Giehener Kmnlienblatler
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang ;926 Dienstag, öen 3v. März Nummer 26
Zuversicht.
Don C. F. Meyer.
Jetzt, da die Zeit sich nähert deiner Leiden, laß mich von allen Eitelkeiten scheiden und laß mich deine Schmerzen nur betrachten, di« dich umnachten.
Du bist für mich gestorben, und das Leben, das ew'ge, hast du mir dafür gegeben. Laß mich dein totes Angesicht beschauen und dir vertrauen.
Latz mich zu deinem heil'gen Kreuze eilen und laß mich dein« herben Schmerzen teilen. Du bist für mich geopfert, heil'ges Wesen! Latz mich genesen!
Der unsterbliche Baum.
Don Herman George Scheffauer.
In diesem verarmten, kranken, zerrissenen Europa späht jeder nach dunklen Horizonten aus und sucht den lichten Strahl der Hoffnung. Oft ist es nur der fahle Glanz des Schwertes, das über ein ganzes Dolk gezückt wird, oft nur der blendende Riß eines Blitzes, der den düsteren Schleier wie ein Auge durchleuchtet. Wenn Ostern kommt, dann sucht sich jeder seine Symbole der Wiedergeburt und der Auferstehung heraus — sei es das Wiederaufblühen der Matur, sei es das geheimnisvoll sich aufschlietzende Ei, fei es nur ein beliebtes, schablonenhaftes Zitat wie „neues Leben blüht aus den Muinen, schablonen- Ostergedanke folgt nur dem Naturgesetz — und auf diesem Rhythmus von Vergehen und Wiedergeburt hat sich die Mystik und die Religion ihre schönsten und bezwingendsten Bilder und Argumente aufgebaut.
Der Ostergeist und der Ostertrieb sind für uns schon ein zeitläufiges Wunder, eine ganz geheimnisvolle Parallelität und Relativität. Denn jedes Jahr in dem Anmarsch unseres Alters oder in unserem Sturmritt auf die Ewigkeit zu, werden wir von der Erscheinung des Frühlings ergriffen, selbst im Greisenalter erlebt der Mensch immer wieder eine Nebenjugend — eine Art Neugeburt — denn er kann sich nicht aus dem Banne der Tonne und aus dem ihr zugehörigen Planeten, seiner Erde, befreien — oder nur, wenn er dem Marsch des ewigen Winters durch die Welt folgen würde.
Aber jedesmal wenn die deutschen Ostern herannahen, und nicht nur dann, denke ich an ein Symbol der Auferstehung, des neuen Lebens — wie es kein zweites auf der Welt gibt. Ich denke zurück an meine Jugendtage im reisten Lande der Welt — Amerika — und im schönsten, reichsten Teil dieses Landes — Kalifornien! ilnb an mächtige, einsame, feierliche Wälder, wo die größten Bäume der Welt, die Rotholzbäume, die nur in Kalifornien wie äleberbleibsel einer älrwelt der Pflanzen, wachsen, gegen den Himmel turmhaft strebend. Da fand ich einstmals an den Osterfeiertagen das großartigste Symbol des Oster-Mysteriums, das die lebendige Natur aus sich hervorzaubern kann, ilnsere Riesenbäume sind die ältesten lebenden Wesen der Welt. Sie standen und grünten, als die Pyramiden noch nicht erbaut waren, sie werden vielleicht die letzten lebenden Wesen der Welt bei ihrem .Untergang sein. Durch die Zahl der Ringe hat man bewiesen, daß sie schon 3000 bis 4000 ^rahre alt sind. ,
Einmal in den Osterferien war ich in einem verwüsteten Rvtholzwald in den Bergen Kaliforniens. Es waren nicht die Bäume von der Sequoia Gigantsa, die einen Durchmesser von 10 bis 12 Meter und eine Höhe von 150 erreichen, Die hier einst wuchsen, sondern die Art »er kleineren Sequoia Sempervirens, die aber noch wie Kirchtürme in die Luft ragen, schlanke Pyramiden, mit mächtig ausladenden geballten Wurzeln Aber hier lag alles verwüstet durch jenen Vandalismus des amerikanischen Abholzungswesens. Ds ragten nur noch die gewaltigen abgehauenen, durchgesägten Stämme aus der Erde. Kreuz und quer lagen die schwarzen Leichen des Geästs, lagen riesenhafte Trümmer dieser edelsten Patriarchen des Waldes, verkohlt schwarz, ein furchtbarer Anblick der Verwüstung, erst durch die Menschen, bann durch das Feuer. Es war das verfluchte Land — eine Wüste im Tartarus. Ich bemerkte nur. daß di« kolossalen Stämme immer wieder die Form eines Kreises bildeten — eines Kreises, der mich an die alten Druiden „Runden" in dem Moorland von Dartmoor in Sud- England erinnerte. , , , , \_i_i l_l.; . i i_; •
Nach etlichen Jahren kam ich wieder durch dies« Berge und durch diesen Wald. Lind siehe da! Es war überall eine Zauberwelt aus zarter rötlicher Borke und aus einem Grün, das nicht vergeht. Aus der Außenwand der großen durchgesägten Stammflächen schossen neue schlanke Sprößlinge des unsterblichen Baumes empor — strebten himmelwärts wie majestätische Kerzen auf einem runden Opferstein. Vier, fünf, sechs wuchsen oft aus einem Stamme. Zwillinge, Drillinge, Sechs» lange sproßten aus dieser Mutterwurzel, aus dieser unerschöpflichen Kraftquelle. Dur ein oder zwei Sprößlinge würden vielleicht die volle Höhe erreichen, aber es würden wieder Riefen werden, wenn auch nicht von der Höhe und dem .Umfang des gefällten Baumes. Verschwunden war jede Spur des Feuers. Im kleinen Kreise wuchsen die Neulinge aus der breiten Runde des Stammes, aber dann sah ich wieder, daß diese Gruppen auch in noch größerem Kreise wuchsen — und daß ihre gefällten Vorgänger auch einmal aus dem noch unendlich größeren Umriß des Grotzvater-Baumes ebenso entsprossen sind — und auch die Großväter vielleicht — es fügte sich Kreis an Kreis bis in di« Unendlichkeit, bis ins Undenkbare!
Wurden Ur-Riesen allmählich zu Zwergen, war die Fortpflanzung dieses Surrogates der Unsterblichkeit auch nur Degeneration — waren diese Zwerge, die man immer noch Riesen nennen konnte, nur die Epigonen von Titanen? Nun sie zählten ihre Jahre nach Jahrtausenden, vielleicht hatten sie ihr prädestiniertes Matz endgültig erreicht. Sie werden noch junge Bäume sein, wenn die Völker von heute nicht mehr sind. Aber auch aus diesen wächst eine neue Generation empor.
Der Deutsche mag sich als Symbol seines Landes die Eiche mit dem einzelnen grünen Zweig zu eigen machen, die abgebrochene deutsche Eiche, die jetzt kahl und gekröpft dasteht und sich im Sturmwind krümmt und im vergifteten Boden. Auch das ist ein Ostershmbol, ein Zeichen der Hoffnung, der Wiedergeburt und des Aufstiegs. Aber wenn ich an die unsterbliche Kraft, die trotz mancher selbstmörderischen Eigenschaften der Deutschen noch immer in diesem Volke steckt, dann denke ich nicht an die deutsche Eiche, denn auch die Engländer beanspruchen sie als Symbol ihres Landes, sondern an die unsterblichen Bäume meines Heimatstaates — an die Sequoia —, die nicht ausgerottet, nicht ausgebrannt werden kann, sondern immer zum neuen Leben und zur Höhe strebt.
Legende vom Morgenstern.
Von Arthur Silber gleit.
Die schwarzen Todesengel umkreisten mit ihren Schwingen das kranke Kind. Ihre Fittiche rauschten geheimnisdunkle Lieder durch di« Nacht. Aus einem halb geöffneten Fenster schollen Klagelaute und Seufzer einer Mutter in die umdämmerten Gartentiefen, die zu Feier des österlichen Festes bereits ihre ersten Dlütengewänder trugen. Wildes Vogelschluchzen unterbrach die unablässige Sage eines silbernen Drunnenmundes; zage Veilchen flüsterten ihren Geschwistern die Trauerbotschaft, daß die aufsprießende Frühlingsknospenpracht das Hinwelken einer lenzhasten Seele zeitlich begleiten müsse. All« Winde aber raunten den Gräsern verstohlen die Kunde von der Auferstehung des Gottessohnes zu, daß die Lieder des Lebens und des Todes in den Lüften zauberhaft zusammenflossen und die Märchen wispernden Wipfel vor Staunen ihre grünbelaubten Häupter hin und her, her und hin wiegten. Selbst die Tänzerinnen um den Dhron Gottes, die Wolken, schwankten lange, ob sie die weiße und filberblaue Seide ihrer Gewänder nicht mit schwarzen und schweren Trauertrachten vertauschen sollten; manchmal, nur den Ohren bereits Lieberirdischer vernehmbar, überbrauste das Rauschen ihrer Schleppen die Musik der Sphären; zuweilen aber ließen die Klagelaute des sterbenden Kindes ebenso die Melodien des Aethers wie die Blüten umschwingenden und leise uni« singenden Falterflügel in den Tiefen des Gartens eine Weile verstummen, und der Erden- und Himmelspäher Mond verdeutlichte seinen Seelenzwiespalt in feinem bald lächelnden, bald Weiße Lichttränen herniederschluchzenden Antlitz
In karger Kammer aber rang eine Mutter verzweifelt ihre Hände, neigte sich wieder und immer wieder küssend zu ihrem Kind hernieder, lieh ihre von zahlreichen Zährenströmen bereits rotumränderten Augen von der Äachttischkerze, die wie ein goldener Stern durch das Dunkel glomm, auf die leibgeworvens Seele in buntgetoürfetten Kissen herniedergleiten und ! uch.e vergebens Trost in den Evangeliumsworten des Matthaus: „2US aber der Sabbat um war und der erste Tag der Woche anorach.


