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Die Schönfeldstraße ist voll von Menschen: kleine Handwerksleute, Dienstboten, Bauern — bis zur Ludwig« und Königinstraße steht Kops an Kopf. Aber Geldsäcke sieht man keine mehr. Die Leute haben ihre Wechsel da.
Seit ein paar Tagen geht's durch die Stadt: Die Dachauerbank wackelt. — Die Spitzederin könne nicht mehr einlösen.
Man glmibt's nicht! Bösartige Menschen verbreiten solche Verleumdungen. — Freimaurer! So was gibt's net bei der Spitzederin. Aber vorsichtshalber — man kann es ja nicht wissen — will man doch seinen Wechsel einlösen lassen. — Sicher is sicher! Woar scho' recht, wo mir unser ganz' Geld dort Ham! Raa, mei Liaber!
Man erzählt sich von Briefen, die die Adele Spitzeder in den letzten Tagen gekriegt hat. In einem steht: „Mut, Fräulein Spitzeder, zehntausend Bauern kommen mit Sicheln und lassen Ihnen nichts tun!" — Freilich, allweil die g'scheidcn Herrn vom Ministerium! Soll'n die Großkopfet'n einmal dem armen Volk acht Prozent im Monat geb'n!
An Neid Ham s' halt auf d' Spitzederin. Aber i' bin do froh, wenn i' mei' Geld wieder hab! Nix G'wiß woaß ma net!
Einer erzählt von einem andern Brief. Er weiß es vom Kammerdiener Nebel. Der hat ihn selber liegen sehen: „So, Kanaille, jetzt geht's mit dir zu Ende!" steht da drin--
Wenn ma' nur's Geld wiederkriagt! — Mit dem Schlag sechs tut sich das Tor auf und die drei Hausmeister stemmen sich gegen die Eindringenden. Sie drücken fast die Türen zum Zahlraum ein. — Die Zahlmeister stehen bereit. — Da steht im scharlachroten Schlafrock mit dem goldenen Kreuz auf der Brust Adele Spitzeder oben und schreit schrill herunter: „Bande! Wollt ihr parieren! Ihr kriegt euer Geld. Aber wenn ihr nicht anständig seid, schmeiß ich euch hinaus!" — Wie unter einem Peitschenschlag ducken sich die Köpfe. Es wird still. Einer nach dem andern verschwindet int Zahlraum.
Draußen auf der Straße dicht vor dem Haus streifen zwei „Heimliche" auf und ab, lassen das Tor nicht aus dem Aug. Es sind die Polizei-Kommissäre Walch und Niederreiter. — Man kennt sie. Feindselige Augen begegnen ihnen. — Schaugts, daß weiter kemmts! — Man munkelt von Sperrung der Bank. Dös ging noch ab! Wo man um sein Geld ansteht, einem das Türl vor der Nas'n zuhau'n! — Der Braugehilf Jaklmoser Hütt' gute Lust: „Guate Lust hätt' i’ und hauat dö zwoa a' so umanand, daß cahna' as Sperr'» vogeht!" —
Bon der Hofratswohnung aus schauen schon um 8 Uhr früh die Frau Hofrat und die Mali unentwegt auf die Straße hinunter. Die Frau Hokrat zerrt nervös an den Bändern ihrer Morgenhaube und staubt zwischenhinein, immer wieder, schon zum zwanzigstenmal, die Kommod' ab.
„Was meinen S, Mali...?!" Die Mali beruhigt .„Do gibt's gar nix, Frau Hofrat. D' Spitzederin is sicher. Erscht vorige Woch' hat's wieder z' Bachern a Monstranz g'stift. — Dös tuat koa Schwindlerin! — Aber wenn S' moana: i' ko' mi’ ja mit unserne Wechsel ostelln —!" „Ja, Mali — ab.er erst, wenn der Hofrat fort ist — Mein Gott!
Der Hofrat kommt herein. Reibt behaglich die Hände, steht em paar Minuten durchs Fenster und setzt sich dann an den Frühstückstisch: „Sodala! I' sag's ja! Der Krug geht so lang zum Brunnen, bis er bricht! Jetzt is ihr Stünderl kommen, der Gaunerin da drüben! Heut lvird dö Schwindelbank g'sperrt. Beschlossene Sache!"---
Die Mali läßt die Milchkanne fallen. — „Was haut S' denn, Mali?" Der Hofrat blickt erstaunt auf. — Seine Frau schluchzt, die Köchin heult über den Scherben . . . „No," sagt er begütigend, „z'wega an Milchkanndl brauchts doch koa solche Mett'n! — Dös kann a'tnal passiern! Geb'n Sie halt 's nächstemal besser acht, Mali!"
Komisch sind diese Frauenzimmer, denkt der Hofrat auf dem Weg zum Bureau. — Jetzt heul'» s' alle zwoa no, wega an Milchhaferl!
Der Friseur Speyer kommt aus dem Svitzederhaus. Ihm ist jetzt leichter. Er hat seine Depots abgeliefert. Anderthalb Millionen Gulden! — in lauter 50000 er Packln! — Obligationen und Banknoten. — Den 12. November 1872 merkt er sich. — Wenn matt allweil mit einem Fuß im Kriminal steht.
Bormittags kommen Kutschen angefahren. Herren mit bieten Mappen steigen aus. — Der eine ist der Advokat Berghofer. — Man weiß von ihm, daß er in den letzten Wochen eine Menge Spitzeder- wechse: zusammengekauft hat. — Lang bleiben sie droben! — Stundenlang. — Von der Straße herauf schreit das Volk — verzweifelnd, hoffend — Hoch Spitzeder! Hoch! — Drinnen im Zahlraum klappert das Silber. — Wenn man nur schon drin wär! —
Die Advokaten kommen aus dem Haus. Ernst — schweigsam. Da von der Lndwigstraße her — rumplum — rumplum — Trommelschlag und Marschschritt. Ein Zug Soldaten biegt ein, Gewehr geschultert. Kommandos! Die Schönseldstraße wird geräumt. Die Mali, die ganz hinten steht, wehrt sich verzweifelt. — „Aber i’ möcht ja mei' Geld. Mei Geld! Fünfhundert Gulden und der Frau Hofrat das ihre! — G'rad mi' lass'n S' no vor! G'rad mi' . . . ." bettelt sie den Offizier an.
Dieser zuckt die Schultern! — Ein Gendarm drängt sie zurück. Sie kennt ihn, es ist der Herr Breitwieser. — „Geh, Herr Breitwieser, i’ bitt' Eahna, lass'n S' mi vüri! "
Es hilft nichts. Der Breitwieser sagt ernst und wichtig: „Die Bank ist polizeilich gesperrt, Fräul'n Mali!"
Adele Spitzeder rafft oben in der Wohnung verzweifelt Kostbar ketten an sich: Perlen, Steine, Geldrollen, Wertpapiere, stopft sie in einen Sack, reißt alles wieder heraus, versteckt es in Kästen und Schublade», von dort unter Betten nnb Sofas. — Da! Nimm! Sie reicht ihrer Freundin Rosa fiebrig Pakete mit Obligationen. Nimm! Nimm I
Rosa bindet die Pakete mit zitternden Händen dem Stubenmädchen imter die Röcke — birgt sie in ihrem Kleid —. Die Köchin bekommt einen Teil davon ---nur fort damit! Fort!!---
Der Portier kommt ins Schlafzimmer uns meldet 7 Herren: Die Gerichtskommission. Zwei Richter, der Polizeiassessor, der Gerichtsvollzieher, der Handelssachverständige, der Protokollführer und ein Wachmann. Schwarz und schweigend stehen sie im Salon. Der Bezirksgerichtsrat stellt sich und die anderen Herren vor. Er eröffnet Adele Spitzeder, daß der Advokat Berghofer bei Gericht den Gant- antrag gestellt hat.
Der Richter ersucht um die Bücher. Sie werden heraufgebracht. Der Sachverständige prüft — schüttelt ein- übers anderemal den Kopf und klappt sie bann resignierend zu.
„Fräulein Spitzeder, das sind keine Handelsbücher!"
„Ich habe auch nie welche geführt", sagt Adele Spitzeder stolz und von oben herab. „Dann ersuche ich Sie, uns alles, was Sie an Vermögen und Vermögenswert besitzen, hier anzugeben und aus- zuhändigen. — Fräulein Spitzeder, Sie sind verhaftet und hiermit Zivilgefangene."
Das bleiche Gesicht der Spitzederin ivirb um einen Schatten fahler, sie wankt, stützt sich am Tischrand — faßt sich und sagt pathetisch: „Gut demt! Es sei!"
Man folgt ihr ins Schlafzimmer. Der Kammerdiener Nebel reicht Pack um Pack mit Banknoten und Obligationen aus dem Geldschrank. Die Schatulle mit den Brillanten wird geöffnet, Möbel und Bilder vom Gerichtsvollzieher versiegelt. Anderthalb Millionen Besitz stehen zehn Millionen Schulden gegenüber.
Die Kommission entfernt sich. Zurück bleiben zur Bewachung in der Wohnung zwei Polizeioffizianten. Das Haus ist von Gendarmen besetzt.
Adele Spitzeder zieht sich ins Schlafzimmer zurück. Ihre Freundin Rosa hilft sie entkleiden. „Hast du . fragt Adele hastig. Rosa nickt. — Hunderttausend Gulden sind aus dem Hans. Gott sei Dank! Man kann ja sagen: ein Geschenk für Rosa. „Richt wahr, Rosa, ich habe dir das Geld geschenkt!"
Abele Spitzeder sinkt aufs Bett. Schlafen! Nur schlafen! Aber sie kann es nicht. Die Unruhe verläßt ihren Kopf nicht. — Tausend Pläne, Plättchen, Listen gehen ihr durchs Gehirn — wie kamt sie aus der Schlinge schlüpfen ...
Wenn sie nur heute noch frei bleibt. Noch wäre im Dunkel der Nacht manches zu retten. Auch die beiden Offizianten werden nicht immer mit Argusaugen...
Auf der Straße unten hallt der Tritt der Wachen. Rings um die Schönfeldstraße fluten Menschen, Tausende — auf und ab. Flüche, Verwünschungen, wüste Schimpfworte, Weine», Schreie» —- — die Polizei wird verflucht! Sie ist an allem schuld! Die Spitzederin hätte schon gezahlt!
Gegen Mitternacht klopft der Gerichtsvollzieher an die Tür. Er fordert Adele Spitzeder auf, sich bereit zu halten.
Sie läßt sich ein schwarzes Tratterkleid anziehen nnb tritt heraus- Hager, übernächtig — mit flackernden Augen. Ihre Gesellschafterin stützt sie, trägt den Lieblingshund unterm Arm. Adele Spitzeder verlangt noch ein Kistchen Zigarren zum Mitnehmen. Sie kann ohne Zigarren nicht sein.
Zwei Polizeioffizianten geleiten die beiden zttm Wagen unten. Der Gerichtsvollzieher und der Kommissär Walch setzen sich den beiden Frauen gegenüber. — Vor dem Wagen marschiert eine Gruppe Soldaten.
So gehts ins Gefängnis an der Badstraße. — Adelens Kopf lehnt an der Schulter ihrer Begleiterin.
Bis zum Ende war sie — scharf schneidend in ihrer Rede — mit Haltung allem begegnet, was kam — jetzt bricht der Damm und Schluchzen über Schluchzen durchschüttert sie. — Wie ihr graut — wie ihr graut vor den Manern! Sie sieht sie vor sich, hoch mit vergitterten Fenstern — sie wird allein sein — allein — jahrelang. — Und sie wimmert wie ein Kind vor sich hin: „Mutter, hilf mir doch .
Die Straßen sind menschenleer. Die Leute haben sich um die Mitternacht verlaufen. — Vom Franziskaner kommen noch zwei späte Hockenbleiber, bettschwer vom Fall Spitzeder, der eine Maß mehr als sonst erfordert hat. Sie sehen den seltsamen Aufzug. — Der eine steckt vier Finger in den Mund und pfeift--durchdringend,
gellend. —
„Was pfeifst denn, du Rindviech", sagt der andere. „Hast du — net grad no' d' Spitzederin über'u Schellnkini g'lobt?" — „Gehzna — vorhin! — Siehgst net, daß d' Schandarm g'holt Ham — dös Lnader, dös . .! Hup — aber a so gehts alle, de wo gor z' hoch fließ n . . . hup--. lieb' immer Treu und Redlichkeit — hup — Niedermoar —
so hast scho' als Bua g'lernt — hup--i' hab' mei Gerschil gestern
no' g'holt bei ihr, i’ hab dös mei . . . hup--“
Und der Wagen rollt weiter durch die Novembernacht, und die Frauentürme heben sich als mächtig schwarze Schatten tu den Himmel und hundert Meter hoch stehen ihre Kuppel» rund und gleichmäßig über dieser Stadt des Lebens und der Torheit.
Hchriftleitung: vr. Friedr. Wilh. Lange — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Stembruckerei. R. Lange, Gießen.


