Ausgabe 
30.10.1926
 
Einzelbild herunterladen

auben, daß der Konne- gefesselte Frau erhoben

wollte.

Gericht.

Luch nicht an dem Tag, an dem Ihr gefangenwurde!. davor ge- hütet?" Sie antwortete:Ich wußte weder Tag noch Stund« und wann es mir geschehen würde." Ein junger Gehilfe des Maurer­meisters des Schlosses konnte auch in den Turm Einlaß finden. Er sah Johanna an einer langen, an dem Balken befestigten Kette mit gefesselten Füßen. Viel später gab er vor, sie gewarnt zu haben mit Vorsicht zu sprechen, denn es ging« an ihr Leben. Tatsach­viel mit ihren Wachen, und alles, was sie sagte, wurde den Richtern

5>err Johann von Luxemburg kam nach Rouen und fand sich mit seinem Bruder, dem Bischof von Therouannes, im Turm der Jungfrau ein, außerdem mit ihm noch der Konnetabel Sir Humfry, Gras von Stafford, der Graf von Warwick, Schloßhauptmann von Rouen, und der junge Herr von Macy. Und Herr von Luxemburg richtete folgende Rede an die Gefangene:Johanna, ich> bm ge­kommen Euch zurückzukaufen, wenn Ihr versprechen wollt, Euch niemals' mehr gegen uns zu bewaffnen." Diese Worte sind durch das was wir von den Verhandlungen zum Kaufe der Jungfrau wissen, nicht genügend erklärt. Sie können glauben machen, daß zu jenem Zeitpunkt der Kauf noch nicht völlig abgeschlossen war oder daß zumindest der Käufer glaubte ihn nach seinem Willen rückgängig machen zu können. Am bemerkenswertesten aber an dem Ausspruch Johanns von Luxemburg ist die Bedingung, die er an den Wiederkauf der Jungfrau knüpfte. Er verlangte von ihr, fortan nicht mehr gegen England und Burgund zu kämpfen Es scheint wenn man diese Klausel betrachtet, als hatte er nun beabsichitigt, sie dem König von Frankreich oder an irgendeine für diesen han­delnde Person zu verkaufen. Seine Worte scheinen aber die Eng­länder nicht beunruhigt zu haben, und Johanna schenkte ihnen keinerlei Glauben.Im Namen Gottes, antwortete sie,Ihr fpöltet meiner, denn ich weiß wohl, daß Ihr weder Macht nach Dillen dazu besißt." Man behauptet, daß, als er auf [einen Worten be­harrte, sie erwidert habe, daß die Engländer sie töten werden in der Meinung, nach ihrem Tode das Königreich Frankreich zu gewinnen. Dies aber scheint unwahrscheinlich, da sie ja nicht glaubte, daß die Engländer sie töten würden. Während der Dauer des Prozesses er­wartete sie, auf ihre Stimmen vertrauend, befreit zu werden. Vielleicht hatte sie zu Herrn von Luxemburg gesagt:Ich weiß wohl, daß die Engländer mich töten wollen." Dann wiederho te ste mit großem Mute das, was sie schon tausendmal gesagt hotte:Wenn es aber hunderttausend Gordons mehr gäbe als letzt vorhanden sind, werden sie das Königreich nicht haben." Als Sir Humiry diese Worte horte, wollte er losfahren, der Graf von Warwick aber hielt ihn am Arm zurück. Man würde es nicht glauben, daß der Konne­tabel von England fein Schwert gegen eine xofesfe'ie F'"" hätte, wenn man nicht wüßte, daß zur selben Zeit Sir Humfry jemanden, den er über Johanna Gutes sagen höre, durchbohren

In einer Vorbesprechung wurde beschlossen, daß über die Taten, deren diese Frau Öffentlich bezichtigt wurde, Erkundigungen ein- gezogen würden. Der Bischof erklärte, daß auf seinen Befehl schon solche erstattet worden wären und er noch andere einziehen lasse, über die man in Gegenwart des Rates berichten würde. Tatfachlicy hatte sich ein gewisser Nikolaus Bailly nach Domremy begeben und mit einigen Bettelmönchen dort Nachforschungen über Leben und Ruf der'Jungfrau angestellt. Zwölf oder fünfzehn Zeugen wurden dort befragt, und wir wissen von Bailly selber, daß er nichts Be­lastendes über Johanna erfahren konnte. Wenn die Aussage eines Bürgers von Rouen nicht trügt, soll Herr Nikolaus, als er dem Bischof das Resultat seiner Nachforschungen überbrachte, als schlechter Mensch und Verräter behandelt worden sein und nicht die Be­zahlung seiner Kosten und seiner Mühen erhalten haben. Dies ist möglich, aber verwunderlich. Daß man aber weder in Vaucouleurs noch in Domremy und in den benachbarten Dörfern etwas, was Johanna belasten konnte, gefunden haben soll, beruht keineswegs auf Wahrheit. Man fand im Gegenteil eine große Anzahl von Be­schuldigungen gegen die Bewohner im allgemeinen, die Zaubermittel anroanbten, und auch gegen Johanna, die die Feen beschwor, auf ihrer Brust eine Alraune getragen haben soll und ihrem Vater und ihrer Matter ungehorsam war. Reichliche Erkundigungen wur­den nicht nur in Lothringen und in Paris, sondern auch in den König Kari getreuen Ländern eingezogen, genügend, um zehn Ketzerinnen und zwanzig Hexen zu verbrennen. Man erfuhr von Teufeleien, die besonders in den Augen der Geistlichen schrecklich waren, wie etwa vom Auffinden verlorener und wiedergefundener Tassen und Handschuhe, vom Schwert der heiligen Katharina und dem vom Tod erweckten Kinde. Man brachte einen dreisten Brief über den Papst und andere Beweise von Hexerei, Magie, Ketzerei und Glau­bensirrtum zur Stelle. Diese Auskünfte wurden nicht dem Prozeß eingefügt. Es war ständiger Brauch der heiligen Inquisition, die Zeugenaussagen und die Namen der Zeugen geheim zu halten. So konnte der Bischof von Beauvais die Aussagenden in den dem Dauphin untergebenen Provinzen schonen, obwohl mangels ihrer Namen die Auskünfte selbst sie kenntlich machen konnten. Aber die reichste Quelle der Untersuchung bildeten die Reden, die Johanna in ihrem Gefängnis führte, denn sie sprach viel und ohne Vorsicht. Ein Maler, dessen Namen man nicht kennt, tarn in ihren Turm und fragte sie sehr laut vor den Wachen, welche Waffen sie ge­tragen, so, als ob er sie etwa ihrem Schild hätte abbilden wollen. Zu jener Zett machte man keine Bildnisse nach dem Leben, es fei

denn von Personen sehr hohen Ranges und dann meistens in der Gebärde des Gebetes, kniend und mit gefalteten Händen. Und wenn man in Flandern und in Burgund Bildnisse sah, die keinerlei Zeichen von Andacht wiesen, so war dies nur eine kleine Anzahl. Wenn man von einem Porträt sprach, dachte man natürlich an eine zu Gott, der heiligen Jungfrau oder irgendwelchen Heiligen betende Person. Die Absicht, von der Jungfrau ein Bildnis zu machen, würde wohl von den kirchlichen Richtern Johanna sehr übel aus­gelegt worden fein, um so mehr, als sie fürchten konnten, daß etwa der Maler diese exkommunizierte Frau als eine durch die Kirche kanonisierte Heilige, wie es die Armagnacs taten, abbilde. Bei diesem Gedanken ist man zu glauben versucht, daß dieser Mann ein falscher Maler, aber ein richtiger Spion gewesen ist. Und dieser Verdacht ist dadurch bestätigt, daß es Johanna im Prozeß als eitel und prachtliebend vorgeworfen wurde, daß sie sich in Waffen malen lassen wollte. Mehrere Geistliche wollten sie in ihrem Gefängnis glauben machen, daß sie Kriegsleute von Seiten Carls von Valois wären. Der Staatsanwalt selber, Meister Johann von Estivei, kleidete sich, um sie zu täuschen, in das Ge­wand eines armen (Befangenen, und besonders war ein Dom­herr von Rouen, Meister Nikolaus Loiseleur, erfinderisch in listigen Schlichen, Ketzerisches bei Johanna zu entdecken. Im Einvernehmen mit dem Bischos von Beauvais und dem Grafen von Warwick betrat er Johannas Gefängnis, in kurzem Gewände in der Mode der Bürger. Die benachrichtigten Wachen zogen sich zurück und Meister Nikolaus, mit der Gefangenen allem ge­blieben, gestand, daß er wie sie aus Lothringen stamme, seines Standes Schuster sei, zu den Franzosen halte, von den Eng­ländern gefangen worden märe. Er überbrachte ihr Nachrichten von König Carl, die er selbst erfand. Johanna besaß nichts Teue­res als ihren König. Der falsche Schuster stellte nun, da er sie auf diese Weise für sich eingenommen hatte, Fragen über ihre Engel und Heiligen. Sie antwortete ihm vertrauensvoll wie einem Lands­mann und Freund. Er gab ihr Ratschläge und empfahl ihr, nicht all diesen Kirchenleuten zu glauben und nicht zu tun, was ste von ihr verlangten,denn," sagte er ihr,wenn du ihnen Glauben schenkst, wirst du vernichtet werden." Meister Nikolaus Loiseleur soll, wie man versichert, sehr oft den lothringischen Schuster gespielt habem worauf er dann immer den Schreibern alles diktierte, was Johanna ihm gesagt hatte, und es war dies eine kostbare Bereicherung der Ausforschungen, die während des Kreuzverhörs als Grundlage biente. Es scheint sogar, daß man während dieser Besuche die Schreiber in einem benachbarten Zimmer in der Nähe eines Sprachrohrs postierte. Wenn man den Gerüchten in der Stadt Glauben schenkt, so spielte Meister Nikolaus auch die heilige Katharina und erreichte durch dieses Mittel, daß Johanna alles sagte, was er wollte.

Die Leuchte der Hochschule, Meister Thomas von Courcelles, den Loiseleur von seinen Verwandlungen unterrichtete, riet ihm, diese em- zustellen. Die Schreiber behaupteten später, Abscheu empfunden zu haben, die durch List abgelauschten Reden heimlich aufzuzeichnen. Das goldene Alter der Inquisition mußte wohl vorbei sein, daß ein s» strenger Gelehrter wie Meister Thomas über eine der namhaftesten Handhaben dieser Rechtspflege so lau dachte. Die Art des inquisi­torischen Vorgehens mußte schon gründlich zerrüttet gewesen sein, daß zwei kirchliche Notare daran dachten, eine der ältesten Vor­schriften und gebräuchlichsten Funktionen einer Rechtsprechung, die Innozenz HL eingesetzt hatte, ausmschalten. Wenn Meister Nikolaus Loi eleur unter der Maske des Schusters und der heiligen Katharina das Heil und nicht das Verderben der Sünderin suchte, und wenn er sie, entgegen dem öffentlichen Gerücht, nicht etwa zu WidersätzlickL ketten anstachelte, sondern zum Gehorsam lenkte, und sie schließlich nur ihres zeitlichen und geistlichen Wohles wegen täuschte, so ging er gemäß der eingeführten Regeln vor. Was den Bischof von Bea»- oais anbelangt, der diese Prozeduren anbefohlen unb erlaubt hatte, fanb er seine Rechtfertigung in den Worten des Apostels Paulu« an die Korinther: Ich hab« nichts Böses getan, sondern List ge­braucht, euch zu überraschen. Ader als sie den Syndikus Johann von Estivet mit dem Bischofsmantel bekleidet sah, erkannte ihn Johann» nicht. Meister Nikolaus begab sich oft im langen Gewand zu ihr. In diesem flößte er ihr großes Vertrauen ein, sie beichtete ihch demütig und hatte keinen anderen Beichtiger. Sie sah ihn bald als Schuster, bald als Mönch, ohne zu merken, daß es dieselbe Person war. Sie war eben in mancher Hinsicht von unglaublicher Einfach. Diese Theologen mußten bald erkennen, daß es nicht schwer war, st» zu täuschen.

Samstag, den 13. Januar, versammelten sich der Abbe von Fecamp, die Doktoren und Meister Johann be la Fontaine, Niko­laus Loiseleur unb anbere im Hause des Bischofs, wo die in Loth­ringen und anderswo gesammelten Erkundigungen über die Jung­frau verlesen und von ihnen als brauchbare Grundlage des »er» Lores erachtet wurden. Ein Beschluß ward gefaßt, daß der Biscqch die vorbereitende Untersuchung über die Taten unb Worte der Jungfrau anorbne. Dienstag, den 13. Februar, beschworen dec Syndikus Johann von Estivei, Johann de la Fontaine, der Kom- missarius, Boisguillaume und Manchon, die Schreiber unb Johann Massieu, ber Gerichtsvollzieher, getreulich ihren Dienst auszuuben.

(Schluß folgt.)

Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. - Druck ber Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.