Auf diesen pompejauischen Straßen habe ich viele Landsleute getroffen, ich hörte alle unsere schönen Dialekte, vom Balinischen bis zum Schwyzerdütsch und Lolländischen. Man phographiert wie sonst, drückt den liebenswürdigen Aufsehern verstohlen — denn andernfalls werden fie laut grimmigen Verbotstafeln sofort entlassen und der Geber ausgewiesen — ein Trinkgeld in die Land, wie sonst, bewundert man mehr denn je die zweckmäßigen Lauser und folgt dem bewußten Augenzwinkern des Mannes, der von einem „unzugänglichen, obszöne Malereien enthaltenen Lause" steht, während die Damen sich draußen mopsen. Ein junges schneidiges Frauchen wollte es partout nicht begreifen, wieso ihr frisch angetrauter Gatte, obwohl Faszist, nicht so viel Macht aufbrachte, ihr den Eintritt zu ermöglichen.
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Pompeji ist ein Museum, das andere aber, das neu ausgegrabene ein Wunder. Das alte Pompeji mit seinen Läuserresten, seinen Säulentrümmern auf dem Marmor der Fora und Tempel, seinen Mosaiken und Münzen, das kann man schon vor den Toren Roms haben, im alten Ostia, und jedermann ist es aus zahllosen Beschreibungen und Abbildungen bekannt. Linier dem Verschlag aber, der dem Publikum noch wer weiß wie lange das Betreten der neuen scavi verwehrt, gerät man in die Phantastik der Selbstverständlich- kett. Daß man durch eine Geschäftsstraße geht, sich die Auslage betrachtet, angesichts der über und über mit Wahlparolen verschmierten Lauswände, die Auswüchse des politischen Kampfes beklagt, in die Küche guckt und feststellt, zu Mittag würde es Lammel- fleisch mit Erbsen geben, daß man bei dem Liebling des Publikums, dem bekannten Boxer und Gladiator, Besuch macht und in seinem reichen Garten die Wasserkünste bewundert, daß man schließlich Zeuge eines Anfalles wird und, als ordentlicher Journalist, angesichts der Leiche sein Notizbuch zieht — alles selbstverständlich.
Es ist nur geschwind einmal ein Vorgang, aus achtzehnhundertsiebenundvierzig Jahren gewebt, vorbeigezogen worden.
Jetzt ist wieder alles beim alten.
Nein, doch nicht. Die Leute betrieben damals einen Kult, dessen Beschreibung mich mit dem Sittenrichter in Konflikt bringen würde. Sie trugen als Talisman etwas, was man gar nicht andeuten darf. Etwas, was in grotesken Ausmaßen und Verzerrungen in jedem Laus als Glücksbringer zu finden war und der Beleuchtungs- industrie als Lampenhalter gerade gelegen kam.
Dann ging die interessante Reise dem Meere entlang weiter. Das Meer hat schon während der Punischen Kriege in der gleichen Weise, ach, mit den gleichen Wellen an die Küste geschlagen, in deren Steilfelsen die Straße hineingesprengt ist. Kürzlich scheint wieder einmal Krieg gewesen zu sein, denn in allen Städtchen hält man uns zuerst für Vorposten der belgischen Mutilati, der Kriegs- invaliden, die einen Ausflug nach Sorrent angesagt haben, winkt uns mit Blumen, Triumphbogen und Ehrenjungfrauen zu, um uns dann, als sich der Irrtum herausstellt, energisch nach einer Seitenstraße abzuwinken.
Wir lächeln. Der Limmel auch. Das Meer nicht minder.
An de« Wänden der Länser kleben Plakate, die das Volk auffordern, den Boden zu küssen, den ER heute betteten werde. ER ist der populärst« Kriegsinvalide Italiens, blindgeschossen, zum Krüppel geschossen, aber Pattiot von lauterstem Wasser. Er wird die belgischen Kameraden persönlich begrüßen. Streut ihm Blumen, überschüttet ihn mit den Rosen Sorrents! Er kann sie nicht sehen, er kann sie nicht einmal betasten, aber aus ihrem Dust wird ihm entgegenfirömen--. ~
Es ist unmöglich, die überströmende Lyrik der kleinsten Gemeinde wiederzugeben. Was sind wir „nüchternen Nordländer" doch ledern gegen dieses von Begeisterung zu Begeisterung, von Rausch zu Rausch taumelnde und sich entzündende Volk des Südens!
Endlich hält nicht der znm Verkehrspolizisten avancierte Nachtwächter gebieterisch die Land dem Wagen entgegen, sondern ein Mann, der aus Stein ist, einen Lirtenstab und den elekttischm Draht trägt. Außerdem dient er als Verkehrshindernis und Fest- anlaß. Es ist der Lokalheilige von Sorrent.
Sorrent ist es ganz ähnlich ergangen wie Säckingen. Es verdantt seine Entdeckung der Laune eines Dichters. Zum guten Ton in der guten,, Stube" gehörte damals der Trompeter, dann schlug man die Seite um und es erschien die schimmernde Blüte der Wellen. Sei gegrüßt, du mein schönes Sorrent! Jeder gute Deutsche hatte fortan seinen „Schwarm" fiir eine Ferienreise. Die Sorrentiner zehren noch heut« dran. .
Man kann die Wellenblüte auf verschiedenen Wegen erreichen, mit Auto und Straßenbahn, die romantische Art geht aberimmer noch über das Meer, über den funkelblauen Golf von Neapel. Sofern die Wellen gutgelaunt sind. Andernfalls ist der kleine Landumweg über di« Mongolei, Kiew und Oesterreich vorzuziehen. Wie wir noch sehen werden.
Das erstemal kam ich, wie erzähtt, mit dem Auto an und mertte es an dem Lokalheittgen, dem das Amt eines Verkehrshindemisses obliegt. Er ficht, den Fuß malerffch auf einen Delphin gestützt und zum Danke dafür, daß er auch die Aufgabe eines Leitungsmastes übernommen hat, abends elektrisch beleuchtet, mitten in der Straße. San Äntonino heißt er, seines Zeichens Fischheiliger. Cs gibt herzlich wenig Leckerbissen, die im Golf herumschwimmen, da muß man sich gut zu ihm stehen. Die Fischer überschütten ihn mtt Blumen, die Fremden finden eS entzückend und so machen die restlichen 98 Prozent der Einheimischen ihr Geschäft. Es hat sich als notwendig erwiesen, auf einem zwetten Platz einen zweiten Äntonino z« er- t-ichten.
Aber nun ist das graue Elend über beide gekommen: die von ihrem dichtenden Landsmann ins Garn gelockten deutschen Goldfische blieben plötzlich aus! Verzweifelt fassen sich die guten Sorrentiner an den Kopf. Sie können es nicht begreifen. Sie hörten ja etwas vom Alto Adige und vom Brenners, aber wer weiß denn, wo diese Spezialitäten liegen? Die Faszisten in Rom haben gut die Fäuste ballen, die Faszisten in Sorrento leben aber von den tedeschi. Kaum lebt man von etlvas, nimmt sich, merkwürdig, die Politik anders aus. Was für komische Zusammenhänge!
Es wäre sonderbar, wenn es auf dem hohen Felsen, den die Deutschen umschwärmen, nicht eine Lorelei gäbe. Ich fuhr hin, bei ihr Quartier zu nehmen. Ach, es war die alte Geschichte von dem verlassenen Lieb, das inzwischen einen anderen genommen hat. Sie trug jetzt einen doppelten Ehenamen: Lorelei-Londra. Umstellung. Wenn die Deutschen ausbleiben, kann man von der Sen- ttmentalität nicht mehr dick werden.
Nann machte ich mich nach dem Lotel mit dem pompösesten Namen auf. Es liegt als Ruine da. In den öden Fensterhöhlen horstet der Pleitegeier. Er will fünf Millionen dafür, niemand gibt sie ihm. Da logierte ich mich zwischen Misfis Londra geb. Lorelei und Kerrn International ein. Es war hier sauber, frisch und leer.
Das Schönste in Sorrent ist der erste Blick aus einem gut- gelegenen, luftighellen Lotelfenster. Mit vollen Lungen atmet man Weite und Bläue ein, sieht nichts anderes als Limmel und Meer. Begrenzt jedoch in der Ferne von einer Gottheit, die dem Nur von Wasser und Luft das Drückende, Beklemmende nimmt: von der dämonischen Gottheit des Vulkans. Nicht wild, lärmend und aufgeregt steht er da, wie so oft die ins Meer abstürzenden Klippenfelsen, sondern hoch und gelassen wie der Fustjama, seine Rauchsäule tragend wie einen Reiherbusch. In unvergleichlich hinreißender Ruhe fallen seine Schultern ab.
Aus den Gärten herauf quM der Ruch von Sorrent, jenes unfaßbare,unstchtbare und doch so eindringliche Gewoge aus Orangen- blütenduft, aus Zittonengemch und Nelkenatem. Nichts von Goldorangen im dunklen Grün — wenn es nur Gold wäre, wie könnte es sich von der Sonne abheben? Es ist Ockergelb, dunkelstes Ocker. Leuchtende ChristbaUmkugeln, hängen sie in den Myriaden der Brautblüten. Ich weiß nicht recht, woher es kommt, aber Sorrent düntt mich immer eine Braut. Man lächelt ihr zu, ihrem Lächeln zu, man fühlt sich irgendwie beglückt und geht mtt federndem Schritt. Es ist süß, mit einer Braut zu plaudern.
Die Pferde tragen alle weiße Straußenfedern auf der Stirne, eine Pleureuse. Vielleicht hat ein findiger Droschkenkutscher, als die Mode aus den Damenhüten ausstarb, damit fein großes Geschäft gemacht und sitzt jetzt auf seinem Schloß in Capri. Die Droschkenkutscher in Sorrent sind sehr findig. Sie sehen jedem Fremden seine Nationalität an der Nasenspitze an und rufen daher egal: „Wagen? Wagen, mein ’err? Scheener Wagen, wollen Sie?" Dies noch aus der Zett her, wo es überhaupt nur Deutsche in Sorrent gab. Die Ersatzleute, die Engländer, ärgern sich schwer. Auch stanzöfifch brauchen die vetturini nicht zu können. Der reisende Franzose tritt in Italien nur noch sporadisch auf. Teils wegen der mussolinischen Politik, teils wegen der Valuta. ,r<
Das Feuerwerk, das bis 5 Ahr nachmittags den belgifchen Kriegsinvaliden, später dem Lokalheiligen galt, ist verstummt. Ich sitze vor dem „Lerkulanum" und ttinke meinen Schwarzen. Plötzlich mischt sich in den vorhin so schön gefchilderten Ruch von Sorrent ein Beruflicher: Druckerschwärze. Lm, weit und breit kein Ausschreier, kein Kiosk zu sehen. Nun, vielleicht ist was in Rom passiert. Irgend ein Bengel kann mir ja eine Zeitung besorgen. Ich rufe einen heran, er trägt schwer an einem Sack, hat aber ein intelligentes Gesicht. Wo sah ich's nur schon einmal? Ah, richtig, gestern marschierte er in seiner blitzsauberen Faszistenttacht im Zuge mit. Gut, machen wir ein Experiment. Ecco: fünf Lire, willst du mir eine Zeitung besorgen? Si, Signore! Erstaunt blickt er auf den Geldschein, fo viel hat er sicher noch nie in der Land gehabt 4 Lire und 75 Eentefimi muß er gurücf bringen.
Ich warte. Er kommt natürlich nicht mehr. Aergerlich. Dumm von mir. Man soll nicht allzuviel Ehrlichkeit verlangen. Man denke: ein Sorrentiner Fifcherbengel! Es vergehen zehn Mimtten. Drüben schreit der Gelafimann seine Leckerbissen aus und — dachte ich mir's doch, mein Junge schlägt sich einen Bogen zu ihm hin, wirst einen sonderbar forschenden Seitenblick zu dem dummen Fremden herüber und gibt den Geldschein hin. Na, denke ich, eine Lehre, und schlage mich ins Innere des Lauses, den Bismark zu betrachten. Da vergaß ich Zeitung und Fischerjunge. Ja, der Bismarck! Der ist noch immer der Stolz und die Sehenswürdigkeit von Sorrent. Den hat, in besseren Zeiten, ein deutscher Künstler mtt kühnem Wurf an die Wand gemalt, nein, hineingekratzt in den roten Stuck. Ein Meisterfchlag. Reprodnttion untersagt. Nicht einmal während des Krieges ist ein Kratzer zu viel hfftein- komponiert worden. Allerdings war et da bedeckt. Aber nun wird er wieder allen Gästen vorgeführt, Engländern wie Deutfchen: Bismarck!!! Der Mann an der Bar besteht aus lauter Ausrufe- zeichen, wie er das fagt. ,
And draußen — steht treuherzig mein Junge, hält mir ine Zeitung und das Restgeld hin. 4 Lire und 75 Eentefimi. Beim Ge- tatimann bat er nur den Schein gewechselt. Jetzt aber setzt er das Backschisch in zwei große Portionen um. Neue Generation.
Die alte haust noch im Lasengebiet. Du richtest das Objektiv, denn das Meer glänzt pflichtgemäß wett hinaus, auf die erhabene Fläche und streifst nur so als Randstaffage das vollbesetzte Ftfcher-


