Ausgabe 
30.1.1926
 
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ist <68 ein tendenziöser Programmpunkt der und jenerDich­tung". Gerade in der Darstellung des Schnees haben Künstler weit zurückliegender Epochen unbewußt Forderungen der 3m» und teilweise sogar der Expressionisten erfüllt. (Ratürlich ohne sie zu kennen, denn sie waren ja damals noch gar nicht formuliert ausgestellt.) Künstler, die weitaus mehr nach Maß­gabe des nüchternen Verstandes als des hingabefrendigen Auges inalten, für deren Atelierweisheit der Schnee also hätte weih sein müssen, haben doch gerade den Schnee gemalt, wie sie ihn sahen. Ja. einige sind noch weitergegangen rmd haben den Winter in ihren Wersten so gestaltet, wie sie ihn er­lebten. (Eine Detrachtrmg, die sich auch auf das Gebiet der Dichtung übertragen läht. Manches Winterliche aus dem ältesten uns erhaltenen Dolksliedschah steht in präzis beobachtender Klarheit oder expressiver Erlebnisstärke dem heutigen Emp­finden viel näher als etwa Klopstocks Oden, die doch nie Minz den Schreibtisch verleugnen können.)

Den breitesten Raum in der Gestaltung des malerischen Pro- blemsWinter" nimmt die direkte landschaftliche Behandlung ein, die zweifellos auch die älteste ist. Am andern Ende der bisherigen Entwicklung steht die indirekte, mittelbare Art.

Es bedurfte wohl doch erst allgemeineren Verständnisses für das, toaS wir unter dem Sammelimmen Expressionismus Ausdruckskunst" nennen, ehe die Künstler eine Raturerschei- nung, hier also eine Jahreszeit, nur oder doch überwiegend in ihren Auswirkungen darstellen konnten. And wir muhten viel­leicht auch erst durch die Zwischenstufe hindurch, die nicht anders glaubte auskommen zu können, als daß sie die winter­lichen Kräfte personifizierte oder symbolisierte. (Wozu ihr die Mythenwelt der Sage und des Märchens den Weg wies.) Richt bestritten sei, daß sowohl diese als auch die bloß wieder- gebende Art noch heute in der Kunst ihren Platz wie auch ihre Daseinsberechtigung haben. Die Frage aber, wo die tiefste Verinnerlichung und somit auch die stärkste schöpferische Kraft liegt, mttfj doch wohl zugunsten der neueren Tendenzen beant­wortet werden. Zugunsten einer Kunst, die die schneidende Kälte froststarrender Fluren oder Mauern, die das grimme Frieren der Kreatur, einschließlich des Menschen, unter Ver­zicht auf äußere Attribute auszudrücken weiß. And zwar so auszudrücken, daß jeder einigermaßen Einfühlungsfähige und -willige davon erfaßt wird. Das aber ist in größerem Mähe eben doch erst in unseren Jahrzehnten möglich geworden.

Diese Ausführungen mit der Aufzählung von Ramen zu belasten, war unnötig. Ihre Absicht war ja nur, ein gewisses System in die außerordentlich große Zahl von Winterbildern zu bringen. Die Einordnung des Materials im Einzelnen kann durchaus dem Leser überlassen bleiben.

Der Schinderhannes.

Von Kurt Kersten.

Im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts brausen die Stürme' der Revolutionskriege über die Rheinlande dahin, die Heere ziehen Hin und her. Schlachten werden geschlagen, die alten Staatsformen zertrümnrert, die Franzosen besetzen die rheinischen Städte und richten Verwaltungen ein, der Adel wird davongejagt, der Klerus vieler Privilegien beraubt, auf dem Lande herrscht bald Anarchie, die Deserteure ziehen räubernd durchs Land, die wirtschaftliche Krise wirst viele Existenzen auf die Straße, es gibt keine Ruhe, die Provinzen am Rhein werden ein Festungsglacis, hinüber, herüber brausen die Stürme.

In diesen Jahren des Versalles und des Werdens, des Ver­gehens und Entstehens zieht ein verwegener Bursch' mit einer Dotte von Gesellen, die nichts mehr zu verlieren haben, plündernd, sengend, brennend, mordend durch die Lande; jahrelang wächst diese Herrschaft der Räuberbande des schon zu Lebzeiten legenden­haftenSchinderhannes", dessen Rame uns bis auf den heutigen Tag vor den Ohren klingt wir wissen sonst kaum noch etwas von ihm, man wittert den Geruch von Blut und Brand, mehr dürften die meisten wohl kaum wissen.

Dieser Mensch hat eine lange Reihe von Jahren das flache Land am Mittel- und Riederrhein faktisch beherrscht, er wurde bewundert, gefürchtet, gehaßt und beneidet, er war der Schrecken der Kinder und Großen; zugleich umgab ihn ein geheimnisvoller romantischer Schimmer wenn man ihn nicht vermutete, war er da. Wie das Schicksal pochte er an hie Türen der Leichtsertign und Hoffärtigen, die ihn verhöhnten und verlachten. Das Spiel ging immer auf Leben und Tod, es gibt dramatische Höhepunkte darin, dann kommt die Wendung, der Abstieg, das Ende aus den, Schafott.

Der Schinderhannes hat einmal wegwerfend vom General Bonaparte gesprochen wo in aller Welt hat er mehr Gründe sich zum Herrn aufzuwerfen, als ich! Es steckt viel Anarchismus in der Vorstellung des Bandenführers, der mit seinen Lumpen- Proleten, seiner Hartisanenkolonne durch die Lande zog. Sein Fehler war, daß er sich keinen Zweck setzte. Hatte die große Um­wälzung es verstanden, Elemente, die infolge ökonomischer Krisen aus der Gesellschaft ausgestoßen waren, wieder einzugliedern, würde man vielleicht einen solchen Partisanenhäuptling aufge­fordert haben, sich den Revolutionsheeren anzuschließen, für einen neuen Staat zu arbeiten, zu kämpfen.

Der Schinderhannes hieß eigentlich Johannes Buchler, sein Vater war Abdecker, er sollte dasselbe werden, dann kam ein

Zwischenfall; ein dummer Streich, eine harte Strafe: öffentliche Auspeitschung auf dem Markte eines kleines rheinischen Städt­chens wegen einer Lappalie 'raus aus der Lehre ge­kränkter Ehrgeiz, verlorene Stellung schwer, wieder unter* zukommen, Wirtschaftskrisen, Kriege, Amwälzungen so vaga­bundiert er eine Weile, wundert man sich, daß er eines Tages ungewollt in eine Totschlagsaffäre verwickelt wird, und es nun bald kein Halten mehr gibt, daß der Weg abwärts geht und der junge unverwüstliche Landstreicher nun ein fabelhaftes Organi­sationstalent entwickelt, zunächst nicht planmäßig, aber getrieben von Fall zu Fall, räubemrd durch die Lande zieht, Geschick zeigt, auf Menschen eine seltene Anziehungskraft ausübt, sich geben kann, wie er ist, vom Glück begünstigt wird?! Man hat seinen Schicksale, Streiche und Fahrten jetzt wieder aufgeschrieben, und liest sie voller Teilnahme:Schinderhannes der rheinische Rebell" von Eurt Ehrenspoek heißt das Buch, das dieses Opfers einer Gesellschaftsordnung gedenkt. Es freut einen, daß man eine Stunde einem solchen LüderliH und starken Kerl widmen staun, den zu seinen Lebzeiten alle Welt gefürchtet und gehaßt hat. Es freut einem, wenn man liest, daß sich dieser Mensch sehr wohl seine Leute aussuchte, die er aus plünderte: da sind es Händler, Beamte, feine Herren, denen er einer Schabernack spielte. Er selbst hat nie seine Opfer brutalisiert, geschweige, daß er über­legt getötet hätte. Er war kein Mörder, er glaubte ein Rächer zu sein, seine Leute allerdings hatte er meist nicht in der Gewalt; als er auftrat, waren etwa 15 Jahre verstrichen, feit Schiller seineRäuber" geschrieben hatte. Von ihnen hatte der Hannes kaum etwas gehört, geschweige, daß er sie gelesen hätte, so wußte er nichts von Spiegelberg und Ratzmann. Aber macht es nicht doch stutzig, daß wir hier einen Karl Moor vor uns sehen, allerdings ohne den pathetischen Schwung? Ist es nicht charak­teristisch. daß also dock) solche Stücke, tote alle Werke, den Dichtern nicht aus der Luft zufliegen, sondern in der Luft drin sind? And daß es da Zusammenhänge gibt, und wir überhaupt in einer Epoche der radikalen Ausklärung sind, und der Ausklang des Rokoko erfüllt ist vom Juchhu der Räuber und vom Greinen der Ausgeraubten.

Der Harmes konnte sich endlich aus einer Feste einnisten, da sah er lange, und niemand tat ihm etwas. And oft hat man sich gefreut, weil er alle seine Streiche stets mit Laune ausführte und einem jeden gewissermaßen einen eigenen Zug gab. O, er war ein guter Fabulist und Eharakteristiker und hielt wohl auch nicht viel von den Menschen und hatte seinen Spaß mit ihnen.

Aber dann kommt das Ende. Denn zuletzt wollte ihm nichts mehr gelingen, die Fehlschläge häuften sich, er wurde unsicher, hatte Mißerfolge, so nahm er im Grunde etwas den Ausgang Bonapartes weg, auf den er eifersüchtig war. Da wollte er wieder bürgerlich werden, ein kleiner Spießer sein, und machte sich mit WÄb und Kind in einen entfernten Landesteil auf den Weg, aber unterwegs haben ifyn die Häscher geschnappt, man hat ihm den Prozeß gemacht, was half nun der Vorsatz. waS half nun der Gang nach Damaskus? In Mainz wurde er geköpft. Es war int Jahre 1803, im 11. Jahre der einen, unteil­baren Republik es war auch ihr letztes Jahr. Seine Liebste, die sehr tapfer mit ihm ausgehalten hatte, heiratete später brav und bieder, wurde ein frommes Eheweib und schied hin in Frieden. And im Volkslied ist von einem treuen Hunde die Rede:

Bon einem armen Hund, Den einst im Regengüsse Der Schinderhannes sund. Er hat ihn aufgezogen And gab ihm guten Fraß, Dis er hinein geflogen And in dem Kittchen saß. Als man des Sünders Rest.' Run in die Erde grub, Da kam der Hund, der feste Er an zu heulen Hub. Drauf legt er sich dort nieder, Rahm weder Fleisch noch Brot, Erhob sich auch nicht wieder And weinte sich zu Tod.

Draus lerne, wer's begreifen kann: Ein Hund ist besser als ein Mann!

Das häßlichste Mädchen.

Aovelle nach einer amerikanischen Idee.

Von Friedrich A. Whneken.

Immer hineinspaziert, meine Herrschaften! Hier sehen Sie das häßlichste Mädchen der Welt!" deklamierte der Ausrufer des Globus-Museums von ein Ahr nachmittags bis elf Ahr abends. Der Klavierspieler begleitete ihn mit abgedroschenen Tanzstücken und Märschen.

Tatsächlich war Surrte Small das häßlichste Weib der Welt. Aber obwohl sie eine Warze am Kinn und eine solche auf der Stirn, eine Breite Knollennase, einen Aiesenmund mit vor­stehender Anterlippe, kleine schielende Schweinsaugen, farbloses struppiges Haar, unförmig große Hände und Füße und eine Figur besah, die nicht an die Venus von Milo erinnerte, blühte die Schönheit in ihrer Seele mit aller Pracht einer Frühlings-