Ausgabe 
30.1.1926
 
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Schriftleitung; 0--. Friede. Wilh. Lang«. Druck und Verlag der Vrühl'schen Univ.-Vuch- und Steindruckerei, «. Lange, Gießen.

Des Setters Eckfenster.

Don E. T- 21. Hoffmann.

(Sortierung.)

I ch Diese Erfindung macht deinem Schriftstellertalent Ehre, lieber Detter. Doch mir leuchten schon seit ein paar Minuten dort jene hohen weihen Schwungfedern in die Augen, die sich aus dein dicksten Gedränge des Dolks emporheben. Endlich tritt die Gestalt dicht bei der Pumpe hervor ein großes, schlankge- wachsenes Frauenzimmer von gar nicht üblem Ansehen der Lieberrock von rosarotem schweren Sridenzeuge ist funkelnagelneu der Hut von der neuesten Fasson, der daran befestigte Schleier von schönen Spitzen weihe Glacehandschuhe. Was nötigte die elegante, wahrscheinlich zu einem Dejeuner eingeladene Dame sich durch das Gewühl des Marktes zu drängen? Doch wie, auch sie gehört zu den Einkäuferinnen? Sie steht still und winkt einem alten, schmutzigen, zerlumpten Weibe, die ihr, ein lebhaftes Bild der Misere im Hesen des Dolks, mit einem halbzerbrochenen Marktkorbe am Arm, mühsam nachhinkt. Die geputzte Dame winkt an der Ecke des Theatergebäudes, uin dem erblindeten Land- wehrmann, der dort an die Mauer gelehnt steht, ein Almosen zu geben. Sie zieht mit Mühe den Handschuh von der rechten Hand hilf, Himmel! eine blutrote, noch dazu eine ziemlich mannhaft gebaute Faust kommt zum Dorschein. Doch ohne lange zu suchen und zu wählen, drückte sie dem Blinden rasch ein Stück Geld in die Hand, läuft rasch bis in die Mitte der Charlottenstraße und setzt sich dann in einen majestätischen Promenadenschritt, mit dein sie, ohne sich weiter um ihre zerlumpte Begleiterin zu künnnern, die Charlottenstrahe hinauf nach den Linden wandelt.

Der Detter. Das Weib hat, um sich auszuruhen, den Korb an die Erde gesetzt, und du kannst mit einem Blick den» ganzen Einkauf der eleganten Dame übersehen.

Ich. Der ist in der Tat wunderlich genug. Ein Kohlkopf viele Kartoffeln einig« Aepfel ein kleines Brot einige Heringe in Papier gewickelt ein Schafkäse, nicht von de« appetitlichsten Farbe eine Hammelleber ein kleiner Rosen­stock - ein Paar Pantoffeln ein Stiefelknecht. Was in aller Welt.

D e r D e t t e r. Still, still. Detter, genug von der Rosenroten! Betrachte aufmerksam jenen Blinden, dem das leichtsinnige Kind der DerderÄiis Almosen spendete. Gibt es ein rührenderes Bild unverdienten menschlichen Elends und frommer, in Gott und Schicksal ergebener Resignation? Mrt dem Rücken an die Mauer des Theaters gelehnt, beide abgedürrbe Knochenhänds auf einen Stab gestützt, den er einen Schritt vorgeschoben, damit das unvernünftige Dolk ihm nicht über di« Füße laufe, das leichenblasse Antlitz emporgehoben, das Landwehrmützchen in die Augen gedrückt, steht er regungslos vom frühen Morgen bis zum Schluß des Markts an derselben Stelle.

Ich. Er bettelt, und doch ist für die erblindeten Kriege« so gut gesorgt.

Der Detter. Du bist in gar großem Irrtum, lieber Detter. Dieser arme Mensch macht den Knecht eines Weibes, welches Gemüse feilhält, und die zu der niedrigeren Klaff« dieser Verkäuferinnen gehört, da die vornehmere das Gemüse in auf Wagen gepackten Körben herbeifahren läßt. Dieser Blinde kommt nämlich jeden Morgen, mit vollen Gemüsekörben bepackt, wie ein Lasttier, so daß ihn die Bürde beinahe zu Boden drückt und er sich nur mit Müh« im wankenden Schritt mittels des Stabes aufrecht erhält, herbei. Ein« große, robuste Frau, in deren Dienste er steht, oder die ihn vielleicht nur eben zum Hinschaffen des Gemüses auf den Markt gebraucht, gibt sich, wenn mm seine Kräfte beinahe ganz erschöpft sind, kaum di« Mühe, ihn beim Arm zu ergreifen und weiter an Ort und Stelle, nämlich eben an den Platz, den er jetzt einnimmt, hinFühelfen. Hier nimmt sie ihm die Körbe vom Rücken, di« sie selbst hinüberträgt, und läßt ihn stehen, ohne sich im mindesten um ihn eher zu beLimmevnt als bis der Markt geendet ist und sie ihm di« ganz oder nu« zum Teil geleerten Körbe wieder aufpackt.

I ch. Es ist doch merkwürdig, daß man die Blindheit, sollten auch die Augen nicht verschlossen sein, oder sollte auch kein anderer sichtbarer Fehler den Mangel des Gesichts verraten, dennoch an der emporgerichteten Stellung des Hauptes, die den Erblindeten eigentümlich sogleich erkennt; es scheint darin ein fortwährendes Streben zu liegen, etwas in der Rächt, die den Blinden umschließt, zu erschauen.

DerDetter. Es gibt für »nich keinen rührenderen Anblick, als wenn ich einen solchen Blinden sehe, der mit emporgerichtetem Haupt in die weite Fern« zu schauen scheint. Untergegangen ist für den Armen die Abendröte des Lebens, aber sein inneres Auge strebt schon das ewige Licht zu erblicken, das ihm in dem Jenseits voll Trost, Hoffnung und Seligkeit leuchtet. Doch ich werde zu ernst. Der blinde Landwehrmann bietet mir jeden Martttag einen Schatz von Bemerkungen dar. Du gewahrst, lieber Detter, wie sich bei diesem armen Menschen die Mildtätigkeit der Ber­liner recht lebhaft ausspricht. Ost ziehen ganze Reihen bei ihm vorüber, und keiner daraus verfehlt ihm ein Almosen zu reichen. Aber die Art und Weife, wie dieses gereicht wird, hierin liegt alles. Schau einmal, liebet Detter, eine Zeitlang hin und sag' mir, was du gewahrst.

3 ch Eben kommen drei, vier, fünf stattliche, derbe Haus­mägde; die mit zum Teil schwer ins Gewicht fallenden Waren übermäßig vollgepackten Körbe schneiden ihnen beinahe die ner» dichten, blau aufgelaufenen Arm« wund; sie haben Ursache zu eilen, um ihre Last loszuwerden, und doch weilt jede einen Augen­blick, greift schnell in der Marktkorb und drückt dem Blinden ein Stück Geld, ohne ihn anzusehen, in die Hand. Die Ausgabe steht als notwendig und unerläßlich auf dem Etat des Martttages. Das ist recht! Da kommt eine Frau, deren Anzug, deren ganzem Wesen man die Behaglichkeit und Wohlhabenheit deutlich an­merkt, sie bleibt vor dem Invaliden stehen, zieht ein Beutelchen hervor und sucht und sucht, und kein Sttick Geld scheint ihr klein genug zum Akt der Wohltätigkeit, den sie zu vollführen gedenkt sie ruft ihrer Köchin zu es findet sich, daß auch ihr dis kleine Münze artsgegangen sie muß erst bei den Gemüseweibern wechseln endlich ist der zu verschenkende Dreier herbeigeschafft nun klopft sie den Blinden auf die Hand, damit er ja merke, daß er etwas empfangen werde er öffnet den Handteller di« wohltätige Dame drückt ihm das Geldstück hinein und schließt ihm die Faust, damit di« splendide Gabe ja nicht verloren gehe. Warum trippelt di« Keine niedliche Mamsell so hin und her und nähert sich immer mehr und mehr dem Blinden? Ha, im Dorbeihuschen hat sie schnell, daß«s gewiß niemand als ich der ich sie auf dem Kern meines Glases habe, bemerkte, dem Blinden ein Stück Geld in die Hand gesteckt das war gewiß kein Dreier. Der glaue, wohlgemästete Mann im braunen Rock, der dort so gemütlich dahergeschritten kommt, ist gewiß ein sehr reicher Bürger. Auch er bleibt vor dem Blinden stehen und läßt sich in ein langet Gespräch mit ihm ein, indem er den übrigen Leuten den Weg versperrt und sie hindert, dem Blinden Almosen zu spenden; endlich, endlich zieht er eine mächtige grüne Geld­börse aus der Tasche, entknüpft sie nicht ohne Mühe und wühft so entsetzlich im Gelds, daß ich glaube, es bis hierher klappern zu hören. Parturiunt montes! Doch will ich wirklich glauben, daß der edle Menschenfreund, vom Bilde des Jammers hinge­rissen, sich bis zum schlechten Groschen verstieg. Bei allem dem meine ich doch, daß der Blinde an den Markttagen nach seiner Art feine geringe Einnahme macht, und mich wundert, daß er alles ohne das mindeste Zeichen von Dankbarkeit annimmt; nur eine leise Bewegung der Lippen, di« ich Wahrzunehmen glaube, zeigt, daß er etwas spricht, was wohl Dank sein mag doch auch diese Bewegung bemerke ich nur zuweilen.

Der Detter. Da hast du den entschiedenen Ausdruck vollkommen abgeschlossener Resignatton: was ist ihm das Geld, er kann es nicht nutzen; erst in der Hand eines andern, dem et sich rücksichtslos anvertrauen muß, erhält er seinen Wert; ich kann mich sehr irren, aber mir scheint, als wenn das Weib, deren Gemüsekörbe er trägt, eine fatale böse Sieben sei, di« den Armen schlecht hält, unerachltet sie höchstwahrscheinlich alles Geld, was er empfängt, in Beschlag nimmt. Jedesmal, wenn sie die Körbe zurückbringt, keift sie mit dem Blinden, und zwar In dem Grade mehr oder weniger, als sie einen bessern oder schlechtern Markt gemacht hat. Schon das leichenblasse Gesicht, die abgehungerte Gestalt, die zerlumpte Kleidung des Blinden läßt vermuten, daß feine Lage schlimm genug ist, und es wäre die Sache eines tätigen Menschenfreundes, diesem Verhältnis näher nachzu- forfchen.

Ich. Indem ich den ganzen Markt überschau«, bemerke ich daß die Mehlwagen dort, über die Tücher rote Zelte ausgespannt sind, deshalb einen malerischen Anblick gewähren, weil sie dem Auge ein Stützpunkt sind, um den sich die bunte Masse zu deut« lidjen Gruppen bildet.

Der Detter. Bon den weißen Mehlwagen und den mehl­bestaubten Mühlknappen und Müllermädchen mit rosenroten» Wangen, jede eine bella molinara, kenn« ich gerade auch etwas Entgegengesetztes. Mit Schmerz vermisse ich nämlich eilte Köhler­familie, di« sonst ihre Ware geradeüber meinem Fenster am Theater feilbot und jetzt hinübergewiesen sein soll auf di« andere Seite. Diese Familie besteht ans einem großen robusten Mann mit ausdrucksvollem Gesicht, markichten Zügen, heftig, beinahe gewaltsam in seinem Bewegungen, genug, ganz treues Abbild der Köhler, wie sie in Romanen vorzukommen Pflegen. Ist der Tat, begegnete ich diesem Wanne einsam im Wald«, es würde mich ein wenig frösteln, und seine freundschaftliche Gesinnung würde mir in dem Augenblicke die liebste auf Erdem sein. Diesem Manne steht als zweites Glied der Familie, int schneidendstem Kontrast, ein kaum vier Fuß hoher, seltsam verwachsener Kerl entgegen, der die Possierlichkeit selbst ist. Du weißt, GeBer Detter, daß «s Leute gibt von gar seltsamem Bau; auf den ersten Blick muh man sie für bucklig erkennen, und doch vermag man, bei näherer Betrachtung, durchaus nicht anzugeben, wo ihnen denn eigentlich der Buckel sitzt.

3 ch 3ch erinnere mich hierbei d«S naiven Ausspruchs eines geistreichen Militärs, der mit einem solchen Raturfpiel in Geschäften viel zu tun hatte, und dem das Unergründliche deS wunderlichen Baues ein Anstoß war.Einen Buckel," sagte er, einen Buckel hat der Mensch; aber wo ihm der Buckel sitzt, das weiß der Teufel!".

(Schluß folgt.)