boot. Sonderbar, wie die Fische sich benehmen. Immer so, daß die Fischer im Augenblick des Knipsens — eine Momentausnahme ist nicht mehr möglich, denn es schummert schon — gezwungen sind, das Boot Herumzuwersen. Zwecklos, scheinbar. Endlich wird es dir zu dumm und du bittest sie, doch einen Augenblick stehen zu bleiben. Nix su machen, sagt da einer, erst die Soldi! Lind reibt die Finger unmißverständlich. Sie wollen ihre Staffage bezahlt haben. Dazu ist ja der Fremde und die Abendstimmung da. Freilich, die Fische sind, wie gesagt, rar im Meere.
Inzwischen kommt das Schiff. Wie losgelassene Indianer stürzen die marinai mit ihren Booten darauf zu. Wer viel Gepäck und wenig Landeskenntms hat, dem kommt das Ausbooten teurer zu stehen als die Seefahrt. Im Zollgebäude wehrt sich eine deutsche Dame mit Lirestückeu und Sprachbrocken gegen einen wahren Lornissenschwarm. „Darf ich Ihnen mit der Sprache zu Lilfe kommen, gnädige Frau?"
„O, danke sehr", meint sie ergeben, „nicht nötig. So viel verstehe ich ja: Sie wollen alle etwas von mir, alle, und ich habe die Kerle doch noch gar nicht gesehen!"
Es regnet Soldi, Kraftworte, Orangenblüten. Sogar Tropfen. Morgen wird es regnen. In Sorrent! Es macht mich traurig, eine Braut weinen zu sehen.
KavaNsr.
Von B i ck i Baum.
(Schluß.)
„Sonderbar," murmelte er, „sonderbar..." Sein eckiges Kinn bebte ein wenig.
„Man sollte glauben, der Lund kennt Durchlaucht", sagte Graf Altpach. „Er ist vielleicht geisteskrank, das gibt es auch bei Tieren. Welche Alteration für die Fürstin ..." And er reichte ihr den Arm.
Kavalier lag da und leckte die brennenden Striemen; Leiner Kurnp stand und sah der Frau nach.
„Wer war denn das?" fragte er ins Leere hin.
„Die gnädige Frau, die Frau Fürstin", antwortete jemand.
„Soso," sagte Leiner Kurnp, „das also ist die gnädige Frau, die Frau FiEstin. Rote Laare. Sososo ..."
Die Nacht war warm und hatte wenig Sterne. Vom kleinen Schloßturm schlug es eins. Fürstin Lortense kam zögernd die Treppe herab, sie schaute in den Limmel, stand, atmete tief und glitt über den Los. Die Stalltllr knarrte. Drinnen war es warm, eine Laterne blakte verschlafen, manchnral stanrpfte em Pferd, eine Kette klirrte nn Ring. In der Ecke schlief Leiner Kump, man hatte ihm auf sein Flehen die Stallwache übergeben. Die Fürstin atmete noch einmal tief und rief leise: „Kavalier ..."
Kavalier lag auf dem alten Aniformmantel und konnte nicht schlafen, sein Leib schmerzte, die Striemen brannten, sein Lundegehirn fragte und quälte sich, warum die Frau ihn nicht erkannt hatte. Da rief sie leise: „Kavalier ..."
Er kroch am Bauch zu ihr hin, schaute sie an, leckte zaghaft einmal iiber die kleinen, seidenen Pantoffel an den bloßen Füßen. Sie war im Nachtkleid, ein Schal wehte um sie her. Sie kniete neben dem Lund hin und sagte leise: „Wie siehst du aus, Kavalier? Was haben sie aus dir gemacht? Lind wo ist dein Lerr?"
Der Lund antwortete nur mit den Augen. Aber sie verstand ihn, legte die Arme um seinen Lals, grub den Kopf in das abgeschabte Fell, und ihre hochmütigen Augen weinten.
Es war so still im Stall, Leiner Kump schlief tief, die Fürstin saß im Stroh neben dem kranken Lund und sprach Stunde auf Stunde zu ihm.
„Weißt du noch, Kavalier, der Morgen am Teich? Weißt du noch, den Abend mit dem Gewitter? Weißt du noch, wie wir im Schnee liefen, wir drei? Llnd glilcklich waren? Weiß du noch, Kavalier?"
Er wandte seine entzündeten, ausgeweinten Lmldeaugen nicht von ihrem Blick, und sie antworteten: Ich weiß, liebe Frau, ich weiß..
Schon fingen die Pferde an, unruhig zu werden und den Morgen zu spüren, als die Fürstin seinen Kopf fest zwischen ihre Lände nahm und ihn mit jenem Blick ansah, der den jungen Lund erzogen hatte: „Löre, Kavalier," sagte sie, „höre gut zu: du kennst mich nicht. Du machst mir keine Szene mehr. Du liegst still und rührst dich nicht, wenn du mich stehst. Du kommst nur, wenn ich dich rufe. Last du verstanden?" Er bewegte den Schweif. Die Turmuhr schlug. Die Stalltiir knarrte hinter der weißen Gestalt. Leiner Kump griff im Schlaf nach dem Platz am Mantel, wo Kavalier zu liegen pflegte. Er träumte vom spanischen Feldzug, und der Lerr lebte noch...
♦
Der Fürst kam von einem Ritt durch die Felder h.eim, er trabte durch die rückwärtige Allee und landete bei den Ställen. Sein breites, braunes Gesicht hatte einen sonderbar zusammengeschlossenen Ausdruck. Er sprach ein paar Worte mit dem Inspektor, und als er absprang, lief Leiner Kump diensteifrig herbei und hielt das Pferd.
„Er ist neu im Schloß?" fragte der Fürst.
„Zu dienen, Exzellenz", sagte Leiner und stand mllitärisch.
„Gehört Ihm der verrückte Lund von gestern abend?"
„Zu dienen, Exzellenz."
„Wo hat Er ihn her?"
„Geerbt, Exzellenz."
„Von wem?"
„Vom Leutnant Freiherrn Godefried von Lerfft zu Lerffthausen, gefallen im ersten spanischen Feldzug und begraben beim Gehöft Gran-Olidar, Exzellenz."
„Gut. Gut. Llnd ist Er sicher, daß sein Lund nicht toll ist?"
„Sicher, Exzellenz; er ist krank, invalide, aber hat mehr Vernunft als mancher Mensch."
„Jetzt sieht er auch ganz vernünftig aus", sagte der Fürst und ging davon.
Kavalier stand mitten im Los und machte ein Gesicht, als knurre er, aber er tat es nicht.
Auf der Terrasse, nach dem Essen, schritt der Fürst ein paarmal auf und ab, und seine Stirn zuckte; plötzlich setzte er sich der Fürstin Lortense gegenüber und sagte nachlässig: „Wir haben jetzt einen Landsmann von dir im Schloß."
„Ist Graf Altpach Lesse?" fragte Lortense gleichgültig.
„Nicht Altpach. Ich spreche von dem Lund, der dich gestern so erschreckte."
Die Fürstin schwieg; eine kleine Ader schlug an ihrem Lalse.
„Du kennst den Lund nicht?"
„Nein."
„Er gehörte dem jungen Lerfft aus eurer Gegend."
Schweigen.
„Weißt du, daß damals vor unsrer Verlobung ein Gerede über dich und den jungen Lerfft im Gange war?" fragte der Fürst, vorgeneigt.
„Möglich", antwortete die Fürstin, und ihre Augen wurden ganz kalt.
„Du kennst den Lund also nicht?"
„Nein. Ich kenne nicht alle hessischen Lunde."
„Aber der Lund kennt dich. Gut sogar, Lortense", sagte der Fürst, und obwohl er leise sprach, hatte seine Stimme ein seltsames Gewicht.
„Der Lund ist vielleicht toll."
„Dann soll er erschossen werden."
„Latte das, wie es dir Freude macht", sagte die Fürstin, und txtd. Schiffchen glitt hin und her in ihren Länden, die nicht völlig beherrscht waren. Der Fürst wandte sich kurz um und verließ die Terrasse.
Es war ganz leer im mittagsheißen Los; die Sonne fraß sich weiß in alle Mauern. Kavalier lag auf den glühenden Steinen, er brannte inwendig sonderbar krank, aber er suchte die Sonne aus, weil auch ein Frieren bei dem Brande war, und weil er seine Wunden an Ohr und Schulter heilen wollte. Die Fürstin kam über den Los, sie hielt die Lände in den Falten ihres hochgegürteten Kleides verborgen, und ihre Augen waren noch undurchsichtiger als sonst im weißen Gesicht. Kavalier sah ihr entgegen mit einem unbeschreiblichen Ausdruck, aber er bewegte sich nicht. Sie kam zu ihm und stockte, da Leiner Kump aus der Stalltür trat. Er zog die Mütze, und sein Gesicht zeigte eine finstere Miene.
„Er ist der neue Knecht, dem der Lund gehört?" fragte die Fürstin und suchte in den bärtigen Zügen. Sie erkannte ihn, und wieder schlug die Ader an ihrem Lasse.
„Zu dienen, gnädige Frau."
„Er ist Lesse, man hört es."
„Leiner Kump, zu dienen, aus Nieder-Btdtngen, Lerrschast
Lerffthausen."
„Wo ist sein Lerr?"
„Aus dem Linterhalt erschossen in Spanien als napoleonischer
„Er kennt mich nicht, Leiner Kump, versteht Er ?" sagte nach einer Pause die Fürstin. „Er kann auf dem Gute bleiben. Er kennt mich nicht?"
„Nein, zu dienen, gnädige Frau."
„Sein Lund muß erschossen werden, er ist toll. Er muß nicht zusehen. Er kann gehen."
„Ich — habe beim Lerrn zugeschaut; ich möchte auch beim Lund zuschauen", sagte Leiner Kunrp und stand so stramm an der Stallmauer; die Bartstoppeln in seinem Gesicht bebten.
„Kavalier! Komm her!" rief die Fürstin leise.
Kavalier erhob sich und wollte laufen, aber er konnte es nicht. Es war ein so tobender Schmerz in seinem Leib, ein Brennen und Frieren und Zittern in seinen Gliedern. Den Los sah er weiß und dann wieder voll schwarzer, rollender Kugeln, die Mauern standen schief. Aber er witterte durch allen Taumel den Geruch der Frau wie ein Glück.
Sie kniete neben ihm hin und legte ihre weiße, ganz erblaßte Stirn in sein Fell, es blieb etwas Glitzerndes da liegem Dann ging sie ein paar Schritte, sehr groß, sehr gerade mit ihrem roten Laar und de» hochmütigen Brauen.
„Stand, Kavalier!" rief sie leise.
Der Lund erkannte das alte Kommando, er stand mit einer erhobenen Pfote und horchte. Es war ihm, der geliebte Lerr käme wieder, und zugleich waren die Schmerzen übermächtig in seinem armen Invalidenkörper.
Die Fürstin hob die Land aus dm Falten des Kleides, das Terzerol blitzte und löschte die Schmerzen aus. Kavalier gab einen einzigen kurzm hohen Laut, er lief über eine wunderbare Wiese, der Lerr legte die Lände auf sein Lerz.
And dann nahm die große strahlende unmdliche Bläue ihn auf ...
Schriftleitung: Dr. Friedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Llniv.-Buch- und Steindruckerei. A. Lange, Gieße«.


