Gießener jamilienblätter
Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (926 Dienstag. Sen 29. Juni Nummer 52
Aus dem „Phantasus
Von Arno Holz.
Schönes, grünes, weiches Gras.
Drin liege ich. Mitten zwischen Butterblumen! lieber mir, warm, der Himmel: ein weites, zitterndes Weiß, das mir die Augen langsam, ganz langsam schließt.
Wehende Luft ... ein zartes Summen.
Nun bin ich fern von jeder Welt, ein sanftes Rot erfüllt mich ganz, und deutlich spüre ich, wie die Sonne mir durchs Blut rinnt — minutenlang.
Versunken alles. Nur noch ich. Selig!
Ems Handvoll TaKtlosLgKsrt.
'Von Carrh Brachvogel.
Nur ein so musikalsiches Volk wie das deutsche konnte aus die 'Idee kommen, jenen peinlichen Vorgang, den der Franzose „Fauxpas" nennt, als „Taktlosigkeit" zu bezeichnen. „Taktlos" — meint zu hören, wie ein Mensch die musikalische Kontenance verliert, in einem Rhythmus weiterdudelt, der gar keiner ist, und so das ganze Musikstück über den Haufen wirft. „Faux-Pas" dagegen ist von einem hochgradig unmusikalischen Volk ersonnen, Las alles mit gesellschaftlicher Verfeinerung in Zusammenhang bringt. Unwillkürlich sieht man beim „Faux-pas" einen Menschen, der auf hohen Absätzen über spiegelglattes Parkett stelzt, mit dem wohlgeformten Fuß umkippt, und durch sein kleines Malheur den feierlichen Apparat einer großen Sour stört. Weil der Deutsche nicht nur ein trefflicher Musiker, sondern auch ein trefflicher Techniker ist, sagt er zuweilen statt „Taktlosigkeit" — „Entgleisung", und ich gestehe, daß mir dies aus dem Eisenbahnnetz entsprungene Wort nicht übel gefällt. Die Entgleisung von ein paar Wagen braucht noch kein Eisenbahnunglück zu bedeuten! Sie umpumpern nur mächtig und stehen dann hilflos, geistesverwirrt, irgendwo, wo sie durchaus nicht hingehören. Dieser Vorgang illustriert wohl am besten das Wesen der Taktlosigkeit, das nicht sv leicht zu definieren ist, wie mancher vielleicht denkt. Eine Psychologie der Taktlosigkeit ist bis zur Stunde nicht geschrieben worden, und auch Regeln für ihre Erlernung, will sagen, für ihre Vermeidung, gibt es nicht. Zeder kann sie und ihre Art nur schmerzhaft am eigenen lebendigen Beispiel empfinden, sofern er nicht etwa selber das Beispiel gibt.
Run sagen zweifelsohne etliche Pharisäer: „Ich ein Beispiel der Taktlosigkeit geben oder gegeben haben? Niemals! Zch bin viel zu fein und wohlerzogen, um taktlos zu fein!“ Ach, verehrte Herrschaften, rühmt euch nicht so laut und selbstbewußt, daß ihr nicht seid „wie jene"! Ihr seid nämlich genau ebenso, seid ebenso schon einmal oder auch öfters entgleist, und wenn ihr es leugnet, seid ihr genau so verlogene Menschen, die behaupten, sie sagten nie eine Notlüge und hätten nie einen Gedanken gehabt, über den sie später errötet wären. Wo Menschen sind, menschelt es überall. Es wirb überall gelogen, errötet und getaktloselt. Hat doch auch jeder von uns einmal einen kleinen oder großen Schwips gehabt — man muh nur trachten, kein Gewohnheitstrinker zu werden!
Ich sagte vorhin: „Es wird überall getaktloselt", muß aber dies Axiom dahin einschränken: „Es wird überall getaktloselt, wo Kulturmenschen sind", denn die Taktlosigkeit ist — so paradox es klingt — eine Kulturerscheinung, kann im älrwald, auf dem älrboden der menschlichen Gemeinschaft nicht gedeihen. Der Zn- Haber des Neandertalschädels oder der Bewohner der Ftdscht- Znseln begriff und Begreift Wohl, was Hunger, Liebe, Raub
und Mord ist — aber mit dem Begriff der Taktlosigkeit wüßte er nichts anzufangen. Denn man kann es nicht gut als „taktlos" bezeichnen, wenn ein Höhlenmensch dem andern die Deute entriß, oder Wenn ein Kannibale den besiegten Feind gebraten verspetst.
Die Taktlosigkeit ist eine Tochter der Kultur, der Gesellschaftskultur, und wäre also scheinbar berechtigt, ihren Platz weit über der Beleidigung zu haben, die, niedriger geboren als sie, auch bei ganz primitiven Völkern und Schichten bekannt ist. Doch ganz im Gegenteil rangiert sie weit hinter der Beleidigung, ist nur wie ihre sehr entfernte, arme Verwandte, mit der die großmächtige keine Gemeinschaft haben will. Sie Beleidigung gleicht einem Ritter, der den Handschuh hinwirst. Sie bedingt Wille und bis zu einem gewissen Grade auch Kühnheit, und ob sie leicht oder schwer verwundet — immer ist Absicht in ihrem Sun. Die Taktlosigkeit dagegen gleicht einer Landpomeranze, die treffsicher mit genagelten Schuhen auf das beste Hühnerauge trampelt. Bei ihr ist nicht die Spur von Willen oder Kühnheit — alles ist Intuition peinlichster Art. Paradiesunfchuld. Lind genau tote tm Paradies kommt die Reue gleich nach dem Sündensatl, dämmert die Erkenntnis des angerichteten .Unheils, noch ehe es sich in seiner ganen Große entwickelt hat. Auch hierin unterscheidet sich ja die Landpomeranze vom Ritter: der mit Willen und Kühnheit begabte Beleidiger fühlt sich befreit und gehoben, wenn er seinen Handschuh geschleudert hat, der Landpomeranze tut plötzlich das betrampelte Hühnerauge des andern schrecklich weh.... Freilich ist das nicht immer, aber doch häufig der Fall, und der Augenblick, wo man die eigene Taktlosigkeit gewahr wird, gehört zu den beklemmendsten und verwirrendsten, die ein Mensch erleben kann. Beklemmend und verwirrend, weil das Pathos fehlt, daö ein Gogenpathos aus- losen könnte. Zn der Beleidigung mit Willen und Kühnheit liegt Pathos, nicht toen'iger Pathos aber kann auch in dem Wort, in der Geste liegen, die Verzeihung für die Beleidigung erbitten. Aber das Eingeständnis „Zch war taktlos", ist so beschämend, so grotesk, daß man schon ein großer Mensch fein muß, um ihm nicht zu erliegen, Das Klügste wäre natürlich, wenn man unmittelbar nach dem Begehen der Taktlosigkeit etwa zehn Sekunden lang den Mund hielte und keinerlei Versuch unternähme, das an-gerichtete Änheil wiedergutzumachen. Seltsamerweise aber ist der Mensch meist unfähig, diese Karenzzeit zu ertragen. Bemüht sich vielmehr, ungereimtes Zeug herauszuwürgen, das die Sache nur schlimmer macht, der ersten Taktlosigkeit noch ein halbes Dutzend neuer zufügt, bis am Ende ein wahrer Rattenkönig daraus geworben ist, und der Unselige einem Huhn gleicht, dem ein zu großes Stück Brot im Halse steckengeblieben ist. • • Vermöge des ihr innewohnenden Pathos hat die Beleidigung von jeher Eingang ins große Drama gesunden, ist nicht selten fein Angelpunkt geworben, während die Landpomeranze sich mit Episodenrollen im Lustspiel oder Schwank begnügen mußte, bis sie neuerdings ein ausgiebiges Arbeitsfeld in Witzblättern fand, wenn es galt, Neureiche und andere üble Gewinner zu verspotten. Einmal aber ist es ihr doch gelungen, sich ins große Drama einzuschmuggeln, und zwar gerade dort, wo man sie am wenigsten vermuten mochte — im „Don Carlos". Zn 6er dritten Szene des dritten Aktes spricht die Landpomeranze durch Herzog Albas Mund zu dem vor Eifersucht schon ganz rabiaten König:
„Dem Prinzen
Starb eine Braut in seiner jungen Mutter.
Sie war gefaßt auf Liebe und empfing Ein Diadem"--
Das ist eine geradezu klassische Taktlosigkeit! Klassisch nicht nur, weil sie bei Schiller vorkommt, sondern weil sie ein Muster- beispiet dafür ist, wie man mit der besten Absicht und wenigen Worten einen Menschen an der empfindlichsten Stelle ‘treffen kann. So oft ich diese Stelle lese oder höre, muß ich über die Llngeschicklichkeit dieses Kriegsherrn ‘lachen, der, um seinen Zweck zu erreichen, alles sagen, alles riskieren durfte — nur gerade dieses nicht. Er durste die Königin und , Don Carlos verdächtigen, tote er wollte, aber nun und nimmer dem alternden König klarmachen, daß er einem jungen Ding nichts mehr bieten konnte als eben ein Diadem. Änd als der König .^beleidigt und mit Bitterkeit" (wer wollte es ihm verdenken?!) erwidert:
„Zhr unterscheidet sehr,—
. Sehr weise, Herzog — ich bewundere Cure , Beredsamkeit. Zch dank Euch!"


