35
Blume. Ihre Stimme war so süß und melodisch, daß die Direktion Carrie verbot, mit dem Publikum zu sprechen, damit dadurch die Wirkung ihrer Häßlichkeit keine Abschwächung erleiden möge. Eine gute Seite hatte Curries Häßlichkeit wenigstens: Sie verdiente dadurch ihr tägliches Brot: denn die Direktion des Museums bezahlte dem unglücklichen Wesen zwanzig Dollar die Woche für die Schaustellung ihrer Häßlichkeit.
Carrie war heimlich in Peter Hilton, den Vorsteher des Flohzirkus verliebt, dessen Kleider sie flickte und in Ordnung hielt, Lleberhaupt zeichnete sich das häßliche Mädchen der Welt durch große Gutmütigkeit aus. Der schreibunkundige Ausrufer Den Volt betraute sie mit der Abfassung von Briefen an seine ferne Gattin. Rabitt, der kleinen Indianerin mit dem Hasengebiß kaufte sie Bonbons und Eiswaffeln. Der fette Mann ließ sich von Earrie sogar hin und wieder die Schuhbänder liefen, weil er sich seines dicken Llnterleibs wegen nur schwer bücken konnte. Es war für Earrie wenigstens ein Trost, daß Peter in kein weibliches Mitglied des Museums verliebt war, und da sich der Flohbändiger sehr oft und freundlich mit ihr unterhielt, begann das häßlichste Mädchen sich heimlichem Hoffen hinzugeben.
Als jedoch die spanische Tänzerin Cora Balboa sich der Gesellschaft anschloß, da erreichten die heimlichen Liebesträume des häßlichsten Mädchens ein Ende. Cora, die dunkeläugige schlanke Schöne, hatte es Peter sofort angetan. Von jetzt an blieb ihm keine Zeit mehr für Earrie übrig, und er machte Cora den Hof, wo sich ihm nur die Gelegenheit dazu bot.
»Bur herein, meine Herrschaften! Hier! Hierher! Hier zu sehen ist der fette Mann, die Indianerin mit den Hasenzähnen, die drainiertem Flöhe, Eora, die berühmte spanische Tänzerin, Elektra, der menschliche Dynamo, der urkomische abgebrochene Riese Kurz, und endlich Earrie, das häßlichste Mädchen der Welt!"
Bei dieser Ankündigung würdigte Eora zum erstenmal ihre Kollegin Carrie eines flüchtigen Blickes und sagte mit selbstzufriedenem Lächeln $u Peter: „Heiliger Strohsack, die arme Pflanze hat ja ein Gesicht, das selbst dem lieben Gott nicht gefallen kann!“
Heiße Tränen traten dem häßlichsten Mädchen in die Augen, das sich längst an ähnliche Bemerkungen aus den Kreisen des Publikums gewöhnt hatte. Zum ersten Male fühlte sich Carrie auf das grausamste verletzt; — denn Peter lachte über die Bemerkung der schönen Tänzerin.
„Dies hier ist der dickste Mann der Welt", erklärte der Führer dem Publikum, das er als Mentor durch das Museum geleitete. „Er wiegt sieben Zentner und fünfundvierzig Pfund und möchte gern heiraten. Schöne Gelegenheit für eine der anwesenden Damen!"
Fröhliches Gelächter!
Dann kam Carrie an die Reihe: „Lind hier, meine Freunde", begann der Ausrufer wieder, „ist Miß Carrie Small, die als häßlichstes Mädchen der Welt preisgekrönt worden ist. Wir bieten fünftausend Dollar dem Mädchen, das nachweislich noch häßlicher ist als Miß Earrie Small."
Cora warf einen verachtungsvollen Blick zu Carrie hinüber und kokettierte bann mit Peter, der vor seinem Flohzirkus saß. Carries Hände wnklammerten krampfhaft die Arme ihres Stuhls, als der Geliebte die Tänzerin antäd^ite.
„Miß Small ist fünfundzivanzig Kahre alt und sucht einen Gatten!"
Die Zuschauer brüllten vor Lachen. Carrie lächelte zwangsweise, wie man es ihr vorgeschrieben hatte.
„Einmal hat sie ein Heiratsgesuch beantwortet, woraus sich ein sechsmonatiger Briefwechsel entwickelte/ Endlich verlangte der Ehekandidat ihr Bild, das fte ihm umgehend zuschickte. Als der arme Mann das anschaute, fiel er sofort tot zu Boden!"
Erneutes Gelächter bewies auch heute wieder, daß Miß Carrie nach wie vor die komischste Attraktion des Museums war. Endlich forderte der Führer noch zum Kauf der Bilder Cannes auf, um damit die „Ratten zu verscheuchen". Das arme Geschöpf zitterte am ganzen Leib.
Ihr Kumnrer erreichte jedoch den Höhepunkt, als der Führer fvrtfuhr: „Lind nun, meine Herrschaften, gehen wir vom Lächerlichsten zmn Erhabensten über. Sie sahen soeben das häßlichste Mädchen der Welt; — hier erblicken Sie eines der schönsten!"
Rosafarbige Fußlampen wurden jetzt angedreht und setzten Coras dunkle Schönheit in das rechte Licht. Ihre Augen glühten. Das Publikum drängte sich entzückt in die Nähe der Tänzerin, und Peter stand vor dem Flohzirkus auf dem Stuhl. Die Besucher brachen In wilden Beifall aus, als Eora ihren spanischen Tanz beendet hatte.
Todesqualen erfüllten das Herz des häßlichsten Mädchens. Seit Coras Ankunft erst fühlte sie die Tiefe und Hoffnungslosigkeit ihrer Liebe zu Peter. Dazu kam noch, daß man Cora des Vergleiches wegen dicht neben Carrie aufgestellt hatte, so daß die Aermste alle Gespräche des Geliebten mit der Tänzer!:: hören mußte, und Peter versäumte keinen freien Augenblick, ferner Flamme Schmeicheleien zu sagen.
Als Peter dem häßlichsten Mädchen nach Verlauf von drei Wochen mitteilte, daß er Cora heiraten werde, da schien das Llnglücl der armen Earrie vollkommen zu sein. Cora lud die flanke Gesellschaft zur Hochzeit ein. Aber Carrie konnte sich nicht dazu zwingen, der Trauung Peters beizuwohnen.
Dor dem Hochzeitstage Peters verbrachte sie eine schlaflose Nacht. Als der Morgen graute, erhob sich Carrie hohläugig und blaß von ihrem Lager, häßlicher als jemals zuvor durch ihr Oei&en. Nach langem ziellosen Llmherirren durch die Straßen der Stadt kehrte die Unglückliche in das Museum zurück und ließ sich müde und schwer in ihren Stuhl nieder. Wortlos betete sie, daß ihre Augen und Stimme ihr Elend nicht verraten möchten, wenn die Hochzeitsgesellschaft eintraf.
„Ein Telegramm für Miß Cora Balboa," ertönte jetzt am Eingang eine schrille Stimme. Carrie nahm die Depesche in Empfang. Kurz darauf traf der Direktor mit Cora ein. Peter kam nicht mit ihnen. Etwas mußte ihm passiert sein. Carrie erhob sich ahnungsvoll von ihrem Stuhl und fragte, was geschehen war. Llnterdessen hatte Cora das Telegramm erblickt, entriß es Carrie und öffnete es hastig.
„Peter ist heute morgen bei einem Spaziergang vor die Stadt von einem Zuge Überfahren worden," sagte der Direktor und schüttelte das graue Haupt.
„Kst er tot?“ schrie Carrie entsetzt.
„Ach, was!" rief Cora dazwischen. „Eharley Hayes wünscht sich mit mir zu amüsieren, wie er mir telegraphiert! Gut, daß ich mit eurer Bande von Monstrositäten keinen Kontrakt habe."
Jetzt verlor Carrie alle Selbstbeherrschung: „Du solltest dich schämen, so zu reden, toemt dein Gatte tot ist," herrschte sie Carrie an.
„Er ist ja gar nicht tot!“ entgegnete Cora gelassen. „Besser wär's freilich, als mit abgeschnittenen Deinen leben. Gut, daß es nicht zur Trauung kam. Denn ein Mädchen wie ich mag kein überflüssiges Gepäck mit sich schleppen!“
„Du solltest stolz darauf sein, Peter Hilton zum Mann zu haben," rief Carrie mit aller Kraft ihrer melodischen Stimme.
„Ich überlasse dir gern, was von ihm übrig ist. Guten Tag allerseits!“ rief Eora und ging fort.
Eine Woche später durfte Carrie Peter zum erstenmal nach dem Llnglücksfall im Hospital besuchen.
O, Peter," schluchzte sie und beugte sich auf das schmale Lager des Geliebten herab.
„Es ist nicht mehr viel vor mir übrig geblieben," sagte Peter mit trübem Lächeln, „und blind bin ich auch"
„Blind auch du Aermster!" klagte das Mädchen leise, wider Willen im innersten Herzen frohlockend: Denn jetzt würde er nicht mehr sehen können, wie häßlich sie war.
„Ach, wär' ich doch lieber gleich ganz umgekommen," seufzte er.
„O, Liebster, rede doch nicht so,“ schluchzte das Mädchen, und ließ sich vor dem Bett auf die Knie nieder. „So lange ich einen Dollar habe, soll dir nichts fehlen."
„Was! Mich von einem Frau ernähren lassen! Das ist doch ausgeschlossen!"
„Aber Peter, du mußt doch jemand haben, der für dich sorgt, jemand —", ihre Stimme ertönte wie süßes Flöten, und sie verbarg das Gesicht in der Bettdecke, — „jemand, der dich liebt."
Er antwortete nicht und streichelte ihr den Kopf mit zärtlicher Hand. „Ich habe mir für dich den Kopf zerbrochen, habe für dich nachgedacht, Peter," fuhr sie leise fort „Du könntest hinter einem Vorhang fitzen und mit deinen Händen ein paar Marionetten in Bewegung setzen."
„Llnd du mit deiner schönen Stimme den Text dazu sprechen!" jubelte Peter hell auf. „Du, mein liebes kleines Vögelchen!"
„Du nennst mich dein liebes kleines Vögelchen!" frohlockte das häßlichste Mädchen.
„Du, Carrie, wenn du mit einem blinden, halben Mann zufrieden bist dann fömten wir ja heiraten,“ sagte der junge Mensch leise und schüchtern.
„Mein liebes kleines Vögelchen, hast du mich genannt" flüsterte das Mädchen. „Llnd nicht wahr, jetzt bin ich nicht mehr
häßlich!?"
„Nein, du bist schön, wunderschön, mein Lieb!" hauchte der junge Bräutigam rind streichelte sanft das Gesicht der Geliebten.
Meiner Mutter.
Von Detlev v. Liliencron.
Wie oft sah ich die blassen Hände nähen. Ein Dttick für mich — wie liebevoll du sorgtest!
Ich sah zum Himmel deine Augen flehen, Ein Wunsch für mich — wie liebevoll &u sorgtest!
Lind an mein Bett kamst du mit leisen Zehen, Ein Schutz für mich — wie liebevoll du horchtest!
Längst schon dein Grab die Winde überwehen, Ein Gruß für mich — wie liebevoll du sorgtest!


