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da fragt der Unglücksmensch Alba ganz nalv, in Paradieses- unschulb:
„Sollt' ich
Durch meinen Eifer Eurer Majestät Zum zweitenmal mißfallen haben?"
Wahrhaftig, man hält es nicht für möglich! Nachdem er nut eisengeschientem Fuß das schmerzhafteste königliche Hühnerauge getroffen hat, fragt er auch noch besorgt und ein wenig erstaunt, ob es wehe getan hat. Wäre König Philipp nicht gerade so würdevoll, trüge er nicht immerfort, sichtbar und unsichtbar, das goldene Vlies, so müßte er bei dieser Frage des Herzogs aus der Haut fahren und ihm einen der Zoologie entlehnten Namen an den begriffstutzigen Kopf schleudern. Aber spanische Könige haben sicherlich solchen Gemütsausbrüchen niemals Raum gegeben, und darum bleibt der König nur würdevoll verschnupft und läßt Domingo kommen.
Doch nicht nur km Drama, auch in der Wirklichkeit sprach die Landpomeranze durch den Mund großer öder wenigstens prägnanter Persönlichkeiten. Ein 'Seitenstück zur Taktlosigkeit des Herzogs Alba lieferte Friedrich der Große in der Stunde, da er den vom heiligen Abendmahl kommenden Ziethen 'fragte: „Na, gut verdaut?" Weil er aber in allem „der Große" war, sah er, nach Ziethens scharfer 'Antwort sein 'Anrecht ein und Itreckte ihm mit abbittendem Wort die Hand hin... Eine kleinere, aoer keineswegs unbewußte Taktlosigkeit produzierte die Kaiserin Maria Ludovika von Oesterreich, die gelegentlich eines Diners den ersten Napoleon angelegentlich nach feinen Ahnen fragte, worauf er schlagfertig und stolz erwiderte: „Ich bin der Rudolf von Habsburg meiner Familie!" Hinwiederum war er sehr taktlos, als er auf einem Dalle in der Münchener Residenz zu dem eben von ihm zum König gemachten Kurfürsten Map Joseph I. sagte: „Tanzen Sie, König von Bayern!" Du lieber Himmel, dem braven Map Joseph war an diesem Abend gewiß nicht sehr tänzerisch zu Mute, denn er tanzte ja schon all die Zett samt dem gaitzen Rheinbund — nach der napoleonischen Pfeife! Aber den Widerspruch hat er natürlich auch auf diesem Dalle nicht gewagt, und eine anders schlagfertig« Antwort ist chm auch nicht eingefallen, denn er war weder Ziethen noch Napoleon...
Eine ganz absonderliche Taktlosigkeit leistete sich Frau von Stael gelegentlich ihres Aufenthaltes in Derlin. In einer großen Gesellschaft lernte sie auch Fichte kennen und sprang ihn sofort mtt der Ditte an: „Herr Fichte, bitte, erklären Sie mir innerhalb einer Viertelstunde Ihre Lehre vom Ich!" And Fichte, der große, bescheidene Fichte, ließ Frau v. Stael nicht gehörig abfahren, wie ihre Landsleute bei ähnlichen Fragen und Zumutungen schon getan hätten, sondern mühte sich, ihr den Kern feiner philosophischen Anschauung darzulegen. Sie jedoch, gewohnt, unaufhörlich zu reden, nicht aber zu lauschen, unterbrach :hn bald: „Ich verstehe schon, Herr Fichte, es ist die Geschichte vom Daran Münchhausen, der sich an seinem eigenen Zopf in die Höhe zieht!"
Da Fichte nicht schlagfertig war, und allen Umstehenden das Wort erstarb vor 'Schrecken, erfuhr die Stael, deren schwache Seite Takt war, niemals, wie taktlos sie gewesen.
Eine ungleich drolligere und freundlichere Entgleisung (hier muh man wirklich „Entgleisung" sagen) gab Frau v. Pompadour zum besten, als sie zur Palastdame der Königin ernannt, der ebenso unbedeutenden wie gutmütigen Königin Maria Lesz- czhnska vorgestellt wurde. Obgleich die Königin natürlich wußte, welches Amt die „Palastdame" beim König bekleidete, war sie doch von dem blonden Liebreiz und dem scharmanten Wesen der Pompadour so bezaubert, daß sie ihr außer den üblichen, eingelernten Worten einige Freundlichkeiten über ihre schöne Toilette sagte. Don dieser unerwarteten Güte war die neue Favoritin so verwirrt, daß sie stammelte: „Madame, es ist mein heißester Wunsch, Ihnen zu gefallen!"
Man kann sich denken, wie die Hofkreise lachten, als dies Wort bekannt wurde, und wenn man sich die Situation vorstellt, kann man nicht anders, als sie komisch finden. And doch war dies einer der seltenen Fälle, wo die Landpomeranze statt auf grobgenagelten — auf leichten Sohlen einherkam, und darum soll dem Faux-pas dieses Atlasschuhchens kein Beispiel trampelnder Trittflächen mehr folgen.
Carl Maria von Webers Beziehungen zu Hessen.
Ein Nachtrag.
Von Professor Dr. jur. et phil. Karl Esselborn.
3n Nr. 46 der Familienblätter (vom 8. Juni) wurde über das Konzert berichtet, das Weber am 22. Februar 1811 in Gießen gab. Das Programm dieses Konzertes hat sich erhalten. Der durch seine Arbeiten über die Mannheimer Stadt-, Musik- und Theatergeschichte bekannte Archivar und Bibliothekar Professor Dr. Friedrich Walter wachte cs auf Grund einer Mitteilung, die zufälligerweise dasselbe Datum trägt wie die genannte Nummer der Familienblätter, dem Verfasser zugänglich. Es ergänzt die dort gegebenen Ausführungen in
wünschenswerter Weile und ist auch seinem Inhalt nach interessant genug, um hier eine Stelle zu finden. Es lautet:
Mit obrigkeitlicher Bewilligung wird
Freytag den 22. Februar 1811 ein
Großes Vokal- und Jnstrumental-Eoncert
im
Eoncert-Saale des hiesigen Eollegien-Gebäudes gegeben
von
Earl Marie von Weber.
Erster Theil.
1) Simphonie von Mozart.
2) Rondo von Schenk, gesungen von Demoiselle Emmerling.
3) Klavier-Eoncert von Ebert, vorgetragen von E. M. von Weber. Zweiter Theil.
4) Ouvertüre von Mozart.
5) Italienische Eanzonetten mit Begleitung der Guitarre, gesungen von E. M. Weber.
6) Freye Phantasie-Variationen, vorgetragen von E. M. von Weber. Der Eintrittspreis ist 36 Kreuzer. Billets sind im Einhorn zu haben.
Der Anfang ist um 6 Uhr.
Sommerliches Dors.
Von Antön Schnack.
Allein liegt das Dorf, nur behütet
Von silbernen Ahornbäumen, Die Sonne zittert um die Giebel und brütet, Reich ist es an Blumen und Träumen.
Spinnrad und Tor mit den Glockenstühlen, Moosige Dächer von Rauch bedeckt. An den Bächen rauschen die Mühlen Zwischen Erlen versteckt.
Mond und Sterne wachsen in die Scheiben, Und die wilden Blumen wuchern herein.
Schön ist es zu bleiben. Denn du bleibst schweigsam und immer allein.
Dein Tag ist Gras, dein Tag ist Blau, Ein weißer Wolkenzug, ein Bad im Bach. Keine Lippen von einer Frau Brennen schwül in dein reines Gemach.
Gebete hörst du von Kindern Fromm und durch die Wände her. Spürst den Geruch von Rindern Und den Rauch von Teer.
Blumen liegen auf deiner Schwelle
Eines Morgens als Gruß;
Du staunst und gehst in das Helle Leicht und mit fröhlichem Fuß.
Den Wanderern aus der Weite Schließt du dich singend an, Sehnsüchtig duftet im Kleide Fenchel und Tymian.
Und schmale weiße Wolken
Segeln im Sonnenblau, Süß ist es, ihnen zu folgen Durch Berg und Tal und Au . . .
Die Spitzederin.
Ein Lebensbild aus Großvaters Zeit von Julius Kreis.
(Schluß.)
Die Frau Hofrat erklärt ihrem Mann so beiläufig — sie weiß es von der Mali — wie die Spitzederin verzinst. Also für zwei Monate wird der Zins, 16 Prozent, bar dem Einleger ausbezahlt. Der dritte Monatszins wird zum Kapital geschlagen und darüber ein Wachset auf drei Monate ausgestellt. Wer also 1000 Gulden einlegt, bekomm! sofort 160 Gulden Zins für zwei Monate und einen Wechsel über 1080 Gulden auf drei Monate. Wer Kunden bringt, bekommt außerdem eine Provision von 7 Prozent. — „Was meinst du, Maxl, wenn wir..." — „Niemals! Nie!!" donnert der Hofrat. Die Hofrätin bekommt ein bißchen das Zittern in den Knien. Wenn er wüßte, daß sie. . .1 — Aber zärtlich denkt sie an die 240 Gulden Zins,


