Ausgabe 
29.6.1926
 
Einzelbild herunterladen

207

die ihr die Mali neulich gebracht hat. Und den Wechsel über 1620 Gul­den will sie vorsichtshalber Hinterm Nachtkastenschubladl verstecken. Heilige Mutter Anna! Wenn ihr Mann dahinter käme!

*

Ganz Südbayern hat das Spitzederfieber gepackt. Vom Jsarwinkel, aus dem Werdenfelserland, vom Inn, vom Schwäbischen her kommen die Leut zugereist. Sie kratzen den letzten Heller zusammen, künden dem Nachbarn das geliehene Geld, richten den Bruder zugrund um 100 Gulden willen, die er auf dem Haus stehen hat, alles zur Spitz- ederin! Die Schmuser, die sonst einen Ochsen, eine Sau, ein Kalbe! verhandelten oder eine Heirat zusammenschmusten, wußten sich was besseres:7 Prozent für jede Vermittlung! Bauern, gebts mir euer Geld! I' brings auf Minka in d' Dachauer Bank! Do is ausg'homm! A' so a' rechtschaffas Leut, wia d' Spitzederin is ninderscht mehr Hot sie it a' Kirchafenster z' Webham g'stift und Altardecka z' Polling und a Kirchadach in Umbach und dös goldane Kreuz, Bäurin, wo sie tragt! An Schua hoch is i lüag net! Vom Papst g'weicht!"

In der Stadt aber gehen kleine Unterhändler von Wirtschaft zu Wirtschaft und teilen Zettel mit Lobhymnen auf die Menschheits­wohltäterin aus, auf den Volksengel Adele. Auf allen Bierbänken, in allen kleinen Winkelkneipen ist ihr Name in der Leute Mund. Beim Ebrlbräu heißt sie einer in seinem Rausch eine Schwindlerin in denNeuesten Nachrichten" stünd's auch drin, da könnt man lesen, was für eine die sei aber der kam schön an. Der Bader hatte % Stunden an seinem Kopf zu flicken und zu verbinden, und den Neuesten" will man die Fenster einwerfen, diesemFreimaurer- und Judenblatt", das gegen eine solche Wohltäterin hetzt, wo monatlich acht Prozent gibt.

Da les nur die neue Zeitung, wo jetzt rauskummt: Das Tagblatt! Der Doktor Dickle, der reibt's denNeuesten" hin! Der sagt's dem Vocchioni!

Was, du Rindviech! De Zeitung, dös Tagblattl, g'hörat der Spitzederin?! Sie hätt' as Geld dazua hergeb'n! Geh, laß di' hoam- geig'n! Da steht's schwarz auf weiß int Tagblattl: Ein Engel der Menschheit. Eine der edelsten Frauen der Weltgeschichte . . . Jrzta!! Du Depp, du damischer! Moanst, i' gib meine tausad Guld'n ara Schwindlerin!?"

Am Chinesischen Turm unten spielt die Musi. Ein ganz neues Stückl:Adelenklänge". Der Kapellmeister hat's komponiert. Sein Kollege von der andern Kapelle hat keine Ruh mehr; er muß einen Adelen-Walzer" machen.- Bald werden ihn die Werkel auf den Höfen spielen.

*

Bei Adele Spitzeder wohnt jetzt eine Gesellschafterin, d' Fräul'n Rosa, eine Schauspielerin. Aber sie hat sich von der Bühne zurück­gezogen, denn die Münchner waren zu wenig begeistert, als sie am Aktientheater alsAnnalise" auftrat. Die Münchner sind Hornochsen! Büffel! Die Kunst ist zu schad für sie. Und dann der Neid der Kollegen, wenn Fräulein Rosa mit der Spitzederschen Equipage am Theater vorfuhr. Zu ekelhaft! Adele Spitzeder will nicht, daß das Mädchen ihretwegen ins Gerede kommt. Sie will für sie sorgen. Sie nimmt sie ganz zu sich. Sie sind ein Herz und eine Seele. Zärtlich ist Adele um ihre Freundin besorgt. Sie speisen immer allein zusammen in dem großen, kostbar eingerichtetenPrivatzimmer" Adelens.

Die Dienerschaft grinst hinter den beiden her.Raa," sagt bie Köchinmir gangst! Grausen kunnt oan vor der ewigen Abbußlerei von de zwoa!"

Alles in Adelens Gemächern ist kostbar, prunkvoll: Mahagoni Seide. Die Wände über unb über bedeckt mit Oelbildern in schweren Rahmen, mit Lorbeerkränzen, Huldigungsgedichten. Dazwischen Heiligenstatuen, religiöse Bilder, Wandsprüche.

Das Geld strömt. In allen Schubladen und Kästen klinngt das Hartgeld, liegen Stöße von Wertpapieren.

Die Friseurleute Speyer holen jeden Abend Obligationen, Bank­noten und Gold ab, um es als Depot in einem festen Eisenschrank bei sich zu verwahren. Speyer verkauft, wenn's nötig ist, die Wert­papiere, ist Adelens rechte Hand in Papiergeldangelegenheiten, bei Speyer ist alles aufgehoben.

Das Silber aber bleibt bei Adele. Das braucht man zur Aus­zahlung. Das klingt und klappert durchs ganze Haus. Unter 25000 Gulden täglich geht nie ein. Manchmal werden's 100000.

Und peinlich ist Adele Spitzeder auch nicht mit ihren Gulden. In den Taschen der Dienerschaft klimpert es. Nicht nur von Trink­geldern. Wer Lust hat und ein nicht allzu enges Gewissen, der nimmt sich was von dem, was so herumliegt was liegt der Madam Spitzeder dran! Die weiß doch nicht, wieviel sie hat. Ob 500 Flaschen Rhein­wein und Champagner im Keller sind oder 400 wer kann es sagen? Wenn er zu Ende ist, wird eben neu bestellt.Gevatterin, nimm ein paar Flaschen mit!"

Traum aller Dienstmäd! und Hausknechte Münchens: Zur Spitz­ederin zu kommen!

Denn da geht's hoch her, wenn sie Gäste hat. Da wird gesungen und musiziert und gefressen unb gesoffen vom Besten, daß sich der Tisch biegt. Schauspieler, Agenten, Winkeladvokaten, dienstwillige Reporter, dunkle Aristokraten, verkrachte Kavaliere sie saufen die kostbaren Weine wie Wasser, qualmen mit den Damen des Hauses Importen, erzählen Geschichten Geschichten l! Und in den Morgen­

stunden, wenn imten schon wieder die Plebs ans Tor drängt, sinkt einer um den andern unter den Tisch, schläft auf dem Teppich ein und wird von den Dienern aus dem Salon geschleift.

Räum' die Schweine weg!" sagt Adele. Und tags darauf oder bald nachher kommen sie: jeder mit einem Anliegen: 50 Gulden, 100 Gulden, 5 Gulden, was die kleineren Schmarotzer sind, die ehe­maligen Agentchen, Schreiber, Versemacher. Hier! Hier! Adele gibt. Es kommt ihr nicht darauf an. Ueberschwenglicher Dank!

Händeküssen, Kleidküssen!

Bei keinem König geht's so aus und ein wie bei ihr.

In Giesing, beim Weinbauern, geben der Adele Spitzeder ihre Einleger ein Fest. Sie haben sich zusammengetan, die Wohltäterin zu ehren. Auch das kleine Volk will teil an ihr haben. Adele begibt sich mit lleinem Hofstaat hin. Schon am Tor erwarten sie festlich gekleidete Menschen mit Musik und Blumen. Der Kramer Josef Kollinger hält eine Rede:Indem, daß Fräulein Spitzeder so frei ist und unsere Mitte besucht," hochdeutsch hat er den Redegaul auf­gezäumt, aber er geht ihm durch: ,,i' sag's wia's is: A' solchem wia sie gibt's koa zwoate net!" Tusch. Drinnen in zwei Gastzimmern sitzen die Giesinger in feierlichen Bratenröcken, in krachendem Taftkleid. Der Stuhl für Adele ist mit Blumen bekränzt Hendln, Schweins­braten, Knödel, Guglhopf wird aufgetragen. Bierkrüge und Wein­gläser vereinigen sich zu vielmaligemHoch" aus Adele. Jeder drängt sich an ihren Platz, anzustoßen. Herzlichste Freude bis in die späte Nacht

Das Boll hat noch Herz und Begeisterung für seine Lieblinge.

Der Kramer Kollinger hat dazu noch einen Mordsrausch und wird von seiner Alten heimgeführt. Nnr die Anwesenheit Adele Spitzeders rettet ihn vor ehelichen Weiterungen.

So gegen 12 Uhr hat dann Adele Spitzeder, die Gefeierte, daS Fest bezahlt, als ihr der Wirt die Rechnung präsentiert.

Es geht nichts über eine sinnige Ehrung!

*

Und an einem strahlenden blauen Spätsommertag zeigt sich Adele auch dem Land. Vierspännig fährt sie in ihrer Kutsche neben ihrer Freundin Rosa aus der Stadt. Hinter ihr eine zweite Kutsche mit Gefolge. Die beiden Gefährte sind mit Kränzen und Blumensträußen überladen.

Böse Menschen, Neider, Feinde munkeln was vonAuseißen". Adele straft sie mit Verachtung.

DieStadtfraubas", eine kleine Zeitung, bringt einen vierspaltigen verehrun°Z.geschwellten Hymnus.

Nach Tegernsee geht die Fahrt. Durch die Dörfer Huldigungen der Einleger, dazwischen Spott und Schmähworte verkommener Sttbjekte, die kein Geld haben, um es anzulegen.

Im Gasthof zu Tegernsee ik>ird gesotten und gebraten, als gält's für eine Schwadron.

Champagnerkörbe werden hergeschleppt, die Pfropfen knallen- Wer an der Veranda vorbeikommt, ist eingeladen, mitzuhalten, Bauern, Jäger, Holzknechte, Handwerksburschen. Sie lassen sich nicht lumpen. So was gibt's nicht alle Tag'!

Bruader, dös is a' Leb'n!"Vivat hoch, Adele Spitzeder!" Nur immer 'reinspaziert!" schreit wie ein Anreißer auf der Oktober" wiese der Kutscher unter die Leut', die sich vor dem Wirtshaus sammeln. Heut hup heut is alles zech hup frei. Weil mir's hup ham! Weil's da is."

Einige murren. ,,A' Sünd und a' Schänd is a so Hausen!" Ein Bürgersmann hebt mahnend den Finger:Werd's es scho sehngk Dös nimmt koa guats End! Hochmut kommt vor dem Fall, hoaßt's!" Aber dann kann er auch nicht so sein und setzt sich an einen der Satten« tische, mittenhinein unter die lustigen Brüder und läßt sich einen Schampaniger geben.Wer woaß, wann ma' wieder zu io was kimmt!"

Als man abfahren will, fehlt der Kutscher. Sie finden ihn sanft entschlummert im Heuschober, in jeder Hand eine Weinflasche, und es braucht lang, bis er munter wird und die Pferde im Geschirr stehen. Er hat seinen Rössern auch ein bißl Schampaniger eingeflößt, zweng der Gaudi! Sie tänzeln munter vor dem Wagen.

Durch Abend und Nacht geht es wieder der Stadt zu. Der ehemalige Reiterkorporal und nunmehrige Bankbeamte Homolatsch sitzt auf dem Bock, um dem Kutscher kutschieren zu helfen.

Am andern Morgen sitzen im Hofgarten schon wieder die Leute an den Geldsäcken herum, wartend, daß sich das Tor austut.

Der Hausbursche, angeheitert noch vom Tag vorher, macht sich mit den Wartenden im Flur einen Spaß. Er schreit hinein: ,,D' Fräuln kann heut net unterschreib'n. Sie hat si' die Händ vobrennt! Wehklage über Wehklage, daß man das Geld nicht losbringt. Sie soll's a' so nemma! Mir brauch« koa Unterschrift!" Aber da erscheint sie auf der Treppe und weist lächelnd die gesunden Hände. Sie kann unterschreiben. Jubel über Jubel!

In der SpitzederschenVolksküche", an deren Wänden die Losung Aus dem Volk und für das Voll" prangt, gehen allerhand Gerüchte. Die Esser, die dort um ein Geringes von der Wohltäterin gespeist werden, raunen es einander zu. Es wird nix nkehr auszahlt! Trübe Novembertage! Eines Morgens ist die Volksküche gesperrt. Sie wirdgeweißt". Aber keine Maler sind da.