert wurde, um auch anderen Dichtern Platz zu gewähren. 1774 erschienen zum erstenmal auch Goethes Gedichte darin, und Goethe ist dann weiterhin in zahlreichen anderen Almanachen der nächsten Jahre vertreten.
Gegen Ende des Jahrhunderts begann Schiller einen Musenalmanach mit eigenen Beiträgen und solchen der Weimarer und Jenaer Freunde "zu veröffentlichten, 1796 noch bei dem Hofbuch- händler Michaelis in Neustrelitz, seit 1797 bei Cotta. In diesem Jahr erschien der berühmt gewordene Tenienalmanach, später jo benannt nach den die ganze damalige literarische Welt erregenden Kampf- Distichen der beiden Weimarer Großen. Der Schillersche Almanach vom darauffolgenden Jahre 1799, bedeutet gewissermaßen einen Vorläufer des heutigen Verlagsalmanachs, indem darin die letzte Seite zum erltenmal vom Verleger zur Ankündigung neuer Bücher benutzt wird: Joh. Georg Cotta gibt da bekannt, „daß Ostern ber .Wallenstein' von Schiller zum Preise von zwei Rthlr. Sachs, er« I scheinen werben; Liebhaber werden ersucht, ihre Bestellungen noch vor Ende November zu macker "
Neben diesen literarischen Almanachen erschien um die Jahr- hunbertroenbe eine Fülle von Almanachen und Taschenbüchern aller Art. Was heute die Zeitschrift ober bas Magazin ist, waren sie für den damaligen Menschn: kaum ein Beruf, eine Gesellschaftsklasse, eine Landschaft, für die nicht ein eigenes Büchlein vorhanden war. Es gab Almanache für Kaufleute, für Kinder, für Aerzte und Chirurgen, für die „elegante Welt", ein Taschenbuch zum geselligen Vergnügen, einen Theater-Almanach, einen Jagd- und Garten- Almanach; bei Cotta erschien fast 30 Jahre hindurch das „Taschenbuch für Damen"; es gab einen „Almanach der Musen und Grazien", ein „Taschenbuch ber Liebe unb Freunbschaft"; berühmt ist Kotzebues feit 1802 viele Jahre hindurch erscheinender „Almanach dramatischer Spiele zur geselligen Unterhaltung auf dem Lande", in sehr zierlichem Format und mit illuminierten Kupfern geschmückt. Das Kalendarium war im allgemeinen verschwunden, es blieben die praktischen Mitteilungen, dazu meistens eine Anthologie leichteren Inhalts, kleine Bildchen, Rätsel unb Mobeberichte.
Literarische Bebeutung erlebte 1830 noch einmal ber „Berliner Musenalmanach", in dem neben Goethes Chinesisch-Deutschen Jahres- unb Tageszeiten Eckermann. Moritz Beit, .Justinus Kerner unb vor allem Chamisso mit neuen Dichtungen hervortraten.
Dann schlief bie Almanachmode langsam ein; erst Anfang der neunziger Jahre erschien ein Cottascher Almanach wieder, ber zehn Jahrgänge erlebte, und 1893 veröffentlichte Bierbaum feinen „Modernen Musen-Almanach". Aeußerlich hatten diese dicken unb schweren Bände mit den zierlichen Büchlein von früher nichts mehr gemin: inhaltlich war es wieder eine junge Generation, die hier geschlossen mit ihren neuesten Schöpsungen programmatisch an die Oesfentlich- kcit trat. Des jungen Hofmannsthal, ber sich bamals noch Loris nannte, „Tor unb Tod" war hier zum erstenmal gedruckt. Neben wieder vergessenen sind manche heute anerkannte Namen hier vertreten: Dehmel, Falke unb Liliencron mit Gebichien. Arno Holz nut den ersten Versen seines „Phantasus", Johannes Schlafs „Frühling", ber erste Akt von Max Halbes „Jugenb" erschienen hier zum erstenmal. Reprobuktionen nach Bildern ber beutschen Impressionisten waren eingestreut, nicht als Illustrationen, sondern mehr mm die oleiche Geistesrichtung beider Kunstarten zu betonen; auch hier später berühmt gewordene Namen: Kalckreuth und Liebermann, Thoma, Uhde und Trübner.


