Gietzener zamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (926
Samstag, -en 50. Januar
Nummer 9
Sinngedichte Friedrich von Lognus.
(1605-1655)
Aus „Deutscher Jahrweiser 1926 mit Sprüchen von Friedrich v. Logau", Vertag von Wilh. Gerstung, Offenbach a, M.
Ein Mühlstein und ein Menscheicherz wird stets herurngetrieben! Wo beides nichts zu reiben hat, wird beides selbst zerrieben.
Ein Trojanisch Pferd scheinet unser Friede sein: Stecket voller ®Ä>H, reistet viel Verfassung ein.
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Wer einen 2lal beim Schwänze und Weiber faßt bei Worten, Wie feste der gleich hält, hält nichts an beiden Orten.
Unsrer Herzen hartes Feld soll sich öffnen zu der Frucht, Die der Höchste von uns heischt und der Nächste bei uns sucht.
Ob seinen Glauben gleich ein jeder schützt und preiset, Hat doch den besten, wer am besten sich beweiset.
Guter Wein verderbt den Deutel, böser schadet sehr dem Magen: Vesser aber ist, den Beutel als den guten Magen plagen.
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Wer gar zu bieder ist, bleibt zwar ein redlich Mann, Bleibt aber, wo er ist, kommt selten höher an.
Wenn dieses Freiheit ist, frei tun nach aller Lust, So sind ein freies Volk die Sau in ihrem Wust.
I>n Gefahr und großer Not bringt der Mittelweg den Tod. <
Wenn so oft an Gott man dächte, als man an die Steuer denkt. Wär' uns, glaub' ich längst zurecht« Fried' und Ruh' von Gott
* geschenkt.
Ärieg hat den Harnisch weggelegt, der Friede zieht ihn an: Wir wissen, was der Krieg verübt, wer weiß, was Friede kcnm?
Anders sein und anders scheinen: anders reden, anders meinen: Alles loben, alles tragen: allen heucheln, stets behagen: Allem Winde Segel geben: Dösen, Guten dienstbar leben: Alles Tun und alles Dichten bloß auf eignen Nutzen richten: Wer sich dessen will befleißen, kann politisch heuer heißen.
(Ein neuaufgefundener Brief Goethes von der zweiten Schweizerreise.
Mitgeteilt von Dr. Fritz Adolf Hünich
„Haben- Sie viel Danck theuerster HE. Collega für Ähren angenehmen Brief, ich erhielt ihn schon als wir das erstemal in Bern ankamon. Seit der Zeit haben wir den Weeg durch die Eisgebürge des Cantons und was dran hängt gemacht, wir haben den Staubbach, die Glatscher im Lsuterbrunn und Grindel» Wald, den Fall des Reichenbachs, Mehringen, das Thal nach der Grimsel bis Guthdan-ne-n, den Bregenzer und Thuner Dee pp bey dem schönsten Wetter mit allem Glück und Zufriedenheit gesehen, und die Schönheit und Herrlichkeit dieser Gegenstände geht über alle Gedancken und Worte. Der Herzog ist sehr vergnügt daß es so auserordentlich geglückt hat. Leben Sie wohl behasten Sie mich lieb, grüs-en Sie gute Freunde, und bleiben von meiner Treue überzeugt.
NB ich kan Sie versichern daß ich beh schönen Gegenständen offt an Sie gedacht habe.
Eben erhalt ich auch Ihr zweites nubiloses Schreiben, weder in materia noch forma ist ienes Betragen gut und hübsch. Halten Sie Sich wack r, und lassen Sie bald wieder von Sich hören. Bern d. 16. Oktbr. 1779.
Wir schwäzzen hier den ganzen Tag mit den Bernern von ihrer Regimentsform. Der Herzog fragt brav aus und ist auf alles aufmercksam. Wir sehen auch was zu sehen ist. G."
Gibt es überhaupt noch Briefe Goethes, die nicht von der Forschung aufgespürt sind? So werden die Goethe-Kenner ost ««fragt. Der vorstehende Brief ist die Antwort darauf. Freilich
ist ein sicher Fund eine Seltenheit, und eine um so größere alä es sich um ein Dokument aus den ersten Weimarer Jahren bandelt. Der Brief befindet sich jetzt in der Sammlung Klppenberg in Leipzig und wird von Max Hecker ™ An weben erschienenen fünften Baud von deren „Jahr» buch (Insel-Verlag) mit einem Kommentar veröffentlicht, dem wir die folgenden Angaben entnehmen.
... Der ohne Bezeichnung des Empfängers überlieferte Brief Goethes Kollegen im Geheimen Conseil den Geheimen
® a 11 Friedrich Schnallst gerichtet. Am 12. September 1779 hatten Carl August und Goethe die Schweizer Rerfe angetreten. „Von Basel her über den Bieler See und Murtener See kommend," so lesen wir in Heckers Erläuterungen „trafen die Reisenden am 7. Oktober zum ersten Male in Bern em: hier erreichte sie der erste Brief von Schnaust. Am 8. Oktober begmm die Fahrt durch die „Eisgebürge "des Kantons: am 15. Oktober mittags war man wieder in Bern. Daß sich 6er Re'.smldsn Hauptaugenmerk auf die Berner Regimentsform richtete, begreift sich: es war eine rein oligarchische Verfassung. Eben vor einem Menschenalter, im Geburtsjahre Goethes, hatte Samuel Henzi (wir kennen ihn, wenn nicht aus der Lokalgeschichte der Stadt, so doch aus Lessings Dramenfragment) sie zu reformieren gesucht: er hatte sein ilnternehmen mit dem Tode sühnen müssen. .Und eine Einrichtung war dabei vor allen andern besonderer Beachtung wert: der „Arußere Stand", eine Bereini- gur^ der jüngeren Patrizier, die halb im Spiel, halb im Ernst, halb als Zeitvertreib, halb als Vorübung auf spätere Wirksamkeit im eigenen Haus« seit Jahrhunderten eine staatlich anerkannt« Nachahmung der wirklichen Republik mit allen ihren Aemtern und Geschäften aufgerichtet hatte,-, von dem Sohne Karl Ferdinand des Stadtschultheißen Friedrich v. Sinner eingeführt, haben die Reifenden am 16. Oktober einer Sitzung dieses „Aeußeren Standes" beigewohnt. Was es nun aber mit Schwu-- ßens zweitem Briefe, dem „nubilofen Schreiben" auf sich haben mag, weiß ich nicht zu sagen: als Goethe, bevor er die dritte Schweizerreise antrat, alle seine Briefschaften verbrannte, wird das Feuer auch dieses „rmbilofe Schreiben" verzehrt haben, und mrs andern Quellen war keine Deutung zu gewinne? "
Der Winter im Bttd.
Von Walther Appelt -Plauen.
Man hat -den Winter einen Schwarz-Weih-Künstler genannt. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, daß diese Definition nur heuen genügen kann, die entweder keinen Sina oder nicht einmal ein Auge für die Natur haben. Denen also, die zu b-quem, vielleicht auch zu schwerfällig sind, eine Landschaft wahrhaft in sich aufzunehmen, — wenn sie es nicht überhaupt vorziehen, selbst an freien Tagen oder Nachmittagen Hinterm Ofen hocken zu bleiben. Für die mag der Winter freilich der Schwarz-Weiß- Künstler sein, der er für uns andere nur in vereinzelten Fällen gewisser Witterungslagen ist. Sie wissen, daß die Natur ihr grünes, blumenbuntes Sommerkleid abgelegt und daß der Winter ordnungsgemäß eine weiße Decke über Aecker und Fluren zu breiten hat.
Von so oberflächlicher Einstellung wollen die andern, die offenen Auges und wachen Sinnes durch die Natur gehen, nichts wissen. Ihnen ist das Weiß des Schnees nicht nur wissenschaftlich-theoretisch die Summe aller Farben, sondern sie erleben auch immer wieder die wunderbar reiche Farbigkeit, die eine — nur scheinbar eintönige und tote — Winterlandschaft ausstrahlt. Fragt sie einmal, „wie Schnee aussieht"! Sie werden euch alle Farben des Regenbogens nennen, der eine die, der andere jene, wie sie jeder Lichtstrahl — nicht nur der Sonne, sondern auch des Mondes — im Kristall des einzelnen Schneesterns aufgleihen läßt. Weiß aber, rein und vorbehaltlos, uneingeschränkt weiß wird den Schnee keiner finden. Das bestätigen auch immer wieder die Bilder, die den Winter als landschaftbestimmenden Faktor darzustellen versuchen. Nicht nur daß ein Künstler den Schnee vorwiegend blau, ein anderer gelb, ein dritter geradezu bunt wiedergibt, — auch in Werken des gleichen Malers finden wir oft Abweichungen, die nicht nur oder gar nicht durch DeleuchtungSverschiedenh eiten zu erklären sind. Daß die meisten Betrachter das gar nicht verwunderlich, nicht einmal der Mühe wert finden, sonderlich darüber nachzu- denken, beweist vollauf, daß der Grund der Erschein.n v t Wegs Willkür der Künstler sein kann. @3 beweist aber auch, daß die „individuelle Freiheit im künstlerischen Schaffen" mehr


