Ausgabe 
30.10.1926
 
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Doch die Zeit war noch nicht reif für die junge Kunst gewesen; diese Anthologien haben keine Fortsetzungen gefunden. Wirklich zum Leben erweckt wurde der Almanach erst, als die neue Buchkunst An­fang dieses Jahrhunderts auch in Deutschland aufblühte und junge Verlage, nach dem Vorbilde des Insel-Verlages, dessen erster als Insel-Almanach auf das Jahr 1906" erschien, sich dieses Mittels zur Propaganda bedienten. Die Autoren eines Verlages waren in solchem Almanach teils mit Erstdrucken, teils Auszügen ihrer Werke vereinigt, Illustrationen oder Bilder aus Büchern kamen hinzu, wäh­rend am Schlüsse ein größeres Verzeichnis über dis Tätigkeit des Verlegers berichtete. Die ursprüngliche Sitte, zu Anfang ein Kalen­darium zu bringen, haben manche Verleger gewahrt, wobei sie häufig die alten Sternbilder oder reizvolle Vignetten zu den einzelnen Monaten verwendeten; andere verzichteten darauf und behielten nur den beim lesenden Publikum so bekannt gewordenen Namen Almanach".

Normannen-Spuren im Bereich des Stißen Ozeans.

Von Prof. Dr. R. Hennig, Düsseldorf.

Eine wissenschaftlich außerordentlich überraschende, ja schlechthin sensationelle Kunde kam kürzlich aus Amerika herüber. Schon mehr­fach sind auf amerikanischem Boden Runensteine als'Zeugnis der einstigen Anwesenheit von Normannen in der neuen Welt gefunden worden. Der größte Teil dieser Runensteine ist nicht mehr vor­handen, und man weih nur aus alten Berichten, daß sie vor hundert und mehr Jahren an bestimmte» Stellen noch zu sehen waren. Aber ein Teil ist erhalten geblieben und in verschiedene Museen überführt worden, so z. B. in das Kopenhagener Alter­tumsmuseum. Unter den bisher aufgefundenen Runensteinen mar der merkwürdigste der, der vor rund 100 Jahren hoch oben in der Gegend von Baffinsland unter 72 Grad 55' nördlicher Breite auf der kleinen Insel Kingistorsoak entdeckt und alsbald geborgen wurde. Seine Inschrift lautete:Erlings Sigvatson Björn Tordisson und Endruidius Odisson errichteten dieses Denkmal am Samstag vor dem Siegestage und ritzten diese Runen im Jahre 1135." Der Grund der Errichtung ist nicht zu vermuten. Ausfällig ist die sehr frühe Jahreszeit, in der jene grönländischen Normannen im hohen Sterben geweilt haben sollen, denn derSiegeltag" fiel auf den 21. April, und der Samstag davor war der 20. (nicht, wie meist angegeben, der 18.) April. Aber die Deutung der Inschrift ist kaum zweifelhaft, und die Echtheit des Runensteins nicht zu bestreiten. Schon Alex, von Humboldt betonte, daß die Runen mit Sicherheit im 12. Jahrhundert eingeritzt sein müßten. Unter den sonstigen normanni­schen Denkmälern Amerikas ist am berühmtesten, allerdings auch am meisten umstritten, jener schon im Jahre 1680 südlich Boston an der SJteunt Hope-Bai aufgefundenewriting Rock", auf dein bildlich an­scheinend ein Kampf zwischen Normanen und Steinkugeln schleu­dernden Indianern dargestellt ist, und dessen lange bezweifelte nor­mannische Herkunft neuerdings wieder wesentlich mehr Wahrschein­lichkeit gewonnen hat.

Nun wurde aber kürzlich, unter Angabe genauer Einzelheiten und in durchaus verläßlicher Weise ein neuer Runensteinfund aus Amerika gemeldet (vgl.Daich Mail" vom 7. 7. 26), der an kultur­historischer Bedeutung alle früheren weit zu überragen scheint, und ganz neue Ausblicke in das geschichtliche Geschehen eröffnet Im Gegensatz zu den früheren Runendenkmälern, die sämtlich in der Nähe der atlantischen Küste und vornehmlich im Staate Massa- chusets, im alten Binland der Normannen, aufgefunden worden waren, steht der neuentdeckte Runenstein nämlich merkwürdiger­weise im Bereich der pazifischen Küste, nahe Spokane im Staate Washington, im. fernen Rordwesten der Union. Ein norwegischer Kenner'der Runenschrift, Prof. Olaf Obsjon, ist der glückliche Finder. Es handelt sich um einen Grabstein, dessen von Obsjon ent­zifferte Inschrift eine furchtbare Tragödie schildert. Es ist darin er­zählt, daß i. I. 1010 unserer Zeitrechnung eine normannische Expedi­tion von 24 Männern, sieben Frauen und einem Säugling nach einem abenteuerlichen Zuge erschöpft und dem Verdursten nahe, beim Fundorte des Steins eine Quelle entdeckt und dortfelbst gelagert habe. Währenddessen sei sie von Eingeborenen, die ebenfalls die Quelle zu benutzen strebten, angegriffen und aufgerieben worden. Zwölf Männer fielen im Kampf/ sechs Frauen wurden von den In­dianern gefangen, die siebente, mit dem Kinde im Arm, durch Herabstürzen von einem Felsblock getötet. Die überlebenden Nor­mannen konnten entweichen, kehrten später an die Ungiücksstelle zurück und bestatteten die Leichen ihrer Kameraden durch Ver­brennung. Der Grabstein, der in Runenschrift dieses Dramo ver­kündete, war seit langem bekannt. Man hielt aber die darauf be­findlichen Zeichen für Kritzeleien von Indianern (wie es auch beim writing rock" von der Ml. Hope-Bai lange geschah) und schenkte ihnen daher keine Beachtung, bis jetzt endlich ein glücklicher Zufall einen Kenner der Runenschrift nach Spokane führte, der das Ge­heimnis enthüllte.

Die Bedeutung des neuen Fundes für die Kenntnis der Früh­geschichte Amerikas und die Würdigung der normannischen Leistungen kann kaum hoch genug eingeschätzt werden. So sehr man sich gegen die Annahme sträuben mag, es bleibt gar kein anderer Rückschluß möglich, als daß bereits gegen das Jahr 1010 eine An- el kühner Normannen den nordamerikanischen Kontinent saft in icr ganzen Breite von Ost nach West durchstreift hat. Die Zeit, di« es sied nach Prof. Obsjons Angaben handelte, paßt auffällig

gut zu dem, was bisher über die Fahrten der Normannen nach Vinland bekannt war. Genau im Jahre 1000 hatten die feit 983 in Grönland anfäffigen Normannen unter Führung von Leif Erikfon zum ersten Male das traubengefegtneteVinland" an der Küste von Maffachufetts erreicht. Allein in dem einen Jahrzehnt von 1000 bis 1010 sind nicht weniger als vier normannische Vinlands- fahrten nachweisbar. Jedesmal haben die Grönländer lange Zeit, Monate und z. T. Jahre auf amerikanischem Boden geweilt, sind wiederholt in Kämpfe mit eingeborenenSkrälingern" (Indianern) verwickelt worden, haben aber gelegentlich auch untereinander in Fehde gelegen, und Mord und Totschlag in eigenen Reihen verübt. Daß ihre Frauen sie auf ihren abenteuerlichen Reisen begleiteten, ist mehrfach bezeugt. Denn Thorfinn Karlsefui, dem Führer einer jener normannischen Vinlandsfahrten, wurde von seiner Gemahlin Gudrid i. I. 1005 in Vinland sogar ein Sohn Snorre geschenkt, der erste auf amerikanischem Boden geborene Europäer.

Unter solchen Umständen hat die Annahme, daß ein Teil einer Vinland-Expedition sich abfonberte. vielleicht auf Grund von Zwistigkeiten und auf eigene Faust weiter ins Land vordrang, durchaus nichts Unwahrscheinliches an sich. Die Durchquerung fast des ganzen amerikanischen Kontinents wäre allerdings eine geradezu fabelhafte Leistung gewesen, und man fragt sich vergeblich, welches Motiv für einen Zug nach dem Westen über mehr als 5000 Km., von Vinland dis in die Gegend von Spokane, vorgelegen haben fall. Aber der Runenstein von Spokane ist nun einmal vorhanden, und an der Tatsache selbst scheint daher ein Zweifel kaum möglich. Wenn in den Jahren 1004 und 1005 große Scharen von normannischen Vinlandssahrern an der Ostküste weilten, ist eine Erreichung der Westküste im Jahre 1010 durch 32 von ihnen nicht eben als eine Unmöglichkeit zu betrachten. Man wird sich daher wohl mit dem Faktum abfinben müssen.

Was einmal sich ereignet hat, kann sich ähnlich wieberholt haben. Sind aber bie Normannen von Vinlanb aus ins Innere des Landes vorgedrungen, so geben sich einleuchtende Möglichkeiten einer Deutung der vielfach in Nord- und Mittelamerika beobachteten Spuren eines vvrkolumbischen Christentums in Amerika denn bie mit Leis Erikfon und seinen Nachfolgern Thorwald, Thorfinn usw. nach Vinland gekommenen Normannen bekannten sich bereits zum christlichen Glauben. Wenn die Ueberlebenben des Dramas von Spokane sich bie Muse gönnten, einen Grabstein mit umfaffenber Inschrift anzufertigen, wenn unter ihnen einer war, ber die Runen­schrift beherrschte, wenn christlich-normannische Frauen von Jnbianern geraubt würben, so muß immerhin eine gewisse Intelligenz; ein entwickeltes seelisches Bedürfnis von halbkultivierten Europäern schon vor mehr als 900 Jahren tief im Innern des amerikanischen Kontinents heimisch gewesen fein. Auch das Vorkommen von blonden Haaren und blauen Augen bei manchen Jndianerstämmen, auf das schon Humboldt hinwies, wird bann verstänblich.

Die Entbeckung Prof. Opsjons verbreitet wertvollstes Licht über alte Kulturzusammenhänge, und doch türmt sie auch neue Rätsel auf, denn was ist aus den ins Innere Rorbamerikas vorgedrungenen Normannen geworden? Wie hat chch ihr Einfluß auf die geistig tieferstehende eingeborene Bevölkerung ausgewirkt? Auf diese und ähnliche Fragen gibt es vorderhand keine Antwort. Wohl aber bleibt bie verblüffende Tatsache bestehen, daß ber von ben Nor­mannen besuchte Teil ber Erdoberfläche noch viel größer war, als man glaubte. Schon bisher war ber nachweislich von Normannen besuchte Erdraum groß genug, benn er ^erstreckte sich von Baffins- lanb bis Noivaja Semlja und von ber amerikanischen Ostküste über bie Azoren bis Bagdad. Nunmehr scheint festgestellt zu fein daß Normannen sogar bis in bie Nähe bes Stillen Ozeans gelangt sind, unb damit muß bie Bewunderung vor den ungeheuren Leistungen dieser kühnen Nordmänner fast ins Unbegrenzte wachsen.

Das Leden der Heiligen Johanna.

Von' A n a t o l e France.

(Sortierung.)

Sie legten ihr Sifenfeffeln an die Füße und um die Hüften eine mit einem Schloß an einem fünf dis sechs Fuß starken Balken be­festigte Kette. Des Nachts war diese durch den Bettsuß gezogen und an dem großen Deckenbalken verankert. Auf diese Weise blieb auch Johann Huß, der im Jahre 1415 dem Bischof von Konstanz über­liefert unb in bie Festung Gottlieben gebracht worben war, Tag unb Nacht angekettet, bis man ihn zum Scheiterhaufen führte. Fünf englische Kriegsknechte, eine Art von Schergen, bewachten die Ge­fangene. Sie waren nicht gerade die Blüte der Ritterschaft, machten sich über sie luftig, und sie hielt ihnen dies vor. In ber Nacht be= fanben sich zwei von ihnen hinter ber Tür unb drei bei ihr, bie sie daburch beunruhigten, baß sie ihr halb sagten, daß sie sterben werbe, halb, bah sie befreit würbe. Und ohne deren Erlaubnis konnte niemand mit Johanna sprechen. Im übrigen ging man in diesem Gesängnis wie in einer Mühle aus und ein. Leute jeden Standes kamen, wann immer sie wollten, Johanna zu sehen. So auch Meister Peter Manuel, Advokat des Königs von England. Die Leute mit gesundem Menschenverstand waren immer erstaunt, daß Hexen und Wahrsagerinnen wie gewöhnliche Christinnen in die Falle gingen. Offenbar war der Advokat des Königs ein Mann gefunden Verstandes, denn er tat an Johanna Fragen, die feine Verblüffung erkennen ließen:Wußtet Ihr daß man Euch ge= fangennehmen würde?"Ich dachte es mir wohl", antwortete sie. Und Meister Peter:Wenn Ihr das dachtet, warum habt Ihr